14 Jahre sind relativ (wenig)

„Endlich Wochenende /
Jetzt wird nur noch gezockt“

– Friedrich Schiller, Ode „An die Freude“ – Tony D, Jackpot

Sie haben sicherlich aus den Nachrichten davon erfahren, am vorvergangenen Freitag ist das Telespiel Duke Nukem Forever erschienen. Von der ersten Ankündigung bis zum Erstverkaufstag hat es rund 14 Jahre gebraucht, was als ziemlich lang gilt. Mit der Zeit hatte sich in der Gemeinde der Computer- und Videospieler der Glaube durchgesetzt, dass der Untergang oder Fortbestand der westlichen Zivilisation von der Qualität dieses Spieles abhinge, denn viele hatten sentimentale Erinnerungen an den Vorgänger, Duke Nukem 3D. Ich auch. Duke Nukem 3D überzeugte mich 1996 davon, dass Computerspiele doch kein langweiliger Kinderkram sind, sondern ganz schön aufregender Kinderkram.

Vorher hatte ich keinen nennenswerten Kontakt zu Computerspielen. Ich war schon immer liebenswert fortschrittsfeindlich und bin es noch heute. Mein erster Walkman war ein iPod, und auch den habe ich nur widerwillig und gebraucht gekauft. Er wird frühestens ausgetauscht, wenn die Akkuleistung unter drei Minuten fällt (was vermutlich bald der Fall ist, Apple halt). Erst kürzlich bin ich wg. Materialermüdung von einem Schwarz/grau-Mobiltelefon mit Knöpfen auf ein Farbmodell mit berührungssensitivem Bildschirm umgestiegen, mein drittes Handy in 13 Jahren. Ich sehe aber ein, dass es Vorteile hat. Man kann darauf seine fettigen Ohrabdrücke viel besser sehen. Das Faxgerät blieb der Welt nicht lange genug erhalten, als dass wir uns richtig hätten kennenlernen können. Die Faxe, die ich in meinem Leben gefaxt habe, lassen sich vermutlich an den Fingern einer Hand abzählen, und mindestens einen Finger hätte ich noch frei um Haselnussbrotaufstrich zu naschen. Nie habe ich eingesehen, einen Automobilführerschein zu machen. Meinen ersten Heimcomputer kaufte ich mir sauertöpfisch mit Mitte 20, weil meine Nachbarn fanden, dass meine Schreibmaschine zu laut sei, um nachts darauf zu schreiben.

(Mit 20 meint man, inspirierte Schreibarbeiten müssen unbedingt nachts erledigt werden, dabei geht das auch vor 22 Uhr.) Ich hatte mir vorgenommen, mein Computer-Dings lediglich als leisere Schreibmaschine zu verwenden und es keinesfalls mit Spielen zu besudeln. Mein Installateur hatte mir zwar ungefragt und zu meiner großen Freude Sam & Max draufgepackt, aber das ging in Ordnung, fand ich, das war immerhin was zum Nachdenken, adorno-mäßig gerade noch okay.

Vielfach wird meine Technikfeindlichkeit und damit einhergehende Ahnungslosigkeit bei entsprechenden Themen für Koketterie gehalten. Immer wieder bringen mir ganz aufgelöste Menschen kaputte Handys an die Tür und schluchzen: „Es klingelt seit heute Morgen nicht mehr! Ich flehe Sie an – tun Sie etwas!“ Das Missverständnis, dass mich so etwas interessieren könnte oder ich gar eine Lösung wüsste, kam vermutlich dadurch in die Welt, dass ich beruflich einmal ein paar Jahre lang auf die schiefe Bahn geraten war. Dabei habe ich mich in meiner Zeit als technischer Journalist (oder „schreibender Schraubenzieher“, wie die anderen Journalisten sagen, wenn man gerade nicht hinhört) bloß durchgeschummelt, großes Ehrenwort. Es gehört ja auch wirklich nicht viel dazu, Sony-Pressemitteilungen umzuformulieren.

Entschuldigen Sie, wenn ich abschweife. Ich war heute Vormittag bei einer ärztlichen Untersuchung und habe noch Kontrastmittel im Körper, was immer das sein mag.

