Rollbahn-Freud und Rollbahn-Leid im Jahr der Schlange

Neben meiner jährlichen Lektürenretrospektive (siehe zuvor) ist auch die jahresendliche Auszählung meiner vollgeschriebenen Rollbahn-Notizbücher eine alte Angewohnheit, die ich normalerweise als Facebook-exklusiven Premium-Content öffentlich mache, aber nun hybrid ebendort und hier im Blog anbieten möchte. Wer Rollbahn nicht kennt: Es handelt sich um eine Schreibwarenproduktreihe aus dem japanischen Hause Delfonics. Diese Notizbücher mit den immergleichen deutschen Sinnsprüchen auf dem Einband verwende ich seit Jahren ausschließlich.

Wie Hemingway einst Moleskine, könnte man sagen, wenn das nicht falsch wäre. Falsch nicht wegen der Anmaßung, sondern wegen der Faktenlage. Hemingway hat mitnichten Moleskine-Notizbücher benutzt. Picasso auch nicht. Van Gogh auch nicht. Bruce Chatwin auch nicht, obwohl aus einem seiner Romane der Name gestohlen wurde. Die Firma und das Produkt existieren erst seit 1997, da war günstigerweise auch die letzte der unfreiwilligen und ungefragten Moleskine-Werbefiguren schon tot. Moleskine-Notizbücher sind unautorisierte Remakes der namenlosen Modelle, die die Genannten für ihre Meisterwerknotizen bevorzugten. Plagiate, könnte man ebenso sagen. Mache ich aber nicht, wegen der Anwaltskosten. Die ganze hässliche Geschichte werde ich in meinem nächsten Enthüllungsbuch aufdecken, das im Herbst dieses Jahres erscheint. Es ist höchste Zeit, schon mal an Weihnachten zu denken.

Ich bilde mir gerne ein, dass ich Rollbahn bereits bei meinem ersten Japan-Besuch 1999 gefunden hatte, oder es mich. Doch eine Recherche vor ein paar Jahren ergab, dass es Rollbahn damals noch gar nicht gegeben hat (Moleskine schon, allerdings eben erst seit zwei Jahren). Die Erinnerung, sie ist ein unzuverlässiges kleines Miststück. Miststück ist vielleicht ein bisschen zu hart. Es ist durchaus möglich, dass ich mich an die Recherche falsch erinnere, sie liegt mittlerweile schließlich ebenfalls in etwas vernebelter Vergangenheit. Ich könnte rasch neu recherchieren, aber wen interessiert das schon so genau. Ich bin mir sehr sicher, dass die vierstellige Jahreszahl der Rollbahn-Premiere mit einer 2 beginnt. Ebenso hänge ich mich wohl kaum zu weit aus dem Fenster, wenn ich mutmaße, dass die zweite Ziffer eine 0 ist. Und jetzt den Atem angehalten: Ich wage zu behaupten, dass an dritter Stelle eine weitere 0 kommt. Sicherlich, wir sind bereits im dritten Jahrzehnt des nicht mehr ganz so jungen Jahrhunderts (derweil noch immer recht jungen Jahrtausends), doch im zweiten waren Rollbahn und ich längst ein eingeschworenes Team; so weit daneben kann meine Erinnerung gar nicht liegen. Da lebte ich schon zunächst mit einem halben, später mit beiden ganzen Beinen in diesem schönen Land, das natürlich auch nicht nur schöne Seiten hat. Tatsächlich habe ich gerade meiner langjährigen Tageszeitung das Abonnement gekündigt, weil sie es nicht mehr verstand, mit dem gebotenen Ernst und nötigen Sachverstand über die unschönen Seiten zu berichten. Stattdessen ein Artikel nach dem anderen darüber, dass man sich über diese hippen neuen Anti-Impf-und-Ausländer-Naziparteien, die hier nun auch endlich messbaren Zuspruch finden, keine allzu großen Sorgen machen müsse. Oder – besonders gerne um entsprechende Gedenktage herum – darüber, was für arme Opfer der Umstände die japanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg gewesen waren. Man möchte fragen: Aber sieht man nicht im Rest der Welt, was passiert, wenn man sich um Nazis nicht früh genug Sorgen macht? Wieder einmal? Und japanische Soldaten waren doch im Zweiten Weltkrieg nicht NUR Opfer, meine ich mal an anderer Stelle gelesen zu haben?

Doch eh wir uns irreversibel in der wirklichen Welt mit ihren echten, freiheits- und lebensbedrohlichen Problemen verheddern, schnell zurück in die Traumwelt, in der wir alle so tun, als hätte käuflicher, massenproduzierter Tand irgendeinen echten Wert. Also:

Im letzten Jahr von mir vollgeschriebene Rollbahns: Fünf.

Normal. Hatte schon mehr, hatte schon weniger. Vorletztes Jahr hatte ich genauso viele. Erneut hatte sich meine Tochter im letzten Jahr erweichen lassen, hin und wieder meine Rollbahns für ihre Skizzen mitzubenutzen, wie sie es im Vorschulalter gewohnheitsmäßig und mit echter Begeisterung getan hatte, obwohl sie heute ihr eigenes Profimaterial bevorzugt. Hier die beiden Protagonisten aus der Neo-Noir-Filmserie Zootopia (dt.: Zoomania), reimaginiert als Menschen:

Trotz der mittelmäßigen Quantität war das letzte Jahr ein außergewöhnliches Rollbahn-Jahr, leider nicht nur im Guten. Es begann mit Überfluss: Zum vorletzten Weihnachtsfest hatte ich, wie es üblich ist, bereits die ersten Rollbahns fürs nächste (also das letzte) Jahr geschenkt bekommen. Weitere kamen im Januar, als die traditionelle Neujahrswundertüte des Herstellers ins Haus flatterte. Wir lassen uns stets vormerken, aber die Beutel sind so beliebt, dass das Los über die entscheidet, die dafür letztendlich Geld ausgeben dürfen. Wir haben recht häufig Glück. Da waren dann ebenfalls ein paar Rollbahns dabei. Das war ein Segen und ein Fluch. Einerseits schön, einen Vorrat zu haben. Andererseits führte das dazu, dass ich mir das gesamte Jahr über kein einziges selbst kaufen musste. Und ich stöbere doch so gerne durch die Farben, Motive und saisonalen wie regionalen Sondereditionen. Deshalb wies ich meine Familie an, in diesem (also im letzten) Jahr mir keine Rollbahns zu schenken und auch die Vorbestellung der Wundertüte zu unterlassen, die eh meist mehr unnütze als nützliche Dinge enthält.

Erst im Dezember letzten Jahres sollte ich mich wieder zu meinem üblichen Dealer bemühen, um einen Rollbahn-Taschenkalender fürs nächste (also dieses) Jahr zu kaufen, in den ich meine drei oder vier jährlichen Termine eintragen kann. Zuerst dachte ich, ich könnte den Laden bloß nicht auf Anhieb in dem Einkaufszentrum finden, in das er eingelassen war. Das letzte Mal war schließlich schon eine Weile her. Doch nach genauer Sondierung der Lage wurde ein schrecklicher Verdacht zur noch schrecklicheren Gewissheit: Der Laden existierte nicht mehr. Ich durchlief alle Phasen der Wut, Trauer und Betroffenheit und war noch ganz aufgewühlt, als ich zu Hause ankam. Meine Frau fragte, was denn nun stattdessen in den alten Geschäftsräumen wäre, und ich konnte sie nur anherrschen: „Was weiß denn ich?! Irgendwas Unnötiges!“

Nun mangelt es Tokio nicht an Delfonics-Handelsniederlassungen. Nüchtern betrachtet ist das Flaggschiffgeschäft in Shibuya sogar etwas näher an meinem Zuhause als mein ehemals üblicher Laden in Ebisu. Aber wer besucht schon gerne Shibuya? Oder Flaggschiffgeschäfte? Also fuhr ich zum Kalenderkauf ins weitaus weiter entfernte Futako-Tamagawa. Dort fand ich ein Modell nach meinem Geschmack.

Besonders freut mich, dass darauf wie selbstverständlich der Tokyo Tower abgebildet ist. Dabei versucht man seit Jahren, uns den höheren, öderen Skytree als neues Wahrzeichen aufzuschwatzen. So funktioniert das aber nicht. Der echte Tokioter wird immer den Tokyo Tower bevorzugen, diese sympathisch ungelenke Eiffelturm-Kopie in den flugsicheren Signalfarben.

Ich fand in Futako-Tamagawa außerdem eine neue Rollbahn-Notizbuch-Weihnachtsedition nach meinem Geschmack. Ich dachte: Die kaufe ich mir, obwohl kein unmittelbarer Bedarf besteht. Dann hab ich was in der Hand, wenn sich die Bedarfssituation ändert.

Leider bemerkte ich sogleich, dass es nicht nur eine Weihnachtsedition gab, sondern mehrere. Eine geschmackvoller als die andere. Ich konnte mich nicht entscheiden. Panisch rannte ich, ohne eine einzige gekauft zu haben, aus dem überheizten Kaufhaus hinaus in die winterliche Kälte. Daheim hob ich das Rollbahn-Geschenk-Verbot sofort auf, weshalb ich heute erneut für einen Großteil des neuen Jahres vorversorgt bin.

Es folgt ein Gratis-Bonustrack, der eigentlich ein eigener Blog-Eintrag werden sollte, aber ich wollte nicht so schnell hintereinander zwei davon raushauen, ich bin ja kein zappeliger Influencer, und außerdem muss ich mir so nicht extra eine kurze und knackige Überschrift dafür ausdenken.

