Der Sechsundvierzigjährige, der nach Harajuku ging, um Mädchen in Unterwäsche zu sehen, keine fand und darüber einen Blog-Eintrag mit einem bestsellerverdächtigen Titel schrieb

Ich wollte heute eigentlich zum Arzt gehen, um mir neue Mittel gegen den Verfall verschreiben zu lassen, habe mich dann aber doch entschlossen, mir lieber Damenunterwäsche anzusehen. Damenunterwäsche ist ja manchmal die beste Medizin.

In der Zeitung stand nämlich unlängst, die neueste japanische Mädchenmode sei es, die Unterwäsche drüber zu tragen. Das klang interessant und ein wenig geheimnisvoll (tragen sie dann zusätzlich noch Unterwäsche drunter?), und bevor ich mir selbst den Schlüpfer über die Jeans zog, wollte ich einmal sehen, wie es die anderen machen. (Seien Sie unbesorgt, ich scherze nur. Ich trage natürlich niemals Jeans.)

Interessierte sollten sich laut Zeitung auf den Weg nach Harajuku machen, wo man junge Dinger in freier Wildbahn erleben kann. Fehle einem für die freie Wildbahn die Ausdauer, so solle man dort dem Pop-up-Store des angesehenen Unterwäsche-drunter-Labels Very Brain einen Besuch abstatten. Ich hatte neulich schon die Tragbare-Schallplattenspieler-Ausstellung im Karottenturm zu Sangenjaya verpasst, deshalb wollte ich diesmal keine Zeit mit Arztbesuchen vertrödeln, man lebt schließlich nur einmal.

Als ich mich zuletzt genauer mit japanischer Mädchenmode auseinandergesetzt hatte, war gerade der sogenannte Waldmädchen-Look sehr angesagt, in Deutschland würde man es wohl Landhaus nennen. Ein ungewöhnlich züchtiger Bekleidungsstil. Man könnte sagen, dass gerade in der Züchtigkeit seine subtil codierte Subversion stecke. Das könnte man sagen, wenn man um jeden Preis klug klingen wollte. Ist aber natürlich sinnfreier Quatsch.

Und das Ganze ist nun auch schon wieder eine ganze Weile her. Auf dem Höhepunkt meiner Mädchenmodebegeisterung hatte ich mir mehrere Bildbände zum Thema gekauft, doch ich bin nicht konsequent am Thema geblieben. Sobald Mode in Bildbänden auftaucht, ist sie ja längst aus der Mode gefallen und in die Geschichte eingegangen. Bestenfalls. Andernfalls sitzt man auf einem Stapel dicker, teurer Bücher voller Abbildungen von Kleidchen, die weder historisch noch saisonal von Bedeutung sind. (Der, den Sie da sitzen sehen, bin ich.)

Im Very-Brain-Pop-up-Store angekommen, fragte ich mich zunächst, ob ich wirklich im richtigen Pop-up-Store angekommen war, oder ob sich die Mode vielleicht schon wieder geändert hatte. Nur sehr wenige Teile waren überhaupt auf den ersten Blick als Unterwäsche zu erkennen und noch weniger von denen waren so heiß, wie ich es nach dem Zeitungsartikel gehofft hatte (es war die Rede von der „Sexualisierung der Jugend“, also einem ganz neuen Phänomen).

Nach eingehenderem Studium der Kollektion begriff ich, was hier gespielt wurde: Es handelte sich größtenteils mitnichten um Unterwäsche im modernen Sinne, sondern um Imitation von Unterwäsche vergangener Jahre, circa Downton Abbey und früher, als ein Unterrock noch ungefähr das Volumen eines durchschnittlichen Burkinis hatte.

Also kehrte ich ein wenig enttäuscht nach Hause zurück, widmete mich wieder den weniger glamourösen Pflichten des Hausmannes: Kunststoffflaschenschraubverschlüsse reinigen, Weintrauben schälen, die Wäsche reinholen.

Und da war sie plötzlich! Auf meinem eigenen Balkon! Damenunterwäsche! Damenunterwäsche, wie ich sie meinte! Irgendwo zwischen schranktrocken und bügelfeucht, würde ich nach fachmännischer Befummelung sagen.

Ich hätte mir die zeitraubende Exkursion sparen können. Manchmal ist man wie vernagelt.

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