Corona-Weltmeisterschaft: Deutschland gegen Japan

Ich war neulich in Deutschland, um die dortigen Corona-Maßnahmen zu überprüfen und mit denen in Japan zu vergleichen. Hier die Ergebnisse.

Disziplin 1: Trockene Hände

Deutschland hat die trockeneren Hände. Nicht weil so viel feuchtigkeitsentziehender Desinfektionsalkohol auf die Fingerchen gesprüht würde (dazu sogleich mehr), sondern weil die Heißlufthandtrockner in öffentlichen Bedürfnisanstalten weiterhin fröhlich blasen, als hätten sie von dieser Corona-Sache gar nichts mitbekommen. Ich möchte bei dieser freundlichen Weltmeisterschaft nur kalte Fakten ohne Lob und Tadel benennen (mir ist das dröge Doppelgespann aus reflexartigem Herkunftsort-Bashing und unreflektierter Wahlheimatverherrlichung genau so zuwider wie der umgekehrt gelagerte Fall), aber darüber war ich schon ein wenig schockiert. Die Dinger galten bereits vor der Pandemie als menschenfeindliche Virenschleudern (obwohl die Handtrockner-Lobby behauptete, dass das nur die Papiertücher-Lobby behauptete). In Japan war deren landesweite Abschaltung das erste, was an Maßnahmen durchgesetzt wurde. (Kritiker behaupten, es blieb auch das einzige.) Es sieht nicht so aus, als würden die Geräte jemals wieder angeschaltet werden. Das stört auch niemanden, denn der Japaner an sich trägt eh immer sein eigenes Handtüchlein mit sich. Der Zugereiste irgendwann ebenso. Und wenn er es mal vergisst, kauft er sich halt schnell am nächsten Bahnhofskiosk ein neues. (Falls Sie ebenfalls so viele Exemplare mit demselben Bahngesellschaftsmaskottchen haben, können wir vielleicht mal tauschen.)

Disziplin 2: Desinfizierte Hände

Vielleicht hat Japan doch die trockeneren Hände, denn vor jedem Restaurant, Laden und öffentlichem Gebäude steht ein Händedesinfzierer – entweder in Form einer elektronischen beziehungsweise mechanischen Konstruktion mit Sensor beziehungsweise Pedal oder als ein sympathischer Mini-Jobber mit einer Sprühflasche in der Hand. In der Disney-Store-Niederlassung in Shibuya betreibt man besonderen Aufwand: Dort empfängt einen eine freundliche junge Dame, die eine Micky-Maus-Puppe hält, welche die Sprühflasche hält.

Nun spüre ich, wie man in Deutschland nervös auf dem Hosenboden herumrutscht und sich nicht recht entscheiden kann, ob man nur verwirrt oder bereits empört reagieren sollte. Jedenfalls möchte man einwerfen: „Aber das ist doch in Deutschland nicht anders! Gut, abgesehen von der Micky Maus vielleicht!“

Stimmt, in Deutschland wird auch an jedem einigermaßen öffentlichen Eingang desinfiziert. Das wusste ich aber noch nicht, als ich über diese Disziplin am Frankfurter Flughafen zu schreiben begann. An jenem aeronautischen Verkehrsknotenpunkt stehen nirgendwo Desinfektionsspender. Zumindest auf meinen langen, gewundenen Wegen sind mir keine aufgefallen. Bremen-Vegesack, Bremen-Walle und Bremen-City hingegen: Vorbildlich. (Ja, ich habe schon während des Transitaufenthalts auf dem Frankfurter Flughafen im Verlauf meiner Hinreise mit dem Verfassen dieser gewissenhaften Analyse begonnen. Wenn die Flughafenpressebuchhandlungen nichts außer Tichys Einblick und den Stephen-King-Roman, den ich bereits zu Hause heimlich gelesen hatte, zu bieten haben, muss man sich eben selbst was schreiben.)

Disziplin 3: Soziale Distanz

Hm, ungefähr gleich. Wird hüben wie drüben ohne Unterlass gefordert und gelegentlich praktiziert. Auch die Tatsache, dass in bedenkentragenden Randgruppen darüber diskutiert wird, ob man nicht lieber ‚physische Distanz‘ sagen sollte, findet sich im Westen wie im Osten. Dazu sage ich klipp und klar: Ist mir egal. Wenn es hilft, warum nicht.

Disziplin 4: Personal hinter Plastik

Noch etwas, bei dem man den Frankfurter Flughafen nicht als Spiegel der Gesellschaft hernehmen sollte. Dort keinerlei Schutz für die Menschen hinter den Kassen, im Rest der Republik (oder in dem Teil der Republik, den ich bereist habe) hingegen ähnliche Verhältnisse wie in Japan. Vielleicht liegt es daran, dass der Frankfurter Flughafen so überdurchschnittlich sauber ist. Das wäre dann aber neu.

Disziplin 5: Masken, und wie und wo man sie trägt. Und welche.

In Japan trägt man überall außer in Privathaushalten einen Mund-Nasen-Schutz, in Deutschland nur in öffentlichen Innenräumen. In Japan darf es an den meisten Orten einfach irgendeine Art von Maske sein, in Deutschland sind hässliche Masken Pflicht. Als ich mit meiner modischen Maske in Japan das Flugzeug bestieg, musste ich erst mal beweisen, dass ich ebenfalls eine hässliche Maske mitführte (was der Fall war).

Auch wenn es mir unheimlich und ungewohnt war, ohne Maske durch die Bremer Fußgängerzonen zu schlendern, so beugte ich mich doch diesem gesellschaftlichen Diktat (ich wollte nicht der hervorstehende Nagel sein, der … Sie wissen schon). Nur um dann natürlich zu vergessen, die Maske wieder aufzusetzen, wenn ich ein Geschäft betrat. Prompt folgte stets vom Personal die freundliche wie bestimmte Frage: „Sind Sie befreit?“

Was für eine großartige Frage! Ein hoch auf das freiheitliche Europa! In Japan hat mir noch nie jemand eine derart existenzielle Frage gestellt. Gut, in Japan trage ich ja auch immer eine Maske. (Bitte den Satz noch mal lesen, aber diesmal inklusive Subtext. Heute wird übrigens der nächste Literaturnobelpreisträger bekanntgegeben.)

Ich bin mir sicher, die Gewohnheitsdeutschen haben sich bereits etliche Antwortoptionen voll Verve und Finesse zu dieser hochrangig aufgeladenen Frage ausgedacht, wie einst zu: „Sammeln Sie Herzen?“ Bei mir reichte es leider immer nur zu einem gestammelten: „Nein … Entschuldigung … bloß vergessen … lege sie sofort an.“

Was mich überrascht hat: In Deutschland sah ich mehr korrektes Maskentragen als dieser Tage in Japan. Hier begegnen einem jetzt zunehmend die sogenannten Penisgesichter; vor Monaten noch eine statistisch irrelevante Randerscheinung. Vielleicht ist es Maskenmüdigkeit. Oder Mode. Vielleicht haben die im Fernsehen gesehen, dass die das im Westen so machen, und wollten auch mal so cool sein.

Disziplin 6: Impfzertifikate

In Deutschland hat jeder eines auf seinem Mobiltelefon. Hat mal einer keines, fotografiert er es mit seinem Mobiltelefon vom Mobiltelefon seines Kumpels ab. So genau guckt da keiner hin. Im analogen Japan gibt es stattdessen ein unübersichtlich vollgeschriebenes DIN-A4-Dokument, das in einladend dunklen deutschen Gaststätten kein Mensch entziffern kann. Wird erfahrungsgemäß genauso durchgewunken wie die abfotografierte Digitalfälschung.