Habe ich eigentlich gute Vorsätze fürs neue Jahr? Außer beim Wassermelonenspiel eine Doppelwassermelone zu schaffen, bevor meine elfjährige Tochter es schafft, und meinen Triumph gockelhaft auszukosten? (Die Rechtschreibprüfung meint übrigens, das Wort ‚gockelhaft‘ gäbe es nur mit großem G, aber wir sind ja hier nicht auf dem bäuerlichen Gefängnishof.) Nein, ich habe nie gute Vorsätze fürs neue Jahr, ich bin ja nicht blöd. In gewissem Masse unvernünftig wohl, und früher noch eine Spur unvernünftiger. Doch selbst in meinen Flegeljahren war ich bereits vernünftig genug, zu wissen, dass für einschneidende Veränderungen im Lebenswandel der richtige, individuell zu erörternde Zeitpunkt notwendig ist und nicht ein von gesellschaftlichen Gepflogenheiten vorgegebener. Lediglich einmal traf das bei mir rein zufällig mit dem Jahreswechsel zusammen. Das war 2006 auf 2007, als ich Silvester so verbrachte, wie es vorgesehen ist: Allein zu Hause mit einer Flasche Wein, einer angebrochenen Packung Zigaretten und einer Leih-DVD (die Älteren erinnern sich), darauf der aus irgendeinem Grunde deutsche Film zum französischen Roman Elementarteilchen. Mir hat alles an jenem Abend gut gefallen, und dennoch dachte ich mir: Wie wär’s, wenn ich mir nach dieser Packung einfach keine neue mehr kaufe? Und das hab ich dann einfach so gemacht. Ich habe kurz überlegt, ob ich meine letzte Zigarette wegen Lustigkeit wie der Elementarteilchen-Autor Michel Houellebecq rauchen sollte, aber irgendjemand muss das ja auch wieder wegmachen. Houelley hat da bestimmt seine Leute für. Oder in Frankreich wird eh nichts weggemacht, weil Freiheit und Lebenslust.

Habe ich diese Episode nicht schon mal im Blog erzählt? Ja, aber das ist fast auf den Tag genau (ich war selbst bass erstaunt über diese Parallelität) zehn Jahre her. Wenn Sie das noch wissen, stimmt etwas mit Ihnen nicht. (Woran liegt es eigentlich, dass ich im Blog mittlerweile relativ planlos und völlig ungeniert zwischen duzen und siezen alterniere? Es ist wie bei so vielen Männern in meinem Alter: Er hat solche Tage und solche Tage. Zumindest versuche ich meinen Verstand so weit zusammenzuhalten, dass ich innerhalb einzelner Beiträge konsistent bleibe.)

Und falls ich mir nun unter Androhung von Strafe im Unterlassungsfall gute Vorsätze machen MÜSSTE? Dann würde ich mir selbst ab sofort ein paar Worte verbieten, wo leider heutzutage sonst schon niemand niemandem irgendwelche Worte verbietet. Ich möchte zukünftig vor allem auf die Worte ‚überbewertet‘ und ‚unterbewertet‘ verzichten. ‚Überschätzt‘ und ‚unterschätzt‘ gefallen mir melodisch besser, sagen allerdings dasselbe (nämlich gar nichts), also damit ebenfalls weg. Diese Konversationsersticker werden allzu häufig bemüht, um seine Meinungen zu Erzeugnissen der Popkultur, mitunter auch der echten Kultur, kundzutun, ohne seine Meinungen kundzutun.

‚Überbewertet‘ stimmt immer, was dieses Urteil bedeutungslos macht. Welcher Filmklassiker, welcher Kultroman, welches Progrock-Konzept-Live-Doppelalbum wird von seinen lautstärksten Verehrern nicht auf eine völlig realitätsverleugnende Art und Weise verehrt? Ich mache da vor gnadenloser Selbstkritik nicht halt: Ich stehe zu meinen Leidenschaften, hege allerdings den starken Verdacht, dass manche von ihnen läppisch sind.

‚Unterbewertet‘ hingegen stimmt nie, weil diese eigentlich gar nicht so schrecklich missverständliche Vokabel immer, immer, immer falsch verwendet wird (immer!). Nämlich für Werke, die trotz gewisser Qualitäten kein breites Publikum gefunden haben. Dass jedoch für einen Film nur wenige Kinokarten gelöst werden, ist keine Bewertung des Films. Es ist allenfalls eine indirekte Bewertung der Werbestrategie und Marketing-Reichweite.

Das erste Beispiel, dass mir stets zur Unterbewertet-Fehlkategorisierung einfällt, ist der Film Blutmond von 1986, der bestimmt auch in den DACH-Staaten inzwischen wieder auf den öderen Originaltitel Manhunter zurückgetauft wurde, weil englische Titel selbst dann als cooler gelten, wenn sie uncooler sind. Ich mag gar nicht nachsehen, ob ich recht habe. Ist jetzt auch ausnahmsweise nicht das Thema. Das Thema ist: Blutmond wird wahrscheinlich eines Tages das Goldene Dreifach-Ausrufezeichen als „unterbewertetster Film aller Zeiten!!!“ verliehen bekommen. Dabei war er nie unterbewertet, sondern lediglich schlecht besucht. Heutzutage wird er von Hysterikern auf die zuvor beschriebene Art stark überbewertet. Als er erstmals herauskam, wurde er genau richtig bewertet.

Der kritische Konsens lautete damals sinngemäß: „Ein netter Thriller mit ein paar ungewöhnlichen ästhetischen und erzählerischen Konzepten. Besser als viele andere seiner Art, aber nicht so richtig hammeroberaffentittengeil.“ (Entschuldigung, es waren halt die 80er.) Das weiß ich, weil ich zu den wenigen gehörte, die sich den Film seinerzeit im Kino angesehen haben. Und wie bin ich darauf gekommen? Wegen der im Großen und Ganzen wohlwollenden Kritiken.

Durch den Mythos der Unterbewertung von Blutmond sind noch ganz andere Qualitätsmythen über den Film entstanden, die kurz aus der Welt geschafft werden müssen: Nein, er ist nicht besser als der hammeroberaffentittengeile Das Schweigen der Lämmer, der zweite und bekanntere Film mit dem beliebten Kannibalen Hannibal Lecter. Und Brian Cox ist nicht besser in jener Rolle als fünf Jahre später Anthony Hopkins. Diplomatisch könnte man sagen: Die beiden spielen die Figur ganz anders und gleich gut, gemäß den sehr unterschiedlichen Drehbüchern und Tonalitäten der Filme. Realistisch muss man sagen: Hopkins blieb nach Das Schweigen der Lämmer im Gedächtnis, Cox nach Blutmond eher nicht. Weiß man natürlich nur, wenn man von Anfang an dabei war, anstatt den Film retrospektiv mit unzulässigem Insiderwissen aufzuladen.

Blutmond ist ungefähr genauso gut wie Roter Drache (für die spät geborenen Romantasy-Sozialisierten: Red Dragon) von 2002, die handwerklich konservativere Neuverfilmung desselben Romans. Mit seiner 80er-Jahre-Ästhetik, bei der man meint, jederzeit könnte Robert Palmer mit seiner hochhakigen Begleitkapelle um die Ecke stöckeln und ein Lied über unzügelbare Begierden in der Hitze der Nacht anstimmen, bietet der ältere Film modernere Schauwerte. Dafür setzt der neuere auf ältere Tugenden wie Spannung und Dramatik, während Blutmond mitunter in neonkalter Langeweile erstarrt. Möchte man partout die Überbewertet/Unterbewertet-Skala anwenden (ein letztes Mal, zu Dokumentationszwecken), müsste man sagen: Blutmond ist ein bisschen überbewertet, Roter Drache ein bisschen unterbewertet, und so treffen sie sich friedlich in der Mitte. Beide Filme „kann man gucken“ (diese Phrase gewöhnen wir uns 2027 ab) und danach seelisch und intellektuell unerschüttert sein Leben weiterleben.

Ich habe diesen Text übrigens in mein Rollbahn skizziert, während in der Flimmerkiste der Spielfilm Joker: Folie à Deux fröhlich vor sich hin flimmerte. Total unterbewertet.

The Return of Bücherjahresrückblick [blöde Platzhalterüberschrift, vor Veröffentlichung unbedingt ändern!!!]

Der Schock wird euch noch eiskalt im Nacken sitzen: Ende letzten Jahres habe ich gar nicht meine 10 liebsten Lektüren verkündet. Die Welt hielt bis heute den Atem an. Dabei hatte ich 2024 im Durchschnitt ein recht gutes Lesejahr gehabt, zumindest im Vergleich zu meinem vorangegangenen Annus horribilis. Nur war es nicht derart highlightgeschwängert, dass ich guten Gewissens zehn Titel öffentlich hätte ausstellen mögen. Das sieht dieses Jahr zum Glück wieder anders aus, also hier: Die 10 Bücher, die ich in diesem Jahr mit dem größten Vergnügen gelesen habe. Es handelt sich nicht zwangsläufig um Neuerscheinungen dieses Jahres.

Auf meiner Pressetour durch Österreich (gut, Wien) wollte ich mir vor allem Bücher von österreichischen Autorinnen und Autoren kaufen. Wegen Zeit- und Geldknappheit (wahlheimatkulturbedingt musste ich Reisemitbringsel priorisieren) sind es dann doch nur zwei geworden. Ein ziemlich miserabler Thriller und das hier, das ihr eh schon alle kennt und liebt. Das nächste Mal frage ich jemanden, der sich damit auskennt, nach Geheimtipps. Solche Leute kenne ich ja jetzt gottlob.

Steht stellvertretend für diesen ersten und den zweiten Teil einer Trilogie über die Flucht einer Gruppe von Aliens und Alien-Verstehern vor notorischen Alien-Nichtverstehern (Militärs, Geheimdienste etc.). Der dritte Band ist bestimmt genauso kluge und gute Unterhaltung. Den kaufe ich mir baldmöglichst als richtiges Buch. Die ersten beiden waren Zufallsfunde auf dem digitalen Grabbeltisch. Dafür, und nur dafür, ist er da.

Jedes Mal, wenn ich befürchte, Amélie Nothombs Stil könnte mir irgendwann auf den Zeiger gehen, beweist sie mir, dass ihr Stil weit über reinen Stil hinausgeht.

Ich habe ihn so vermisst, dass ich es gleich zweimal gelesen habe.

Könnte ich dasselbe drüber sagen wie über ‚Psychopompos‘, nur eben mit ‚David Peace‘ anstatt ‚Amélie Nothomb‘. Und ‚er‘ anstatt ‚sie‘, wenn wir es hier peinlich genau nehmen wollen.