Jedenfalls ging ich eines Tages im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrtausends einen Freund besuchen, ihn abzuholen, um irgendetwas viel Wichtigeres als das Spielen von Computerspielen zu unternehmen (vermutlich saufen). Mein Freund hatte sich zu meinem Unmut noch nicht mal fertiggemacht, als ich ihn in seinem WG-Zimmer fand. Stattdessen machte er an seinem PC Außerirdische fertig, die die Erde unterjochen wollten. Er spielte Duke Nukem 3D, einen Ego-Shooter (vulg.: Killerspiel) über einen heterosexuellen Kriegshelden mit dummen Sprüchen und dicken Knarren. Mein Freund fragte mich, ob ich auch mal ran wolle. In der Hoffnung, unsere Abreise dadurch zu beschleunigen, willigte ich ein. Wir verließen das Haus an diesem Abend nicht mehr. Als die Lebensgefährtin des Freundes auftauchte, die mich als Kriegsdienstverweigerer und Studenten der Geisteswissenschaften kannte und schätzte, sagte sie triumphierend: „Andreas, sag ihm, was du davon hältst!“

Ich nahm die Hände keinen Moment von der Tastatur und den Blick nicht vom Bildschirm und ächzte: „Ich würde es besser finden, wenn man es mit Joystick spielen könnte!“

Ich bildete mir ein, die Zukunft der Unterhaltung gesehen, nein, erlebt zu haben. Wenn Spiele so wären, dann wären Action-Filme fortan überflüssig, weil man bei diesem Spielprinzip und dieser atemberaubenden Grafikqualität das Gefühl hatte, selbst in einem Action-Film mitzuspielen, was viel aufregender war als bloß zuzuschauen. Die technische Revolution hatte stattgefunden. Das Ende der Fahnenstange war erreicht. (Mir wurde erst später bewusst, dass Spiele niemals Konkurrenz für Unterhaltungsfilme werden können, weil man sich beidem aus völlig unterschiedlichen Gründen zuwendet. So ein Spiel wird man nie zur Entspannung spielen, denn ein Spiel ist alles andere als entspannend.)

Auf Duke Nukem Forever, die Fortsetzung, freute ich mich. Aber eines verwirrte mich: Immer wieder las und hörte man unmittelbar vor der Veröffentlichung die Behauptung, man habe 14 Jahre darauf gewartet.

Also, ich nicht. Im betreffenden Zeitraum habe ich unter anderem mein Studium erfolgreich abgebrochen, meinen ersten Erwachsenen-Job angenommen und dreimal gewechselt, mit dem Rauchen aufgehört und mit dem Laufen angefangen, meinen Wohnort von Norden nach Süden gewuchtet, aus langen Haaren und Vollbart das Gegenteil gemacht, rund 30 Fernreisen unternommen, wichtige und weniger wichtige Beziehungen beendet und begonnen, mehrere unveröffentlichte Bücher und ein veröffentlichtes geschrieben, drei oder vier Blogs aufgegeben, unzählige Bücher gelesen und Filme gesehen, mit dem Comiclesen mehrfach aufgehört und wieder angefangen, viele Kochrezepte gelernt, in Konzerthallen gestanden und auf Bierbänken gesessen, zweimal genullt, und sogar ein paar Video- und Computerspiele ohne Duke Nukem gespielt (ging auch). Der Planet drehte sich unermüdlich um die Achse und kreiste um die Sonne, Babys wurden schreiend aus der molligen Dunkelheit in das harsche Licht der Welt gezerrt, Erde kehrte wieder zur Erde zurück, große Kunstwerke wurden geschaffen und vernichtet, Regime wurden gestürzt und errichtet. Mit all dem hatte ich direkt nichts zu tun, aber es kann einen trotzdem ablenken.

Ich habe also nicht viel Zeit damit verbracht, mit Fingernägeln zwischen den Zähnen auf den Kalender zu starren und mich zu fragen, wo denn Duke Nukem Forever bliebe. Will nicht sagen „gar keine“ Zeit, aber doch „kaum“. Wenn man alles zusammenrechnet, vielleicht so eine Stunde. Das war auszuhalten. In einer Stunde über 14 Jahre verteilt übersteigert man nicht seine Erwartungshaltung, weder in Sachen technischer und spielerischer Brillanz, noch in Sachen schrulliger Retrocharme, oder des Ausmaßes der Katastrophe, die viele vorgebliche Anhänger niederträchtig und masochistisch herbeisehnten.

Ein bisschen banges Kalenderstarren und Nägelkauen ließ sich am letzten Samstag nicht vermeiden, weil ich aus Gründen der Knauserigkeit das Spiel im Billigland England bestellt hatte und es nicht feststand, dass es rechtzeitig zum langen Wochenende rübermachen würde. Hat es aber, und ich muss sagen: Die eine Stunde Wartezeit habe ich keine Sekunde bereut. Ich habe gelesen, dass die Grafik des Spiels unter aller Sau ist. Für diese Info möchte ich mich bedanken, denn es wäre mir sonst nicht aufgefallen bei dem ganzen Spaß, den ich mit Duke Nukem Forever habe. Wie die Musik ist, kann ich nicht beurteilen, da Musik in Videospielen nichts verloren hat, weshalb ich sie immer gleich nach Erhalt abstelle. Wenn sie so ist, wie der überdrehte Gitarrenquatsch im Intro, war das die richtige Entscheidung. Das Geknatter meiner Schusswaffen und das Todesquieken meiner Gegner ist genügend Musik in meinen Ohren.