Menschen, die Japan in erster Linie aus Ghost in the Shell kennen, reagieren häufig perplex bis ungehalten, wenn man ihnen erklärt, wie technologisch rückständig das Land ist. Die denken, man wolle sie vergackeiern; es sei schließlich das Land, in dessen Städten man ständig mit Schwebetaxis an haushohen Werbehologrammen vorbeischwebe. Dabei tut man das in Wirklichkeit nur ganz selten. Der Alltag sieht eher so aus, dass E-Mails ausgedruckt und gefaxt werden, damit man sie bei Erhalt besser abstempeln kann. Das wird sich auch nicht ändern, solange die Fax-Lobby und die Stempelindustrie etwas zu sagen haben.

Disziplin 7: Apps

In Deutschland (vielleicht handelt es sich auch um eine regional unterschiedlich geregelte Ländersache) braucht man eine App, um seine Anwesenheiten in Gaststätten und ähnlichem zu dokumentieren. In Bremen gibt es zum Beispiel die Gast-Bremen-App. Allerdings nicht im japanischen Google-Store, an den ich selbst in Deutschland gebunden bin; so weit reicht die hanseatische Gastfreundschaft wohl auch wieder nicht. Ich musste mir eine gehackte Raubkopie aus dem Darknet besorgen. Die funktionierte oft besser als die offiziellen Versionen meiner lokalen Begleiter. Man darf nicht vergessen, sich beim Verlassen einer Lokalität wieder von dieser abzumelden. Die Zeitungen sind voller Glossen von Witzbolden, die offenbar tagelang in derselben Kneipe festsaßen ohne es zu merken. In Japan braucht man nur Apps, wenn man wiedereinreist, denn man muss in Quarantäne, weil Japan eines der wenigen Länder ist, die das japanische Impfzertifikat nicht anerkennen. Dann schweigt man sich unter anderem täglich mit einer künstlichen Intelligenz eine halbe Minute lang an, während die Telefonkamera Beweisaufnahmen davon macht, dass man zu Hause ist.

Disziplin 8: (Wieder-)Einreiseprozeduren

Das interessiert bestimmt viele, aber dafür fehlt mir jetzt die Zeit. Ich muss noch Schweinefleisch marinieren und Gurken schneiden.

Endergebnis

Abdulrazak Gurnah, herzlichen Glückwunsch.

Bonus-Content: Was ich in zwei Wochen Heimquarantäne über mich selbst gelernt habe

Zweierlei:

  • Wenn ich nicht zum Getränkeautomaten an der Ecke gehen kann, um eine Cola zu kaufen, muss ich auch keine Cola trinken.
  • Wenn ich nicht zum Convenience Store zwei Ecken weiter gehen kann, um Nachtisch zu kaufen, muss ich auch keinen Nachtisch essen.

Daraus folgt: Quarantäne ist, anders als oft angenommen, gut für die Figur.

Love Missile Betamax 3000

Ich entschuldige mich sogleich für die Überschrift, sie hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Sollte mal ein Romantitel werden, allerdings ist mir auch kein Romaninhalt dazu eingefallen.

Aber wo ich Ihre Aufmerksamkeit habe: Ich glaube, ich bin letzte Woche ein paar Prozentpunkte blöder geworden, denn ich habe durchschnittlich einen Film der Filmserie Freitag, der 13. pro Tag gesehen. Und das kam so: Wir haben jetzt wieder Hulu. Wir hatten schon vorher zweimal Hulu gehabt. Das erste Mal, als es das nur in Amerika gab und alles ganz neu und aufregend war. Dann Hulu Japan versucht, weil es attraktive Hulu-Eigenproduktionen zu geben schien. Das war jedoch ein Irrtum; es gibt keine attraktiven Hulu-Eigenproduktionen. Schon gar nicht in einem fernsehkulturellen Dritte-Welt-Land (ich würde Entwicklungsland sagen, wenn es nur echte Anzeichen gäbe, dass sich da mal was entwickelt).

Wo ich gerade Dritte-Welt-Land gesagt habe, wechsle ich schnell das Thema (Freitag, der 13. gibt eh nicht so viel her): Wo wäre denn Deutschland in diesem TV-Weltbild zu verordnen? Ich würde sagen: Locker Zweite Welt. Gibt sich stets große Mühe. Wegen meiner sprachlernwilligen Frau muss ich mir immer wieder aktuelle deutsche Produktionen ansehen, und oftmals bereue ich es nicht. Aaaaber … mir ist just aufgegangen, nach genauer Analyse, was das Problem deutscher Fernsehautoren ist: Sie glauben, ihre Charaktere müssten so reden, wie die Leute wirklich reden. Weil das dann ‚realistisch‘ ist, vielleicht sogar ‚authentisch‘. Realismus und Authentizität allerdings gehen so gut wie immer auf Kosten von Niveau und Unterhaltungswert. Im englischsprachigen Raum wissen die Autoren, dass Charaktere sprechen müssen, wie die Leute sprechen sollten. Deshalb gibt es dort oft geschliffene, tollkühne Dialog-Akrobatik, während es in Deutschland bloß bei „Fuck, Alter, wie krass ist das denn?!“ bleibt. Das ist schade, denn Plot, Figuren und Ästhetik hat das deutsche Fernsehen inzwischen durchaus drauf.

Aber zurück zu Hulu. Wir kamen unlängst wieder angekrochen, in erster Linie wegen Columbo und Nizi Project. Wir haben uns nämlich vorgenommen, mehr über NiziU in Erfahrung zu bringen, als unsere Eltern damals über Adam and the Ants wussten. Aufhalten können wir sie eh nicht. Ich möchte nie ins Schleudern geraten müssen, wenn meine Tochter mich nach meinem Lieblings-NiziU-Girl fragt. (Nina, natürlich. Aber auf ihre Arten sind sie alle toll, obwohl ich zuerst Dings und Bums nicht recht auseinanderhalten konnte. Deren Namen lerne ich auch noch.)

Columbo und Nizi Project haben uns voll und ganz befriedigt, doch dann kam Jason. Beim Stöbern im Filmangebot des Streaming-Services fand ich die Filme der Freitag, der 13.-Serie, zumindest die Teile eins bis acht und das Remake. Aus nostalgischer Trunkenheit (vielleicht auch bloß Trunkenheit) setzte ich sie auf meine Warteliste, abgesehen von Teil 1, bei dem ich bereits kürzlich im Linearfernsehen widerwillig hängengeblieben war, und dem Remake, weil gar so trunken war ich nun auch wieder nicht. Auf der Liste beließ ich sie erst mal, bis sie kollektiv den Warnhinweis trugen: Ablaufdatum in einer Woche.

Ich musste es schaffen! Ich war völlig vernagelt. Ich machte es zu meinem Projekt. Ich stellte mir Outlook-Aufgaben, wie für alles andere in meinen Leben von „2 Minuten Zähne putzen“ über „Einwohnersteuer bezahlen“ bis „5 Seiten über Olympia (ohne Corona)“. Ich hake halt gerne Sachen ab. Also: „Diese Aufgabe ist heute fällig: Rest von Freitag, der 13. IV: Das letzte Kapitel gucken, mindestens halbe Stunde von Freitag, der 13. V: Ein neuer Anfang.“

Es war trotzdem nicht leicht. Diese Filme waren damals nicht gut, und sie sind heute unter aller Kanone. Jeder einzelne, abgesehen vom fünften oder sechsten, weiß nicht mehr genau, jedenfalls der, der sich gekonnt darüber lustig macht, wie unter aller Kanone diese Filme eigentlich sind. Früher haben meine Herrenbekanntschaften und ich bei diesen Filmen Salzgebäck verzehrt, mit Alkohol experimentiert, vom Schalk beseelt Tote gezählt und uns dabei hin und wieder in die Haare bekommen, ob Kakerlaken und Telefonleitungen auch zählten. Heute sind davon nur das Gebäck und der Suff geblieben. Anders ist es nicht zu schaffen. Ich bin in jener Woche also nicht nur merklich blöder geworden, sondern auch deutlich dicker.