Ich bin auch Monate nach dem Lesen noch baff von der Themenbreite, die dieser Roman ganz unverkrampft bearbeitet. Ich möchte gar nicht erst von all den -ismen anfangen, die hier verhandelt werden, denn das schreckt ja doch nur ab. Das Wichtigste: Es ist nicht nur ein -istischer und bisweilen anti-istischer Roman, sondern vor allem ein richtig fesselnder Schmöker.

Martin Cruz Smith hat in seinen letzten Jahren krankheitsbedingt von epischen Ausschweifungen abgesehen und punktgenaue, hochkonzentrierte Kriminalromane ohne Gedöns geschrieben beziehungsweise diktiert. Sie gefallen mir besser als die selbstverständlich ebenfalls sehr guten früheren Bücher mit mehr Gedöns. Mit oder ohne Gedöns wird er fehlen.

Ehrlich gesagt war Cosbys vorletzter Roman, ‚All the Sinners Bleed‘, der erste von ihm, den ich ein kleines bisschen enttäuschend fand. Gottlob hat er sich jetzt wieder voll und ganz berappelt. Ein so hervorragender Thriller, dass er natürlich nicht nur ein Thriller ist.

Es war selbstredend nicht mein erstes Mal. Hatte ich zwecks Recherche nur mal wieder kurz reingucken wollen, musste dann aber einfach drinbleiben. Das Buch hatte mich damals laut Preisschild 6 Mark 80 in einer Frankfurter Buchhandlung gekostet, also wahrscheinlich während eines Perry-Rhodan-Weltcons gekauft. Eine gute Investition.

Hat mich inspiriert, nach weiteren Indianerbüchern Ausschau zu halten. Und das in meinem Alter noch.

Mit Mike Krüger gegen die KI

In dieser Woche veröffentlichten mehrere amerikanische Zeitungen einen Agenturartikel, der fünfzehn besonders sommerliche Sommerlektüren empfahl. Die meisten davon verfasst von großen, leicht wiedererkennbaren Namen aus vergangenen und gegenwärtigen Bestsellerlisten. Nur bei den Titeln und Inhaltsbeschreibungen wollte es mit dem Wiedererkennen nicht so recht klappen. Zehn der fünfzehn vermeintlichen Bücher waren nämlich frei erfunden. Und die Eignung der fünf tatsächlich existierenden Titel als unbeschwerte Sommerlektüre kann zumindest im einen oder anderen Fall stark bezweifelt werden; das einzige Auswahlkriterium schien gewesen zu sein, dass die Handlungen der Bücher teilweise im Sommer spielen müssten.

Ist nicht schwer zu erraten, was geschehen war: Künstliche Intelligenz war geschehen. Und weil der besagte Artikel eben von KI geschrieben wurde, muss ich in meiner Formulierung gleich wieder zurückrudern: Die Bücher wurden natürlich nicht ‚frei erfunden‘, denn Künstliche Intelligenz erfindet nichts. Erfindung würde tatsächliche Intelligenz oder etwas Vergleichbares voraussetzen, und Künstliche Intelligenz hat mit tatsächlicher Intelligenz nichts zu tun und nichts gemein; der Begriff ist äußerst unglücklich gewählt. Künstliche Intelligenz ist ungefähr so intelligent wie ein Donut. Oder wie ein Redakteur, der meint, Menschen müssten sich Strandlektüren von Maschinen empfehlen lassen, die noch nie an einem Strand gewesen sind und noch nie ein Buch von den Millionen, die sie gelesen haben, verstanden haben. KI stellt lediglich auf Anfrage Inhalte neu zusammen, die KI in anscheinend oder auch nur scheinbar ähnlichen Zusammenhängen so schon mal irgendwo gefunden hat. So kann KI dem Wort ‚Katze‘ das Bild einer Katze und gewisse Katzenfakten zuordnen, hat aber trotzdem kein Verständnis dafür, was eine Katze ist. Oder ein Buch. Oder ein Strand. Oder Fakt. Oder Fiktion.

Oder ein Witz. Über die oben genannte Zeitungsblamage habe ich freilich aus dem Internet erfahren, und ich konnte aus hoffentlich offensichtlichen Gründen gar nicht darüber lachen. Anders verhielt es sich bei einem anderen Internet-Fundstück dieser Woche: Eine Rundfunksendung gratulierte Who-Gründer Pete Townshend zum Geburtstag und illustrierte das mit einer Abbildung des jungen Mike Krügers (die beiden Rocklegenden haben eine gewisse nasale Ähnlichkeit). Darüber konnte ich zumindest vornehm schmunzeln. In den Kommentaren fand sich die übliche Mischung aus Leuten, die es lustig fanden, und solchen, die es nicht verstanden hatten und mit der mediumsüblichen Selbstherrlichkeit und Unfreundlichkeit auf den vermeintlichen Fehler hinwiesen. Ein Kommentar jedoch war anders als die anderen: Der Kommentator hatte den Witz verstanden, fand ihn aber nicht lustig. Nicht, weil der Kommentator ein total humorloser The-Who- oder Supernasen-Verehrer wäre, sondern wegen KI. Wenn eine KI nun diesen Beitrag verarbeitete, so die Argumentation, dann würde sie Mike Krüger fälschlicherweise Pete Townshend zuordnen. Und dann könnten andere KI diese Fehler übernehmen und eines Tages, wenn alle Intelligenz auf Erden von Künstlicher Intelligenz verdrängt worden wäre, hätte Mike Krüger Pete Townshend komplett ausgelöscht, zumindest bildlich. (Gut, ganz so weit ging der Kommentator in seiner Argumentation nicht, aber die Richtung stimmt schon.)

Zuerst war ich amüsiert, dann erschrocken: Es gibt also bereits Menschen, die meinen, die KI müsse sich nicht an uns anpassen, sondern wir uns an sie. Ich sage nein: Kein Entgegenkommen. Nicht mal ein Stück weit. Bloß keinen Witz machen, weil der alles sehende und alles hörende Computer es falsch verstehen könnte? Dann leben wir bereits in den Filmen und Büchern, die wir als Kinder verschlungen haben.

Ausnahmsweise weiß ich bei diesem Thema übrigens mal, wovon ich rede, denn ich habe in einem meiner unsichtbaren Brotjobs über zwei Jahre lang recht intensiv mit KI-Unterstützung gearbeitet. Es ging dabei um das Erstellen von SEO-Texten für Produkte, von denen ich (zumindest anfangs) recht wenig Ahnung hatte. Der geringe Pro-Wort-Lohn rechtfertigte keine langwierigen Recherchen, also bat ich regelmäßig die gängigen Chat-Programme um erste Textentwürfe (für vollwertige SEO-Texte ist KI zu doof; das schafft jeder echte Mensch besser, nachdem er sich ein paar YouTube-Videos zum Thema angesehen hat). Da diese Texte nur von Maschinen gelesen werden sollten und der Auftraggeber selbst recht KI-affin war, hielten sich meine Gewissensbisse in Grenzen. Von vornherein fielen mir viele inhaltliche Fragwürdigkeiten in den KI-Texten auf, und je mehr Produktkenntnis ich mir mit der Zeit aneignete, desto offensichtlicher wurde es, dass sie vor faustdicken Unwahrheiten nur so wimmelten. Nicht selten wurde das genaue Gegenteil des eigentlichen Sachverhalts behauptet. Und die Fehlerquote der Maschine schien nicht nur mit meinem eigenen Kompetenzzugewinn zu steigen, sondern auch mit jedem neuen Software-Update. Die Behauptung, dass diese sogenannten ‚Halluzinationen‘ Kinderkrankheiten seien, die sich mit der Zeit von selbst erledigen, scheint mir arg optimistisch, blauäugig oder gar blind. Bislang ist keine Besserung zu erkennen (siehe 15 Buchempfehlungen für den Sommer).

‚Halluzinationen‘ ist selbstredend eh mal wieder der falsche Ausdruck. Halluzinationen setzen einen Geist voraus, der sich verwirren lässt. KI aber ist geistlos. Deshalb hat KI in Geisteswissenschaften, Kunst und Kultur nichts verloren. Nicht mal ein bisschen. Nicht mal im Hintergrund, oder aus Spaß, oder als Ideengeber, oder als ‚Werkzeug‘, oder womit man sich die Stinkefaulheit sonst so schönredet.

Liebe Nerds, der Kampf gegen Skynet hat längst begonnen. Werft eure geschmacklosen, unoriginellen, zutiefst unethischen Ghibli-Profilbilder auf den Müll und ab an die Front! Stürmt die Maschinen! Blockchains zu Pflugscharen! Und möge Mike Krüger unser Terminator sein.

(„Aber … aber … die Terminatoren waren doch mehrheitlich FÜR Skynet … Was ist, wenn jetzt eine KI das liest, und …“)

Das Beste aus meinem schrecklichen Lesejahr

Normalerweise veröffentliche ich die Jahresbestenliste meiner Lektüren nur auf meiner Facebook-Seite, und damit hat sich’s. Aber ach, ich hatte ein furchtbares Lesejahr, und ich möchte darüber reden, und auf Facebook fasse ich mich lieber kurz.

Ich habe in diesem Jahr so wenige Bücher gelesen wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2000. Ein triftiger Grund ist schwer auszumachen. Es war ein gutes Schreibjahr, im Gegensatz zum annus horribilis 2022, in dem Verlage keine neuen Bücher kauften und Leser keine alten. Das hat sich beides wieder eingerenkt, vielen Dank.

Geschrieben habe ich sehr fleißig, doch gelesen habe ich wie ein blutiger Anfänger. Habe normal viele Bücher gekauft (also zu viele), aber kaum eines beendet. Und wenn doch, dann oft die falschen. Habe stur an Texten festgehalten, die mir bereits nach wenigen Seiten signalisiert hatten, dass sie mich nicht packen werden. Oder habe versucht, weiter durch den trägen Lesesumpf von Wälzern zu waten, in denen schon seit Jahren meine Lesezeichen nahezu unbewegt steckten, was ja meistens seine Gründe hat. Ich würde gerne auch Videospielen und Fernsehserien die Schuld an der mageren Ausbeute 2023 geben, allerdings bin ich bei Videospielen und Fernsehserien ebenfalls nicht recht weitergekommen.

