Wider ein Leben mit dem Senfglas

Letztes Jahr um diese Zeit wollten wir mal was ganz Verrücktes und total Japanisches machen, also haben wir eine Beaujolais-Party gefeiert. Es sollte natürlich eine ironische Beaujolais-Party werden, denn wir wussten ja, dass Beaujolais nouveau total eklig ist. Wir wussten es freilich nicht aus eigener Erfahrung, sondern hatten unkritisch die Vorurteile übernommen, die in besseren Kreisen bei diesem Reizthema zum guten Ton gehören. Alle Welt macht sich lustig darüber, dass Japan den jungen Wein jedes Jahr in großen Mengen aufkauft, und die Franzosen, so hört man, sind froh, dass sie das Gesöff los sind. Doch was soll ich sagen? Uns hat es so gut geschmeckt, dass wir dieses Jahr schon wieder eine Beaujolais-Party gefeiert haben. Diesmal in echt, ohne Ironie. Die Kritik, Beaujolais nouveau schmecke wie Obstsaft mit Alkohol, ist zwar sachlich nachzuvollziehen. Ich verstehe nur nicht, wo darin die Kritik liegt. Obstsaft ist lecker, und Alkohol kann, gewissenhaft genossen, auch mal ganz lustig sein.

Die ungeprüften Vorurteile gegenüber Beaujolais erinnern mich an den strunzdummen Merlot-Hass, der kurz nach der mäßigen amerikanischen Kinoklamotte Sideways grassierte. In der Filmhandlung überredet der eine Tunichtgut den anderen Tunichtgut zu einer Doppelverabredung mit zwei Damen, woraufhin der nur bedingt überredete Tunichtgut die Bedingung stellt: „Aber wenn sie Merlot bestellen, gehen wir!“

Man nagele mich nicht auf die I-Tüpfelchen-Genauigkeit des Wortlauts fest, es ist eine Weile her. Es ist mir trotzdem sinngemäß hängengeblieben, weil es lustig ist.

Mehr ist es derweil nicht. Ein flotter Spruch einer ausgedachten Figur in einer ausgedachten Geschichte. Daraus muss man keine Konsequenzen für das eigene Leben ziehen. Und trotzdem behaupteten plötzlich Hinz und Kunz, etwas gegen Merlot zu haben. So ein Unsinn. Merlot. Darüber haben sich Hinz und Kunz vor Sideways nie irgendwelche Gedanken gemacht. Wozu denn auch. Ist halt eine Traube. Daraus gärt man Traubensaft mit Alkohol, der wird mal so, mal so, wie bei anderen Trauben auch. Behauptet jemand, Merlot ganz generell zu verachten, plappert er mit großer Wahrscheinlichkeit nur etwas nach, was mal ein abgehalfterter Alkoholiker in einer amerikanischen Komödie gesagt hat.

Mit Amerika und Wein ist das ja eh so eine Sache. Ich spreche nicht vom amerikanischen Wein, der ist mitunter ganz gut, sondern von der amerikanischen Weinetikette. Zumindest die, die man aus dem Fernsehen kennt. Fast niemand im amerikanischen Fernsehen weiß, wie man ein Weinglas hält. Nicht mal im Weißen Haus, inzwischen Pflichtschauplatz in so ziemlich jeder einigermaßen aktuellen US-Serie, weiß man das. Was glauben diese Menschen denn, wozu der Stiel am Glas da ist?

Schlimmste Sünderin ist Olivia Pope, Hauptfigur der Serie Scandal. Ein kurzer weinseliger Exkurs: Ich liebe diese Serie aus dem gleichen Grund, aus dem ich die Saw- und die Fast-&-Furious-Filme liebe: Wegen des völlig ungehemmten Storytellings. Wo ich schon entgegen meiner Überzeugung unnötigen Anglizismen Tür und Tor öffne (der Alkohol), packe ich gleich noch einen oben drauf und gebe dieser Storytelling-Technik einen vollmundigen Titel; und zwar nenne ich sie den ‚We make it up as we go along‘-Ansatz. Das gänzlich schamlose Verheddern und Voranpeitschen der Plots hat zur Folge, dass die Serien kaum noch etwas mit ihren ursprünglichen Konzepten zu tun haben, und das ist gut so. Fast & Furious wurde erst sehenswert, als man endlich aufhörte so zu tun, als ginge es in diesen Filmen um illegale Autorennen. Scandal ist schon lange keine episodenhafte Serie mehr über eine Gruppe von Rechtsexperten, die Woche für Woche einem anderen Klienten aus der Bredouille helfen, sondern ganz großes amerikanisches Theater, eine Art Mischung aus The Blacklist und House of Cards, nur auf Speed.

Saw handelt zugegebenermaßen immer noch von einem kranken alten Mann, der seine schlechte Laune an anderen auslässt. Allerdings wurde inzwischen durch das fröhliche Rückblendenbombardement der Fortsetzungen so vieles relativiert, dass an den ersten Filmen eigentlich gar nichts mehr stimmt. Saw und Fast & Furious sind so etwas wie der Beaujolais und der Merlot unter den amerikanischen Filmserien. Kritisiert werden sie meist von denen, die zu der Materie gar keinen nennenswerten Bezug haben.

Doch zurück zu Olivia Pope und ihrem Weinproblem. Ich habe die Figur von Anfang an nicht gemocht; sie ist weinerlich, selbstgerecht und opportunistisch. Ich bin begeistert, dass sie in der aktuellen, finalen Staffel endlich gewissenlos über die Leichen von Frauen, Kindern und Männern geht. Ich hoffe, es folgt keine überraschende Wendung mehr, die alles wieder relativiert. Jeder soll endlich sehen, was für ein Miststück sie wirklich ist und immer gewesen ist. Aber am meisten stört mich nach wie vor die Sache mit dem Weinglas.

Im amerikanischen Fernsehen gibt es nur eine einzige Figur, die fähig ist, ein Weinglas korrekt zu halten, und die ist ausgerechnet ein Serienmörder mit Migrationshintergrund.

Kein Wunder, dass die Serie eingestellt wurde in dem gerade wieder sehr serienkillerfeindlichen politischen Klima in den USA.

Denke ich an Wein, Amerika und Manieren, dann denke ich an Max Goldt, denn er hat zu all diesen Themen gearbeitet. Weil es Max Goldt sehr daran gelegen ist, nicht ständig als Benimmonkel missverstanden zu werden, hat er einmal sinngemäß geschrieben, das ganze Weinglasgewese sei ihm herzlich schnuppe, man könne Wein genauso gut aus Senfgläsern trinken (vielleicht schrieb er gar nicht: „Senfgläser“, sondern: „Limogläser“, aber ich finde Senfgläser lustiger). Ich widerspreche Max Goldt äußerst ungern, muss es gleichwohl in diesem Fall tun. Ein guter Wein gehört in ein gutes Glas, und das will gut gehalten werden. Nein, falsch. Ich korrigiere: Ein richtiger Wein gehört in ein richtiges Glas. Ob das nun ein Glas für zehn Mark oder hundert Euro ist, ist tatsächlich herzlich schnuppe. Ein Weinglas derweil sollte es schon sein. Wer Wein (oder überhaupt irgendetwas) aus Senfgläsern trinkt, geht vermutlich auch in Trainingsanzügen aus Ballonseide aus dem Haus. Geht alles, ist vermutlich genauso warm und bequem wie richtige Kleidung. Doch schuldet man es nicht nur den Augen anderer, sondern auch seinem eigenen Körper, ihn in einen geringfügig edleren Zwirn zu hüllen. Es muss nicht haute couture sein, ein mit Bedacht gewähltes Ensemble von C&A ist zur Wahrung der Menschenwürde völlig ausreichend. Nur eben eines aus der Damen- oder Herrenabteilung, nicht aus der Sportabteilung.

Als ich mich übrigens neulich in Ermangelung anderer großer Geister der muttersprachlichen Sachprosa noch einmal durchs bisherige Gesamtwerk Max Goldts querlas, stolperte ich dabei über zwei Ausdrücke: Bundeskanzler Gerhard Schröder und PDA. Hatte ich so lange nicht mehr gehört oder gelesen, dass ich im ersten Moment gar nichts damit anfangen konnte.