Zu den gelungeneren Aspekten der Serie gehört, dass die Teile sukzessive schlechter werden (abgesehen s. o.), wodurch rückwirkend der vorangegangene dann doch wieder vergleichsweise gelungen wirkt, und man sich sagt: „Hach, das war was, damals, gestern, bei Teil 3. Ob sich dieses Hochgefühl noch einmal reproduzieren lässt? Versuchen wir es doch mal morgen mit Teil 5.“

Ich möchte nun nicht jeden Film einzeln besprechen, das würde den Schmerz lediglich verlängern. Dennoch ein gut gemeinter Hinweis an die Macher: Der achte wäre vielleicht (ein ganz kleines bisschen) weniger enttäuschend, wenn er im Untertitel nicht Jason Takes Manhattan hieße sondern Jason auf einem Boot, das erst eine halbe Stunde vor Schluss in Manhattan ankommt. Wie in jedem Film eines gewissen Budgets wird Manhattan natürlich von Vancouver gespielt. (Kleiner indiskreter Industriegeheimnisverrat: Die meisten Szenen in Film- und Fernsehproduktionen, die auf Tokios bekannter Shibuya Crossing spielen, wurden in einem Studio in China gedreht, in dem eine perfekte Nachbildung steht.)

Apropos Macher. Man darf sich nichts in die Tasche lügen: Diese Filme wurden von Menschen gemacht, die Horror hassen. Es spielen Schauspieler und Schauspielerinnen mit, denen das schon damals unangenehm war und die heute nichts anderes vorzuweisen haben (Kevin Bacon und Crispin Glover haben’s eher trotz als wegen geschafft). Diese Produkte entstanden völlig ohne Liebe und haben keine Liebe zu geben. Deshalb stimmt es mich so traurig, dass sie von vielen so innig, oft ganz unironisch geliebt werden. Dass es Männer im besten Alter gibt, die sich nichts sehnlicher wünschen als 4K-Blu-ray-Komplettboxen mit allen Folgen und Schnittfassungen. Warum? Warum?! Wa-ru-hu-hu-hum?! Ist man mit dem Streaming nicht schon geschlagen genug?

Immerhin kamen mir alle Filme, die ich mir unmittelbar nach dieser verlorenen Woche anschaute, wie Citizen Kane auf Steroiden vor. Warcraft? Ein Fest für die Sinne! New Mutants? Zum Schluss ist da irgendwie ein Bär, mehr konnte ich mir nicht merken – aber genial! Fear Street 1994? Ich rief mit der Stimme und Lautstärke Reich-Ranickis: „Das ist miserabel!“

Huch, ich glaube, die Realität hat mich zurück. Vielleicht sind sogar ein paar Gehirnzellen nachgewachsen.

Billy Idolish singt japanisch und Papa wird Illustrator: Gesprächsfetzen ohne Zusammenhang

Ich unterhalte mich gerne mit meiner Frau beim Fernsehen, sie hat oft interessante Schnurren zu teilen. Einmal, es ist schon her, sahen wir einen vielfach preisgekrönten Film eines vielfach preisgekrönten Regisseurs. Als eine vielfach preisgekrönte Schauspielerin auftrat, rief meine Frau hocherfreut: „Die kenne ich, die hat mal Pornofilme gemacht. Meine Mutter ist gut mit ihr befreundet. Ich habe früher oft mit der Tochter gespielt, wenn sie auf der Arbeit war.“ Da hatte ich gleich wieder ein gutes Thema für den nächsten Besuch bei Schwiegereltern.

Nicht ganz so spektakulär die Enthüllung von neulich. Wir saßen im Homeoffice und schauten Frühstücksfernsehen, als dort Aki Yashiro auftrat, ein Urgestein der Enka-Szene, also der japanischen Schlagervolksmusik. Sie ist 70, sieht aber aus wie gestraffte 50 (Abb. unten nicht aktuell).

Meine Frau sagte: „Nach der wurde die Katze benannt, die ich als Kind hatte. Aki.“

„Du warst Fan von der?“

Leicht pikiert: „Mein Vater. Aber irgendwie ist sie schon bewundernswert. Sie ist gerade Youtuberin geworden, weil sie angesichts der Weltnachrichtenlage die Bühne so vermisst. Und neulich hat sie was von Billy Idol im Dialekt ihrer Heimat Kumamoto eingesungen.“

„Wirklich? Welches Lied denn?“

„Hm… mit Billy Idol kenne ich mich nicht so aus. Bad Man? Gibt es das?“

„Das klingt nach einer guten Beschreibung von Billy Idols Marketingstrategie, aber als Titel sagt es mir nichts. Vielleicht einer von den neueren.“

„Meine ich Billy Idol? Meine ich Bad Man?“

„Billy Idol ist so ein alter Pop-Punker, mit dem Hana eine gewisse Ähnlichkeit hatte, als sie noch ein Baby war. In erster Linie wegen der charakteristischen Schnute. Ist zum Glück rausgewachsen. Bei Hana.“

Da fiel es meiner Frau wieder ein: „Billie Eilish! Bad Guy!“

„Die kenne ich wiederum nur peripher. Irgendwann klinkt man sich halt doch aus, egal was man sich im Sturm und Drang hoch und heilig geschworen hat. Ist das nicht so ein murmelndes dünnes Mädchen?“

„Aki Yashiro kennt die. Und die ist 70.“

Falls ich mir was wünschen darf: Als nächstes bitte Rebel Yell.

Apropos Musik: Mit meiner sechsjährigen Tochter unterhalte ich mich ebenfalls sehr gerne, besonders auf dem Weg zum Kindergarten. Manchmal singen wir auch nur aus voller Brust, am liebsten ihr Lieblingslied, das Titelthema der Zeichentrickserie Kimetsu no yaiba. Das heißt, sie singt und ich ahme die Instrumente nach. Die Serie ist so eine Art Fantasy-Version von Tanz der Teufel, nur brutaler. Unter meinem Dach wird Hana sie frühestens mit 25 sehen dürfen, unter elterlicher Aufsicht. Das Lied kennt sie allerdings jetzt schon auswendig.

Morgens kann man das mal so machen, abends bevorzugen wir die Akustikversion.

Doch eines Morgens hatte Hana ein anderes Thema, das ihr keine Ruhe ließ: „Papa, als fun activity machen wir jetzt I Spy worksheets. Da gibt es auch I Spy Dad. Aber dein Beruf ist gar nicht dabei.“

„Mein Beruf ist nicht dabei? Wirklich nicht?“

„Nein! Kein Illustrator!“

„Nun … ich bin ja auch kein Illustrator. Ich schreib die Worte, die in den Büchern stehen.“

„Aber in Kawaii Mania sind viele Bilder.“

„Gut, die meisten davon habe ich selbst geknipst, aber …“

„Siehst du! Du bist Illustrator!“

„Äh …“

„Eine Arbeit von früher von dir ist allerdings doch bei I Spy Dad dabei: Mich auf dem Arm tragen.“

„Naja, das war doch keine Arbeit. Das habe ich gerne gemacht. Gut, manchmal war es schon Arbeit. Aber gute Arbeit.“

In tadelndem Ton: „Papa, schreiben ist auch gute Arbeit!“

Es muss manchmal gesagt werden. Wo wir gerade beim Thema sind: Zum Abschluss vier Titel, wie das Buch, das ich derzeit mit Buchstaben und Satzzeichen illustriere, NICHT heißen wird, obwohl mir diese fixen Ideen auch gut gefielen:

  • Gänsehaut-Garantie im Wohlfühlbereich
  • Wenn Influencer suboptimal abholen
  • Ich glaub, mein Storyteller kuratiert
  • Shitstorm in der Komfortzone

Wie es stattdessen heißt, verrate ich, sobald der Verlag es verrät.

Making of Kawaii Mania: Gegendarstellung

Glücklicherweise fehlt mir momentan die Zeit, die Making-of-Kawaii-Mania-Serie fortzuführen (das heißt nicht, dass sie nie fortgeführt werden würde). Allerdings habe ich gerade eine wichtige Information hereinbekommen, die nicht warten kann.