Aber genug von all dieser Negativität. Im nächsten Jahr wird alles besser. Hier kommen die zehn Lektüren, die meinen Glauben aufrecht erhalten haben, in Lesereihenfolge. Mit launigen Kommentaren, doch ohne ausführliche Beschreibungen oder tiefgehende Analysen. So redselig fühle ich mich auch wieder nicht.

Lustige Geschichte: Ich habe dieses Buch aus Versehen gekauft. Ich hatte es mit einem anderen verwechselt. Es hat mir so gut gefallen, dass ich inzwischen ganz vergessen habe, welches ich eigentlich kaufen wollte.

In meinem bislang undiszipliniertesten Lesejahr dieses Jahrtausends habe ich zwei Regeln dieser Liste gebrochen: „Keine Comics“ und „keine Hörbücher“. Streng gesehen ist dies ein Comic. Dagegen habe ich freilich nichts, allerdings folgen Comics gänzlich anderen erzählerischen Gesetzen als reine Prosa, deshalb sollte man da fein trennen. Hier jedoch drücke ich ein Auge zu, weil der Text beinahe auch ohne die Zeichnungen als ein wunderbar warmherziges Showbiz-Memoir funktionieren würde. Schön natürlich, dass die Bilder trotzdem da sind.

Klar bin ich nur durch die ganz vorzügliche Fernsehserie darauf aufmerksam geworden. Nach der Lektüre fand ich die Fernsehserie nach wie vor ganz vorzüglich, aber das Buch noch vorzüglicher. So vorzüglich, dass ich es und seinen Autor in meinem eigenen neuen Buch name-droppe, auf gut Deutsch gesagt. Als ob sie das nötig hätten. Aber Name-Dropping dient ja immer nur den Droppenden, nicht den Gedroppten.

Ich hatte übrigens in meiner Jugend bereits die Billardromane von Tevis gelesen, Haie der Großstadt und Die Farbe des Geldes. Ich hatte damals allerdings nur so getan, als fände ich sie ganz vorzüglich. Vielleicht sollte ich sie vor dem Hintergrund meiner erlangten Altersweisheit noch einmal lesen.

Mir gefiel Cosbys Razorblade Tears (dt.: Die Rache der Väter) seinerzeit so fantastisch, dass ich mich lange nicht getraut habe, etwas anderes von ihm zu lesen. Ich hatte Angst, enttäuscht zu werden. War völlig unbegründet, wie sich herausstellt. Im fortgeschrittenen Alter noch einen neuen Lieblingsautor zu entdecken, das ist schon ein Geschenk. Um zum besinnlichen Jahresausklang mal eine angemessen schleimige Formulierung zu bemühen.

Michael Connelly ist einer dieser sehr produktiven und sehr verlässlichen Kriminalromanautoren, bei denen man eigentlich blind zuschlagen kann. Vielleicht habe ich deshalb in meinem von Unentschlossenheit geprägten Lesejahr gleich viermal zugeschlagen, jedes Mal ohne es zu bereuen. Dieses Buch sticht heraus: Es ist weit mehr als nur vollkommen befriedigende Stangenware. Würde Connelly seltener Bücher veröffentlichen, und wären die wenigeren mehr wie dieses, würde das Feuilleton ihn nicht nur in der Alibi-Krimispalte preisen. Aber ich bin ganz froh, dass er sich nicht nur auf die Meisterwerke konzentriert. Ich brauche produktive und verlässliche Autoren, denen ich blind vertrauen kann, wenn ich als Leser mal nicht weiterweiß.

Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin allzeit bereit, die Lieblingsgenres meiner Kindheit und Jugend (Science-Fiction, Fantasy und Horror, in dieser Phasenreihenfolge) gegen jede Form von literarischem Snobismus zu verteidigen. Nicht mit meinem Leben, ich bin ja nicht blöd, aber mit Argumenten und Beleidigungen. Ebenso ist wahr: Meine Loyalität fußt vor allem auf Nostalgie. Heutzutage finde ich in diesen Bereichen nur noch selten etwas, das mich über mehrere Kapitel hinweg fesseln könnte (in beiläufiger als Bücher zu konsumierenden Darreichungsformen sieht es anders aus). Es liegt nicht an den Genres, es liegt an mir. Mir fehlt der alte Eifer, das Überangebot zu durchfiltern (aus diesem Grund kenne ich auch keine coolen, jungen Indie-Bands mehr, obwohl es bestimmt welche gibt). Wie schön, wenn einem doch mal wieder ein Fang ins Netz geht. Ich bin erst in diesem Jahr mit Fonda Lees Trilogie fertig geworden, weil ich das Ende so lange wie möglich hinauszögern wollte. Und als es dann vorbei war, habe ich die mittlerweile erschienene deutsche Übersetzung als Ausrede genommen, gleich wieder von vorne anzufangen.

Die Jade-Trilogie wird gemeinhin mit klassischen Hongkong-Gangsterfilmen verglichen. Wahrscheinlich stand das mal in irgendeinem Pressetext, und Nachplappern ist ja immer einfacher als eigene Meinung. Ich würde eher sagen, es ist eine Mischung aus Der Pate und Matrix vor dem Hintergrund einer faux-asiatischen Urban-Fantasy-Welt. Wenn das kein geschmeidig runtergehender PR-Slogan ist, weiß ich auch nicht.

Schnell mal nachgezählt: Ich habe bislang 17 Nothombs gelesen, davon haben mir zwei nicht gefallen. Dies ist einer der anderen 15.

Ja, das hat damals jeder und seine Mudder gelesen. Ich war aber gerade in dem Alter, in dem man dezidiert nicht das liest, was seine Mudder liest. Ich war eher in dem Alter, in dem man Bukowski oder Kerouac oder so einen Quatsch liest.

Hatte Mutter wieder mal recht, genau wie bei der Sache mit dem Mützeaufsetzen. Ich verstehe nun auch, warum Süskind danach keinen weiteren Roman geschrieben hat. Bringt ja nichts. (Und auch hier war ich mir nicht zu schade, den Namen in meinem eigenen neuen Buch zu droppen. Dort war er mir allerdings in erster Linie wegen Monaco Franze eingefallen.)

Um ein Haar hätte ich dieses Buch nicht gelesen, weil es im Feuilleton oft so dargestellt wurde, als ginge es hier 600+ Seiten lang um Bäume. Geht es auch, eigentlich. Oberflächlich spielen zum Glück auch Menschen mit. Aber die Bäume sind die, die bleiben. Ein Buch, das tatsächlich meine Sichtweise auf einiges verändert hat. Auf Bäume, sicherlich, aber auch auf alles, was damit zusammenhängt. Also auf alles.

Das letzte Buch der Liste ist ihre zweite Ausnahme, ich habe es nämlich gegen meine Gewohnheit lediglich als Hörbuch gehört. Die Gründe dafür wären hier zu kompliziert zu erklären (okay, Audible-Lockangebot). Obwohl es kein Schreibratgeber ist, hat es mir enorm bei meinen eigenen Schreibarbeiten in diesem Jahr geholfen, ganz einfach weil man merkt, wie ernst Milch seine Arbeit nimmt. Davon kann man sich bei Bedarf eine Scheibe abschneiden, wenn man Gefahr läuft, den Autopiloten anzuwerfen oder sonst wie den bequemeren Weg zu nehmen. Außerdem hervorragend gelesen von Michael Harney, der so anrührend vom Leben gezeichnet und gebrechlich klingt, wie es der Autor wohl inzwischen ist. (Ich habe Harney mal gegoogelt, er sieht eigentlich ganz gesund aus.)

Polizei sugoi

Am späten Donnerstagnachmittag habe ich alles gemacht, wie ich es immer mache: Nach dem Bezahlen meines Einkaufs im Supermarkt legte ich mein Portemonnaie neben meinen Warenkorb auf den Einpacktresen, packte meine Waren vom Warenkorb in meinen ‚Wittenberge das Tor zur Elbtalaue‘-Jutebeutel um und dachte mir voller Stolz auf mein Wahlheimatland: Also in Deutschland hätte ich das Portemonnaie nicht so einfach dahin gelegt, während ich Waren umpacke. Auf dem Heimweg dachte ich darüber nach, ob ich mir noch ein Schnickschnack-Bier im Schnickschnack-Bier-Laden oder einen Eismilchkaffee vom Convenience Store gönnen sollte, entschied mich in beiden Fällen aber dagegen, denn man gönnt sich ja sonst so viel. (Hätte ich mich anders entschieden, hätte ich womöglich meinen Fehler früher bemerkt.)

Dann arbeitete ich an den vorerst letzten Schliffen meines im Frühjahr erscheinenden neuen Kriminalromans, bereitete das Abendessen zu (Teriyaki-Huhn; für mehr reicht es während heißer Romanarbeitsphasen nicht), aß mit meiner Familie zu Abend, komplimentierte meine Tochter ins Bett, arbeitete ein bisschen weiter, holte mit meiner Frau ein paar Folgen der wunderschönen neuen Daily-Morning-Soap Boogie Woogie nach, komplimentierte meine Frau ins Bett, ärgerte mich allein ein bisschen mit dem Film Fistful of Vengeance herum (schade, dass der nicht von meinen Steuergeldern finanziert wurde, sonst könnt ich mich noch mehr aufregen), fand schließlich selbst zur Ruh. Ich hatte einen Traum, in dem meine Tochter endlich ihre Gestaltwandler-Fähigkeiten entdeckte und damit am Esstisch allen gehörig auf die Nerven ging. Viel zu früh brach der neue Tag an. Also alles wie immer.