Wenn man schon Max Goldt zitiert, kann man auch gleich David Byrne zitieren, der gesagt haben soll, Tischmanieren seien etwas für Leute, die sonst nichts zu tun haben. Bei Byrne wie bei Goldt scheint mir die Ablehnung von Etikette zumindest zu Teilen eine Trotzreaktion auf die eigene Etepetete-Reputation. Dabei ist es bei Etepetete wie bei der Etikette: Zu viel ist doof, aber ein gewisses Mindestmaß sollte sein. Ohne bricht vielleicht nicht gleich die ganze Zivilisation zusammen. Doch ein bisschen bröckeln und wackeln wird sie schon.

Bei Etikette und Zivilisationsverlust fällt mir ein, dass Donald Trump neulich hier in Tokio zu Besuch war. Zu unserer Beaujolais-Party war er nicht eingeladen, dennoch waren wir betroffen, denn wir mussten wegen seines Sicherheitskonvoys erhebliche Umwege bei unserem sonntäglichen Spaziergang in Kauf nehmen. Das war sehr schön, bekam ich doch endlich mal all die verschiedenen Polizeiautos auf einem Haufen zu sehen, die ich sonst nur aus meinen Romanen kenne. Eine der großen Jubelschlagzeilen in der lokalen Presse war indes die, dass Präsident Trump sich in der Gegenwart Kaiser Akihitos nicht sonderlich danebenbenommen hatte.

Ich finde, man könnte bei Staatsmännern die Messlatte für Jubelschlagzeilen ruhig etwas höher hängen. Aber ich möchte auf keinen Fall als Benimmonkel missverstanden werden.

Mein Orientierungsjahr 2016: Abschließender Geschäftsbericht

Das Jahr 2016 scheint vor allem dafür bekannt, dass in seinem Verlauf, zumindest nach Augenmaß, überdurchschnittlich viele Personen des öffentlichen Lebens gestorben sind, die einem etwas bedeuten, so man in eine gewisse Altersspanne fällt. Abseits dieser Altersspanne wurde dieser Umstand mit weniger Wut, Trauer und Betroffenheit aufgenommen. In der Zeit (glaube ich) oder einer ihrer Ablegerpublikationen (könnte sein) erschien seinerzeit ein vieldiskutierter (meistens zurecht verlachter) Artikel eines Nachwuchsjournalisten, dessen Grundtenor war: Meine Freunde und ich kennen diesen Prince gar nicht, er kann also kaum so wichtig gewesen sein wie Justin Bieber oder Maximo Park. Jenseits des anderen Endes der Altersspanne wird, beispielsweise, „dieser Prince“ auch für, beispielsweise, meine Eltern kaum mehr gewesen sein als eine vage Erinnerung aus meinem Kinderzimmer. Vielleicht verwechselten sie ihn sogar mit „diesem Adam Ant“.

Offenen Auges müsste man zugeben, dass es 2016 durchaus wichtigere Nachrichten gab als tote Prominente, so sehr der eine oder andere Verlust tatsächlich schmerzte. Hat man allerdings gerade im fortgeschrittenen Alter einen Überseeumzug gestemmt, hat man zunächst gänzlich andere Prioritäten als die Sondierung der internationalen Nachrichtenlage. Da geht es um die Grundbedürfnisse des Menschen, die essenziellen Fragen, wie zum Beispiel: Werde ich ein Nudelrestaurant in meiner Nähe finden, in dem ich von nun an fast jeden Tag essen werde, und zwar fast jeden Tag dasselbe?

Ich habe meines gefunden, es sieht so aus:

Dort esse ich fast jeden Tag Mazesoba. Hier im Urzustand:

Dann so: maze, maze, maze.

Und dann essen, und dann war es wie immer gut.

Die Nudeln müssen mit Geld bezahlt werden. Nur ist das mit dem Geld so eine Sache, und zwar eine ungerechte. Mein Plan war es, das Nudelgeld mit dem Schreiben von Büchern und Zeitungs- beziehungsweise Zeitschriftenartikeln zu verdienen. Grob gerechnet bekommt man für drei oder vier Artikel in einigermaßen großen Publikationen (ein paar Tage Arbeit) so viel Geld wie für ein Buch in einem relativ kleinen Verlag (ein paar Monate Arbeit). Leider macht aber das Schreiben von Büchern mehr Spaß als das Schreiben von Artikeln (fürs Schreiben im eigenen Blog bekommt man übrigens gar kein Geld, so man keine unseriösen Reklameanzeigen nebenan haben mag). Zum Glück bin ich modern genug, mich eine Weile von meiner Frau aushalten zu lassen. Drum entschloss ich mich, in diesem Jahr rein nach Spaßprinzip zu schreiben. Also erstens Bücher, zweitens einfach so drauf los. Normalerweise misstraue ich Buchideen, bei denen sich nicht zumindest Anfang und Ende innerhalb von fünf Minuten von selbst offenbaren. Aber diesmal wollte ich so schreiben wie früher, als die Welt noch jung und die Zukunft ungeschrieben war und jeder Morgen nach frisch gemähtem Rasen und Aufbruch duftete. Deshalb habe ich nun einiges gänzlich Unerwartetes in der virtuellen Schublade, zum Beispiel:

  • Die ersten Worte einer interdimensionalen, ultrabrutalen, mechaerotischen Weltraumoper (also wahrscheinlich Jugendbuch).
  • Fragmente eines großstädtischen Quatschkopfromans, mit dem ich es in erster Linie auf den Ingeborg-Bachmann-Preis und/oder eine Verfilmung im Stile Woody Allens abgesehen habe.
  • Und natürlich – was soll man in Tokio auch anderes schreiben? – einen High-Concept-Entwurf für eine München-Moosach-Krimireihe.

Vielleicht sollte ich per Publikumsvotum entscheiden lassen, was ich davon ernsthaft weiterverfolge. Sollte es die Weltraumoper werden, müsste ich allerdings herausfinden, wie ich das Gesicht meiner Agentin verletzungsfrei wieder aus ihren Handflächen entfernen kann.

Nicht aufgeführt sind übrigens die zweieinhalb Projekte, bei denen ich vorsichtig optimistisch davon ausgehe, dass sie bald tatsächliche Spruchreife erlangen, ebenso wie die zwei vorläufig ausgereiften Projekte, die bereits hoffnungsfroh ihre Verlagsrunden drehen. Faul war ich also nicht, ich sah nur aus der Ferne so aus.

Sind die Nudelfragen geklärt und summt und brummt die Arbeitsroutine verlässlich vor sich hin, ist es auch im Neuen Leben an der Zeit, sich wieder für das Weltgeschehen zu interessieren. Schon früh hatte ich den Entschluss gefasst, mein Neues Leben solle langsamer und analoger werden – weniger postfaktisches Internet, mehr gedruckte Lügenpresse. Drum abonnierte ich sofort alles, was mir in die Quere kam und neuen Abonnenten einen Gratis-Jutebeutel versprach. Und kam bald mit der Lektüre nicht mehr hinterher.

Nun gibt es nichts Bekloppteres als den Spruch, nichts sei so alt wie die Zeitung von gestern. Wer nach Gesichtspunkten der Tagesaktualität Zeitung liest, bräuchte das wirklich nicht zu tun, da haben die Digitalhektiker ausnahmsweise recht. Qualitätsjournalismus lese ich auch gerne mal ein paar Tage oder eine Woche später. An den Weltereignissen ändert es ja nichts, ob ich sofort von ihnen erfahre oder erst nach allen anderen. Wenig ist mir so zuwider wie die polternde Beschwerde, diese oder jene Medien (im Zweifelsfall das deutsche Fernsehen) berichteten nicht schnell und live genug von den neuesten Gräueltaten. Informationsjunkies sind eben auch nur Junkies, zu beschönigen oder gar zu glorifizieren gibt es an diesem Zustand nichts.

(Wenn ich von mir ausgehe – und von wem sollte ich sonst ausgehen? – , dann glaube ich übrigens, dass die Fernsehnachrichten vor den Tageszeitungen aussterben werden. Zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sitzen und in eine bestimmte Richtung sehen zu müssen, um in vorgeschriebenen Tempi und starren Formaten informiert werden zu dürfen, erscheint mir schon heute absurd. Doch das nur am Rande.)