Mit ernstem Gesicht und Ton nahm mich meine fünfjährige Tochter heute beiseite: „Papa, ich habe mir noch einmal Kawaii Mania angesehen.“

„Das freut mich, Hana.“

„Da ist der Popo-Detektiv drin.“

„Ja, ich weiß. Vielen Dank, den hätte ich ohne dich gar nicht gekannt.“

„Aber der Popo-Detektiv ist nicht niedlich.“

„Nein?“

„Nein.“

Ende des Gesprächs.

Making of Kawaii Mania, Folge 2: Kuchen und Kartoffelsalat am laufenden Band

Ich muss gestehen: Ich kenne mich mit Kuchen nicht aus. Meine japanische Frau kennt mehr deutsche Kuchenbezeichnungen als ich. Wie jeder normale Mensch fotografiere ich zwar gerne Süßspeisen, aber mein Appetit in dieser Richtung hält sich in Grenzen.

Da ich kein Mitglied der internationalen Kuchenliebhaberszene bin, war es mir vor meinem Besuch des Maison Able Café Ron Ron in Harajuku nicht bewusst, dass es sich bei dem Lokal nicht etwa um einen Geheimtipp handelte, sondern um einen wohl recht bekannten Pilgerort. Als ich dort gegen 11 Uhr vormittags eintraf, wurde mir gesagt, das Café und die Warteliste seien fürs Erste voll. Ich bekam ein Ticket, das mich berechtigte, mich in zwei Stunden vor dem Eingang in die Schlange zu stellen. Toll, dachte ich, dann kann ich ja vorher noch ordentlich Mittag essen (siehe Folge 1).

Genau das war natürlich mein Fehler. Ins Maison Able Café Ron Ron geht man nicht mal eben so nach dem Essen. Ins Maison Able Café Ron Ron geht man, um aus deren Kuchen-Flatrate das bestmögliche Preis-Leistungs-Verhältnis herauszuholen. Männer zahlen im Fließband-Kuchenparadies mehr als Frauen. Als ich das im Vorfeld meiner Frau erzählt hatte, meinte die, dass das den armen, benachteiligten Männern gegenüber ungerecht sei. Iwo, sagte ich, das ginge schon in Ordnung. Schließlich können Männer mehr essen als Frauen.

Ich lernte: Generell vielleicht ja. Aber nicht Kuchen. Ich weiß nicht mehr, wie viele der kleinen Dinger ich geschafft habe. Es waren auf jeden Fall weniger als die, die die spindeldürren Mütter und kleinen Kinder, mit denen ich als einziger Mann die Tafel teilte, geschafft haben. Hier bin ich, wie man sieht, beim sechsten:

Die Mütter und Kinder waren da schon locker bei über zehn jeweils, ich schwöre. Und die waren noch lange nicht fertig, während ich mich so langsam geschlagen geben musste.

Ron ron ist übrigens das Geräusch, das Katzen (Abb. unten) auf Französisch machen. Wahrscheinlich hatte man sich beim Namen für das Café gegen den japanischen Begriff (nyan nyan) entschlossen, weil der im Slang nicht nur für Katzen steht, sondern auch für Vögeln.

Auf dem Laufband ist nicht nur Kuchen. Das Überraschendste habe ich leider nicht solo fotografiert, aber es ist hier mit im Bild, auf dem sechsten Teller von links:

Eine umgestürzte Eiswaffel mit einem Inhalt, der optisch Vanilleeis oder Sahne sein könnte. Ich beobachtete, wie ein kleines Mädchen davon kostete, einen hysterischen Speianfall bekam und sich vom mütterlichen Taschentuch nach alter Sitte den Mundinnenraum säubern lassen musste, bis es sich wieder einigermaßen gefangen hatte. Klar musste ich das auch probieren.

Es handelte sich um Kartoffelsalat.

Wirklich, wer macht denn sowas?

Das nächste Mal glaube ich dem Kind.

Am nächsten Tag ging es mir wieder gut genug, um im Eisbärencafé in Takadanobaba einzukehren.

Die Einrichtung basiert auf einem Manga, den ich nicht kenne. Meine Grizzly-Schnitzel-Stulle hat mir trotzdem geschmeckt.

Mumins-Cafés gibt es etliche in Tokio. Mir hat sich der Reiz der skandinavischen Kreaturen nie erschlossen, aber essen kann man’s mal.

In Yokohama sah ich mir bei Tokyu Hands an, wie man selbstzubereitete Speisen elegant verpacken kann.

Wieso denn Yokohama? Gibt es etwa kein Tokyu Hands in Tokio? Natürlich gibt es das. Ich war in erster Linie in Yokohama, um mir das Unko-Museum anzusehen, das sich die Verniedlichung menschlichen Kots auf die Fahnen geschrieben hat.

Und damit hätten wir auch wieder geschmackssicher den Bogen zum Kuchen geschlagen.

Making of Kawaii Mania, Folge 1: Harajuku

Gerne erinnere ich mich dieser Tage an die total 2019-mäßigen Probleme, die ich im letzten Sommer hatte: Ich konnte einfach keine anständigen Bilder für mein damals im Entstehen begriffenes Buch Kawaii Mania bekommen. Unanständige hätten es auch getan, aber selbst das war schwierig. Offizielle Pressevertreter relevanter Unternehmen konfrontierten mich mit langwierigen Verfahren, komplizierten Antragsformularen, furchteinflößenden Knebelverträgen oder der guten, alten kalten Schulter. Also löste ich das Problem auf total 2019-mäßige Weise: Ich verließ das Haus, stürzte mich ins soziale Gewimmel und knipste selbst. Gleich am ersten Tag ging mir dabei die Kamera kaputt, also machte ich es wie normale Menschen: Ich nahm das Mobiltelefon. Viele der Fotos kamen tatsächlich ins Buch. Etliche nicht. Eine kleine Auswahl der letzteren möchte ich in dieser Serie teilen.

Heute geht es erst mal ins Teenager- und Touristenviertel Harajuku, dort selbstverständlich in die Takeshita Dori.

Was es dort gibt, weiß man ja.

Ich hatte es in erster Linie auf die Purikura-Fotokabinen abgesehen, in denen sich ursprünglich Geschäftsleute Fotoaufkleber für ihre Visitenkarten erstellen lassen sollten. Es stellte sich aber heraus, dass darin viel lieber junge Frauen Fotoaufkleber für ihr Amüsement erstellen lassen. Man erahnt es inzwischen schon an der Aufmachung der Kabinen.

Dabei ist für die Älteren auch was dabei:

Noch ein Fotokabinenfoto? Na gut, wollen wir mal ein Auge zudrücken.

Gerne hätte ich einen dieser Lastwagen mit Reklame für die neuesten Produkte der Musikindustrie fotografiert, wie sie insbesondere durch Harajuku und Shibuya gurken. Allerdings immer, wenn ein guter kam, bekam ich nervöse Finger, und ich konnte nur noch das Nummernschild identifizieren. Ein besserer als dieser ist mir nicht vor der Linse stehengeblieben (und der ist leider vergleichsweise schlicht):

Den Appetit auf einen Hamburger im Kawaii Monster Café hat mir diese relative Fehlleistung nicht verdorben.

Zum Runterspülen gab’s auch was (das vollständige Getränk ist im Buch abgebildet).

Weitere Getränke hingen von der Decke.

Bei der Show zur Mahlzeit blieb ich lieber im Hintergrund, bevor man mich noch zum Freiwilligen-aus-dem-Publikum erklärte.

Den Nachtisch nahm ich im Rotationskuchencafé Maison Able Café Ron Ron ein. Das wurden allerdings so viele Kuchen, dass ich dafür eine neue Folge beginnen werde. Für heute sage ich erst mal tschüs und:

Wundertüten gibt es immer wieder

Letztes Jahr (gucken Sie hier) spazierte ich am dritten von eigentlich nur zwei Verkaufstagen in die internationale Kinokuniya-Buchhandlung in Shinjuku und hatte noch freie Auswahl zwischen mehreren Variationen der beliebten Neujahrswundertüten, in denen japanische Händler traditionsgemäß zum Jahresauftakt Überraschungssonderangebote zu Schleuderpreisen raushauen. Mein Anfängerglück nicht als solches erkennend, meinte ich, die Gerüchte um die Begehrtheit dieser Tüten seien stark übertrieben.