Am nächsten Morgen hatte meine Tochter zwar äußerlich noch ihre alte Form, aber ansonsten war sie ein bisschen schlapp, weshalb ich ihr nach Familienkonferenz schulfrei gab und zwischen Hätscheln und Arbeit multitaskte. Als ich gegen Mittag schnell mal eben zum Convenience Store wollte, um etwas zu essen zu kaufen, sagte ich beiläufig zu meiner Frau, die an jenem Tag zum Glück ‚Home-Office machte‘: „Ich kann mein Portemonnaie nicht finden.“

So weit immer noch so normal. Nur konnte ich es, anders als sonst, selbst nach elaborierten Suchaktionen nicht finden. Selbstverständlich sah ich auch im Kühlschrank und im Backofen nach, denn man kommt so langsam in das Alter. (Backofen war natürlich extrem unwahrscheinlich, da meine Frau darauf besteht, dass wir den nur in äußersten Notfällen benutzen, weil er nicht uns gehört, da wir nur zur Miete wohnen. Mein Argument, dass wir nach dieser Logik die Toilette ebenfalls nicht benutzen dürften, überzeugt sie nur teilweise.)

Schließlich musste ich erklären: „Es könnte unter Umständen eventuell sein, dass ich es gestern im Supermarkt liegen gelassen habe.“ (Tatsächlich war ich mir zu annähernd 100 Prozent sicher, schon bevor ich den Backofen geöffnet hatte.)

Nun ist die Anzahl der Unmenschen in Japan äußerst gering. Falls ich es wirklich im Laden vergessen hatte, würde jemand es beim Supermarkt-Personal oder im Polizeihäuschen gegenüber abgegeben haben. Im Normalfall. Aber Normalfall ist ja auch nicht immer. Deshalb wurde mir schon ein bisschen mulmig. Neben einem Bargeldbetrag in mittlerer Höhe waren alle meine japanischen Existenzberechtigungen, diverse internationale Kredit- und andere Geldkarten, einige Vokabelspickzettel und (besonders unersetzlich) unzählige Café- und Kaufhaus-Treuepunktekarten in der Geldbörse.

Da meine Frau noch besser japanisch spricht als ich, rief sie im Supermarkt an. Sie war ganz begeistert, wie nett und hilfsbereit die am Telefon waren, aber von meinem Portemonnaie wussten sie leider nichts. In Panik guckte ich noch mal hinter dem Backofen und unter dem Kühlschrank nach. So ein Verlust inklusive enormen Verwaltungsaufwand kommt sicherlich nie gelegen, aber gerade jetzt, wo ich kürzlich festgestellt hatte, dass ich meinen Roman zwei Wochen früher abgeben muss als ursprünglich gedacht, passte er ganz besonders schlecht in meinen Kram.

Meine Frau versuchte unser nachbarschaftliches Polizeihäuschen. Da hatte ich keine große Hoffnung, gerade weil ich wusste, wie gewissenhaft die Guten dort arbeiten. Einmal bestand meine Tochter darauf, dass wir eine Brosche, die sie auf dem Schulheimweg gefunden hatte, dort ordnungsgemäß abgäben. Sie hatte im Unterricht gerade das Konzept der Polizei als Freund und Helfer durchgenommen, und ich habe den Verdacht, dass sie mit Adleraugen den Boden abgesucht hat, nur um irgendetwas zu finden, das man zur Polizei bringen könnte. Obwohl ich kein Broschenexperte bin, hatte ich das Stück schnell als billigen Tand erkannt, den bestimmt niemand vermissen würde. Trotzdem wollte ich mein Kind nicht enttäuschen. Im Polizeihäuschen stellte sich das Abgeben nicht als ein einfacher Hallo/hier/tschüs-Vorgang heraus, sondern war mit allerlei Papierkram, schwierigen Fragen, Faltkartenstudium und lustigen Pocketalk-Maschinenübersetzungdialogen gespickt. Man war wirklich wild entschlossen, die rechtmäßige Besitzerin des billigen Plastikteils zu finden. Wenn die mein Portemonnaie hätten, so dachte ich, hätten die mich längst informiert; Adressdaten waren schließlich enthalten.

Gar so groß ist das Servicebewusstsein der Lokalpolizei nun anscheinend auch wieder nicht. Ja, sie hätten ein Ausländer-Portemonnaie erhalten, auf das die Beschreibung zuträfe, wurde meiner Frau mitgeteilt. Die Sache war aber eine Nummer zu groß für unser schnuckeliges kleines Polizeihäuschen, deshalb hatte man das Fundstück bereits zum nächsten vollwertigen Polizeirevier im benachbarten Himonya geschickt. Nun hätte ich sagen können: „Boah, echt ey?! Das sind ja 17 Minuten zu latschen, Alter!“ Stattdessen sagte ich sinngemäß: „Oh mein Gott oh mein Gott oh mein Gott super toll spitze irre mega!“ Man gab mir eine Bearbeitungsnummer, mit der ich bevorzugt behandelt werden würde, und empfahl mir, bis 16:30 Uhr aufzukreuzen, weil man sonst wg. Feiertag erst am Dienstag wieder für mich da sein könnte (das erinnerte mich durchaus ein bisschen an meine alte Heimat).

Ca. 17 Minuten später betrat ich zum ersten Mal in meinem Leben ein japanisches Polizeirevier. Es unterschied sich zum Glück nicht wesentlich von den Mutmaßungen in meinen vier in Tokio spielenden Polizeiromanen (recherchiert hatte ich freilich schon). (Ich möchte keine Namen nennen, aber es gibt einen Tokio-Krimi von einem anderen deutschen Autor, in dem behauptet wird, man müsse in japanischen Polizeirevieren die Schuhe ausziehen. Das habe ich stets bezweifelt, und Einheimische, die ich dazu befragt habe, zweifelten ebenso, obwohl die zu unbescholten waren, um es abschließend beurteilen zu können. Nun weiß ich: Wir lagen richtig.) Das einzige, was mich wunderte, war, dass doch etliche der Officers Schusswaffen trugen. Eigentlich heißt es ja immer, und ich hatte das selbst in Fiktion und Non-Fiktion kolportiert, dass dem in Japan nicht so sei. Vielleicht an jenem Tag ausnahmsweise, weil ich da war.

Vom freundlichen jungen Mann am Empfang bekam ich einen Besucherausweis und den Auftrag, mich im zweiten Stock zu melden. Die freundliche junge Dame dort rief bei meinem Anblick sofort: „Saifu!“ (Portemonnaie) Ganz kurz musste ich mich gedulden, dann händigte mir ein freundlicher älterer Herr mein Portemonnaie aus.

Ich war schockiert, dass es nur die nackte Geldbörse war, ohne irgendwas drin. So hatte ich mir Japan nicht vorgestellt.

Doch dann ging die Übergabe ordnungsgemäß weiter, in thematisch geordneten Stapeln. Die Kreditkarten, die Ausweis- und ausweisartigen Dokumente, die Spickzettel und (ein Glück!) die Treuepunktekarten. Schließlich die Geldscheine und die Münzen. Selbstverständlich alles da. Natürlich musste ich noch ein Formular ausfüllen, obwohl ich am Empfang schon eines ausgefüllt und meine Frau davor bereits alle Daten zum Mitschreiben diktiert hatte. Wir dürfen aber auch die Bedürfnisse der japanischen Papier- und Stempelindustrie nicht vergessen.

Ich versprach, dass es nicht wieder vorkommen würde, was dem älteren Beamten große Freude und Erleichterung zu bereiten schien (das Gefühl kannte ich von kurz vorher nur allzu gut), und ging mein wie-neues Geld auf den Kopf hauen.

Zu Hause nötigte mich meine Frau zuzugeben, wie toll solche Dinge in Japan funktionierten (ich habe nie etwas anderes behauptet). „DARÜBER solltest du mal was schreiben!“, meinte sie. Habe ich in der Vergangenheit bereits öfter getan. Kann man aber ruhig noch mal schreiben.

Reinhard Mey verbieten!

Quatsch, ich meine gar nicht Reinhard Mey, ich meine Karl May (Abb. oben, links). Und ich meine auch gar nicht ‚verbieten‘, ich meine ‚lesen‘. Wenn man will. Ich bin ganz durcheinander. Viele diskutieren ja dieser Tage über den Mann und sein Werk ohne große Textsicherheit. Das freut mich sehr, denn außer Das Kapital habe ich selbst kaum etwas von ihm gelesen, möchte aber unbedingt mein Hublublublublu auch noch dazugeben.

Vielleicht tatsächlich kurz etwas zu meiner eigenen Karl-May-Rezeptionsgeschichte, denn ich stelle mich so gern in den Mittelpunkt meines Schreibens. In den 70ern sah ich die Filme im Fernsehen und fand sie „ganz gut“. In den 80ern versuchte ich es mit den Büchern, kam allerdings nicht weit. Ich war eher der Conan-Typ (Barbar, nicht Detektiv). Aber dieses spezielle Fass wollen wir im momentanen Klima lieber nicht auch noch anrollen. Als Jungs noch mit Puppen spielten, besaß ich eine gelenkige Spielzeugausführung von Winnetous Pferd, die ich jedoch als Big-Jim-Pferd einsetzte. Später besuchte ich einmal die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg, wo es mir gut gefallen hat. Vor allem wohl auch, weil meine Eltern nicht dabei waren und ich Zigaretten rauchen konnte, bis mir schlecht wurde (schätzungsweise eine halbe bis eine). Herrliche Erinnerungen. Zu einem Vollblut-Karl-May-Fan machen sie mich allerdings schwerlich. Hier schreibt kein eingeschnappter Nostalgiker, hier schreibt ein besorgter Leser (wenngleich kein Karl-May-Leser).