Dennoch: Wenn Entschleunigung in Überforderung umschlägt, muss eingeschritten werden. Es geht nicht an, dass hier noch ungelesene Zeitungen von vorm Nikolaus liegen. So habe ich gleich meinen ersten Vorsatz fürs Neue Jahr: Mindestens die Hälfte meiner Abonnements wieder abbestellen. (Das wird wohl auch dich betreffen, lieber New Yorker. Es liegt nicht an dir, es liegt an mir. Deine Cartoons sind zwar so überschätzt wie die Interviews im Playboy, aber deine längeren Artikel habe ich stets gern gelesen. Beziehungsweise lesen wollen, wenn ich die Zeit gehabt hätte. Habe ich jedoch nicht. Nicht jede Woche. Wenn du dich zu einem monatlichen oder quartalsweisen Erscheinungsturnus entscheiden könntest, würde ich es mir noch mal überlegen. Was ich eigentlich sagen wollte: Den Abonnenten-Jutebeutel, der mir vertraglich zusteht, möchte ich trotzdem noch haben. Alle anderen Zeitschriften haben mir den Abonnenten-Jutebeutel unaufgefordert zugeschickt. Also bitte zack-zack.)

Für die wirklich wichtigen Nachrichten müssen wir heuer selbstverständlich einen bangen Blick nach Amerika werfen: Rogue One. Oft hörte ich die Einschätzung: Erst gähn, dann geil. Mir ginge es, falls ich mich überhaupt jetzt schon zu derlei extremen Urteilen hinreißen lassen müsste, eher umgekehrt. Eigentlich geht es mir hier aber gar nicht um die Qualität des Films, die kann man bei einem emotional so komplexen Lebensaspekt wie Krieg der Sterne ohnehin frühestens nach vier oder fünf Durchläufen vorläufig abschließend beurteilen, sondern darum: Es scheint, als war 2016 das Jahr, in dem Krieg-der-Sterne-Filme ganz normal geworden sind. Schon weiterhin Eventereignisfilme, auf die man sich flatternden Herzens freut. Doch flattert es nicht mehr gar so stark, dass man vorher nächtelang nicht schlafen kann (anders also als letztes Jahr noch). Seit Disney dankenswerterweise das ganze Unternehmen übernommen hat, ist bekannt, dass es fortan jährlich einen neuen Krieg-der-Sterne-Film geben wird. Wenn nicht Episode-Irgendwas, so doch irgendein Spinoff-Prequel-Oneshot-Standalone-Crossover-Hastenichgesehn-Dingsbums. Ein Film pro Jahr ist noch kein Overkill, hatte ich gedacht, und das ist es auch nicht. Nichtsdestotrotz bemerke ich bereits einen starken Gewöhnungseffekt und hoffe, dass es nicht soweit kommen wird wie bei den Superheldenfilmen, die ich nun immer häufiger auslasse (letzter ausgelassener war der letzte Gruppe-X-Film, nächster wird der nächste Guardians of the Galaxy). Das wäre schade, denn meine Familie gibt mir nur zu Krieg-der-Sterne- und Godzilla-Filmen frei.

Den letzten Godzilla-Film kann ich leider nicht beurteilen, weil ich leichtsinnig vor dem Film ein Bier getrunken hatte und dann im Kino eingeschlafen bin. Das ist jetzt so das Alter, und das wird im nächsten Jahr bestimmt nicht besser.

Tempo unterm Weihnachtsbaum

Dies ist der zweite der beiden Texte, die ich eigentlich verkaufen wollte, aber in saisonaler Stimmung nun doch verschenke, vorerst. Weiterer Hintergrund vorm Beitrag vom 6. Dezember.

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Lerne ich in Japan Einheimische kennen, kommt die Frage garantiert. Erst wird der Mitleidsblick aufgesetzt, dann: „Vermissen Sie denn gar nicht das deutsche Bier?“ Oder die Variation: „Was vermissen Sie denn aus Deutschland am meisten?“ Kommt die Antwort nicht innerhalb von Sekundenbruchteilen, wird nachgeholfen: „Das Bier?“

Selbstverständlich stört mich diese Frage überhaupt nicht, denn zum Thema Bier habe ich ein ausgesprochenes Sendungsbewusstsein, so deutsch bin ich gerne. Also hole ich ein ums andere Mal aus zu meinem Sermon: Iwo, das deutsche Bier sei ja gar nicht so gut, wie die Deutschen es sich einreden. Japan habe die deutlich besseren Industriebiere und die lebendigere Craft-Beer-Szene ohnehin, denn das bekloppte deutsche Reinheitsgebot schütze ja nichts und niemanden vor irgendwas, allenfalls das Brauhandwerk vor jedem Anflug von Braukunst.

Dazu bekomme ich die Laute des Erstaunens und der Zustimmung zu hören, mit denen der höfliche Japaner jedes Gespräch garniert und seinem Gesprächspartner für ein paar Sekunden so verlässlich wie unverbindlich in das warme Gefühl lullt, das gerade Gesagte sei so ziemlich das Interessanteste, was jemals irgendwer irgendwo auf der Welt gesagt habe. Hätte ich wider meine Überzeugung das genaue Gegenteil behauptet – deutsches Bier Weltgenesung, japanisches Bier fermentierte Kuhpisse – hätte die Reaktion genauso geklungen. Widerspruch, Zweifel und Konfrontation gehören nicht zur Standardausstattung des Konversationsinstrumentariums.

Kürzlich lernte ich Nakamura-san kennen, einen Arbeitskollegen meiner Frau, der ein paar Jahre in Deutschland gelebt hat, natürlich in Düsseldorf. Seine Firma hatte ihn einfach so dorthin versetzt, das machen japanische Firmen schon mal. Zuerst war er darüber gar nicht glücklich gewesen, doch als der Marschbefehl zurück nach Tokio kam, hatte er dem Leben in Deutschland durchaus die eine oder andere positive Seite abgewonnen und blickt heute mit ein klein wenig Wehmut auf seine Zeit dort zurück.

Endlich habe ich einen Japaner, dem ich die Frage stellen kann, die mir Japaner ständig stellen! Ich zögere nicht lang: „Nakamura-san, was vermissen Sie aus Deutschland am meisten?“

Er zögert schon gar nicht, seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Tempo!“

Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Was genau meint er bloß? Tempo im Sinne von Geschwindigkeit wohl kaum. Davon gibt es in Japan schließlich deutlich mehr als in Deutschland. Ebenfalls unwahrscheinlich, dass er die Protohipster-Illustrierte von einst meint, von der früher alle behaupteten, sie blöde zu finden, und von der heute alle behaupten, sie früher toll gefunden zu haben. Und die Taschentücher dieser Marke, deren Name synonym für alle Taschentücher des Landes steht, meint er ja wohl erst recht nicht. Deutsche Papiertaschentücher sind ein rotes Tuch für Japaner, manchmal fast buchstäblich. Meine Frau verdankte ihnen das erste Nasenbluten ihres Lebens, im zarten Alter von über 30. Es war ein Schock, für sie war Nasenbluten stets nur der Stoff von Legenden gewesen; etwas, das immer nur den anderen passiert. Die Markenbezeichnung ‚Softie‘ hält sie für einen grausamen Witz.

Die Tücher sind zu hart für die japanische Nase. Japanisches Tuch ist derweil für deutsche Nasen nichtexistent, quasi Antimaterie. Es zerfällt bereits, sobald man ihm nur einen allzu eindeutigen Blick zuwirft. Als meine Frau und ich noch zwischen den Nationen pendelten, hatten wir immer Großpackungen der jeweils eigenheimatlichen Papiertaschentücher im Gepäck.

Ich frage also nach, welche Art von Tempo Nakamura-san meint, oder ob ich ihn falsch verstanden hätte, er womöglich ‚Tempura‘ gesagt habe.

„Nein! Tempo! Die deutschen Taschentücher!“, freut er sich, ganz in sentimentalen Gedanken an verschnupfte Tage in Nordrhein-Westfalen.

Ich schenke ihm aufrichtige Laute des Erstaunens und der Zustimmung. Gleichwohl erzähle ich ihm von meiner Beobachtung der Unvereinbarkeit der deutschen und der japanischen Vorstellung davon, wie ein Papiertaschentuch beschaffen zu sein habe. Er entgegnet, dass es ihm anfangs ähnlich gegangen sei wie meiner Frau, da war viel Wehklagen und Wundheit. Aber er härtete nasal ab und lernte die Strapazierfähigkeit und das Fassungsvermögen des teutonischen Tempo zu schätzen.

Nun wissen wir immerhin, was wir Nakamura-san als obligatorisches Reisemitbringsel kredenzen können, wenn wir von unserer weihnachtlichen Deutschlandreise zurückkommen. Vorausgesetzt neben meinem eigenen Taschentuchvorrat ist noch Platz im Gepäck. Ein Japaner dächte da wohl selbstloser. Doch ich bin ja nur ein Zugereister, und Integration bedeutet nicht Assimilation. Außerdem hört bekanntlich bei Geld, Liebe und funktionstüchtigen Papiertaschentüchern die Selbstlosigkeit auf.