Also ahnte ich nichts Böses, als ich in diesem Jahr am Nachmittag des Erstverkaufstages mit betonter Lässigkeit ins Geschäft schlenderte. Diesmal wollte ich mehr als eine Tüte. Zwar habe ich von den Büchern aus der von vor einem Jahr bislang nur eines gelesen, aber darauf kommt es ja nun wirklich nicht an. Leider wird nur ein Beutel pro Nase ausgegeben. Deshalb hatte ich meiner Frau 2020 Yen zugesteckt und sie instruiert, sich ganz normal zu verhalten. Im Nullkommanichts würden wir den Laden mit zwei sogenannten Lucky Bags verlassen haben, und niemand müsse je erfahren, dass beide für mich bestimmt sind.

Doch, Schockschwerenot, auf dem Wundertütentisch standen nur noch die Ausverkauft-Schilder. Auf Anfrage versicherte man uns, dass es am nächsten Tag eine weitere Chance gäbe, wir uns allerdings gefälligst recht früh, also vor Ladenöffnung, vor dem Haupteingang im Erdgeschoss einfinden sollten, so uns die Sache wichtig wäre. Abkürzungen über andere Zugänge seien nicht erlaubt.

Wir fügten uns. Als wir um zehn vor zehn ankamen, warteten bereits ungefähr 20 andere auf ihr Glück.

Zuerst war alles sehr zivilisiert, wir Büchermenschen sind schließlich sanft und großmütig. Wir gönnen allen alles. Als sich aber nach dem Einlass die Fahrstuhltür schloss und einige Ansteher untransportiert zurückblieben, machte sich eine gewisse Unruhe breit. Auch bei mir, denn ich war ein Betroffener. Als ein Ordner den Tipp gab, dass es über die Rolltreppe schneller gehen könnte, rannten wir los. Mein Frau flehte mich an, ohne sie voranzupreschen, sie sorge sich um das Wohl des Kindes in unserer Begleitung. Doch ich zerrte beide mit. Entweder wir teilten den Triumph, oder wir gingen gemeinsam leer aus.

Fünf Stockwerke Möbelhaus rauschten an uns vorbei, was schon ein wenig wehmütig machte. Das war alles mal Buchladen, dachte ich. Die jungen Leute wissen’s gar nicht mehr. Inzwischen ist nur noch das internationale Stockwerk übriggeblieben. Das ist ja auch die Hauptsache. Aber trotzdem.

Schluss mit dem sentimentalen Gewäsch; wir konnten unsere Schnäppchen abgreifen. Ich eine Tüte ‚Literature‘, meine Frau eine Tüte ‚Japanese Literature‘ und meine Tochter eine Tüte ‚Children’s & YA‘. Perfekt durchdacht, ich weiß. „Die ist schwer!“, beklagte sich Hana auf dem Weg zur Kasse. Ich versicherte ihr, dass sie in ungefähr zehn Jahren an den Büchern in ihrer Tüte viel Freude haben würde. Solche Argumente sind Musik in den Ohren Fünfjähriger.

Als wir nach unserer Transaktion das Geschäft verließen, war nur noch ein einziger Beutel am Platz, aus der Kategorie ‚Self-Help‘. Ich hätte die unentschlossene Kundschaft gerne pfiffig aufgefordert: “Please, help yourself!“ Aber ich war zu schüchtern.

Kommen wir nun zur Auswertung.

Die größte Überraschung an der Überraschungstüte für Kinder und Jugendliche ist, dass lediglich ein Kinderbuch dabei ist, und auch das ist eher eins für ältere Vertreter der Gattung als wir eines daheim haben. In erster Linie war die Anschaffung eh für mich gedacht, nicht zuletzt aus Gründen der Marktanalyse.

Anstatt hier über den Lesespaß zu spekulieren, der mich zwischen den Deckeln genau dieser Bücher erwartet, möchte ich gerne etwas Allgemeines loswerden, was mir schon lange unter den Nägeln brennt (Blog-style, quasi): Ich verstehe die Attraktivität der Young-Adult-Kategorie für ihre Zielgruppe nicht. Es geht mir nicht um die Qualität der ihr zugeordneten Werke, da sind immer wieder dolle Dinger drunter, sondern um das Label als solches, also die Kategorisierung ‚Young Adult‘ als Marketing-Werkzeug. Bei mir war das so: Als ich ein Kind war, las ich Kinderbücher. Als ich mich dafür zu alt fühlte, griff ich zu Erwachsenenbüchern. Mit Lust und Genuss, oft heimlich. Eine Kompromisslösung hätte mich nicht interessiert. Hätte mir ein Buchvermarkter angeboten: „Ey, Alter, ich hab hier einen Mega-Lese-Hammer speziell für Kids wie dich: etwas für ‚junge Erwachsene‘, zwinker, zwinker!“, dann hätte ich genau um dieses Buch den größten aller denkbaren Bögen gemacht.

Sicherlich, Young-Adult-Titel gab es schon zu meiner Zeit. Sie hießen Jugendbücher, und ich möchte meine Argumentation keineswegs auf die billige Klage reduzieren, dass heute alles englisch heißt (obwohlistdochwahr). Der wesentliche Unterschied ist, dass Jugendbücher damals nicht von Jugendlichen gekauft wurden, sondern von ratlosen Eltern, Onkeln und Tanten. Jugendliche selbst ließen sich nicht vorschreiben, was für sie geschrieben wurde. Die heutigen Young Adults scheinen da beratungsaffiner zu sein. Doch ich möchte ebenfalls nicht das Klagelied anstimmen, die jungen Erwachsenen von heute seien so anders als die alten Kinder von früher. Ist zwar in der Sache richtig, allerdings kaum ein Grund zur Klage, denn anders muss ja nicht schlechter sein. Will nur sagen: Ich steck da nicht drin.

Ein ähnliches Problem habe ich übrigens mit dem japanischen Konzept der ‚Light Novel‘. Als schwerer Leser habe ich da immer Angst, ich würde nicht satt. Doch wenden wir uns der nächsten Tüte zu:

Jeder hat My Absolute Darling und Normal People schon gelesen und auf seine Jahresbestenliste gepackt, nur ich nicht. Ich freue mich, das bald nachzuholen. Lullaby scheint was Wüstes zu sein. Mal gucken, ob mich irgendwann mal eine wüste Stimmung überkommt. Das legt sich ja etwas mit dem Alter. Ich könnte mir vorstellen, dass ich genau dieses Buch gerne als ‚junger Erwachsener‘ gelesen hätte. Und nicht irgendwas mit Glitzercover und dystopischen Paralleluniversen.

All the Birds in the Sky habe ich bereits als E-Buch, doch, ach, es hat mir nicht gefallen. Die Geschichte um einen Zeitmaschinentüftler und eine Hexe war süß, so lange sie noch klein waren. Als sie sich jedoch zu erwachsenen Hipster-Kotzbrocken entwickelt hatten, sah ich keine Veranlassung mehr, weiterzulesen.

Außerdem zwei, die nach Historienschmökern aussehen. Da bleibe ich Snob, ich kann mir nicht helfen. Die werden wohl 1A-fabrikneu bleiben.

Weiter, japanisch (auf Englisch):

Asleep von Banana Yoshimoto habe ich jetzt dreifach. Schon auf Englisch gehabt, dann versehentlich noch mal deutsch gekauft, oder umgekehrt. Macht nichts, manche Bücher kann man ja mehrmals lesen. Den Murakami habe ich bereits in einer unvorteilhaften alten Ausgabe, die für den japanischen Englischunterricht gedacht war. Inzwischen vielleicht was wert. Könnte ich sie nur finden. Lese ich gerne noch mal in schönerer Übersetzung und ansprechenderer Aufmachung. Momentan befinde ich mich allerdings in einer Murakami-Pause von unbestimmter Dauer.