An Karl May ist, soweit ich es aus meinem ungünstigen Blickwinkel beurteilen kann, einiges kritikwürdig. Und jetzt kommt der Knaller: Kritik wird tatsächlich geübt, und zwar nicht erst seit August 2022. Flapsig könnte man sagen, die Karl-May-Kritik gibt es, seit es Karl May gibt. Er hatte schließlich schon zu Lebzeiten nicht nur leidenschaftliche Verehrer und gute Freunde, nach allem, was man so hört. Aber über diese unschönen Kolonialzeiten wollen wir ja lieber nichts hören, LALALALALA mit Fingern in den Ohren, also spulen wir schnell zu meinen Lebzeiten vor und formulieren um: Karl May wird kritisch rezipiert, seit ich (52) denken kann. Selbst von Kindern. Als ich meinen ersten Winnetou-Film auf unserem Schwarz-weiß-Röhrenfernseher sah, klärten mich meine Eltern auf, nicht ohne Häme, dass dieser Karl May nie in Amerika gewesen war und wahrscheinlich weder von echten Cowboys noch von echten Indianern allzu viel wusste. Diesen Informationsstand schienen meine Altersgenossen zu teilen. Wir sahen diese Filme so, wie wir auch Weltraum- und Dinosaurierfilme sahen: Als ausgedachte Unterhaltung, nicht als Schulstoff. Ich fand Winnetou, wie gesagt, „ganz gut“ (aber nicht so gut wie Zorro), weshalb ich mich später „ein bisschen“ mit der Geschichte und Kultur der tatsächlichen amerikanischen Ureinwohner beschäftigte. Diejenigen meiner Freunde, die diese Filme und Bücher mehr als bloß „ganz gut“ fanden, sollten sich damit weitaus ausführlicher beschäftigen als ich. Denn das ist eine der vielen Leistungen ausgedachter Bücher: Sie beflügeln das Interesse an der Wirklichkeit.

Diejenigen aus meinen Umfeld, die im Laufe ihrer Studien tief in die fremde Kultur und Geschichte eintauchten, haben danach keineswegs mit Karl May gebrochen. Denn so sind sie, die Menschen guter Kinderstube: Sie können zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden und beides aus unterschiedlichen Gründen zu schätzen wissen.

Aber genug von mir und meiner Rasselbande. Auch außerhalb meiner Blase existiert der kritische Umgang mit Karl May nicht erst seit ein paar Wochen. Eine erschöpfende historisch-kritische Ausgabe wird seit 1987 erstellt, inzwischen in Zusammenarbeit mit dem Karl May Verlag, der da wohl nichts zu verbergen hat. Rund 100 Bände liegen bereits vor. Da hat also schon zur Genüge stattgefunden, was einige vorgebliche Vermittler nun lasch fordern, nämlich die Neuauflage der alten Bücher mit kritischen Vorbemerkungen. Damit wären wir wieder bei der vorletzten Sau, die durchs Dorf getrieben wurde: Der Trigger-Warnung. Diesmal nur viel wortreicher. Dabei braucht kein Mensch eine Trigger-Warnung, um Der Schatz im Silbersee zu lesen, denn die Karl-May-Methode kennt seit Jahrzehnten jedes Kind. Karl May wird automatisch kritisch gelesen, erstens weil Karl May, zweitens (vielleicht wichtiger) weil alt. Wer es lieber genau als ungefähr wissen möchte, greift halt zur besagten Sonderausgabe. Aber Zwangsbelehrungen gehören sich nicht.

Der Unterschied zwischen der ewigen und der aktuellen May-Kritik, die sich inhaltlich in den wesentlichen Punkten nicht unterscheiden, ist die Absicht. Der alten Kritik ging es um Aufklärung, der neuen geht es um Verbannung. Also das genaue Gegenteil. Eine der infamsten Lügen dieser Fatwa äh Debatte ist die Behauptung, dass die Verbannung der Winnetou-Kinderbücher aus dem Ravensburger Verlag nichts mit Zensur oder Bücherverboten zu tun hätte, denn der Verlag habe die Titel schließlich „freiwillig“ aus dem Programm genommen. Hier eine kleine Branchen-Insider-Information (ich weiß gar nicht, ob ich darf): Pustekuchen! Kein Verlag nimmt jemals eine Neuerscheinung freiwillig aus dem Programm, schon gar keine bereits gedruckte und ausgelieferte. Das kostet alles Geld! Heute sogar deutlich mehr als letztes Jahr um die Zeit. Solche Rücknahmen erfolgen ausschließlich auf Druck von außen, entweder von Anwälten oder, wie hier, vom geifernden Mob mit seinen Fackeln und Mistgabeln.

Die Bestrebungen des lesefeindlichen Mobs im deutschsprachigen Raum erinnern an die jüngsten (oft erfolgreichen) Bestrebungen US-amerikanischer Rechtsmoralisten, Bücher über allerlei sexuelle Orientierungen und Geschlechteridentitäten aus Schulbibliotheken zu entfernen. Da mag manch einer meinen, das eine dürfe man nicht mit dem anderen vergleichen. Womöglich handele es sich sogar um einen sogenannten Whataboutism, um jenes Dummwort zu bemühen, mit dem die Ewig Doofen seit einiger Zeit jedes gute Argument in Grund und Boden kreischen. Wahrlich aber, ich sage euch: Es gibt zwischen denen, die schwule Comics verbieten wollen, und denen, die Verlage mit Nachdruck dazu bewegen wollen, Indianerbücher nicht mehr nachzudrucken, keinen charakterlichen Unterschied. Die einen mögen sich konservativ nennen und die anderen sich für progressiv halten, aber letztendlich findet man auf beiden Seiten bloß verbohrte Idioten äh Ideologen, die es nicht ertragen, dass es noch andere Standpunkte gibt als ihre eigenen. Das Resultat ihres Handelns ist dasselbe: Weniger Auswahl im Bücherregal. Und wer nun sagt, dass es um diese spezielle Art von Auswahl nicht schade ist, der sollte wissen, wes Geistes Kind er ist. Hugh.

Drei Träume (zweimal Mais, einmal Spice)

Wenn hippe junge Dinger wie ich ein gewisses Alter erreichen, ignorieren sie zusehends ungenierter die alteingeführte Anstandsregel, dass es nichts Langweiligeres gibt als die nacherzählten Träume anderer Leute. Akira Kurosawa hat mit Anfang 80 einen Film über seine Träume gemacht, Martin Walser mit Mitte 90 ein Buch über seine geschrieben. Ich behaupte jetzt einfach mal: Ich bin zwar weder der neue Kurosawa noch der neue Walser, aber 52 ist ganz eindeutig das neue Anfang 80 / Mitte 90. Also hier die drei Träume von neulich, die mir am lebhaftesten in Erinnerung geblieben sind.

Mais-Traum No. 1 (kleiner Kolben)

Ich ging eine Straße entlang und hatte plötzlich Appetit auf Babymaiskolben, also zog ich mir eine Tüte aus dem nächsten Automaten. Als ich Babymaiskolben knabbernd weiterging, merkte ich, dass die Tüte wohl schon etwas zu lange im Automaten gewesen war und der Kolben in meinen Mund innerliche Fäule aufwies. Reflexartig spuckte ich ihn auf die Straße.

Ein älterer Herr hatte das interessiert beobachtet. Ich dachte: Ach, jetzt hält er mir gleich einen Vortrag, dass man hier nicht einfach so innerlich angefaulte Babymaiskolben auf die Straße spucken könne, man sei ja nicht in China.

Doch in der Miene des Mannes war mehr Erleichterung als Missvergnügen. Als er den Mund öffnete, tat er das nicht, um mich zu rügen, sondern um sich im großen Stile auf den Bürgersteig zu erbrechen. Er hatte offenbar nur gewartet, dass jemand anderes den Anfang machte.

Nun wollte ich ihn meinerseits maßregeln, dass man mein dezentes Spucken ja wohl kaum mit seiner Riesenschweinerei gleichsetzen könne. Aber da wachte ich auf.

Mais-Traum No. 2 (großer Kolben)

Es handelte sich um einen dieser Meta-Träume, in denen man träumt, dass man nicht einschlafen kann. Ich lag also genau auf dem Futon, auf dem ich wirklich lag und konnte nicht einschlafen (träumte ich). Das lag nicht an dem großen Maiskolben, den ich in der Hand hielt, sondern daran, dass sich etwas anderes Großes recht penetrant rücklings an mich schmiegte. Es war kein Familienmitglied, denn die waren alle außer Haus; der Traum fand während eines meiner notwendig gewordenen Mittagsschlafe statt. Dem Knurren nach zu urteilen war das in meinem Rücken ein riesiger Kampfhund. Ich wollte mich allerdings nicht zur Vergewisserung umdrehen, um ihn nicht zu provozieren. Man soll Hunden ja nie in die Augen gucken, wenn einem das Leben lieb ist, habe ich mal gehört.

Fürs erste knurrte er nur, aber ich fand die Situation trotzdem nicht ideal. Ich wollte, dass er wegging. Also holte ich aus und warf den Maiskolben so weit fort, wie ich nur konnte.

Die Rechnung ging auf: Der Hund (es war tatsächlich einer) erhob sich und lief dem Gemüse hinterher. Ich sollte nicht erfahren, wie nachhaltig diese Lösung war, denn unversehens wachte ich auf. Erleichtert, dass da weder ein Hund noch ein Maiskolben war. Mais mag ich nicht, Hunde finde ich tendenziell in Ordnung. Kommt auf den Hund an.

Traum No. 3: Old Spice

Ich träumte, die Spice Girls gingen mal wieder auf Tournee, doch eine wollte nicht mehr mitmachen. Posh, wahrscheinlich. Ist ja immer Posh. Hält sich für was Besseres. Ist für den Traum allerdings irrelevant. Jedenfalls musste die Stelle neu besetzt werden. Man entschied sich schnell für eine Unterhaltungskünstlerin, die ich noch „von früher“ kannte. Ich freute mich sehr für meine Freundin, aber auch für mich selbst, denn der persönliche Draht würde mir bestimmt Exklusiv-Interviews und ähnlichen geldwerten Schnickschnack einhandeln.

Dann aber gab es irgendwelche kreative Differenzen oder Terminkonflikte, die Freundin flog wieder raus, und die Stelle musste erneut neu besetzt werden. Diesmal entschied man sich für meine bucklige, einäugige, schätzungsweise 90-jährige Nachbarin aus dem Haus gegenüber, deren Katze ich manchmal streichle, damit sie sich das nicht auch noch zumuten muss. Mit der alten Dame ist die Konversation trotz beidseitiger Sympathien oft schwierig. Meistens werfen wir uns nur gegenseitig das Adjektiv „kawaii!“ an den Kopf, wenn ihre Katze und meine Tochter dabei sind, was den beiden unangenehm ist. Keine guten Voraussetzungen für Exklusiv-Interviews.

