Die Ballade von Botox-Baldi

Wie jeder erwachsene Mensch aus Fleisch und Blut habe ich mir die eine oder andere sentimentale Brücke in meine Kindheit und Jugend bewahrt, allerdings nicht unbedingt in meine allerfrüheste Kindheit. Bussi Bär im limitierten Sammelschuber oder Rappelkiste in der Blu-ray-Steelbox wird man in meinem Haushalt nicht finden. Daher wundert es mich selbst, dass ich bis heute an Baldi-Hund festhalte, meinem ersten Stofftier. Irgendwie ist er immer mitgekommen. Nicht mit ins Büro oder in die Kneipe, aber er hat jeden Umzug mitgemacht. Schon lange schläft er nicht mehr bei mir im Bett, keine Sorge. Das würde er auch gar nicht mehr aushalten. Denn Baldi ist alt geworden:

Baldi heißt so, weil ich als Kind das W nicht gescheit aussprechen konnte. Das Problem habe ich zwar inzwischen in den Griff bekommen, möchte das Tier aber dennoch nicht umbenennen. Einen Waldi-Hund kann schließlich jeder haben.

Zuletzt stand Baldi eingequetscht zwischen zwei Aktenordnern (okay, ungeordneten Aktenbehältern) auf meiner Schreibkommode, weil er ohne Hilfe nicht mehr stehen konnte. Er erinnerte mich dabei ein bisschen an diese japanischen Bäume, die schon längst tot umgefallen wären, würden japanische Baumliebhaber ihnen nicht ständig neue Krücken unters Geäst stellen.

Ich sagte einmal meiner Frau, dass ich diese Krückengeschichte für Schummelei halte, man solle doch die Bäume einfach in Würde sterben lassen. Daraufhin sagte sie, es sei doch nett, dass man sich so rührend um die alten Bäume kümmerte. Diese Einstellung übernahm ich fürs erste. Nach einer Weile allerdings hatte ich wieder bei jedem Vorbeiflanieren an Krückenbäumen dieses Flüstern im Kopf: „Erlöse mich! Nimm einfach die Krücken weg und lass mich gehen!“ (Gehen ohne Krücken ist natürlich ein schiefes Bild in diesem Zusammenhang, aber ist ja nur Internet.)

Gut dass ich meine Frau erwähnt habe, denn die brauchen wir jetzt. Beim obligatorischen Durchblättern alter Familienfotos stieß sie einmal einen spitzen Schrei aus und rief: „Baldi war mal… weiß!“

Ich sagte: „Frau, du redest Unsinn!“ Gleich darauf entschuldigte ich mich, weil sie keinen Unsinn redete. Leider kann ich das Foto gerade nicht wiederfinden, vermutlich ist es in einem ungeordneten Aktenbehälter, doch es existiert. Ich hatte das freundliche Grau stets als seine Originalfärbung wahrgenommen, schließlich war die Ergrauung ein schleichender Prozess gewesen.

Nun hatte meine Frau sich in den Kopf gesetzt, den Original-Baldi rekonstruieren zu lassen. Es gäbe da eine wunderliche Alte, sagte sie, die lebe zurückgezogen in den Bergen, und sie kreiere Kunst aus ausgestopften Tieren. Außerdem mache sie veraltete Stofftiere in einem dreimonatigen Prozess wieder wie neu, für nur 30.000 Yen.

Ich stieß einen spitzen Schrei aus und rief mit der Stimme meiner Mutter: „30.000 Yen? Das sind ja fast 500 Mark! Wie viele fabrikneue Baldis könnten wir dafür kaufen?!“

Meine Frau sprach die Antwort aus, die ich längst kannte: „Aber die wären nicht Baldi.“

Also schickten wir ihn in die Bergklinik. Vorher dokumentierte ich noch die Altersspuren:

Die Künstlerin bot uns an, nach Eintreffen des Tieres eine Einschätzung abzugeben, ob es in unserem Fall schneller und günstiger gehen könnte. Die Antwort kam schnell: Nein, das ginge ganz sicher nicht.

Wir durften ihn in den drei Monaten nicht besuchen. Oft malte ich mir aus, wie er nun dalag, allein auf einem Seziertisch in einer dunklen Berghütte, aufgeschnitten und ausgespreizt, die Felllappen mit Haken und Ketten in Position gehalten, wie eine sadomasochistische Fantasie aus einem Hellraiser-Film für Stofftiere.

Als Baldi zurückkam, erfuhren wir zuerst, was die Künstlerin am liebsten bei der Arbeit trank, offenbar in größeren Mengen.

Dann sahen wir ihn, und er sah uns.

Er sah uns sogar aus neuen Augen. Die alten hatte die Künstlerin separat mitgeliefert (unten auf der Abbildung unten).

Er ist heller und fülliger geworden. Das Fell ist nicht einfach nur mit Perwoll gewaschen. Es ist neu.

Im Schnauzenbereich ist er noch ein bisschen kahl, wie früher. Ich bin überzeugt, dass die Künstlerin dort bewusst ausgespart hat, um Baldis tatsächliches Alter zu würdigen. Sie hat es geschafft, seine Seele zu bewahren, obwohl sie wohl so ziemlich alles außer dem Halsband ersetzt hat. Jetzt kann ich ihn endlich wieder bedenkenlos mit ins Bett nehmen.

Das war also die Ballade von Botox-Baldi. Streng betrachtet handelt es sich nicht um eine Ballade, doch als Mensch aus Fleisch und Blut kann ich einfach keiner naheliegenden Alliteration aus dem Weg gehen. Könnte ich malen, hätte ich eher ein Bild gemalt. So wie meine Tochter es unaufgefordert getan hat: Baldi im Kreis der Familie, inklusive seiner alten Augen.

Der Nostalgist und ich

Kürzlich saß ich mit einem Bekannten aus der Unterhaltungsindustrie zusammen, wir sprachen von Musik. Dass dieser Bekannte ein Unterhaltungsindustrieprofessioneller ist, ist für die Geschichte völlig irrelevant; ich wollte nur damit angeben, dass ich Bekannte in der ‚Unterhaltungsindustrie‘ habe. Wir sprachen nicht nur davon, welche Musik wir gerne hörten, sondern auch darüber, wie wir sie gerne hörten. Da wir noch nicht lange miteinander bekannt waren, klassifizierte ich das Gespräch als Smalltalk. Bei Smalltalk muss man nicht die Wahrheit sagen. Man sollte seinen Gesprächspartner vor allem nicht mit allzu komplizierten und kontroversen Wahrheiten konfrontieren. Deshalb sagte ich das, was man in solchen Angelegenheiten halt so sagt, nämlich dass mir die Vinylschallplatte die liebste sei. Dabei machte mich die unreflektierte Vinylkonsensnostalgie in Wirklichkeit augenrollen. In meinem Buch Happy Tokio plädiere ich sogar für eine unreflektierte CD-Nostalgie (Seite 58f.), einfach so, aus reiner Freude an der Provokation, weil man es ja wohl noch mal sagen dürfen wird.

Wahrheitsgemäß erzählte ich meinem Bekannten, dass ich alle meine Vinylschallplatten samt Abspielgerät weggeben hatte, als ich in den Osten rübermachte. Außerdem erzählte ich, dass ich nun, da in meinen Leben wieder der liebe Trott eingekehrt war, mit dem Gedanken spielte, wieder eine Schallplattensammlung zu beginnen. Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Dieser Gedanke war mir tatsächlich ab und an gekommen, allerdings nicht in allerjüngster Vergangenheit, sondern eher in mitteljunger Vergangenheit, als der Kopf und das Leben doch noch etwas durcheinander waren und man jeden Tag mindestens eine brillante Idee hatte, was man alles unbedingt in seine Lebenshaltung integrieren müsste, um der Mann von Welt zu werden, den die Welt verdient hat. Rasierpinsel, maßgeschneiderte Schuhe, Schallplattenspieler; solche Sachen denkt man dann.