An den Humor hatte ich keine großen Erwartungen. Den Humor von Duke Nukem 3D seinerzeit hatte ich mir als linksdrehender Frauenversteher damit schöngeredet, dass der ja gar nicht sexistisch und gewaltverherrlichend wäre, sondern eine Parodie auf Sexismus und Gewaltverherrlichung. Dass Parodie niemals Anklage, sondern immer nur Schmeichelei und Bekräftigung ist, verdrängte ich damals. Das tue ich nun nicht mehr, bilde ich mir ein. Deshalb kann ich über den Bier-und-Babes-Humor von Duke Nukem heute gar nicht mehr lachen.

Hm, kann ich offenbar doch noch. Duke Nukem Forever ist schon ziemlich lustig. Es sind ja nicht nur die Macho-Sprüche und Fellatio-Witze (obwohl viele von denen auch recht ulkig sind). Es gibt außerdem vereinzelte Anspielungen auf relativ aktuelle Auswüchse der amerikanischen Gegenwartskultur, etwa Seitenhiebe auf den Krieg der Late-Night-Talkshows und den Krieg gegen den Terror sowie blutige Fausthiebe auf einen cholerischen Schauspieler-Lackaffen, der wahrscheinlich Christian Bale ist.

Aber die wenigen Konzessionen an die Gegenwart sind nicht das Entscheidende. Vor allem gilt: Nicht obwohl Duke Nukem Forever mindestens zehn Jahre zu spät erscheint, ist es ein gutes Spiel, sondern weil es mindestens zehn Jahre zu spät erscheint. Ein oder zwei Jahre nach Duke Nukem 3D wäre es nur eine solide Fortsetzung gewesen. Heute ist es eine veritable Zeitreise. In eine Zeit, in der Spiele noch etwas Spielerisches hatten und nicht mit buchhalterischem Mikromanagement-Irrsinn allen Spaß an der Freud verdarben. Man fühlt sich wieder wie Mitte 20, nur nicht so behaart. Sollte es eine weitere Fortsetzung geben, ich warte gerne. Selbst wenn es wieder eine Stunde dauert.

Düsseldorf Underground

Dieses Wochenende bin ich wegen schlimmen Fußes an den Schreibtisch gefesselt.

Aber letztes Wochenende war ich gut unterwegs in Düsseldorf, wohin mich das germanistische Studierendenprojekt „Reiseliteratur“ der Heine-Universität zu einer Lesung in gediegenem Ambiente eingeladen hatte.

Der Düsseldorfer Hauptbahnhof war voller Cosplayer (ich war ein wenig enttäuscht zu erfahren, dass sie nicht wegen der Lesung gekommen waren, sondern immer dort rumlungern), mein Hotel war voller holländischer Hell’s Angels (ich war nicht enttäuscht, dass sie nicht wegen der Lesung gekommen waren, sie entpuppten sich aber beim Frühstück als sehr umgängliche Gesellen). Mehr Worte möchte ich gar nicht verlieren, denn die Zeitung war da und der Literatur-Blog Legimus sowieso. Legimus-Chefin Vanessa Lellig war nicht nur die treibende Kraft hinter der Organisation der Veranstaltung, sondern auch so nett mich zu interviewen. Ihr und der fleißig fotografierenden Aljona Merk und allen anderen Beteiligten von Uni und reinraum e. V. und natürlich den freiwilligen Gästen unten und oben sei mindestens tausend Dank für den schönen Abend, Onigiri, Alt und Pils.

Wo ich gerade mit Links in die große weite Welt nur so um mich schmeiße: Es gibt ein paar neue Film- und Buchbesprechungen da draußen.

Bedevilled – Zeit der Vergeltung

Detective Dee und das Geheimnis der Phantomflammen

Garden of Sinners – Film 1: Thanatos

War of the Wizards

William Gibson: Die Idoru Trilogie

Happy Hunni!

Hey, Kids – ich sag euch, was abgeht! Zieht euch das rein: In diesem Jahr hätte Marshall McLuhan 100. Geburtstag, würde er noch leben! Nein, nicht der Regisseur von Strictly Ballroom, sondern der mit „Das Medium ist die Botschaft“ und der mechanischen Braut und so, heißer Scheiß, krasse Sachen. Der crazy Alte aus dem Movie von Woody Allen, dem Regisseur von Scarlett Johansson.

Der Typ, der schon im Internet war, als Internet noch Fernsehen hieß.

Was soll man über den noch schreiben, es ist doch alles schon geschrieben? Bleibt nur zu sagen: Happy B-day, McLulli, alte Socke!