Ich melde mich wieder, wenn das Drehbuch oder die Aquarelle fertig sind.

Corona-Weltmeisterschaft: Deutschland gegen Japan

Ich war neulich in Deutschland, um die dortigen Corona-Maßnahmen zu überprüfen und mit denen in Japan zu vergleichen. Hier die Ergebnisse.

Disziplin 1: Trockene Hände

Deutschland hat die trockeneren Hände. Nicht weil so viel feuchtigkeitsentziehender Desinfektionsalkohol auf die Fingerchen gesprüht würde (dazu sogleich mehr), sondern weil die Heißlufthandtrockner in öffentlichen Bedürfnisanstalten weiterhin fröhlich blasen, als hätten sie von dieser Corona-Sache gar nichts mitbekommen. Ich möchte bei dieser freundlichen Weltmeisterschaft nur kalte Fakten ohne Lob und Tadel benennen (mir ist das dröge Doppelgespann aus reflexartigem Herkunftsort-Bashing und unreflektierter Wahlheimatverherrlichung genau so zuwider wie der umgekehrt gelagerte Fall), aber darüber war ich schon ein wenig schockiert. Die Dinger galten bereits vor der Pandemie als menschenfeindliche Virenschleudern (obwohl die Handtrockner-Lobby behauptete, dass das nur die Papiertücher-Lobby behauptete). In Japan war deren landesweite Abschaltung das erste, was an Maßnahmen durchgesetzt wurde. (Kritiker behaupten, es blieb auch das einzige.) Es sieht nicht so aus, als würden die Geräte jemals wieder angeschaltet werden. Das stört auch niemanden, denn der Japaner an sich trägt eh immer sein eigenes Handtüchlein mit sich. Der Zugereiste irgendwann ebenso. Und wenn er es mal vergisst, kauft er sich halt schnell am nächsten Bahnhofskiosk ein neues. (Falls Sie ebenfalls so viele Exemplare mit demselben Bahngesellschaftsmaskottchen haben, können wir vielleicht mal tauschen.)

Disziplin 2: Desinfizierte Hände

Vielleicht hat Japan doch die trockeneren Hände, denn vor jedem Restaurant, Laden und öffentlichem Gebäude steht ein Händedesinfzierer – entweder in Form einer elektronischen beziehungsweise mechanischen Konstruktion mit Sensor beziehungsweise Pedal oder als ein sympathischer Mini-Jobber mit einer Sprühflasche in der Hand. In der Disney-Store-Niederlassung in Shibuya betreibt man besonderen Aufwand: Dort empfängt einen eine freundliche junge Dame, die eine Micky-Maus-Puppe hält, welche die Sprühflasche hält.

Nun spüre ich, wie man in Deutschland nervös auf dem Hosenboden herumrutscht und sich nicht recht entscheiden kann, ob man nur verwirrt oder bereits empört reagieren sollte. Jedenfalls möchte man einwerfen: „Aber das ist doch in Deutschland nicht anders! Gut, abgesehen von der Micky Maus vielleicht!“

Stimmt, in Deutschland wird auch an jedem einigermaßen öffentlichen Eingang desinfiziert. Das wusste ich aber noch nicht, als ich über diese Disziplin am Frankfurter Flughafen zu schreiben begann. An jenem aeronautischen Verkehrsknotenpunkt stehen nirgendwo Desinfektionsspender. Zumindest auf meinen langen, gewundenen Wegen sind mir keine aufgefallen. Bremen-Vegesack, Bremen-Walle und Bremen-City hingegen: Vorbildlich. (Ja, ich habe schon während des Transitaufenthalts auf dem Frankfurter Flughafen im Verlauf meiner Hinreise mit dem Verfassen dieser gewissenhaften Analyse begonnen. Wenn die Flughafenpressebuchhandlungen nichts außer Tichys Einblick und den Stephen-King-Roman, den ich bereits zu Hause heimlich gelesen hatte, zu bieten haben, muss man sich eben selbst was schreiben.)

Disziplin 3: Soziale Distanz

Hm, ungefähr gleich. Wird hüben wie drüben ohne Unterlass gefordert und gelegentlich praktiziert. Auch die Tatsache, dass in bedenkentragenden Randgruppen darüber diskutiert wird, ob man nicht lieber ‚physische Distanz‘ sagen sollte, findet sich im Westen wie im Osten. Dazu sage ich klipp und klar: Ist mir egal. Wenn es hilft, warum nicht.

Disziplin 4: Personal hinter Plastik

Noch etwas, bei dem man den Frankfurter Flughafen nicht als Spiegel der Gesellschaft hernehmen sollte. Dort keinerlei Schutz für die Menschen hinter den Kassen, im Rest der Republik (oder in dem Teil der Republik, den ich bereist habe) hingegen ähnliche Verhältnisse wie in Japan. Vielleicht liegt es daran, dass der Frankfurter Flughafen so überdurchschnittlich sauber ist. Das wäre dann aber neu.

Disziplin 5: Masken, und wie und wo man sie trägt. Und welche.

In Japan trägt man überall außer in Privathaushalten einen Mund-Nasen-Schutz, in Deutschland nur in öffentlichen Innenräumen. In Japan darf es an den meisten Orten einfach irgendeine Art von Maske sein, in Deutschland sind hässliche Masken Pflicht. Als ich mit meiner modischen Maske in Japan das Flugzeug bestieg, musste ich erst mal beweisen, dass ich ebenfalls eine hässliche Maske mitführte (was der Fall war).

Auch wenn es mir unheimlich und ungewohnt war, ohne Maske durch die Bremer Fußgängerzonen zu schlendern, so beugte ich mich doch diesem gesellschaftlichen Diktat (ich wollte nicht der hervorstehende Nagel sein, der … Sie wissen schon). Nur um dann natürlich zu vergessen, die Maske wieder aufzusetzen, wenn ich ein Geschäft betrat. Prompt folgte stets vom Personal die freundliche wie bestimmte Frage: „Sind Sie befreit?“

Was für eine großartige Frage! Ein hoch auf das freiheitliche Europa! In Japan hat mir noch nie jemand eine derart existenzielle Frage gestellt. Gut, in Japan trage ich ja auch immer eine Maske. (Bitte den Satz noch mal lesen, aber diesmal inklusive Subtext. Heute wird übrigens der nächste Literaturnobelpreisträger bekanntgegeben.)

Ich bin mir sicher, die Gewohnheitsdeutschen haben sich bereits etliche Antwortoptionen voll Verve und Finesse zu dieser hochrangig aufgeladenen Frage ausgedacht, wie einst zu: „Sammeln Sie Herzen?“ Bei mir reichte es leider immer nur zu einem gestammelten: „Nein … Entschuldigung … bloß vergessen … lege sie sofort an.“

Was mich überrascht hat: In Deutschland sah ich mehr korrektes Maskentragen als dieser Tage in Japan. Hier begegnen einem jetzt zunehmend die sogenannten Penisgesichter; vor Monaten noch eine statistisch irrelevante Randerscheinung. Vielleicht ist es Maskenmüdigkeit. Oder Mode. Vielleicht haben die im Fernsehen gesehen, dass die das im Westen so machen, und wollten auch mal so cool sein.

Disziplin 6: Impfzertifikate

In Deutschland hat jeder eines auf seinem Mobiltelefon. Hat mal einer keines, fotografiert er es mit seinem Mobiltelefon vom Mobiltelefon seines Kumpels ab. So genau guckt da keiner hin. Im analogen Japan gibt es stattdessen ein unübersichtlich vollgeschriebenes DIN-A4-Dokument, das in einladend dunklen deutschen Gaststätten kein Mensch entziffern kann. Wird erfahrungsgemäß genauso durchgewunken wie die abfotografierte Digitalfälschung.

Menschen, die Japan in erster Linie aus Ghost in the Shell kennen, reagieren häufig perplex bis ungehalten, wenn man ihnen erklärt, wie technologisch rückständig das Land ist. Die denken, man wolle sie vergackeiern; es sei schließlich das Land, in dessen Städten man ständig mit Schwebetaxis an haushohen Werbehologrammen vorbeischwebe. Dabei tut man das in Wirklichkeit nur ganz selten. Der Alltag sieht eher so aus, dass E-Mails ausgedruckt und gefaxt werden, damit man sie bei Erhalt besser abstempeln kann. Das wird sich auch nicht ändern, solange die Fax-Lobby und die Stempelindustrie etwas zu sagen haben.

Disziplin 7: Apps

In Deutschland (vielleicht handelt es sich auch um eine regional unterschiedlich geregelte Ländersache) braucht man eine App, um seine Anwesenheiten in Gaststätten und ähnlichem zu dokumentieren. In Bremen gibt es zum Beispiel die Gast-Bremen-App. Allerdings nicht im japanischen Google-Store, an den ich selbst in Deutschland gebunden bin; so weit reicht die hanseatische Gastfreundschaft wohl auch wieder nicht. Ich musste mir eine gehackte Raubkopie aus dem Darknet besorgen. Die funktionierte oft besser als die offiziellen Versionen meiner lokalen Begleiter. Man darf nicht vergessen, sich beim Verlassen einer Lokalität wieder von dieser abzumelden. Die Zeitungen sind voller Glossen von Witzbolden, die offenbar tagelang in derselben Kneipe festsaßen ohne es zu merken. In Japan braucht man nur Apps, wenn man wiedereinreist, denn man muss in Quarantäne, weil Japan eines der wenigen Länder ist, die das japanische Impfzertifikat nicht anerkennen. Dann schweigt man sich unter anderem täglich mit einer künstlichen Intelligenz eine halbe Minute lang an, während die Telefonkamera Beweisaufnahmen davon macht, dass man zu Hause ist.

Disziplin 8: (Wieder-)Einreiseprozeduren

Das interessiert bestimmt viele, aber dafür fehlt mir jetzt die Zeit. Ich muss noch Schweinefleisch marinieren und Gurken schneiden.