Zwischenzeitlich jedoch war mit dem Trott auch die Vernunft eingekehrt. Sie sagte: „Mit dem stilvollen Rasieren warten wir lieber, bis wir uns ein stilvolles Rasierzimmer einrichten können. Mit dem Rasierzimmer und den Schuhen warten wir lieber, bis wir noch ein paar Bücher verkauft haben. Was die Musik betrifft: Du hörst eh kaum noch welche. Du brauchst keine zusätzliche Darreichungsform für die Musik, die du nicht hörst.“

Das war das, und ich träumte nie wieder Schallplattenträume.

Bis zu jenem Tag, als ich das Gespräch mit meinem Bekannten aus der Unterhaltungsindustrie hatte. Als ich ihm die Lüge von meinen Vinylplänen auftischte, war sie schon fast Wahrheit geworden. Ich ertappte mich danach ein ums andere Mal dabei, Schallplattenspielermodelle zu vergleichen, sie in virtuelle Einkaufskörbe zu legen, sie panisch wieder zu löschen.

Als der CD-Player, mit dem wir die Hintergrundmusik für Familienessen einspielen, nach zu vielen Kleinkindkontakten endgültig den Dienst verweigerte, ließ ich alle Vernunft fahren und erklärte: „Na gut, dann diesmal was mit Plattenspieler.“

Ich stellte nur zwei Bedingungen: Das Gerät sollte billig sein und lächerlich aussehen. Also entschied ich mich für das Modell The Nostalgist der Firma Qriom. Die Anschaffungskosten hatte man mit einer einzigen Kolumne für ein mäßig zahlendes Online-Magazin fast komplett wieder drin. Das Retro-Design erinnerte an so gut wie gar nichts, was es früher wirklich mal gegeben hätte. Die Modellbezeichnung bescherte mir sogleich eine vage Idee für eine neue fiktive Figur. Ich weiß nur noch nicht, ob der Nostalgist ein Superheld oder ein Serienmörder wird. Sollte ich es als Konzept fürs moderne Krawallfernsehen amerikanischer Machart ausarbeiten, spricht natürlich nichts dagegen, beides zu kombinieren.

Der Nostalgist überraschte mich. Die Teile, die auf Fotos nach Holz und Metall aussehen, sind tatsächlich aus Holz und Metall. Der Klang ist warm, außerdem differenzierter als der des deutlich teureren Nur-CD-Players von einer namhaften Marke, den wir bis vor kurzem beschäftigt hatten. Selbstverständlich kann man keinerlei Höhen oder Bässe einstellen, oder wie dieser ganze Spezialisten-Schnickschnack heißt. Natürlich stört mich ein bisschen, dass modischer Unfug wie ein Speicherkartenleser an Bord ist. Außerdem stört mich, dass kein Bluetooth dabei ist. Wir Menschen verwickeln uns halt mitunter in Widersprüche. Nicht stört mich, dass der CD-Player nach jedem Lied knackt und das Radio nur manchmal funktioniert. Ich möchte ja nun in erster Linie Schallplatten hören.

Auf der Suche nach meiner ersten neuen Schallplatte lernte ich: Der HMV Record Shop in Shibuya hat zwar die freundlicheren Mitarbeiter, aber die Recofan-Filiale eine Ecke weiter ist besser bestückt und atmosphärisch befriedigender. Außerdem hat sie viel authentischere Plattenladenmitarbeiter. Als ich nach meinem Einkauf auf der Suche nach dem Ausgang einmal durch das ganze große Geschäft im Kreis gelaufen war und wieder an der Kasse ankam, fragte ich eine Mitarbeiterin nach dem Weg. Sie schaute vom Plattensortieren keineswegs auf, sondern zeigte nur wortlos mit der Hand in die ungefähre Richtung, was mir nur ungefähr weiterhalf. Da wurde mir ganz warm ums Herz: Die guten Menschen hier wollen gar nicht, dass ich sie jemals verlasse.

Wenn ich mal Musik höre, dann in erster Linie welche von alten weißen Männern, die sich zur Gitarre einen Kopf machen. Bei Schallplatten kommt es aber auf Klang an, meine ich gehört zu haben, deshalb wollte ich auf meiner ersten neuen Schallplatte Musik haben, die sich auch nach Musik anhört. Etwas, wozu ich meinen kleinen Popo schütteln kann, wenn keiner guckt. Oder einen täuschend echten Roboter tanzen. Oder den Mann hinter der imaginären Glasscheibe.

Also entschied ich mich für den Soundtrack des Films Wild Style. Als in den 1980ern der Hip-Hop in kleinen Dosen nach Deutschland kam (echter Hip-Hop, nicht Deutschrap), war ich zugeneigt. Allerdings wusste ich zunächst nicht, ob meine Zuneigung ironisch oder aufrichtig war. Sie ist eine verwirrende Zeit, die Pubertät. Als ich mich Anfang der Neunziger von ganzem Herzen bekennen konnte, ahnte ich nicht, dass Hip-Hop als innovative, elektrisierende, ausdrucks- wie inhaltsstarke Kunstform nicht mehr lange zu leben hatte, bevor sie von maulfaulen, ideenlosen Kifferluschen mit komischen Namen vereinnahmt wurde. Wie sollte ich Reime und Rhythmen von jemandem für voll nehmen, der sich, zum Beispiel, Puppylove Waldi Doggystyle rief? Ich war es gewohnt, zu Füßen von Großmeistern zu sitzen, nicht bei den Pfoten von Haustieren.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Ich habe jetzt jedenfalls wieder eine Schallplatte. Sie gefällt mir gut, und manchmal höre ich sie auch. Vielleicht kaufe ich mir noch eine.

Oh, wie heiß ist Tokio

Es ist so heiß, dass das kälteste aus dem Wasserhahn zu bekommende Wasser lauwarm ist.

Es ist so heiß, dass man das Kind am Ende des Kindergartentages kauernd auf dem Kindergartenfußboden vorfindet, mit leiser Stimme wimmernd: „Mir ist so kaaalt!“ Denn selbstverständlich dürfen die Kleinen bei der Hitze nicht nach draußen, sondern gehören acht Stunden mit der Klimaanlage eingesperrt.

Es ist so heiß, dass ich zum ersten Mal, seit ich denken kann, willentlich ohne Armbanduhr am Arm aus dem Haus gehe. Dabei trage ich doch so gerne Armbanduhren. Aber bei diesem Wetter könnte ich mir gefühlt genau so gut eine Wolldecke ums Handgelenk wickeln.

Es ist so heiß, dass mich in der noch jungen Woche bereits zweimal an unbeschatteten Bushaltestellen fast eine Ohnmacht überkam. Nach dem Geständnis mahnt die Ehefrau: „Du darfst nicht vergessen zu trinken. Weshalb steht denn wohl in diesem Land alle zwei Meter ein Getränkeautomat?“ Sage ich: „Ich habe mein Lebtag noch nie vergessen zu trinken und nie verstanden, warum so viele Erdenmenschen diesen simpelsten aller Ur-Instinkte wie eine Geheimwissenschaft behandeln. Nur ist es inzwischen so heiß, dass die körperliche Anstrengung beim Führen des Getränkes zum Munde meinen Kreislauf aus der Bahn wirft.“

Es ist so heiß, dass ich mir nicht etwa zum ersten Mal in meinem Leben eine kurze Hose gekauft hätte. Ich habe mir DREI kurze Hosen gekauft. Weil ich nicht vorhabe, jemals wieder etwas anderes zu tragen.

Es ist so heiß, dass mir bestimmt noch viele Verse einfielen, die Hitze und ihre Pracht zu preisen, wenn es nur nicht so heiß wäre.