Die Kakerlaken werden langsamer

Dies ist einer von zwei Texten, die ich unlängst hier und dort freundlich zum Abdruck angeboten habe. Nach 15 Jahren im Online-Business hatte ich natürlich ganz vergessen, dass man im Print-Business immer alles mindestens ein halbes Jahr früher fertighaben muss. Mit Jahresendtexten war ich im Herbst also deutlich zu spät dran. Ich werde es im nächsten Frühjahr noch mal versuchen, bis dahin hat sich die Veröffentlichung an dieser Stelle auch wieder versendet.

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Fragt einen in Tokio einer nach der Lieblingsjahreszeit, und danach wird man eigentlich ständig gefragt, gleich nach der Frage, was man von Japan im Allgemeinen und von japanischem Essen im Besonderen halte, dann gehört es zum guten Ton zu sagen: „Herbst.“ Alle lieben den Herbst. Die milden Temperaturen, an Tempeln, Schreinen und Palästen durch goldenes Laub wuscheln – herrlich.

Das allerdings sind vorgeschobene Gründe. Ich habe jetzt herausgefunden, woran die rasende Popularität des Herbstes in Tokio und anderswo in Japan tatsächlich liegt: Die Kakerlaken werden langsamer. Sicherlich, die anderen Aspekte des Herbstes sind ebenfalls nicht zu verachten. Laub ist ja überall und sowieso schön, und wenn nach dem Ende des gefühlten Sommers, also circa Ende Oktober, endlich die Temperaturen ein klein wenig unter 30 Grad Celsius fallen, hat das etwas Wiederbelebendes. Selbstverständlich fröstelt es einem ein wenig bei nur noch 27 Grad im Schatten, doch das ist allemal angenehmer als das stündliche Hemdenwechseln der warmen Monate.

Das hauptsächlich Erfreuliche am Herbst ist jedoch das schleichende Ende der Kakerlakenplage. Erst werden sie langsamer, dann verabschieden sie sich komplett in den ewigen Winterschlaf, um das Feld der nächsten Generation im nächsten Sommer zu überlassen.

„Bei uns gibt es Kakerlaken.“ Dieses Eingeständnis klingt natürlich immer nach Makel. Da könnte man gleich zugeben, den Müll nur einmal am Tag zu entsorgen, dumdidum, denn sowas kommt von sowas.

Es sind in und vor unserem Apartment schon an strategischen Plätzen Fallen aufgestellt, sogar sehr perfide. Sterbend schleppen die Kakerlaken das daraus aufgenommene Gift in ihre Kolonien und geben es über Ausscheidungen an die noch gesunden Artverwandten weiter. Chemische Kriegsführung in der Mietwohnung.

Doch irgendwie kommen trotzdem immer wieder welche unversehrt durch. Die finden einen Weg. Zuletzt hatte es eine am Hut meiner Frau geschafft. Ich hatte die Kreatur zwar bereits während des Spaziergangs gesehen, sie aber zunächst lediglich für eine neue Brosche gehalten.

Kakerlaken sind faszinierende Geschöpfe. Japaner verehren sie, unter anderem wegen ihrer Hartnäckigkeit und ihrer Saisonalität, so wie sie Kirschblüten wegen ihrer Zartheit und ihrer Saisonalität verehren. Respekt vor einem Tier heißt in Japan derweil nicht zwangsläufig Respekt vor dessen Leben; die aufgeregten Wal- und Delfinversteher aus dem Ausland missverstehen das regelmäßig. Die Kakerlake ist eine Gute, und am besten ist sie, wenn sie tot ist. Doch das ist gar nicht so leicht zu bewerkstelligen. Der Kampf gegen sie hat zwei entscheidende Phasen. Die erste ist die der Ortung und der Versicherung. Man muss die Frage klären: War das da gerade wirklich eine lebende Kreatur, die über den Wohnzimmerboden unter das Sofa schoss? Oder war es nur ein schwarzer Fleck auf der Netzhaut, eine optische Täuschung, vielleicht eine Quasihalluzination, eine gerechte Strafe für all die Gifte, die man seinem Körper in den Flegeljahren beigebracht hat? Wahrscheinlich kommt man zu dem Schluss: Halluzinationen machen keine Tack-Tack-Tack-Tack-Geräusche auf Kunstparkett.

Ist die eventuelle Kakerlake zur Gewissheit geworden und in eine Ecke gedrängt, aus der es sogar für sie kein Entkommen gibt, folgt der eigentliche Kampf. Man kann es auf die männliche Methode lösen: Einfach drauftreten oder einen schweren Gegenstand verwenden. Man muss allerdings häufig treten, oder einen sehr schweren Gegenstand verwenden. Man hat bald eine Ahnung davon, warum sich Wissenschaftler weltweit einig sind, dass die Kakerlake als Spezies den Menschen als Spezies lange überleben wird.

Die spezielle Kakerlake im Wohnzimmer soll uns freilich nicht überleben. Nun sind die Viecher leider häufig so groß, dass sich schon gewisse Skrupel im Menschengewissen einschleichen: Das ist nicht irgendein Insekt, das ist ein richtiges Tier. Auf eine große Kakerlake draufzutreten ist fast so, als würde man auf eine kleine Katze treten. Würde man ja auch nicht tun, selbst wenn man kein Katzentyp ist.

Also macht man es auf die weibliche Art, sprich die meiner Frau. Sie hat ein Wundermittel in einer Sprühflasche, von dem sie sagt: „Das kannst du überall draufsprühen, sogar auf Babynahrung, ist völlig ungefährlich. Aber die Kakerlaken sterben davon.“

„Wenn es für die erhabene, zähe Kakerlake so gefährlich ist, möchte ich es lieber nicht auf Babynahrung sprühen. Wie soll das denn zusammengehen?“, wundere ich mich.

„Weiß ich nicht, irgendwas mit Alkohol halt.“

„Alkohol ist aber gar nicht gut für Babys.“

„Für Menschen ist dieser Alkohol ungefährlich …“

„Kann ich mir nicht vorstellen. Wie … ?“

„Es ist eben so! Du musst es mir einfach glauben!“ Jetzt erklärt sie mir die japanischen Hausmittelchen genauso, wie ich ihr immer die deutsche Grammatik erkläre.

Schließlich siecht die Kakerlake in einem feinen, stetigen Sprühnebel aus kindgerechtem Schnaps dahin. Ich hoffe, es ist ein angenehmer Tod. Es ist ja nicht persönlich gemeint. Ist Krieg ja nie.

Die Sprühflasche und ich sind mittlerweile unzertrennlich. Ich hoffe dennoch, nie in Verlegenheit zu kommen, damit auf Babynahrung losgehen zu müssen.

Skandal: Wieder kein Friedensnobelpreis für Stephen King

Jedes Jahr handeln Buchmacher in aller Welt den Namen Murakami ganz hoch, und jedes Jahr versammeln sich zur Ergebnisverkündung die japanischen Haruki-Murakami-Liebhaber in Haruki-Murakami-Liebhaber-Cafés. Erst in freudiger Erwartung, dann in mit Fassung getragener Enttäuschung.

Und jedes Jahr frage ich mich: Wie kommen sie bloß darauf? Die Buchmacher, die Fans, die Berichterstatter? Was hat sie bloß auf die fixe Idee gebracht, dass Haruki Murakami irgendwann, vielleicht schon bald, den Literaturnobelpreis gewinnen müsse, könne, würde? Das ist ungefähr so, als würde man ganz, ganz fest daran glauben, dass Stephen King reelle Chancen hätte. Dabei sind beider Werke sprachlich zu simpel gestrickt, inhaltlich zu nah an der Genreliteratur, kurzum zu volksnah, um jemals ernsthaft die ganz hohen Weihen der allerobersten Kunst- und Kulturrichter zu erfahren. So, d. w. m. j. w. n. s. d. (das wird man ja wohl noch sagen dürfen).

Damit kein Missverständnis aufkommt und ich nicht wegen Trollverdacht vorübergehend festgenommen werde: Ich würde sowohl Haruki Murakami wie auch Stephen King den Preis gönnen. Ich gönne ihnen alle möglichen Preise. Die Zugänglichkeit ihrer Werke empfinde ich nicht als Makel. Unter den Oberflächen ihrer Bücher brodelt es. Doch da schaut niemand hin. Zumindest niemand, auf den es in dieser Sache ankommt.