Von Kawabata und Soseki habe ich selbstverständlich bereits einige der Greatest Hits gelesen, allerdings kaum so viele, wie ich manchmal behaupte. Das kann ich nun korrigieren.

Sweet Bean Paste sagt mir nichts. Meine Frau meint, das gäbe es auch als Film. Das muss ja nicht gegen das Buch sprechen.

Von Yasutaka Tsutsui habe ich einige Bücher gelesen, und von The Girl Who Leapt Through Time einige Verfilmung gesehen. Ich habe aber noch nie das Buch The Girl Who Leapt Through Time von Yasutaka Tsutsui gelesen. Da schließt sich ein Kreis. Dann noch ein Buch mit Gedichten, es werden schon nicht alle schlecht sein. Der Neujahrswundertütengewinner 2020: japanische Literatur.

2019 war für mich kein gutes Lesejahr. Vieles begonnen, wenig beendet. Es lag nicht immer an den Büchern, es lag auch manchmal an mir. Dieses Jahr wird besser, das spüre ich. Dieses Jahr sage ich: Bücher sind die neuen Videospiele.

Die McDonald’s-Schläferin und die totgeschlagene Fliege: Zwei Urlaubs-Zen-Momente ohne Abbildungen

Weil wir dem Kinde vor der Bahnfahrt in den Urlaub etwas ganz Besonderes bieten wollten, kehrten wir zum Frühstück in ein McDonald’s-Schnellrestaurant ein. Japan ist zwar ein McDonald’s-Land, aber kein Frühstücksland, so war die Filiale am Bahnhof Meguro am frühen Sonntagmorgen nur mäßig gefüllt. Bei der Platzwahl entschieden wir uns für eine Ecke einer langen Tafel im zweiten von drei großzügig bemessenen Stockwerken. An der Tafelecke schräg gegenüber von unserer saßen zwei Frauen im besten Alter, also ungefähr in meinem. Sie mögen Freundinnen gewesen sein, denn ihr Ton und ihre Haltung sprachen von einer gewissen Vertrautheit miteinander. Eine trug eine schwarze Lederjacke mit vielen kleinen Reißverschlüssen, die andere etwas Altersangemesseneres. Wovon sie sprachen, war nicht zu verstehen, denn sie unterhielten sich in angenehmer japanischer Zimmerlautstärke. Vielleicht versuchten auch sie, wie zuvor ergebnislos wir, den Unterschied zwischen Hotcakes und Pancakes zu erörtern. Der Mann an der Kasse hatte uns auf Anfrage mitgeteilt, dass es einen gäbe. Diese Frage allein schien ihn allerdings bereits derart aufgewühlt zu haben, dass wir das Thema nicht noch vertiefen wollten.

Als die Freundinnen an unserer Tafel ihre Hotcakes oder Pancakes verspeist hatten, beendeten sie ihr Gespräch, blieben aber noch sitzen. Die in der Lederjacke holte ein Handtuch aus ihrer Handtasche hervor, das sie vor sich auf der Tischplatte sorgsam mehrfach faltete. Am Ende des Faltvorgangs prüfte sie die Weichheit der Konstruktion mit dem Finger. Nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis nahm sie ihren Schal vom Hals, faltete ihn in gleicher Manier und legte ihn auf das Tuch. Dann bettete sie ihr Haupt zum Schlafe, und zwar mit einem Gesichtsausdruck, als hätte sie sich das ganze Wochenende auf diesen Moment gefreut. Ihre Begleitung nahm einen Stapel Formulare und eine Handvoll verschiedenfarbiger Stifte aus ihrer Tasche und machte sich in aller Seelenruhe ans Ausfüllen der Papiere.

Meine Frau spürte meine Verzückung und sagte: „Mach bitte kein Foto.“ Außerdem sagte sie: „Wenn du etwas über die japanische Kultur erfahren möchtest, gibt es wirklich keinen besseren Ort als McDonald’s. Hier kommt jeder hin, vom Baby bis zum Opa.“

Da sagte sie was. Genau diesen Eindruck hatte ich bereits bei meinem allerersten Aufenthalt in Japan 1999 gehabt, als ich aufgrund gewisser Unsicherheiten weit mehr Mahlzeiten in solchen Lokalen zu mir nahm, als ich jemals öffentlich zugegeben habe. Es zwanzig Jahre später von einer Einheimischen bestätigt zu bekommen, schließt einen Kreis und eine alte Wunde.

Eine Zugfahrt später hatten wir schon wieder Hunger. Weil wir außerdem einen dringenden Termin im Spaßbad hatten, entschieden wir uns für das erstbeste rustikale Nudelsuppenlokal am Bahnhof Hakone-Yumoto. Bald summte eine Fliege über unserem Tisch, was Frau und Kind zu energischem, anhaltenden Fuchteln veranlasste. Schließlich sprach ich ein Machtwort: „Familie, dieses Gewedel stört mehr als das Tier. Akzeptiert einfach, dass die Fliege hier ist. Sie ist so authentisch wie das Lokal.“ Das überzeugte niemanden, zumindest nicht komplett. Immerhin wurde mir zuliebe ein kleines bisschen weniger gefuchtelt.

Nach einer Weile trat die schon etwas betagte Bedienung wortlos an unseren Tisch, klatschte in die Hände und entfernte sich wieder, weiterhin wortlos, mit der nun toten Fliege. Nach Entsorgung des Leichnams ging das Muttchen zu unserem Nachbartisch und vermeldete: „Ist erledigt.“

Der Nachbartisch hatte sich offenbar beschwert. Ob über die Fliege oder über das Gefuchtel, weiß ich nicht. Ich habe aber meine Vermutung, und meine Frau hat ihre.

Ich bin der Fernsehflorist

Hätte mein Blog zwei Leser, könnte ich mir folgendes Gespräch vorstellen:

Leser 1: „Schon gesehen, Leser 2? Auf Shakira Kurosawa gibt es einen neuen Beitrag.“

Leser 2: „Echt jetzt, Leser 1? Na, meine Neugier hält sich in Grenzen. Ist wahrscheinlich wieder nur so ein apologetisches Geflenne, warum der Typ so selten in seinen Blog schreibt. Hat zu viel zu tun, blabla, schließlich erscheint sein neues Buch Kawaii Mania bald für 19 Euro 95 im Conbook Verlag, blabla, und im Frühjahr kommt schon wieder was, blablabla …“

„Hm, tja, ein bisschen so ist der Beitrag durchaus. Aber gleichzeitig vieles mehr. Eine Geschichte von Liebe und Verrat, von Rache und Drachen, Würfelspielen und Schwertkämpfen, waghalsigen Fluchten und dramatischen Konfrontationen, verloren Söhnen, schönen Prinzessinnen, gefährlichen Piraten und einem Mann mit sechs Fingern.“

„Ach, der Ärmste. Jeweils drei Finger rechts und links? Oder vier und zwei? Oder …“

„Nein, nein. Ich hätte es anders formulieren sollen. Sechs Finger an einer Hand, die andere ganz normal, also fünf.“

„Gibt es in dem Beitrag wirklich einen elffingerigen Mann?“

„Ehrlich gesagt nein.“

„Und die anderen Sachen auch nicht, oder?“

„Nein, da muss die Euphorie mit mir durchgegangen sein.“

„Ich werd’s wohl trotzdem lesen.“

„Gleich nach der Reklameeinblendung geht’s los.“

Zuletzt kam ich nicht mehr recht dazu, diesen Blog zu pflegen, weil ich so viel anderes zu pflegen hatte, und zwar beim Fernsehen. Manuskripte, Präsentationen, fixe Ideen. Ideen anderer Leute, wohlgemerkt. Ginge ich ins Detail, würde ich auf drei Kontinenten verklagt werden. Aber meine beiden Leser haben ein Recht, zumindest grob zu erfahren, was los ist.