Ich öffne im Traum David Bowies Nassrasiererverpackung und esse in echt Salat mit jemand anderem

Ich habe letzte Nacht nichts versäumt, denn ich habe nur von David Bowie geträumt. Wir fuhren auf einem Kreuzfahrtschiff und kamen ins Gespräch, als wir im Rasiererladen an Bord dasselbe Modell von Nassrasierer kauften. Wir hatten beiden Schwierigkeiten, die unglücklich gestaltete Designerverpackung zu öffnen. Ich bekam den Trick schließlich heraus, wir rasierten uns gemeinsam im öffentlichen Puderzimmer des Schiffes.

Wohin die Reise ging? Wer weiß das schon, im Leben wie im Traum.

Den Bowieisten der Welt hingegen brennt eine ganz andere Frage unter den Nägeln: „Welcher Bowie war es denn?! Er war ja ein Mann der tausend Masken, ein Chamäleon gar!“

Sage ich: „Quatsch mit Soße, Chamäleon! Er war eher das Anti-Chamäleon! Das Schuppenkriechtier aus der Familie der Leguanartigen ist bekannt dafür, dass es die Farbe seiner Umwelt annimmt. Bei David Bowie hingegen war es umgekehrt: Die Welt nahm stets die Farbe an, die er trug.“

Aber um die Frage zu beantworten: Es war circa der Bowie von hours, seinem besten Album.

Der Bowie um die Jahrtausendwende ist mir der Liebste. Da hatte er den Firlefanz der frühen Jahre ebenso fahren lassen wie die Gefallsucht des 80er-Jahre-Comebacks und sich verhältnismäßig ungeschminkt stärker auf die Musik als auf die Inszenierung konzentriert. Nun rufen die medienwissenschaftlich studierten Inszenierungsexperten: „Reingefallen! Das war doch auch nur eine Inszenierung!“ Sollen sie rufen, sie haben ja sonst nichts.

Ich möchte wohlgemerkt kein Bowie-Phasen-Bashing betreiben. Alle Bowie-Phasen beinhalteten großartige Einzelleistungen, sogar die allseits überschätzte Berlin-Phase. Okay, da hat sich jetzt doch ein kleines Bowie-Phasen-Bashing eingeschlichen.

Das Album hours wurde seinerzeit von den wohlwollenderen Kritikern als gediegenes Alterswerk eingeordnet. Das Dilemma mit Bowie und meiner Generation war stets, dass wir ihn von Anfang an für „alt“ hielten (ohne es notwendigerweise böse zu meinen) und eines Tages ganz plötzlich für „viel zu jung von uns gegangen“. Er konnte es uns einfach nicht recht machen, dieser David Bowie. Im Leben nicht, und im Tode nicht.

Der Traum mit David Bowie erinnert mich an einen weitaus früheren Traum, den ich einmal träumte. Darin gründete ich mit Don DeLillo und Harvey Keitel eine Zeitschrift für Videospiele und postmoderne Literatur. Warum Harvey Keitel? Ist er ein Experte für NextGen-Konsolen? Ach, es waren die 90er, da spielte Harvey Keitel einfach überall mit.

Um einem falschen Eindruck entgegenzuwirken: Ich träume relativ selten von Prominenten. Ebenso selten begegne ich welchen. Manchmal aber schon. Einmal zum Beispiel teilte ich mir einen Fahrstuhl mit der berühmten Wettesserin Gal Sone.

Es war im Gebäude des Kindergartens meiner Tochter. Womöglich wollte sie ihr Kind dort ebenfalls einschreiben. Entweder hat sie es sich anders überlegt, oder sie überlässt das Holen und Bringen ihrem Personal, jedenfalls blieb es bei dieser einen Begegnung. Sie hat sich damals im Fahrstuhl weder danebenbenommen, noch war sie außerordentlich kommunikativ, falls es jemanden interessiert.

Manchmal treffe ich Prominente und merke es nicht, beziehungsweise man sagt es mir erst hinterher. Kürzlich war ich essen mit einer japanischen Schriftstellerin. Ihr Manager hatte uns zusammengebracht, zwecks einer eventuellen Zusammenarbeit.

Obwohl ich der japanischen Schriftstellerei zugeneigt bin, hatte ich von der betreffenden Dame noch nie gehört. Während des Gesprächs wurde allerdings deutlich, dass sie schon einiges geleistet hatte. Abends sagte ich dann zu meiner Frau: „Ich glaube, die ist semi-berühmt.“

Als ich ihr den Namen nannte, staunte sie nicht schlecht und rief: „Die ist sogar sehr berühmt!“

Ich wiegelte ab: „Wenn du und ich jemanden kennen, heißt das nicht, dass der berühmt ist. Berühmt ist jemand, den, zum Beispiel, unsere Eltern kennen.“

„Meine Mutter kennt die, jede Wette!“

Ein kurzer Kontrollanruf bestätigte: Mutter Katayama kannte sie und ist nun einigermaßen erleichtert, dass ihr Schwiegersohn es vielleicht doch noch zu was bringt.

Mit dem Wissen, dass meine Lunch-Verabredung recht prominent ist, bekommt die Begegnung natürlich gleich eine ganz andere Qualität. Wissen Sie was? Sie hat Salat bestellt! Und wissen Sie was noch? Sie hat ihn zurückgehen lassen, wegen Nüssen!

Und merken Sie, was nun in Ihrem Kopf passiert? Dort kombinieren Sie ‚prominent‘ und ‚Salat zurückgehen lassen‘ zu: „So eine elitäre, privilegierte Mega-Bitch!“ Es war aber gar nicht so. Sie hat den Salat sehr nett zurückgehen lassen und überhaupt sehr viel und vertraut mit der Bedienung geschnattert, man kannte und schätzte sich wohl. Eine Allergie ist ja auch nicht immer bloß eine Allüre.

Und merken Sie, was außerdem passiert ist? Jetzt habe ich ganz beiläufig einfließen lassen, dass ich eventuell (die Wahrscheinlichkeit verdichtet sich) mit einer berühmten Schriftstellerin zusammenarbeiten werde. Da habe ich maßlos übertrieben. Meinerseits wird es eher ein weitgehend anonymes Zuarbeiten sein. Nichtsdestotrotz freue ich mich sehr. Leider muss ich wegen Knebelverträgen vorerst Stillschweigen bewahren. Das tue ich hiermit.

Wider ein Leben mit dem Senfglas

Letztes Jahr um diese Zeit wollten wir mal was ganz Verrücktes und total Japanisches machen, also haben wir eine Beaujolais-Party gefeiert. Es sollte natürlich eine ironische Beaujolais-Party werden, denn wir wussten ja, dass Beaujolais nouveau total eklig ist. Wir wussten es freilich nicht aus eigener Erfahrung, sondern hatten unkritisch die Vorurteile übernommen, die in besseren Kreisen bei diesem Reizthema zum guten Ton gehören. Alle Welt macht sich lustig darüber, dass Japan den jungen Wein jedes Jahr in großen Mengen aufkauft, und die Franzosen, so hört man, sind froh, dass sie das Gesöff los sind. Doch was soll ich sagen? Uns hat es so gut geschmeckt, dass wir dieses Jahr schon wieder eine Beaujolais-Party gefeiert haben. Diesmal in echt, ohne Ironie. Die Kritik, Beaujolais nouveau schmecke wie Obstsaft mit Alkohol, ist zwar sachlich nachzuvollziehen. Ich verstehe nur nicht, wo darin die Kritik liegt. Obstsaft ist lecker, und Alkohol kann, gewissenhaft genossen, auch mal ganz lustig sein.