Von Skeptikern wird Murakami gerne vorgeworfen, seine Botschaften seien oberflächlich, nach Art von Kalenderblattsprüchen gar (das ist noch ein Rang unter dem beliebten Literaturbesprechungstotschlagargument, jemand schreibe „kolumnistisch“). Das liegt daran, dass er nur oberflächlich gelesen wird. Und das wiederum liegt daran, dass es bei ihm, wie bei King, an der Oberfläche zu viele Knalleffekte gibt. Wenn der akademische Berufsleser Knalleffekten begegnet, denkt er sich: „Aha, Unterhaltung!“ Und wenn er „Aha, Unterhaltung!“ denkt, denkt er im weiteren Verlauf der Lektüre gar nichts mehr. Er fährt alle Analysetools komplett runter (nicht bloß Standby).

Nichtsdestotrotz sind beide, King und Murakami, im Feuilleton ja gar nicht komplett schlecht aufgestellt, lobende Erwähnung finden sie immer wieder. Dies allerdings mit einer bedingungslosen literaturwissenschaftlichen Akzeptanz zu verwechseln, wäre ganz falsch. Sie erfüllen eine Quote. Mit ihnen kann der angegraute Feuilletonist seine Coolness demonstrieren. Es ist ein bisschen so, als würfe er sich in seine alte Nietenhose und bestehe darauf, manchmal auch ganz verrückte Hottentotten-Musik zu hören: „Hey, Kids, ich hab Carrie gelesen! Menstruation und Schweineblut und so, schon geschnallt, voll endknorke! Rock’n’Roll!“

Die Entscheidung in diesem Jahr für Bob Dylan ist keine berauschende, aber eine gute und einigermaßen richtige. Seine Lieder mögen am schönsten in den Interpretationen anderer funkeln, doch so einen Literaturpreis bekommt man ja nicht für Goldkehlchen, sondern für Goldköpfchen. Gänzlich kleinlich und unschicklich wäre es, nun genüsslich jedes Fehlverhalten Bob Dylans aufzulisten, wie es die Eingeschnappten bereits tun. Nur wer in 75 Jahren Lebenszeit, knapp 60 davon öffentlich, ohne Fehlverhalten ist, darf mit dem Finger zeigen.

Würdigere Kandidaten hätte es sicherlich gegeben, gibt es ja immer, auch welche, bei denen etwas mehr Eile geboten wäre (Don DeLillo, Leonard Cohen). Das Jahr 2016 ist schließlich nicht dafür bekannt, mit unseren Größten besonders zimperlich umzuspringen.

Der Sechsundvierzigjährige, der nach Harajuku ging, um Mädchen in Unterwäsche zu sehen, keine fand und darüber einen Blog-Eintrag mit einem bestsellerverdächtigen Titel schrieb

Ich wollte heute eigentlich zum Arzt gehen, um mir neue Mittel gegen den Verfall verschreiben zu lassen, habe mich dann aber doch entschlossen, mir lieber Damenunterwäsche anzusehen. Damenunterwäsche ist ja manchmal die beste Medizin.

In der Zeitung stand nämlich unlängst, die neueste japanische Mädchenmode sei es, die Unterwäsche drüber zu tragen. Das klang interessant und ein wenig geheimnisvoll (tragen sie dann zusätzlich noch Unterwäsche drunter?), und bevor ich mir selbst den Schlüpfer über die Jeans zog, wollte ich einmal sehen, wie es die anderen machen. (Seien Sie unbesorgt, ich scherze nur. Ich trage natürlich niemals Jeans.)

Interessierte sollten sich laut Zeitung auf den Weg nach Harajuku machen, wo man junge Dinger in freier Wildbahn erleben kann. Fehle einem für die freie Wildbahn die Ausdauer, so solle man dort dem Pop-up-Store des angesehenen Unterwäsche-drunter-Labels Very Brain einen Besuch abstatten. Ich hatte neulich schon die Tragbare-Schallplattenspieler-Ausstellung im Karottenturm zu Sangenjaya verpasst, deshalb wollte ich diesmal keine Zeit mit Arztbesuchen vertrödeln, man lebt schließlich nur einmal.

Als ich mich zuletzt genauer mit japanischer Mädchenmode auseinandergesetzt hatte, war gerade der sogenannte Waldmädchen-Look sehr angesagt, in Deutschland würde man es wohl Landhaus nennen. Ein ungewöhnlich züchtiger Bekleidungsstil. Man könnte sagen, dass gerade in der Züchtigkeit seine subtil codierte Subversion stecke. Das könnte man sagen, wenn man um jeden Preis klug klingen wollte. Ist aber natürlich sinnfreier Quatsch.

Und das Ganze ist nun auch schon wieder eine ganze Weile her. Auf dem Höhepunkt meiner Mädchenmodebegeisterung hatte ich mir mehrere Bildbände zum Thema gekauft, doch ich bin nicht konsequent am Thema geblieben. Sobald Mode in Bildbänden auftaucht, ist sie ja längst aus der Mode gefallen und in die Geschichte eingegangen. Bestenfalls. Andernfalls sitzt man auf einem Stapel dicker, teurer Bücher voller Abbildungen von Kleidchen, die weder historisch noch saisonal von Bedeutung sind. (Der, den Sie da sitzen sehen, bin ich.)

Im Very-Brain-Pop-up-Store angekommen, fragte ich mich zunächst, ob ich wirklich im richtigen Pop-up-Store angekommen war, oder ob sich die Mode vielleicht schon wieder geändert hatte. Nur sehr wenige Teile waren überhaupt auf den ersten Blick als Unterwäsche zu erkennen und noch weniger von denen waren so heiß, wie ich es nach dem Zeitungsartikel gehofft hatte (es war die Rede von der „Sexualisierung der Jugend“, also einem ganz neuen Phänomen).

Nach eingehenderem Studium der Kollektion begriff ich, was hier gespielt wurde: Es handelte sich größtenteils mitnichten um Unterwäsche im modernen Sinne, sondern um Imitation von Unterwäsche vergangener Jahre, circa Downton Abbey und früher, als ein Unterrock noch ungefähr das Volumen eines durchschnittlichen Burkinis hatte.

Also kehrte ich ein wenig enttäuscht nach Hause zurück, widmete mich wieder den weniger glamourösen Pflichten des Hausmannes: Kunststoffflaschenschraubverschlüsse reinigen, Weintrauben schälen, die Wäsche reinholen.

Und da war sie plötzlich! Auf meinem eigenen Balkon! Damenunterwäsche! Damenunterwäsche, wie ich sie meinte! Irgendwo zwischen schranktrocken und bügelfeucht, würde ich nach fachmännischer Befummelung sagen.

Ich hätte mir die zeitraubende Exkursion sparen können. Manchmal ist man wie vernagelt.

Wie ich einmal ohne Pokémon spazieren ging

(Ich sage gleich, nach der nächsten Klammer, etwas unglaublich Blödes, fange aber schon einen Satz später an, es zu relativieren. Diese Warnung nur, damit Lesende, die ungern unglaublich Blödes lesen, nicht schon nach dem ersten Satz mit dem Lesen aufhören.)

Ich hasse Pokémon Go. Ich hasse wohlgemerkt nur das Spiel an sich. Alles andere, was damit zusammenhängt, finde ich super. Ich finde es toll, dass so viele Menschen es toll finden. Ich freue mich, dass es Nintendo, einem der sympathischsten Großkonzerne der Welt, nach einigen Krisen hilft, sich gesundzuwachsen. Mir ist durchaus bewusst, dass Nintendo das Spiel weder selbst gemacht, noch selbst vermarktet hat, sondern es an eine Firma outgesourcet hat, die es an eine Firma outgesourcet hat, doch ich glaube ganz fest an den Trickle-up-Effekt.

Ich bin gerührt, wenn ich junge Pärchen beim gemeinsamen Pokémon-Jagen sehe. Ebenso beim Anblick verschmitzter älterer Damen, wenn sie ihr Handy aus der Handtasche zaubern, um kurz mal eine Kreatur einzusammeln, und es dann wieder mit einem zufriedenen Lächeln wegstecken. Es freut mich, wenn mir Gruppen kleiner Jungs mit konzentriertem Blick aufs Fon entgegenkommen. Besser als Rauschgift hinter die Augäpfel spritzen, denke ich dann. Ich bin noch immer voller Bewunderung für die junge Office Lady, die heute Morgen neben mir ein Pokémon aus dem fahrenden Zug heraus abgeknallt hat und sich danach weiterschminkte, als sei nichts gewesen.