Endergebnis

Abdulrazak Gurnah, herzlichen Glückwunsch.

Bonus-Content: Was ich in zwei Wochen Heimquarantäne über mich selbst gelernt habe

Zweierlei:

  • Wenn ich nicht zum Getränkeautomaten an der Ecke gehen kann, um eine Cola zu kaufen, muss ich auch keine Cola trinken.
  • Wenn ich nicht zum Convenience Store zwei Ecken weiter gehen kann, um Nachtisch zu kaufen, muss ich auch keinen Nachtisch essen.

Daraus folgt: Quarantäne ist, anders als oft angenommen, gut für die Figur.

Love Missile Betamax 3000

Ich entschuldige mich sogleich für die Überschrift, sie hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Sollte mal ein Romantitel werden, allerdings ist mir auch kein Romaninhalt dazu eingefallen.

Aber wo ich Ihre Aufmerksamkeit habe: Ich glaube, ich bin letzte Woche ein paar Prozentpunkte blöder geworden, denn ich habe durchschnittlich einen Film der Filmserie Freitag, der 13. pro Tag gesehen. Und das kam so: Wir haben jetzt wieder Hulu. Wir hatten schon vorher zweimal Hulu gehabt. Das erste Mal, als es das nur in Amerika gab und alles ganz neu und aufregend war. Dann Hulu Japan versucht, weil es attraktive Hulu-Eigenproduktionen zu geben schien. Das war jedoch ein Irrtum; es gibt keine attraktiven Hulu-Eigenproduktionen. Schon gar nicht in einem fernsehkulturellen Dritte-Welt-Land (ich würde Entwicklungsland sagen, wenn es nur echte Anzeichen gäbe, dass sich da mal was entwickelt).

Wo ich gerade Dritte-Welt-Land gesagt habe, wechsle ich schnell das Thema (Freitag, der 13. gibt eh nicht so viel her): Wo wäre denn Deutschland in diesem TV-Weltbild zu verordnen? Ich würde sagen: Locker Zweite Welt. Gibt sich stets große Mühe. Wegen meiner sprachlernwilligen Frau muss ich mir immer wieder aktuelle deutsche Produktionen ansehen, und oftmals bereue ich es nicht. Aaaaber … mir ist just aufgegangen, nach genauer Analyse, was das Problem deutscher Fernsehautoren ist: Sie glauben, ihre Charaktere müssten so reden, wie die Leute wirklich reden. Weil das dann ‚realistisch‘ ist, vielleicht sogar ‚authentisch‘. Realismus und Authentizität allerdings gehen so gut wie immer auf Kosten von Niveau und Unterhaltungswert. Im englischsprachigen Raum wissen die Autoren, dass Charaktere sprechen müssen, wie die Leute sprechen sollten. Deshalb gibt es dort oft geschliffene, tollkühne Dialog-Akrobatik, während es in Deutschland bloß bei „Fuck, Alter, wie krass ist das denn?!“ bleibt. Das ist schade, denn Plot, Figuren und Ästhetik hat das deutsche Fernsehen inzwischen durchaus drauf.

Aber zurück zu Hulu. Wir kamen unlängst wieder angekrochen, in erster Linie wegen Columbo und Nizi Project. Wir haben uns nämlich vorgenommen, mehr über NiziU in Erfahrung zu bringen, als unsere Eltern damals über Adam and the Ants wussten. Aufhalten können wir sie eh nicht. Ich möchte nie ins Schleudern geraten müssen, wenn meine Tochter mich nach meinem Lieblings-NiziU-Girl fragt. (Nina, natürlich. Aber auf ihre Arten sind sie alle toll, obwohl ich zuerst Dings und Bums nicht recht auseinanderhalten konnte. Deren Namen lerne ich auch noch.)

Columbo und Nizi Project haben uns voll und ganz befriedigt, doch dann kam Jason. Beim Stöbern im Filmangebot des Streaming-Services fand ich die Filme der Freitag, der 13.-Serie, zumindest die Teile eins bis acht und das Remake. Aus nostalgischer Trunkenheit (vielleicht auch bloß Trunkenheit) setzte ich sie auf meine Warteliste, abgesehen von Teil 1, bei dem ich bereits kürzlich im Linearfernsehen widerwillig hängengeblieben war, und dem Remake, weil gar so trunken war ich nun auch wieder nicht. Auf der Liste beließ ich sie erst mal, bis sie kollektiv den Warnhinweis trugen: Ablaufdatum in einer Woche.

Ich musste es schaffen! Ich war völlig vernagelt. Ich machte es zu meinem Projekt. Ich stellte mir Outlook-Aufgaben, wie für alles andere in meinen Leben von „2 Minuten Zähne putzen“ über „Einwohnersteuer bezahlen“ bis „5 Seiten über Olympia (ohne Corona)“. Ich hake halt gerne Sachen ab. Also: „Diese Aufgabe ist heute fällig: Rest von Freitag, der 13. IV: Das letzte Kapitel gucken, mindestens halbe Stunde von Freitag, der 13. V: Ein neuer Anfang.“

Es war trotzdem nicht leicht. Diese Filme waren damals nicht gut, und sie sind heute unter aller Kanone. Jeder einzelne, abgesehen vom fünften oder sechsten, weiß nicht mehr genau, jedenfalls der, der sich gekonnt darüber lustig macht, wie unter aller Kanone diese Filme eigentlich sind. Früher haben meine Herrenbekanntschaften und ich bei diesen Filmen Salzgebäck verzehrt, mit Alkohol experimentiert, vom Schalk beseelt Tote gezählt und uns dabei hin und wieder in die Haare bekommen, ob Kakerlaken und Telefonleitungen auch zählten. Heute sind davon nur das Gebäck und der Suff geblieben. Anders ist es nicht zu schaffen. Ich bin in jener Woche also nicht nur merklich blöder geworden, sondern auch deutlich dicker.

Zu den gelungeneren Aspekten der Serie gehört, dass die Teile sukzessive schlechter werden (abgesehen s. o.), wodurch rückwirkend der vorangegangene dann doch wieder vergleichsweise gelungen wirkt, und man sich sagt: „Hach, das war was, damals, gestern, bei Teil 3. Ob sich dieses Hochgefühl noch einmal reproduzieren lässt? Versuchen wir es doch mal morgen mit Teil 5.“

Ich möchte nun nicht jeden Film einzeln besprechen, das würde den Schmerz lediglich verlängern. Dennoch ein gut gemeinter Hinweis an die Macher: Der achte wäre vielleicht (ein ganz kleines bisschen) weniger enttäuschend, wenn er im Untertitel nicht Jason Takes Manhattan hieße sondern Jason auf einem Boot, das erst eine halbe Stunde vor Schluss in Manhattan ankommt. Wie in jedem Film eines gewissen Budgets wird Manhattan natürlich von Vancouver gespielt. (Kleiner indiskreter Industriegeheimnisverrat: Die meisten Szenen in Film- und Fernsehproduktionen, die auf Tokios bekannter Shibuya Crossing spielen, wurden in einem Studio in China gedreht, in dem eine perfekte Nachbildung steht.)

Apropos Macher. Man darf sich nichts in die Tasche lügen: Diese Filme wurden von Menschen gemacht, die Horror hassen. Es spielen Schauspieler und Schauspielerinnen mit, denen das schon damals unangenehm war und die heute nichts anderes vorzuweisen haben (Kevin Bacon und Crispin Glover haben’s eher trotz als wegen geschafft). Diese Produkte entstanden völlig ohne Liebe und haben keine Liebe zu geben. Deshalb stimmt es mich so traurig, dass sie von vielen so innig, oft ganz unironisch geliebt werden. Dass es Männer im besten Alter gibt, die sich nichts sehnlicher wünschen als 4K-Blu-ray-Komplettboxen mit allen Folgen und Schnittfassungen. Warum? Warum?! Wa-ru-hu-hu-hum?! Ist man mit dem Streaming nicht schon geschlagen genug?

Immerhin kamen mir alle Filme, die ich mir unmittelbar nach dieser verlorenen Woche anschaute, wie Citizen Kane auf Steroiden vor. Warcraft? Ein Fest für die Sinne! New Mutants? Zum Schluss ist da irgendwie ein Bär, mehr konnte ich mir nicht merken – aber genial! Fear Street 1994? Ich rief mit der Stimme und Lautstärke Reich-Ranickis: „Das ist miserabel!“

Huch, ich glaube, die Realität hat mich zurück. Vielleicht sind sogar ein paar Gehirnzellen nachgewachsen.

Hana (6) über Alte Weiße Männer, Folge 1: Philip Roth

Gestern erwischte ich meine Tochter, wie sie auf dem Klo Philip Roth las. Sie las nicht direkt eines seiner Werke, sondern nur den Namen von dem Buch ab, das irgendjemand dort hatte liegen lassen: „Philip Roth.“

Ich erklärte: „So heißt der, der das Buch geschrieben hat. Ist aber schon tot.“

Hana freute sich: „Dann ist er jetzt ein Gespenst! Oder ein Engel!“

„Möglich.“ Beim Spirituellem haben wir noch keinen besseren Erziehungsansatz gefunden als die ‚Nichts Genaues weiß man nicht‘-Methode.

Doch damit gab sie sich nicht zufrieden. „Was denn? Gespenst oder Engel?“

„Hm … Philip Roth … Engel … schwer zu sagen … die einen sagen so, die anderen so.“

„Vielleicht ist er … ein Apfel!“ Hier ‚in Asien‘ ist man mit der Reinkarnationslehre immer schnell bei der Hand.

„Kann sein.“

„Oder … Papas Brille!“

„Das wird es sein! Jetzt aber Hände waschen, Zähne putzen und ab ins Bett.“

Philip Roth wurde also als meine Brille wiedergeboren. Ohne nun direkt den Kassenbon und die Nachrufe zu überprüfen, würde ich sagen: Kommt zeitlich ungefähr hin. Womöglich kann ich das bei den nächsten Verlagsgesprächen und Vertragsverhandlungen als Unique Selling Point nutzen.

Nächste Folge: Robert De Niro.