Die ungeprüften Vorurteile gegenüber Beaujolais erinnern mich an den strunzdummen Merlot-Hass, der kurz nach der mäßigen amerikanischen Kinoklamotte Sideways grassierte. In der Filmhandlung überredet der eine Tunichtgut den anderen Tunichtgut zu einer Doppelverabredung mit zwei Damen, woraufhin der nur bedingt überredete Tunichtgut die Bedingung stellt: „Aber wenn sie Merlot bestellen, gehen wir!“

Man nagele mich nicht auf die I-Tüpfelchen-Genauigkeit des Wortlauts fest, es ist eine Weile her. Es ist mir trotzdem sinngemäß hängengeblieben, weil es lustig ist.

Mehr ist es derweil nicht. Ein flotter Spruch einer ausgedachten Figur in einer ausgedachten Geschichte. Daraus muss man keine Konsequenzen für das eigene Leben ziehen. Und trotzdem behaupteten plötzlich Hinz und Kunz, etwas gegen Merlot zu haben. So ein Unsinn. Merlot. Darüber haben sich Hinz und Kunz vor Sideways nie irgendwelche Gedanken gemacht. Wozu denn auch. Ist halt eine Traube. Daraus gärt man Traubensaft mit Alkohol, der wird mal so, mal so, wie bei anderen Trauben auch. Behauptet jemand, Merlot ganz generell zu verachten, plappert er mit großer Wahrscheinlichkeit nur etwas nach, was mal ein abgehalfterter Alkoholiker in einer amerikanischen Komödie gesagt hat.

Mit Amerika und Wein ist das ja eh so eine Sache. Ich spreche nicht vom amerikanischen Wein, der ist mitunter ganz gut, sondern von der amerikanischen Weinetikette. Zumindest die, die man aus dem Fernsehen kennt. Fast niemand im amerikanischen Fernsehen weiß, wie man ein Weinglas hält. Nicht mal im Weißen Haus, inzwischen Pflichtschauplatz in so ziemlich jeder einigermaßen aktuellen US-Serie, weiß man das. Was glauben diese Menschen denn, wozu der Stiel am Glas da ist?

Schlimmste Sünderin ist Olivia Pope, Hauptfigur der Serie Scandal. Ein kurzer weinseliger Exkurs: Ich liebe diese Serie aus dem gleichen Grund, aus dem ich die Saw- und die Fast-&-Furious-Filme liebe: Wegen des völlig ungehemmten Storytellings. Wo ich schon entgegen meiner Überzeugung unnötigen Anglizismen Tür und Tor öffne (der Alkohol), packe ich gleich noch einen oben drauf und gebe dieser Storytelling-Technik einen vollmundigen Titel; und zwar nenne ich sie den ‚We make it up as we go along‘-Ansatz. Das gänzlich schamlose Verheddern und Voranpeitschen der Plots hat zur Folge, dass die Serien kaum noch etwas mit ihren ursprünglichen Konzepten zu tun haben, und das ist gut so. Fast & Furious wurde erst sehenswert, als man endlich aufhörte so zu tun, als ginge es in diesen Filmen um illegale Autorennen. Scandal ist schon lange keine episodenhafte Serie mehr über eine Gruppe von Rechtsexperten, die Woche für Woche einem anderen Klienten aus der Bredouille helfen, sondern ganz großes amerikanisches Theater, eine Art Mischung aus The Blacklist und House of Cards, nur auf Speed.

Saw handelt zugegebenermaßen immer noch von einem kranken alten Mann, der seine schlechte Laune an anderen auslässt. Allerdings wurde inzwischen durch das fröhliche Rückblendenbombardement der Fortsetzungen so vieles relativiert, dass an den ersten Filmen eigentlich gar nichts mehr stimmt. Saw und Fast & Furious sind so etwas wie der Beaujolais und der Merlot unter den amerikanischen Filmserien. Kritisiert werden sie meist von denen, die zu der Materie gar keinen nennenswerten Bezug haben.

Doch zurück zu Olivia Pope und ihrem Weinproblem. Ich habe die Figur von Anfang an nicht gemocht; sie ist weinerlich, selbstgerecht und opportunistisch. Ich bin begeistert, dass sie in der aktuellen, finalen Staffel endlich gewissenlos über die Leichen von Frauen, Kindern und Männern geht. Ich hoffe, es folgt keine überraschende Wendung mehr, die alles wieder relativiert. Jeder soll endlich sehen, was für ein Miststück sie wirklich ist und immer gewesen ist. Aber am meisten stört mich nach wie vor die Sache mit dem Weinglas.

Im amerikanischen Fernsehen gibt es nur eine einzige Figur, die fähig ist, ein Weinglas korrekt zu halten, und die ist ausgerechnet ein Serienmörder mit Migrationshintergrund.

Kein Wunder, dass die Serie eingestellt wurde in dem gerade wieder sehr serienkillerfeindlichen politischen Klima in den USA.

Denke ich an Wein, Amerika und Manieren, dann denke ich an Max Goldt, denn er hat zu all diesen Themen gearbeitet. Weil es Max Goldt sehr daran gelegen ist, nicht ständig als Benimmonkel missverstanden zu werden, hat er einmal sinngemäß geschrieben, das ganze Weinglasgewese sei ihm herzlich schnuppe, man könne Wein genauso gut aus Senfgläsern trinken (vielleicht schrieb er gar nicht: „Senfgläser“, sondern: „Limogläser“, aber ich finde Senfgläser lustiger). Ich widerspreche Max Goldt äußerst ungern, muss es gleichwohl in diesem Fall tun. Ein guter Wein gehört in ein gutes Glas, und das will gut gehalten werden. Nein, falsch. Ich korrigiere: Ein richtiger Wein gehört in ein richtiges Glas. Ob das nun ein Glas für zehn Mark oder hundert Euro ist, ist tatsächlich herzlich schnuppe. Ein Weinglas derweil sollte es schon sein. Wer Wein (oder überhaupt irgendetwas) aus Senfgläsern trinkt, geht vermutlich auch in Trainingsanzügen aus Ballonseide aus dem Haus. Geht alles, ist vermutlich genauso warm und bequem wie richtige Kleidung. Doch schuldet man es nicht nur den Augen anderer, sondern auch seinem eigenen Körper, ihn in einen geringfügig edleren Zwirn zu hüllen. Es muss nicht haute couture sein, ein mit Bedacht gewähltes Ensemble von C&A ist zur Wahrung der Menschenwürde völlig ausreichend. Nur eben eines aus der Damen- oder Herrenabteilung, nicht aus der Sportabteilung.

Als ich mich übrigens neulich in Ermangelung anderer großer Geister der muttersprachlichen Sachprosa noch einmal durchs bisherige Gesamtwerk Max Goldts querlas, stolperte ich dabei über zwei Ausdrücke: Bundeskanzler Gerhard Schröder und PDA. Hatte ich so lange nicht mehr gehört oder gelesen, dass ich im ersten Moment gar nichts damit anfangen konnte.

Wenn man schon Max Goldt zitiert, kann man auch gleich David Byrne zitieren, der gesagt haben soll, Tischmanieren seien etwas für Leute, die sonst nichts zu tun haben. Bei Byrne wie bei Goldt scheint mir die Ablehnung von Etikette zumindest zu Teilen eine Trotzreaktion auf die eigene Etepetete-Reputation. Dabei ist es bei Etepetete wie bei der Etikette: Zu viel ist doof, aber ein gewisses Mindestmaß sollte sein. Ohne bricht vielleicht nicht gleich die ganze Zivilisation zusammen. Doch ein bisschen bröckeln und wackeln wird sie schon.

Bei Etikette und Zivilisationsverlust fällt mir ein, dass Donald Trump neulich hier in Tokio zu Besuch war. Zu unserer Beaujolais-Party war er nicht eingeladen, dennoch waren wir betroffen, denn wir mussten wegen seines Sicherheitskonvoys erhebliche Umwege bei unserem sonntäglichen Spaziergang in Kauf nehmen. Das war sehr schön, bekam ich doch endlich mal all die verschiedenen Polizeiautos auf einem Haufen zu sehen, die ich sonst nur aus meinen Romanen kenne. Eine der großen Jubelschlagzeilen in der lokalen Presse war indes die, dass Präsident Trump sich in der Gegenwart Kaiser Akihitos nicht sonderlich danebenbenommen hatte.