Das war ungefähr zwanzig Minuten, bevor ich Pokémon Go zum zweiten Male (und endgültig) von meinem Telefon deinstallierte. So sehr mich die Begeisterung der anderen begeistert, mich lässt das Spiel kalt. Ich will keine Pokémon und keine Pokébälle, ich kann damit nichts anfangen. Liebe lässt sich nicht erzwingen. Phantomnostalgie, also die sentimentale Verklärung von Vergangenheitsphänomenen, die eigentlich gar nicht Teil der eigenen Vergangenheit sind, ebenfalls nicht. Ich muss schon Mitte 20 gewesen sein, als die Pokémon zum ersten Mal das Licht der Welt erblickten (es berührt mich nicht genug, um es genau zu recherchieren). Pokémon waren für Kinder, und in keinem Lebensalter hat man einen so festen Stock im geistigen Hintern wie mit Mitte 20. Da will man sich mit Kinderkram partout nicht auseinandersetzen. Ich habe das Phänomen nur am Rande wahrgenommen, und mehr als eine Randerscheinung wurde es mir auch nicht, nachdem der Stock hinten drin sich wieder gelockert hatte.

Wenn ich sage, mich lässt das Spiel kalt, widerspricht das den stärkeren Worten, die ich eingangs gewählt hatte. Hass ist bestimmt kein kaltes Gefühl, es brennt vor Leidenschaft. Tatsächlich kam zeitweise etwas wie Hass auf, als ich selbst mit dem Telefon in der Hand durch die Straßen von Meguro und Ebisu wandelte, auf der Suche nach Pokémonen und Pokéspots. Es war eher ein Kampf gegen Perspektiven und Displayeinstellungen als eine Jagd auf possierliche Kreaturen. Allerdings kann ich es wohl kaum dem Spiel ankreiden, wenn ich zu blöd bin es zu spielen, während der Rest der Erdbevölkerung von 7336 Millionen es offenbar nicht ist.

Leider fand ich keinen Anreiz, mich genauer mit der Handhabung des Spiels und der Technik meines Telefons zu befassen. Ich hatte gehofft, dieses Spiel schärfe meinen Blick für meine Umgebung, doch genau das Gegenteil war der Fall. Ich blendete alles aus, was nicht mit den Hinweisen auf dem Bildschirm zu tun hatte. Ich hatte gehofft, dieses Spiel würde mich süchtig machen, so wie es überall und von jedem versprochen wurde. Ich hatte schon lange nichts mehr gefunden, was mich süchtig gemacht hätte. Ich fand es auch hier nicht. Ich fragte mich nur, wann dieses Spiel denn endlich vorbei wäre.

Als ich entschieden hatte, dass das Spiel vorbei war, wenn ich es sage, war es mir wieder eine Freude, auf die Straße zu gehen. Freilich brauchte ich eine Ersatzbefriedigung, gewisse Spuren, Kratzer auf der Psyche, hatte das Spiel durchaus hinterlassen. Zuerst plante ich, statt Pokémon zu fangen Pokémon-Fänger einzufangen, natürlich nur mit der Kamera. Aber ich hatte mir vorgenommen, mit ekligen Hobbys wie Heimlich-fremde-Menschen-fotografieren frühestens mit 50 anzufangen, es ist ja gottlob nicht mehr lang. Dann merkte ich, dass mein Leben und Gehen bereits ausreichend gamifiziert sind, ich brauche keinerlei neue Anreize. Zum Beispiel bin ich ständig auf der Jagd nach Getränkeautomaten, die Pop verkaufen.

Gotcha:

Pop ist so exklusiv, dass es nur in Automaten erhältlich ist, und freilich auch nicht in jedem. Könnte ich jeden Tag mehrere Flaschen von trinken. Soll ich aber nicht.

Außerdem bin ich immer auf der Suche nach besonders köstlichen internationalen Namen japanischer Wohnhäuser. Ich selbst wohne im Lion’s Plaza, darunter würde ich es nicht machen. Dieses hier gefällt mir, weil es in unmittelbarer Nähe des Wohnhauses meiner Schwiegereltern ist:

Besser wäre es natürlich, wenn meine Schwiegereltern, also unter anderem der Opa meines Pokémons äh meiner Tochter, direkt im Maison Opa wohnen würden.

Maison Opa ist übrigens kein ausgewiesenes Seniorenwohnhaus. Dieses allerdings ist eines:

Nun schnalle ich wieder mein Pokémon in seinen Wagen, nehme einen kräftigen Schluck Pop und mache mich auf die Jagd nach weiteren Hütten und Palästen. Der Weg ist nicht immer leicht. Aber er lohnt sich.

Der Weg ins Glück führt steil bergab [Kaiho-Kolumne]

Proömium

Dies ist meine allerletzte Kolumne aus der Mitgliederzeitschrift der Deutsch-japanischen Gesellschaft in Bayern. Eigentlich ist sie ein wenig geschummelt, denn sie sollte gar keine werden. Eigentlich ist dies ein Fragment einer (noch) längeren Geschichte, die ich einer dieser modernen Zeitschriften für junge urbane Eltern mit Bart anbieten wollte. Kurz nachdem ich überoptimistisch mit dem Schreiben angefangen hatte, merkte ich allerdings, dass ich genau wegen des im folgenden geschilderten Einschnitts in die Lebensumstände gar keine Zeit hatte zum Schreiben und Verfeinern und Polieren und dann alles noch mal. Drum habe ich einfach das, was ich schon hatte, in diese Abschiedskolumne gepackt, die ich den guten Menschen der Deutsch-japanischen Gesellschaft in Bayern etwas unüberlegt versprochen hatte.

Ich habe versucht, den im Text besungenen Hügel fotografisch festzuhalten, bin ihm aber nicht gerecht geworden. Weil trotzdem ein Bild an dieser Stelle schön wäre, füge ich eines des Stundenhotels ein, das die Skyline meines Wohnviertels geschmackvoll dominiert. Im Text findet dieses Bild allerdings keinen Widerhall. Nach der Fotografie geht ohne weitere Umschweife die eigentliche Kolumne los.

Seit Anfang März lebe ich in Tokio, der Heimatstadt meiner Frau, meiner obersten Wohlfühlstadt seit bald 20 Jahren. Die Stadt, an die meine 19 Monate alte Tochter Hana irgendwann Kindheitserinnerungen haben wird, hoffentlich angenehme.

In der Woche vor Ostern wache ich in drei Nächten hintereinander deutlich vor Morgengrauen auf und bin hellwach. Mir ist schwindelig, mein Magen hat sich verknotet, in meinen Beinen zetert ein diffuser Fluchtreflex, doch meine Knie sind für Flucht zu wackelig. Einschlafen kann ich nicht mehr.

Erdbeben sind nicht schuld, denn die potenziellen Erdbebengebiete sind weit weg. Ich bin für eine Woche wieder in München, um mit meiner alten Heimat letzte Formalitäten auszuhandeln.

Bevor ich temporär nach München zurückkehrte, hatte ich bereits die Befürchtung, mir könnte mulmig werden. Dass ich plötzlich doch die Richtigkeit meiner Entscheidung anzweifeln würde, auf Biergarten und Leberkäse nicht würde verzichten wollen. Meine tatsächliche Mulmigkeit allerdings, so merke ich, hat nichts mit dem Konflikt zwischen alter und neuer Heimat zu tun. München kommt mir schon nach kurzer Abwesenheit gespenstisch leer, leise und langsam vor.

Der Gedanke an unsere Wohnung in Japan kann es ebenfalls nicht sein, was mich mit Schrecken und Schlaflosigkeit erfüllt. Die drei Zimmer sind überraschend menschenwürdig geschnitten. Und obwohl man aus den Fenstern erwartungsgemäß nicht viel mehr sieht als die Dächer und Außenwände der Häuser nebenan, konnte die junge Hana gleich bei unserer ersten Besichtigung der Aussicht etwas abgewinnen. Sie streckte den Zeigefinger in Richtung Fenster und rief aufgeregt: „Piep-piep!“

Hin und wieder machen wir uns Sorgen, dass Hana ein wenig ist wie der kleine Junge aus dem Film The Sixth Sense. Sie deutet häufig auf Dinge, die wir nicht sehen können, und behauptet steif und fest, sie wären sehr wohl dort. Bei genauerer Überprüfung stellt man fest, dass da wirklich ein „Wau-wau!“ ist, in 200 Metern Entfernung, wenn man ganz genau hinsieht. Beim Piep-piep-Zwischenfall in unserer Tokioter Wohnung allerdings war ich schon drauf und dran sie zu maßregeln: „In diesem Moloch von einer Stadt gibt es keine Piep-piep! Hier piepen zwar Ampeln, Kühlschränke und Badewannen, aber sicherlich keine Vögelein.“ Doch als ich mich zu ihr herunterbeugte und aus ihrer Perspektive durchs Wohnzimmerfenster schaute, sah ich, dass dort tatsächlich Vöglein flatterten. An einem Baum, der aus dem Dach des Häusleins gegenüber wuchs. Sie zwitscherten, als wollten sie uns in ihrer Nachbarschaft begrüßen.