Bisweilen ist das, womit ich beim Fernsehen arbeiten muss, so undankbar, dass ich es lieber schnell in eigenen Worten neu schreibe, als die mir zugetragenen Formulierungen zu entlausen. Irgendwann will man ja auch mal fertig werden. An besonders guten oder besonders bedenklichen Tagen stolziere ich dann durchs Arbeitszimmer, als wäre ich der oberste Showrunner von Hollywood, quasi alleinverantwortlich für die Qualität all der Qualitätsproduktionen, die die Ehre haben, vor ihrer tatsächlichen Produktion über meinen Schreibtisch wandern zu dürfen. Was würden die bloß ohne mich machen? Wie haben die das bloß vorher hinbekommen?

In Wahrheit bin ich natürlich nicht der Showrunner von Hollywood. Bevor ich die Wahrheit verrate, kann ich vielleicht doch mal ein kleines Betriebsgeheimnis ausplaudern. In jedem Buch übers Drehbuchschreiben, das sein Geld wert ist, steht der Hinweis, dass Drehbücher nicht gut geschrieben sein müssen. Diesen Satz sollte man dreimal unterstreichen, denn es ist der wichtigste in diesen Büchern. Steht er nicht drin, oder sollte gar das Gegenteil behauptet werden: Buch sofort wegschmeißen, weil nicht praxistauglich. Als Fernsehautor muss man nicht für fünf Pfennig schreiben können. Für geschliffene Dialoge, spürbare Emotionen und dynamische Action kann man später eine anonyme Schreibkraft wie mich pro Wort bezahlen. Die Entscheider, auf deren Schreibtischen oder Bildschirmen die Drehbücher mit ein wenig Glück landen, würden guten Stil nicht erkennen, wenn er ihnen schnurrend um die nackten Beine strich. Eines aber erkennen die sehr wohl: interessante Figuren, knackige Plots, sinnvolle Weltentwürfe, gute Ideen. Die sehen die kleinste Unstimmigkeit auf hundert Meter Entfernung (oder mehr, ich weiß es nicht genau). Und weil es das ist, was sie interessiert, ist es auch das, was einen erfolgreichen Fernsehautor ausmacht. Alles andere kann der vernachlässigen. Keiner weiß genau, wie viele Shakespeare gewesen sind und wer da was gemacht hat, aber eines ist gewiss: Romeo und Julia wurde ein Hit wegen ‚Junge trifft Mädchen gegen Willen der Elternhäuser‘, nicht wegen „es war die Nachtigall“ (zu Shakespeares Zeiten gab es selbstverständlich noch nicht so viele Sender).

Um das, was ich beim Fernsehen mache, zu veranschaulichen, möchte ich ein Gleichnis aus Lego bauen. Und zwar Emmas und Ethans Café von Lego Friends, einer Produktreihe, mit der Kinder spielerisch an ihre Zukunft als Hipster herangeführt werden. Wir hatten es unserer Tochter Hana zum fünften Geburtstag geschenkt, obwohl es erst ab sechs empfohlen ist. Wie alle Eltern halten wir unser Kind für hochbegabt.

Hana hatte bereits Olivias Bus (Olivia ist die mit der Brille, also die Wissenschaftlerin) aus derselben Reihe, und obwohl beim mehrtägigen Zusammenbau mitunter die Nerven blank lagen (Genies neigen zur Ungeduld), bekundete sie Interesse daran, tiefer ins Lego-Friends-Universum vorzustoßen. An das Café machten sie und ich uns wieder gemeinsam, es dauerte ungefähr drei Tage. Letztendlich war ich es, der die wesentlichen Komponenten zusammengebaut hatte, während Hana hinterher Aufkleber aufklebte und die Blumen dranmachte.

Und dann stolzierte sie durchs Wohnzimmer, als hätte sie das ganze Café gebaut. Da wurde mir bewusst: Genau so ist das Verhältnis zwischen mir aufgeplusterten jungen Gockel und erfahrenen Fernsehautoren: Die können ein ganzes Lego-Friends-Café mit verschlossenen Augen in fünf Minuten zusammenbauen. Ich hingegen mach hinterher nur die Blumen ran, uriniere vom Balkon (weil ich es kann, irgendwer wird’s schon wegmachen) und brülle in die Nacht: „Wo ist mein verdammter Primetime Emmy?!“

Sobald ich mich wieder beruhigt habe, arbeite ich heimlich weiter an meinem eigenen Lego-Friends-Café. Aber bis das Geld abwirft, werde ich noch an einigen Lego-Friends-Cafés anderer die Blumen dranmachen. Sinnbildlich gesprochen.

Lesebändchen gegen Nazis

Als ich Ende letzten Jahres kurz in Deutschland weilte, um dem dortigen Buchhandel ein segenreiches Q4 zu bescheren, erschrak ich über mich selbst. Und zwar als ich feststellte, dass es mir beim Bücherkauf offenbar ein Kriterium geworden war, ob ein Buch ein Lesebändchen hatte oder nicht. Dabei mokiere ich mich seit Jahren über die Sammellämmer im Filmbereich, denen Inhalte längst egal geworden sind, solange sie nur in limitierten und nummerierten Blechboxen geliefert werden. Bin ich etwa genauso ein oberflächlicher Ausstattungsfetischist geworden?

Nein, Quatsch mit Soße, ich bin nur ein faules Stück. Liege ich erst darnieder und habe eine neue Lektüre begonnen, möchte ich mich nicht mehr damit auseinandersetzen, woher ich das nächste Lesezeichen bekomme. Hätte ich mir auch vorher drüber Gedanken machen können, aber so viel Vorausplanung ist ja nun auch wieder spießig wie Bausparvertrag. Früher nahm ich häufig Flugblätter für Jugendtanzveranstaltungen oder Eintrittskarten für ebensolche zur Hand. Die lagen überall rum, man musste nicht großartig seine Position verändern, um sich ein Exemplar zu angeln. Heute habe ich sowas nicht mehr schnell zur Hand, warum wohl. Eine Zeit lang versuchte ich es mit Postkarten, denn die hat man immer. Das Tanzen und das Briefeschreiben mag man sich abgewöhnen, aber eine gepflegte Postkartenkorrespondenz gehört sich bis ins hohe Alter. Als Lesezeichen sind Postkarten derweil ungeeignet. Sie fallen stets heraus, es liegt in ihrer Natur. Sie begnügen sich nicht mit dem Schicksal, im Dunkeln eingeklemmt zu sein, es zieht sie hinaus in die Welt, zu Empfängern und Empfängerinnen.

Bei Lesebändchen fällt mir immer ein: Ich hatte einmal einen Freund, der stand politisch so weit rechts von mir, dass es einem schon mal unangenehm sein konnte, aber demokratisch noch vertretbar war. Das muss eine Demokratie aushalten können, mag ich mir gedacht haben. Weitergedacht: Was eine Demokratie aushält, muss eine Freundschaft erst recht aushalten, wir sind ja nicht mehr im Kindergarten. Mit diesem Freund (es handelte sich übrigens nicht um Nazi-Jürgen) konnte man, man mag es sich denken, über vieles nicht reden, ohne innerlich zu schäumen (äußerlich schäume ich ungern). Über eines allerdings konnte man sich vortrefflich mit ihm austauschen: über Bücher. Bei allen Unterschieden war uns gemein, dass wir es befremdlich fanden, wie viele Menschen ausschließlich das lesen mochten, was ihnen nach der Schnauze geschrieben war. Wie soll man denn je etwas von der Welt erfahren, wenn man immer nur das zu hören bekommt, was man schon weiß?