Ich finde, man könnte bei Staatsmännern die Messlatte für Jubelschlagzeilen ruhig etwas höher hängen. Aber ich möchte auf keinen Fall als Benimmonkel missverstanden werden.

Mein Orientierungsjahr 2016: Abschließender Geschäftsbericht

Das Jahr 2016 scheint vor allem dafür bekannt, dass in seinem Verlauf, zumindest nach Augenmaß, überdurchschnittlich viele Personen des öffentlichen Lebens gestorben sind, die einem etwas bedeuten, so man in eine gewisse Altersspanne fällt. Abseits dieser Altersspanne wurde dieser Umstand mit weniger Wut, Trauer und Betroffenheit aufgenommen. In der Zeit (glaube ich) oder einer ihrer Ablegerpublikationen (könnte sein) erschien seinerzeit ein vieldiskutierter (meistens zurecht verlachter) Artikel eines Nachwuchsjournalisten, dessen Grundtenor war: Meine Freunde und ich kennen diesen Prince gar nicht, er kann also kaum so wichtig gewesen sein wie Justin Bieber oder Maximo Park. Jenseits des anderen Endes der Altersspanne wird, beispielsweise, „dieser Prince“ auch für, beispielsweise, meine Eltern kaum mehr gewesen sein als eine vage Erinnerung aus meinem Kinderzimmer. Vielleicht verwechselten sie ihn sogar mit „diesem Adam Ant“.

Offenen Auges müsste man zugeben, dass es 2016 durchaus wichtigere Nachrichten gab als tote Prominente, so sehr der eine oder andere Verlust tatsächlich schmerzte. Hat man allerdings gerade im fortgeschrittenen Alter einen Überseeumzug gestemmt, hat man zunächst gänzlich andere Prioritäten als die Sondierung der internationalen Nachrichtenlage. Da geht es um die Grundbedürfnisse des Menschen, die essenziellen Fragen, wie zum Beispiel: Werde ich ein Nudelrestaurant in meiner Nähe finden, in dem ich von nun an fast jeden Tag essen werde, und zwar fast jeden Tag dasselbe?

Ich habe meines gefunden, es sieht so aus:

Dort esse ich fast jeden Tag Mazesoba. Hier im Urzustand:

Dann so: maze, maze, maze.

Und dann essen, und dann war es wie immer gut.

Die Nudeln müssen mit Geld bezahlt werden. Nur ist das mit dem Geld so eine Sache, und zwar eine ungerechte. Mein Plan war es, das Nudelgeld mit dem Schreiben von Büchern und Zeitungs- beziehungsweise Zeitschriftenartikeln zu verdienen. Grob gerechnet bekommt man für drei oder vier Artikel in einigermaßen großen Publikationen (ein paar Tage Arbeit) so viel Geld wie für ein Buch in einem relativ kleinen Verlag (ein paar Monate Arbeit). Leider macht aber das Schreiben von Büchern mehr Spaß als das Schreiben von Artikeln (fürs Schreiben im eigenen Blog bekommt man übrigens gar kein Geld, so man keine unseriösen Reklameanzeigen nebenan haben mag). Zum Glück bin ich modern genug, mich eine Weile von meiner Frau aushalten zu lassen. Drum entschloss ich mich, in diesem Jahr rein nach Spaßprinzip zu schreiben. Also erstens Bücher, zweitens einfach so drauf los. Normalerweise misstraue ich Buchideen, bei denen sich nicht zumindest Anfang und Ende innerhalb von fünf Minuten von selbst offenbaren. Aber diesmal wollte ich so schreiben wie früher, als die Welt noch jung und die Zukunft ungeschrieben war und jeder Morgen nach frisch gemähtem Rasen und Aufbruch duftete. Deshalb habe ich nun einiges gänzlich Unerwartetes in der virtuellen Schublade, zum Beispiel:

  • Die ersten Worte einer interdimensionalen, ultrabrutalen, mechaerotischen Weltraumoper (also wahrscheinlich Jugendbuch).
  • Fragmente eines großstädtischen Quatschkopfromans, mit dem ich es in erster Linie auf den Ingeborg-Bachmann-Preis und/oder eine Verfilmung im Stile Woody Allens abgesehen habe.
  • Und natürlich – was soll man in Tokio auch anderes schreiben? – einen High-Concept-Entwurf für eine München-Moosach-Krimireihe.

Vielleicht sollte ich per Publikumsvotum entscheiden lassen, was ich davon ernsthaft weiterverfolge. Sollte es die Weltraumoper werden, müsste ich allerdings herausfinden, wie ich das Gesicht meiner Agentin verletzungsfrei wieder aus ihren Handflächen entfernen kann.

Nicht aufgeführt sind übrigens die zweieinhalb Projekte, bei denen ich vorsichtig optimistisch davon ausgehe, dass sie bald tatsächliche Spruchreife erlangen, ebenso wie die zwei vorläufig ausgereiften Projekte, die bereits hoffnungsfroh ihre Verlagsrunden drehen. Faul war ich also nicht, ich sah nur aus der Ferne so aus.

Sind die Nudelfragen geklärt und summt und brummt die Arbeitsroutine verlässlich vor sich hin, ist es auch im Neuen Leben an der Zeit, sich wieder für das Weltgeschehen zu interessieren. Schon früh hatte ich den Entschluss gefasst, mein Neues Leben solle langsamer und analoger werden – weniger postfaktisches Internet, mehr gedruckte Lügenpresse. Drum abonnierte ich sofort alles, was mir in die Quere kam und neuen Abonnenten einen Gratis-Jutebeutel versprach. Und kam bald mit der Lektüre nicht mehr hinterher.

Nun gibt es nichts Bekloppteres als den Spruch, nichts sei so alt wie die Zeitung von gestern. Wer nach Gesichtspunkten der Tagesaktualität Zeitung liest, bräuchte das wirklich nicht zu tun, da haben die Digitalhektiker ausnahmsweise recht. Qualitätsjournalismus lese ich auch gerne mal ein paar Tage oder eine Woche später. An den Weltereignissen ändert es ja nichts, ob ich sofort von ihnen erfahre oder erst nach allen anderen. Wenig ist mir so zuwider wie die polternde Beschwerde, diese oder jene Medien (im Zweifelsfall das deutsche Fernsehen) berichteten nicht schnell und live genug von den neuesten Gräueltaten. Informationsjunkies sind eben auch nur Junkies, zu beschönigen oder gar zu glorifizieren gibt es an diesem Zustand nichts.

(Wenn ich von mir ausgehe – und von wem sollte ich sonst ausgehen? – , dann glaube ich übrigens, dass die Fernsehnachrichten vor den Tageszeitungen aussterben werden. Zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sitzen und in eine bestimmte Richtung sehen zu müssen, um in vorgeschriebenen Tempi und starren Formaten informiert werden zu dürfen, erscheint mir schon heute absurd. Doch das nur am Rande.)

Dennoch: Wenn Entschleunigung in Überforderung umschlägt, muss eingeschritten werden. Es geht nicht an, dass hier noch ungelesene Zeitungen von vorm Nikolaus liegen. So habe ich gleich meinen ersten Vorsatz fürs Neue Jahr: Mindestens die Hälfte meiner Abonnements wieder abbestellen. (Das wird wohl auch dich betreffen, lieber New Yorker. Es liegt nicht an dir, es liegt an mir. Deine Cartoons sind zwar so überschätzt wie die Interviews im Playboy, aber deine längeren Artikel habe ich stets gern gelesen. Beziehungsweise lesen wollen, wenn ich die Zeit gehabt hätte. Habe ich jedoch nicht. Nicht jede Woche. Wenn du dich zu einem monatlichen oder quartalsweisen Erscheinungsturnus entscheiden könntest, würde ich es mir noch mal überlegen. Was ich eigentlich sagen wollte: Den Abonnenten-Jutebeutel, der mir vertraglich zusteht, möchte ich trotzdem noch haben. Alle anderen Zeitschriften haben mir den Abonnenten-Jutebeutel unaufgefordert zugeschickt. Also bitte zack-zack.)