Sicherlich hatten wir in Deutschland für ungefähr dasselbe Geld deutlich mehr Platz. Doch dass Tokio nicht die paradiesischen Billigmieten von München zu bieten hat, haben wir gewusst und in Kauf genommen. Nicht gewusst hatten wir von dem Hügel, der zwischen unserem Bahnhof und unserem Wohnhaus liegt. Präziser liegt der Bahnhof auf dem Hügel und unser Haus an dessen Fuße. Es geht so steil bergauf beziehungsweise bergab, dass man es sich selbst in sportlicher Topform mehrfach überlegt, ob man nicht einen signifikanten, aber geringfügig weniger steilen Umweg nimmt, oder gleich den Bus. Doch auch den Hügel haben wir in unser Herz geschlossen. Er ist wie ein Symbol für all die Hindernisse, die wir bereits überwunden haben. Und eine Erinnerung daran, dass einige Hindernisse stets aufs Neue überwunden werden müssen.

Gegen unsere Nachbarschaft in Tokio ist München Flachland. Wo ich dort schon wach bin, bevor der Bäcker aufmacht, habe ich wenigsten Muße, ein paar meiner vielen vernachlässigten E-Mails zu lesen. In einer Nachricht erwähnt meine Literaturagentin, dass bald mit Geld von diesem, vielleicht auch von jenem Verlag zu rechnen sei. Mein erster Gedanke: „Ach, wie schön, Geld.“ Mein zweiter: „Oh, wie schrecklich, plötzlich auf dieses Geld angewiesen zu sein.“ Genau das ist nämlich der springende Punkt, der Grund für meine selbstdiagnostizierten Panikattacken. Bisher war ich finanziell nicht auf das gelegentliche Buch und den gelegentlichen Artikel angewiesen. Bisher war die Entlohnung dafür ein willkommenes Zubrot, ein Aufbessern der Urlaubskasse, ein Stern mehr beim nächsten Essen oder der nächsten Übernachtung. Das sieht nun anders aus. Da meine Frau in Japan einer anständigen Arbeit nachgehen wird, muss ich mit meinem ehemaligen Hobby nicht allein das Überleben der Familie sichern. Aber ich muss doch mehr beisteuern, als wir anfangs gedacht hatten. Zu behaupten, der Umzug sei ein bisschen teurer ausgefallen als berechnet, wäre stark untertrieben. Er ist bis jetzt mehr als doppelt so teuer ausgefallen, und die allerletzten Ausgaben sind noch nicht gemacht. Dass ich nun nicht etwa schreiben darf, sondern schreiben muss, ist das, was mich lähmt und am Schreiben sowie am Schlafen hindert. Das zumindest ist mein erster Verdacht.

Zu meiner Überraschung multiplizieren sich meine Ängste nicht, als ich wieder in Tokio lande und nun wirklich nicht mehr zurückkann. Nicht mehr zurück in die alte Wohnung, nicht mehr zurück in den alten Job, nicht mehr zurück in das alte Leben. Tatsächlich bin ich geradezu von Euphorie erfüllt, als ich mit meinem Rollgepäck den Hügel vom Bahnhof in mein neues Leben hinunterstolpere. Um zu begreifen, dass ich wirklich da bin, wo ich immer sein wollte, musste ich erst einmal dort ankommen. Was mir Angst bereitet hatte, war die Vorstellung davon. Die Realität scheint zu ertragen zu sein.

Wieder wache ich am nächsten Morgen zu einer Zeit auf, die eigentlich eher Nacht ist. Diesmal jedoch ist es nicht die Existenzangst, diesmal ist es der Tatendrang. Während Frau und Kind sich noch auf dem Futon rekeln, setze ich mich an den umgestülpten Umzugskarton, der vorerst mein Schreibtisch ist, und schreibe. Ohne Furcht und voller Zuversicht.

Und vor dem Fenster geht die Sonne auf, und die Vöglein sagen: „Piep-piep!“ Und bald wird auch Hana aufstehen, „Piep-piep!“ oder „Wau-wau!“ rufen und auf etwas deuten, was ich noch nicht sehen kann, was aber da sein wird.

Japan sucht die Superskandalnudel [Kaiho-Kolumne]

Meine allervorletzte Kolumne aus der Mitgliederzeitschrift der Deutsch-japanischen Gesellschaft in Bayern jetzt hier in Zweitverwertung, mit exklusivem Premium-Bonus-Content.

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Auf einer meiner ersten Reisen nach Japan dachte ich einmal, ich hätte SMAP gesehen. Ich hatte damals allerdings fast keine Kenntnis der Sprache und nur lückenhafte Kenntnis der Eckpfeiler der Gegenwartskultur des Landes. Soll heißen: Ich verstand nichts und wusste eigentlich gar nicht, wer oder was SMAP ist. Es ist schon interessant, welche Schlüsse sich das Gehirn manchmal zusammenreimt, wenn es sich ausschließlich auf visuelle Informationen verlassen muss. Die Situation war folgende: In einem mittelkleinen Plattenladen in Tokio trat eine Band vor ein paar höflich klatschenden Zufallszuhörern auf. Hinter ihnen hing ein Werbeplakat, auf dem irgendwas mit „SMAP!“ stand, und das wohl ein neues Album einer Popgruppe dieses Namens annoncierte. Also dachte ich mir, während ich mir die Band ansah: Das sind also SMAP. Falls die mal groß rauskommen, kann ich mich damit brüsten, dass ich sie bei einem ihrer ersten, bescheidenen Gigs in einem der unauffälligeren Läden der Stadt gesehen habe.

Ich habe mich dann fortan tatsächlich damit gebrüstet. Denn dass SMAP es geschafft haben, war mir irgendwann vage bewusst geworden. Man hat mir die Geschichte mal mehr, mal weniger abgenommen; je nachdem, wie sehr ich bei der Wahrheitstreue ins Detail gegangen bin.

Selbstverständlich war das alles ein riesengroßes Missverständnis meinerseits, wie ich später einsehen musste. Das Plakat hing nur zufällig dort, es war halt ein Plattenladen, und hatte nichts mit dem gerade im Laden auftretenden Akt zu tun. Wie der hieß, weiß ich bis heute nicht. Falls sie groß rausgekommen sind, habe ich es nicht mitbekommen, oder sie nicht wiedererkannt. SMAP, so weiß ich inzwischen, waren schon damals die ganzheitliche Personifizierung der japanischen Unterhaltungsindustrie und hätten bestimmt kein intimes Ladenkonzert geben können, ohne eine Massenpanik auszulösen. Als Boyband waren sie gestartet, als Herrenband sind sie noch immer dick im Geschäft. Doch die Musik ist nebensächlich angesichts der Koch-, Quiz-, Talk- und Mischmasch-Shows, die die SMAPs gemeinsam oder getrennt voneinander im Fernsehen moderieren, ganz zu schweigen von ihren mannigfaltigen Auftritten in Kinofilmen, Fernsehserien und Werbekampagnen.