Aber ich schweife ab, womöglich verführt vom Lesebändchen, diesem lustigen Schweif des geschriebenen und gedruckten Wortes. Dieser Freund jedenfalls sagte einmal, dieses oder jenes Buch (welches genau habe ich vergessen) habe ihm recht gut gefallen, „obwohl“ es auf der Spiegel-Bestseller-Liste stünde und ein Lesebändchen habe. Das fand ich interessant aber unverständlich, also fragte ich nach und bekam heraus, dass für den Freund ‚Spiegel-Bestsellerliste‘ sowie ‚Lesebändchen‘ Codes für ‚Intellektuellenscheiß‘ waren, also die Vorstufe von ‚rot-grün-versifft‘. Das fand ich erstaunlich. Unangesehen dessen, was man vom Mutterblatt halten mag, steht auf der Spiegel-Bestsellerliste ja nur, was sich gut verkauft, und das ist eher selten als oft von großer intellektueller Wucht. Auch das Lesebändchen hielt ich politisch stets für neutral. In der Tendenz vielleicht sogar ein bisschen antiintellektuell, nämlich etwas für Schmuckbücher, die eher verschenkt als gelesen werden.

Ich habe es jüngst mal überprüft, auf den Webseiten der beiden beliebtesten Naziverlage der Deutschen. Tatsächlich: Weit und breit keine Publikation mit Lesebändchen. Mag freilich sein, dass es schlicht nicht ausgewiesen wird. Doch wer sich die Mühe macht, ein Bändchen ins Buch zu kleben, der verschweigt es normalerweise nicht in den Katalogangaben.

(Bevor ich Leserbriefe von aufmerksamen und neugierigen Leserinnen bekomme, denen nicht entgangen ist, dass ich von der besagten Freundschaft in der Vergangenheitsform schreibe: Ja, sie ist nun eine verflossene. Der Ex-Freund bewegte sich schließlich über den Rand meiner Rechtstoleranz hinaus. Doch ehe ich mit ihm deswegen Schluss machen konnte, machte er wegen etwas anderem mit mir Schluss, einer unpolitischen Bagatelle. Letztendlich ist es ja gleich, wer mit wem warum Schluss gemacht hat, solange nur beide mit dem Ergebnis zufrieden sind. Selbst wenn es für uns kein Happy End im klassischen Sinne gab, plädiere ich weiterhin dafür, nicht bloß mit Typen abzuhängen, die alles ganz genauso sehen wie man selbst. Davon wird man blöd.)

Gut ist es, wenn man Sachen, von denen man meint, jemand hätte sie mal gesagt, nicht einfach so aufschreibt und vervielfältigt der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, sondern vorher denjenigen noch mal fragt, ob er das wirklich gesagt hatte, oder ob man sich das nur eingebildet hat, quasi der Wunsch Vater des Gedankens war. Nein, ich habe nicht vor, bei meinem Ex-Freund nachzufragen, ob er das mit dem Lesebändchen und der Spiegel-Bestsellerliste wirklich gesagt hat, dafür sind die Verhältnisse wohl zu zerrüttet. Allerdings hätte ich, als ich Matjes mit Wasabi schrieb, meine Frau ruhig noch mal fragen können, ob sie wirklich jemals gesagt hatte, dass Japaner ihre leeren Milchtüten auswaschen, aufklappen, zum Trocknen an die Leine hängen und schließlich bügeln, bevor sie in den Müll wandern. Hätte sie nie gesagt und entspräche auch nicht der Wahrheit, behauptete sie, als das Buch bereits erschienen war. Aber jemand musste es gesagt haben, ich denke mir doch so etwas nicht aus. Ich wünschte, ich könnte. (Gewaschen und aufgeklappt werden die Milchtüten freilich schon, getrocknet ebenso, wenngleich nicht zwingend an der Wäscheleine. Nur das mit den Bügeln ist wohl nicht ganz so landesüblich, wie ich im Buch den Eindruck vermittelt hatte.)

Heute habe ich gut daran getan, als ich meine Frau fragte: „Es stimmt doch, dass es in Japan keine Lesebändchen gibt?“

„Klar gibt es die. In so gut wie jedem gebundenen Buch. Wieso sollte es die nicht geben?“

„Weiß ich nicht. Hast du mal gesagt.“

„Habe ich ganz bestimmt nicht.“

Vermutlich hat sie recht. Das bringt mich ein bisschen in die Bredouille, denn die Sensationsmeldung „In Japan gibt es keine Lesebändchen! In Japan gibt es keine Lesebändchen! In Japan gibt es keine Lesebändchen!“ sollte eigentlich der hauptsächliche Aufhänger dieses Textes werden.

Dann muss ich mir eben etwas anderes suchen, vielleicht mal den Blick über den Tellerrand werfen, zum Beispiel nach England und Amerika. Da gibt es wirklich keine Lesebändchen, das kann ich anhand der eigenen Bibliothek empirisch nachweisen. Japanische Bücher habe ich nur wenige, schließlich möchte man Bücher möglichst zu Lebzeiten durchbekommen. Englische Bücher hingegen habe ich jede Menge. Nicht mal die geschuberten, farbig illustrierten, auf Büttenpapier gedruckt und mundgebundenen Prachtexemplare, die ich mir in dem elitären britischen Buchklub kaufen musste, dem ich in den Neunzigern mal auf den Leim gegangen war, haben Lesebändchen.

Eine gute Sitte der amerikanischen Buchproduktion hingegen ist es, hinten drin die Type beim Namen zu nennen, in der das Buch gesetzt wurde, inklusive der Begründung, warum das eine gute Type ist. Das hätte ich auch gerne in meinen Büchern, aber ich habe mich noch nicht getraut, danach zu fragen. Im deutschsprachigen Raum ist mir das bisher nur bei Christian Kracht untergekommen, meine ich. Der kann das wahrscheinlich einfach anordnen, sonst sucht er sich ratzfatz einen anderen Verlag. (Ich mag mich gänzlich irren, ich finde aktuell kein Beispiel in meiner Kracht-Bibliothek. Vielleicht spielt mir meine Erinnerung Streiche, weil Kracht einfach der Typ für so was scheint.)

Den Typenhinweis kann man gut oder überflüssig finden, für allzu leidenschaftliche Grabenkämpfe taugt er nicht. Anders ist das bei einer anderen amerikanischen Buchbesonderheit, dem rauen Buchschnitt. Da steht dann in deutschen Amazon-Rezensionen gerne mal: „Achtung, Kundenverarsche!!! Das Buch kam dreimal kaputt an – schade, dass man bei den Rezessionen hier nicht NULL Sterne geben kann!!!!“

Ich fand den rauen Buchschnitt (technische Hintergründe gerne auf Wikipedia) erst doof, dann gut. So geht einem das ja manchmal, wenn man erfahren muss, dass das, was man für einen Makel hielt, in Wirklichkeit eine Zierde ist. Heute zahle ich sogar eine oder zwei Mark mehr, wenn ich eine attraktive Novität grob anstatt fein geschnitten erwerben kann.

Rauschnitt und Lesebändchen in einem einzigen Buch – das wäre das höchste der Gefühle. Lesebändchen gibt es aber in Amerika nicht und rauen Buchschnitt nur dort. Nur ein Grund von vielen, die Globalisierung gut gelaunt voranzutreiben.

Gegendarstellung (oder: Auch das noch!)

Beim neuerlichen Schlendern durch den anglofonen Flügel meiner Bibliothek fand ich doch ein englisches Buch mit Lesebändchen, die britische Hardcover-Ausgabe von John Irvings The Fourth Hand. (Übrigens ein zermürbend unterschätzter Irving. Ein notwendiger, erfrischender Befreiungsschlag, nachdem Irving in den vielen Jahren nach Garp (n. G.) nur noch Garp-Variationen geschrieben hatte, zugegebenermaßen auf oft hohem Niveau, wodurch sich die widerliche Formulierung „ein typischer Irving“ etablierte, Kompliment und Watschen zugleich. Aber das nur am Rande. Gott bewahre, dass wir hier über Inhalte sprechen. Es geht schließlich um Bücher.)

Bricht nun meine ganze Rede zusammen wie ein Kartenhaus, nackt im Wind, der planlos tötet? Weiß ich nicht. Vielleicht gibt es drüben doch manchmal Lesebändchen, und vielleicht schneidet auch so mancher deutsche Nischenverlag seine Liebhaberausgaben rau. Aber in der Tendenz habe ich recht. Ganz falsch liege ich nicht. Wahrscheinlich. Möglich ist es.