Für die wirklich wichtigen Nachrichten müssen wir heuer selbstverständlich einen bangen Blick nach Amerika werfen: Rogue One. Oft hörte ich die Einschätzung: Erst gähn, dann geil. Mir ginge es, falls ich mich überhaupt jetzt schon zu derlei extremen Urteilen hinreißen lassen müsste, eher umgekehrt. Eigentlich geht es mir hier aber gar nicht um die Qualität des Films, die kann man bei einem emotional so komplexen Lebensaspekt wie Krieg der Sterne ohnehin frühestens nach vier oder fünf Durchläufen vorläufig abschließend beurteilen, sondern darum: Es scheint, als war 2016 das Jahr, in dem Krieg-der-Sterne-Filme ganz normal geworden sind. Schon weiterhin Eventereignisfilme, auf die man sich flatternden Herzens freut. Doch flattert es nicht mehr gar so stark, dass man vorher nächtelang nicht schlafen kann (anders also als letztes Jahr noch). Seit Disney dankenswerterweise das ganze Unternehmen übernommen hat, ist bekannt, dass es fortan jährlich einen neuen Krieg-der-Sterne-Film geben wird. Wenn nicht Episode-Irgendwas, so doch irgendein Spinoff-Prequel-Oneshot-Standalone-Crossover-Hastenichgesehn-Dingsbums. Ein Film pro Jahr ist noch kein Overkill, hatte ich gedacht, und das ist es auch nicht. Nichtsdestotrotz bemerke ich bereits einen starken Gewöhnungseffekt und hoffe, dass es nicht soweit kommen wird wie bei den Superheldenfilmen, die ich nun immer häufiger auslasse (letzter ausgelassener war der letzte Gruppe-X-Film, nächster wird der nächste Guardians of the Galaxy). Das wäre schade, denn meine Familie gibt mir nur zu Krieg-der-Sterne- und Godzilla-Filmen frei.

Den letzten Godzilla-Film kann ich leider nicht beurteilen, weil ich leichtsinnig vor dem Film ein Bier getrunken hatte und dann im Kino eingeschlafen bin. Das ist jetzt so das Alter, und das wird im nächsten Jahr bestimmt nicht besser.

Tempo unterm Weihnachtsbaum

Dies ist der zweite der beiden Texte, die ich eigentlich verkaufen wollte, aber in saisonaler Stimmung nun doch verschenke, vorerst. Weiterer Hintergrund vorm Beitrag vom 6. Dezember.

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Lerne ich in Japan Einheimische kennen, kommt die Frage garantiert. Erst wird der Mitleidsblick aufgesetzt, dann: „Vermissen Sie denn gar nicht das deutsche Bier?“ Oder die Variation: „Was vermissen Sie denn aus Deutschland am meisten?“ Kommt die Antwort nicht innerhalb von Sekundenbruchteilen, wird nachgeholfen: „Das Bier?“

Selbstverständlich stört mich diese Frage überhaupt nicht, denn zum Thema Bier habe ich ein ausgesprochenes Sendungsbewusstsein, so deutsch bin ich gerne. Also hole ich ein ums andere Mal aus zu meinem Sermon: Iwo, das deutsche Bier sei ja gar nicht so gut, wie die Deutschen es sich einreden. Japan habe die deutlich besseren Industriebiere und die lebendigere Craft-Beer-Szene ohnehin, denn das bekloppte deutsche Reinheitsgebot schütze ja nichts und niemanden vor irgendwas, allenfalls das Brauhandwerk vor jedem Anflug von Braukunst.

Dazu bekomme ich die Laute des Erstaunens und der Zustimmung zu hören, mit denen der höfliche Japaner jedes Gespräch garniert und seinem Gesprächspartner für ein paar Sekunden so verlässlich wie unverbindlich in das warme Gefühl lullt, das gerade Gesagte sei so ziemlich das Interessanteste, was jemals irgendwer irgendwo auf der Welt gesagt habe. Hätte ich wider meine Überzeugung das genaue Gegenteil behauptet – deutsches Bier Weltgenesung, japanisches Bier fermentierte Kuhpisse – hätte die Reaktion genauso geklungen. Widerspruch, Zweifel und Konfrontation gehören nicht zur Standardausstattung des Konversationsinstrumentariums.

Kürzlich lernte ich Nakamura-san kennen, einen Arbeitskollegen meiner Frau, der ein paar Jahre in Deutschland gelebt hat, natürlich in Düsseldorf. Seine Firma hatte ihn einfach so dorthin versetzt, das machen japanische Firmen schon mal. Zuerst war er darüber gar nicht glücklich gewesen, doch als der Marschbefehl zurück nach Tokio kam, hatte er dem Leben in Deutschland durchaus die eine oder andere positive Seite abgewonnen und blickt heute mit ein klein wenig Wehmut auf seine Zeit dort zurück.

Endlich habe ich einen Japaner, dem ich die Frage stellen kann, die mir Japaner ständig stellen! Ich zögere nicht lang: „Nakamura-san, was vermissen Sie aus Deutschland am meisten?“

Er zögert schon gar nicht, seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Tempo!“

Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Was genau meint er bloß? Tempo im Sinne von Geschwindigkeit wohl kaum. Davon gibt es in Japan schließlich deutlich mehr als in Deutschland. Ebenfalls unwahrscheinlich, dass er die Protohipster-Illustrierte von einst meint, von der früher alle behaupteten, sie blöde zu finden, und von der heute alle behaupten, sie früher toll gefunden zu haben. Und die Taschentücher dieser Marke, deren Name synonym für alle Taschentücher des Landes steht, meint er ja wohl erst recht nicht. Deutsche Papiertaschentücher sind ein rotes Tuch für Japaner, manchmal fast buchstäblich. Meine Frau verdankte ihnen das erste Nasenbluten ihres Lebens, im zarten Alter von über 30. Es war ein Schock, für sie war Nasenbluten stets nur der Stoff von Legenden gewesen; etwas, das immer nur den anderen passiert. Die Markenbezeichnung ‚Softie‘ hält sie für einen grausamen Witz.

Die Tücher sind zu hart für die japanische Nase. Japanisches Tuch ist derweil für deutsche Nasen nichtexistent, quasi Antimaterie. Es zerfällt bereits, sobald man ihm nur einen allzu eindeutigen Blick zuwirft. Als meine Frau und ich noch zwischen den Nationen pendelten, hatten wir immer Großpackungen der jeweils eigenheimatlichen Papiertaschentücher im Gepäck.

Ich frage also nach, welche Art von Tempo Nakamura-san meint, oder ob ich ihn falsch verstanden hätte, er womöglich ‚Tempura‘ gesagt habe.

„Nein! Tempo! Die deutschen Taschentücher!“, freut er sich, ganz in sentimentalen Gedanken an verschnupfte Tage in Nordrhein-Westfalen.

Ich schenke ihm aufrichtige Laute des Erstaunens und der Zustimmung. Gleichwohl erzähle ich ihm von meiner Beobachtung der Unvereinbarkeit der deutschen und der japanischen Vorstellung davon, wie ein Papiertaschentuch beschaffen zu sein habe. Er entgegnet, dass es ihm anfangs ähnlich gegangen sei wie meiner Frau, da war viel Wehklagen und Wundheit. Aber er härtete nasal ab und lernte die Strapazierfähigkeit und das Fassungsvermögen des teutonischen Tempo zu schätzen.