SMAP waren zuletzt mehr noch als sonst in den Nachrichten aller Medien präsent, als herauskam, dass sich einige von ihnen von ihrem langjährigen Management trennten. Eine Teiltrennung vom Management schien nicht praktikabel für die Band als Ganzes, so machten schnell Gerüchte um eine komplette SMAP-Zerschlagung die Runde. Einige Leitmedien berichteten darüber in den Hauptnachrichten. Andere Leitmedien fragten kritisch, ob so was in die Hauptnachrichten gehöre. Schweigen mochte niemand. Premierminister Abe äußerte den Wunsch, SMAP mögen zum Wohle der Nation zusammenbleiben. Die Bandmitglieder sagten schließlich zu allgemeiner Erleichterung: „Wir schaffen das!“

Als das nationale Klatschgewitter über SMAP hereinbrach, war ich hocherfreut. Nicht, dass ich ihnen etwas Böses wünsche. Ich bin aus dem Alter raus, in dem man sich an negativer Energie berauscht. Als Fernsehpersönlichkeiten finde ich die Smappys nicht unangenehm, mit ihrer Musik bin ich nach wie vor nicht vertraut. Wahrscheinlich gefiele sie mir nicht, aber damit können vermutlich beide Parteien leben. Der Grund, warum ich die negative Aufmerksamkeit für SMAP begrüßte, war der, dass sie zumindest für einen Moment die negative Aufmerksamkeit von TV-Talent Becky abzog. Die quirlige britisch-japanische Unterhaltungskünstlerin war nämlich gerade arg in die Boulevard-Schusslinie geraten, aufgrund von Dingen, die sich eventuell in einem Hotelzimmer mit einem verheirateten Mann zugetragen haben. Becky war mir stets wichtig, und sie ist es noch mehr, seit meine deutsch-japanische Tochter Hana auf der Welt ist. Der Umzug unserer Familie nach Tokio steht unmittelbar bevor, und mein geheimer Plan war es immer gewesen, Hana an die japanische Unterhaltungsindustrie zu verkaufen oder zumindest auszuleihen, falls es mal wirtschaftlich eng wird. Bitte verraten Sie es nicht meiner Frau, es soll eine Überraschung werden. Becky schien mir da immer ein gutes Vorbild. Sie scheint aufrichtigen Spaß an den Nichtigkeiten zu haben, die sie tut, und trotzdem ein ganz aufgewecktes, vernünftiges Persönchen zu sein. Sollte dieser Skandal ihr nachhaltig schaden, stehen meine Argumente auf unsicherem Grund.

Leider kochte die Becky-Sache wieder hoch, nachdem der SMAP-Krach abgeklungen war. Jetzt setze ich alle meine Hoffnungen in die Baseball-Legende Kazuhiro Kiyohara, die letztens wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde. Entsprechende Gerüchte hatte es um den Mann immer gegeben, man hatte ihn schon früher mit Yakuza beim Golfspielen erwischt, und er hatte einst in einer SMAP-Talkshow gestanden, tätowiert zu sein, was in Japan im Grunde genommen ein Blanko-Schuldgeständnis für alles Mögliche ist.

Also, liebe Geier, stürzt euch auf Kiyohara, wenn ihr euch unbedingt stürzen müsst. Lasst Becky in Ruhe. Wir brauchen sie noch. Ich brauche sie noch.

Nachtrag aus der Gegenwart

In einem zweistündigen Event-Interview im Fernsehen wurde die Causa Becky inzwischen weitgehend beigelegt. Selbstverständlich in einer SMAP-Talkshow, und selbstverständlich ging es in ca. 90 von 120 Minuten in erster Linie darum, was vor dem Interview von den Beteiligten gegessen wurde, wo die Zutaten geerntet und wie sie zubereitet wurden. Konsens in der Bevölkerung ist, dass Becky sich ordentlich genug geschlagen hat, um ihr mehr oder weniger zu vergeben.

Kazuhiro Kiyohara ist mit vier Jahren auf Bewährung davongekommen.

Nagoya, mon amour fou [Kaiho-Kolumne]

In der (gerade noch so) aktuellen Ausgabe der Mitgliederzeitschrift der Deutsch-japanischen Gesellschaft in Bayern ist meine aktuelle Kolumne Japan sucht die Superskandalnudel zu lesen. Drum gibt es die vorletzte Kolumne nun hier für alle Welt in Zweitverwertung.

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Neulich ist mir aufgefallen: Ich war schon lange nicht mehr in Nagoya. Als Spötter könnte man nun fragen: Warum auch? Nagoya hat den Ruf, das Hannover Japans zu sein. Etwas provinziell, etwas eigenschaftslos, ein Ort für Dienstreisen ohne Verlängerung. Dieser Wahrnehmung möchte ich zugleich beipflichten und ihr widersprechen. Nagoya ist tatsächlich so etwas wie das japanische Hannover. Allerdings hängt schon bei Hannover die allgemeine Wahrnehmung schief. Hannover ist schön, gemessen an seiner Größe überraschend urban, und von der subkulturellen Agilität könnte sich München gleich ein paar Scheiben abschneiden und wäre immer noch weit hinterher. Mein letzter Besuch Hannovers bestand aus Spaziergehen mit meinen Eltern. Mein vorletzter bestand aus dem Besuchen eines Punk-Konzerts mit einem PKW voller aufgekratzter betrunkener Jugendlicher. Für beides und vieles dazwischen bietet Hannover die ideale Kulisse.

Ich weiß nicht viel über die Underground-Szene Nagoyas, doch ich war von Anfang an angetan von der Unkompliziertheit und Urbanität der Stadt. Dieser Anfang war 2005, als in Nagoya die Weltausstellung Expo stattfand (fünf Jahre nach Hannover, drolligerweise). Genau die wollte ich mir anschauen, weil ich gerade in der ungefähren Gegend war und Gutes darüber gehört hatte (im Gegensatz zu Deutschland hört man in Japan manchmal Gutes über Großveranstaltungen). Meine Abfahrt nach Nagoya hatte sich jedoch verzögert, wodurch mir kaum genügend Zeit für eine ganze Weltausstellung geblieben wäre, wenn ich am selben Tag wieder abreisen wollte. Deshalb entschloss ich mich, die Expo sausen zu lassen und einfach planlos durch die Stadt zu laufen. Eine Stadt, die mir auf Anhieb gut gefiel und zum Weiterlaufen einlud. Danach gefiel sie mir so gut, dass ich beschloss, sie zur Basis meiner nächsten Japan-Reisen zu machen, denn ich war Tokio ein wenig überdrüssig geworden (unser Verhältnis ist inzwischen gekittet und unsere Liebe stark wie nie). Nagoya war mir die perfekte Alternative. In Osaka verlaufe ich mich immer. Sapporo und Fukuoka sind ein bisschen weit weg von allem. Gegen Kobe ist nichts einzuwenden, es hat mich aber nicht ganz mit dem gleichen warmen Bauchgefühl empfangen wie Nagoya. Und Kyoto … Kyoto ist natürlich schön. Es ist verboten, etwas anderes zu sagen. Wäre es nicht verboten, könnte man zugeben, dass Kyoto nur in seinen schönen Ecken schön ist. Wunderschön. Dazwischen ist die Stadt aber recht unattraktiv, was gerade an den strengen Bauvorschriften liegt, die verhindern sollen, dass Kyoto hässlich wird. Hässlichkeit kann ja ein Vorteil sein, eine eigene Form der Attraktivität. Kein Schwein hat irgendwelche Vorschriften erlassen, die Tokio vor der Hässlichkeit bewahren sollten. Das Resultat ist ein ganz wunderbares Monstrum. Kyoto hingegen ist außerhalb seiner ausgewiesenen Schönheitsgegenden recht fad. Nicht hübsch, nicht hässlich. Da kann man auch gleich in Nagoya bleiben, wo es eher so aussieht, wie es in einer japanischen Großstadt aussehen sollte.

Wie genau bin ich neulich dazu gekommen, seit längerem mal wieder an Nagoya zu denken? Für eine meiner Online-Präsenzen stellte ich einen Adventskalender mit Japan-Fotos zusammen, und dabei stieß ich auch auf Zeugnisse meiner Nagoya-Phase. Sofort überkam mich wieder die alte Liebe. Und doch stellte ich am Ende fest, dass ich kein einziges Nagoya-Foto für den Kalender ausgewählt hatte. So sehr ich diese Phase genossen habe, so wenig habe ich es geschafft, meine Liebe in überzeugende Beweisfotos zu verwandeln.

Eine Stadt ist eben mehr als ihre Sehenswürdigkeiten, mehr als der Glanz ihrer Oberfläche, oder die Abwesenheit oberflächlichen Glanzes. Manchmal ist ihr ganz besonderer Reiz schwer abbildbar, bezifferbar, beschreibbar. Manchmal ist es eben das Gefühl, das einen dort überkommt, das Je ne sais quoi. Das Gefühl, nach Hause zu kommen, obwohl man nie dort gelebt hat. Und so stimmt es: Nagoya ist das Hannover Japans. In anderen Worten: Die wohl unterschätzteste Stadt des Landes. Und sie wird es bleiben, denn sie ist etwas für den besonderen Geschmack. Man hat ihn, oder man hat ihn nicht. Man versteht es, oder man wird es nie verstehen.