Nun wissen wir immerhin, was wir Nakamura-san als obligatorisches Reisemitbringsel kredenzen können, wenn wir von unserer weihnachtlichen Deutschlandreise zurückkommen. Vorausgesetzt neben meinem eigenen Taschentuchvorrat ist noch Platz im Gepäck. Ein Japaner dächte da wohl selbstloser. Doch ich bin ja nur ein Zugereister, und Integration bedeutet nicht Assimilation. Außerdem hört bekanntlich bei Geld, Liebe und funktionstüchtigen Papiertaschentüchern die Selbstlosigkeit auf.

Die Kakerlaken werden langsamer

Dies ist einer von zwei Texten, die ich unlängst hier und dort freundlich zum Abdruck angeboten habe. Nach 15 Jahren im Online-Business hatte ich natürlich ganz vergessen, dass man im Print-Business immer alles mindestens ein halbes Jahr früher fertighaben muss. Mit Jahresendtexten war ich im Herbst also deutlich zu spät dran. Ich werde es im nächsten Frühjahr noch mal versuchen, bis dahin hat sich die Veröffentlichung an dieser Stelle auch wieder versendet.

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Fragt einen in Tokio einer nach der Lieblingsjahreszeit, und danach wird man eigentlich ständig gefragt, gleich nach der Frage, was man von Japan im Allgemeinen und von japanischem Essen im Besonderen halte, dann gehört es zum guten Ton zu sagen: „Herbst.“ Alle lieben den Herbst. Die milden Temperaturen, an Tempeln, Schreinen und Palästen durch goldenes Laub wuscheln – herrlich.

Das allerdings sind vorgeschobene Gründe. Ich habe jetzt herausgefunden, woran die rasende Popularität des Herbstes in Tokio und anderswo in Japan tatsächlich liegt: Die Kakerlaken werden langsamer. Sicherlich, die anderen Aspekte des Herbstes sind ebenfalls nicht zu verachten. Laub ist ja überall und sowieso schön, und wenn nach dem Ende des gefühlten Sommers, also circa Ende Oktober, endlich die Temperaturen ein klein wenig unter 30 Grad Celsius fallen, hat das etwas Wiederbelebendes. Selbstverständlich fröstelt es einem ein wenig bei nur noch 27 Grad im Schatten, doch das ist allemal angenehmer als das stündliche Hemdenwechseln der warmen Monate.

Das hauptsächlich Erfreuliche am Herbst ist jedoch das schleichende Ende der Kakerlakenplage. Erst werden sie langsamer, dann verabschieden sie sich komplett in den ewigen Winterschlaf, um das Feld der nächsten Generation im nächsten Sommer zu überlassen.

„Bei uns gibt es Kakerlaken.“ Dieses Eingeständnis klingt natürlich immer nach Makel. Da könnte man gleich zugeben, den Müll nur einmal am Tag zu entsorgen, dumdidum, denn sowas kommt von sowas.

Es sind in und vor unserem Apartment schon an strategischen Plätzen Fallen aufgestellt, sogar sehr perfide. Sterbend schleppen die Kakerlaken das daraus aufgenommene Gift in ihre Kolonien und geben es über Ausscheidungen an die noch gesunden Artverwandten weiter. Chemische Kriegsführung in der Mietwohnung.

Doch irgendwie kommen trotzdem immer wieder welche unversehrt durch. Die finden einen Weg. Zuletzt hatte es eine am Hut meiner Frau geschafft. Ich hatte die Kreatur zwar bereits während des Spaziergangs gesehen, sie aber zunächst lediglich für eine neue Brosche gehalten.

Kakerlaken sind faszinierende Geschöpfe. Japaner verehren sie, unter anderem wegen ihrer Hartnäckigkeit und ihrer Saisonalität, so wie sie Kirschblüten wegen ihrer Zartheit und ihrer Saisonalität verehren. Respekt vor einem Tier heißt in Japan derweil nicht zwangsläufig Respekt vor dessen Leben; die aufgeregten Wal- und Delfinversteher aus dem Ausland missverstehen das regelmäßig. Die Kakerlake ist eine Gute, und am besten ist sie, wenn sie tot ist. Doch das ist gar nicht so leicht zu bewerkstelligen. Der Kampf gegen sie hat zwei entscheidende Phasen. Die erste ist die der Ortung und der Versicherung. Man muss die Frage klären: War das da gerade wirklich eine lebende Kreatur, die über den Wohnzimmerboden unter das Sofa schoss? Oder war es nur ein schwarzer Fleck auf der Netzhaut, eine optische Täuschung, vielleicht eine Quasihalluzination, eine gerechte Strafe für all die Gifte, die man seinem Körper in den Flegeljahren beigebracht hat? Wahrscheinlich kommt man zu dem Schluss: Halluzinationen machen keine Tack-Tack-Tack-Tack-Geräusche auf Kunstparkett.

Ist die eventuelle Kakerlake zur Gewissheit geworden und in eine Ecke gedrängt, aus der es sogar für sie kein Entkommen gibt, folgt der eigentliche Kampf. Man kann es auf die männliche Methode lösen: Einfach drauftreten oder einen schweren Gegenstand verwenden. Man muss allerdings häufig treten, oder einen sehr schweren Gegenstand verwenden. Man hat bald eine Ahnung davon, warum sich Wissenschaftler weltweit einig sind, dass die Kakerlake als Spezies den Menschen als Spezies lange überleben wird.

Die spezielle Kakerlake im Wohnzimmer soll uns freilich nicht überleben. Nun sind die Viecher leider häufig so groß, dass sich schon gewisse Skrupel im Menschengewissen einschleichen: Das ist nicht irgendein Insekt, das ist ein richtiges Tier. Auf eine große Kakerlake draufzutreten ist fast so, als würde man auf eine kleine Katze treten. Würde man ja auch nicht tun, selbst wenn man kein Katzentyp ist.

Also macht man es auf die weibliche Art, sprich die meiner Frau. Sie hat ein Wundermittel in einer Sprühflasche, von dem sie sagt: „Das kannst du überall draufsprühen, sogar auf Babynahrung, ist völlig ungefährlich. Aber die Kakerlaken sterben davon.“

„Wenn es für die erhabene, zähe Kakerlake so gefährlich ist, möchte ich es lieber nicht auf Babynahrung sprühen. Wie soll das denn zusammengehen?“, wundere ich mich.

„Weiß ich nicht, irgendwas mit Alkohol halt.“

„Alkohol ist aber gar nicht gut für Babys.“

„Für Menschen ist dieser Alkohol ungefährlich …“

„Kann ich mir nicht vorstellen. Wie … ?“

„Es ist eben so! Du musst es mir einfach glauben!“ Jetzt erklärt sie mir die japanischen Hausmittelchen genauso, wie ich ihr immer die deutsche Grammatik erkläre.

Schließlich siecht die Kakerlake in einem feinen, stetigen Sprühnebel aus kindgerechtem Schnaps dahin. Ich hoffe, es ist ein angenehmer Tod. Es ist ja nicht persönlich gemeint. Ist Krieg ja nie.

Die Sprühflasche und ich sind mittlerweile unzertrennlich. Ich hoffe dennoch, nie in Verlegenheit zu kommen, damit auf Babynahrung losgehen zu müssen.

Skandal: Wieder kein Friedensnobelpreis für Stephen King

Jedes Jahr handeln Buchmacher in aller Welt den Namen Murakami ganz hoch, und jedes Jahr versammeln sich zur Ergebnisverkündung die japanischen Haruki-Murakami-Liebhaber in Haruki-Murakami-Liebhaber-Cafés. Erst in freudiger Erwartung, dann in mit Fassung getragener Enttäuschung.

Und jedes Jahr frage ich mich: Wie kommen sie bloß darauf? Die Buchmacher, die Fans, die Berichterstatter? Was hat sie bloß auf die fixe Idee gebracht, dass Haruki Murakami irgendwann, vielleicht schon bald, den Literaturnobelpreis gewinnen müsse, könne, würde? Das ist ungefähr so, als würde man ganz, ganz fest daran glauben, dass Stephen King reelle Chancen hätte. Dabei sind beider Werke sprachlich zu simpel gestrickt, inhaltlich zu nah an der Genreliteratur, kurzum zu volksnah, um jemals ernsthaft die ganz hohen Weihen der allerobersten Kunst- und Kulturrichter zu erfahren. So, d. w. m. j. w. n. s. d. (das wird man ja wohl noch sagen dürfen).

Damit kein Missverständnis aufkommt und ich nicht wegen Trollverdacht vorübergehend festgenommen werde: Ich würde sowohl Haruki Murakami wie auch Stephen King den Preis gönnen. Ich gönne ihnen alle möglichen Preise. Die Zugänglichkeit ihrer Werke empfinde ich nicht als Makel. Unter den Oberflächen ihrer Bücher brodelt es. Doch da schaut niemand hin. Zumindest niemand, auf den es in dieser Sache ankommt.

Von Skeptikern wird Murakami gerne vorgeworfen, seine Botschaften seien oberflächlich, nach Art von Kalenderblattsprüchen gar (das ist noch ein Rang unter dem beliebten Literaturbesprechungstotschlagargument, jemand schreibe „kolumnistisch“). Das liegt daran, dass er nur oberflächlich gelesen wird. Und das wiederum liegt daran, dass es bei ihm, wie bei King, an der Oberfläche zu viele Knalleffekte gibt. Wenn der akademische Berufsleser Knalleffekten begegnet, denkt er sich: „Aha, Unterhaltung!“ Und wenn er „Aha, Unterhaltung!“ denkt, denkt er im weiteren Verlauf der Lektüre gar nichts mehr. Er fährt alle Analysetools komplett runter (nicht bloß Standby).

Nichtsdestotrotz sind beide, King und Murakami, im Feuilleton ja gar nicht komplett schlecht aufgestellt, lobende Erwähnung finden sie immer wieder. Dies allerdings mit einer bedingungslosen literaturwissenschaftlichen Akzeptanz zu verwechseln, wäre ganz falsch. Sie erfüllen eine Quote. Mit ihnen kann der angegraute Feuilletonist seine Coolness demonstrieren. Es ist ein bisschen so, als würfe er sich in seine alte Nietenhose und bestehe darauf, manchmal auch ganz verrückte Hottentotten-Musik zu hören: „Hey, Kids, ich hab Carrie gelesen! Menstruation und Schweineblut und so, schon geschnallt, voll endknorke! Rock’n’Roll!“

Die Entscheidung in diesem Jahr für Bob Dylan ist keine berauschende, aber eine gute und einigermaßen richtige. Seine Lieder mögen am schönsten in den Interpretationen anderer funkeln, doch so einen Literaturpreis bekommt man ja nicht für Goldkehlchen, sondern für Goldköpfchen. Gänzlich kleinlich und unschicklich wäre es, nun genüsslich jedes Fehlverhalten Bob Dylans aufzulisten, wie es die Eingeschnappten bereits tun. Nur wer in 75 Jahren Lebenszeit, knapp 60 davon öffentlich, ohne Fehlverhalten ist, darf mit dem Finger zeigen.

Würdigere Kandidaten hätte es sicherlich gegeben, gibt es ja immer, auch welche, bei denen etwas mehr Eile geboten wäre (Don DeLillo, Leonard Cohen). Das Jahr 2016 ist schließlich nicht dafür bekannt, mit unseren Größten besonders zimperlich umzuspringen.

Der Sechsundvierzigjährige, der nach Harajuku ging, um Mädchen in Unterwäsche zu sehen, keine fand und darüber einen Blog-Eintrag mit einem bestsellerverdächtigen Titel schrieb

Ich wollte heute eigentlich zum Arzt gehen, um mir neue Mittel gegen den Verfall verschreiben zu lassen, habe mich dann aber doch entschlossen, mir lieber Damenunterwäsche anzusehen. Damenunterwäsche ist ja manchmal die beste Medizin.

In der Zeitung stand nämlich unlängst, die neueste japanische Mädchenmode sei es, die Unterwäsche drüber zu tragen. Das klang interessant und ein wenig geheimnisvoll (tragen sie dann zusätzlich noch Unterwäsche drunter?), und bevor ich mir selbst den Schlüpfer über die Jeans zog, wollte ich einmal sehen, wie es die anderen machen. (Seien Sie unbesorgt, ich scherze nur. Ich trage natürlich niemals Jeans.)

Interessierte sollten sich laut Zeitung auf den Weg nach Harajuku machen, wo man junge Dinger in freier Wildbahn erleben kann. Fehle einem für die freie Wildbahn die Ausdauer, so solle man dort dem Pop-up-Store des angesehenen Unterwäsche-drunter-Labels Very Brain einen Besuch abstatten. Ich hatte neulich schon die Tragbare-Schallplattenspieler-Ausstellung im Karottenturm zu Sangenjaya verpasst, deshalb wollte ich diesmal keine Zeit mit Arztbesuchen vertrödeln, man lebt schließlich nur einmal.

Als ich mich zuletzt genauer mit japanischer Mädchenmode auseinandergesetzt hatte, war gerade der sogenannte Waldmädchen-Look sehr angesagt, in Deutschland würde man es wohl Landhaus nennen. Ein ungewöhnlich züchtiger Bekleidungsstil. Man könnte sagen, dass gerade in der Züchtigkeit seine subtil codierte Subversion stecke. Das könnte man sagen, wenn man um jeden Preis klug klingen wollte. Ist aber natürlich sinnfreier Quatsch.

Und das Ganze ist nun auch schon wieder eine ganze Weile her. Auf dem Höhepunkt meiner Mädchenmodebegeisterung hatte ich mir mehrere Bildbände zum Thema gekauft, doch ich bin nicht konsequent am Thema geblieben. Sobald Mode in Bildbänden auftaucht, ist sie ja längst aus der Mode gefallen und in die Geschichte eingegangen. Bestenfalls. Andernfalls sitzt man auf einem Stapel dicker, teurer Bücher voller Abbildungen von Kleidchen, die weder historisch noch saisonal von Bedeutung sind. (Der, den Sie da sitzen sehen, bin ich.)

Im Very-Brain-Pop-up-Store angekommen, fragte ich mich zunächst, ob ich wirklich im richtigen Pop-up-Store angekommen war, oder ob sich die Mode vielleicht schon wieder geändert hatte. Nur sehr wenige Teile waren überhaupt auf den ersten Blick als Unterwäsche zu erkennen und noch weniger von denen waren so heiß, wie ich es nach dem Zeitungsartikel gehofft hatte (es war die Rede von der „Sexualisierung der Jugend“, also einem ganz neuen Phänomen).

Nach eingehenderem Studium der Kollektion begriff ich, was hier gespielt wurde: Es handelte sich größtenteils mitnichten um Unterwäsche im modernen Sinne, sondern um Imitation von Unterwäsche vergangener Jahre, circa Downton Abbey und früher, als ein Unterrock noch ungefähr das Volumen eines durchschnittlichen Burkinis hatte.

Also kehrte ich ein wenig enttäuscht nach Hause zurück, widmete mich wieder den weniger glamourösen Pflichten des Hausmannes: Kunststoffflaschenschraubverschlüsse reinigen, Weintrauben schälen, die Wäsche reinholen.

Und da war sie plötzlich! Auf meinem eigenen Balkon! Damenunterwäsche! Damenunterwäsche, wie ich sie meinte! Irgendwo zwischen schranktrocken und bügelfeucht, würde ich nach fachmännischer Befummelung sagen.

Ich hätte mir die zeitraubende Exkursion sparen können. Manchmal ist man wie vernagelt.