Corona-Weltmeisterschaft: Deutschland gegen Japan

Ich war neulich in Deutschland, um die dortigen Corona-Maßnahmen zu überprüfen und mit denen in Japan zu vergleichen. Hier die Ergebnisse.

Disziplin 1: Trockene Hände

Deutschland hat die trockeneren Hände. Nicht weil so viel feuchtigkeitsentziehender Desinfektionsalkohol auf die Fingerchen gesprüht würde (dazu sogleich mehr), sondern weil die Heißlufthandtrockner in öffentlichen Bedürfnisanstalten weiterhin fröhlich blasen, als hätten sie von dieser Corona-Sache gar nichts mitbekommen. Ich möchte bei dieser freundlichen Weltmeisterschaft nur kalte Fakten ohne Lob und Tadel benennen (mir ist das dröge Doppelgespann aus reflexartigem Herkunftsort-Bashing und unreflektierter Wahlheimatverherrlichung genau so zuwider wie der umgekehrt gelagerte Fall), aber darüber war ich schon ein wenig schockiert. Die Dinger galten bereits vor der Pandemie als menschenfeindliche Virenschleudern (obwohl die Handtrockner-Lobby behauptete, dass das nur die Papiertücher-Lobby behauptete). In Japan war deren landesweite Abschaltung das erste, was an Maßnahmen durchgesetzt wurde. (Kritiker behaupten, es blieb auch das einzige.) Es sieht nicht so aus, als würden die Geräte jemals wieder angeschaltet werden. Das stört auch niemanden, denn der Japaner an sich trägt eh immer sein eigenes Handtüchlein mit sich. Der Zugereiste irgendwann ebenso. Und wenn er es mal vergisst, kauft er sich halt schnell am nächsten Bahnhofskiosk ein neues. (Falls Sie ebenfalls so viele Exemplare mit demselben Bahngesellschaftsmaskottchen haben, können wir vielleicht mal tauschen.)

Disziplin 2: Desinfizierte Hände

Vielleicht hat Japan doch die trockeneren Hände, denn vor jedem Restaurant, Laden und öffentlichem Gebäude steht ein Händedesinfzierer – entweder in Form einer elektronischen beziehungsweise mechanischen Konstruktion mit Sensor beziehungsweise Pedal oder als ein sympathischer Mini-Jobber mit einer Sprühflasche in der Hand. In der Disney-Store-Niederlassung in Shibuya betreibt man besonderen Aufwand: Dort empfängt einen eine freundliche junge Dame, die eine Micky-Maus-Puppe hält, welche die Sprühflasche hält.

Nun spüre ich, wie man in Deutschland nervös auf dem Hosenboden herumrutscht und sich nicht recht entscheiden kann, ob man nur verwirrt oder bereits empört reagieren sollte. Jedenfalls möchte man einwerfen: „Aber das ist doch in Deutschland nicht anders! Gut, abgesehen von der Micky Maus vielleicht!“

Stimmt, in Deutschland wird auch an jedem einigermaßen öffentlichen Eingang desinfiziert. Das wusste ich aber noch nicht, als ich über diese Disziplin am Frankfurter Flughafen zu schreiben begann. An jenem aeronautischen Verkehrsknotenpunkt stehen nirgendwo Desinfektionsspender. Zumindest auf meinen langen, gewundenen Wegen sind mir keine aufgefallen. Bremen-Vegesack, Bremen-Walle und Bremen-City hingegen: Vorbildlich. (Ja, ich habe schon während des Transitaufenthalts auf dem Frankfurter Flughafen im Verlauf meiner Hinreise mit dem Verfassen dieser gewissenhaften Analyse begonnen. Wenn die Flughafenpressebuchhandlungen nichts außer Tichys Einblick und den Stephen-King-Roman, den ich bereits zu Hause heimlich gelesen hatte, zu bieten haben, muss man sich eben selbst was schreiben.)

Disziplin 3: Soziale Distanz

Hm, ungefähr gleich. Wird hüben wie drüben ohne Unterlass gefordert und gelegentlich praktiziert. Auch die Tatsache, dass in bedenkentragenden Randgruppen darüber diskutiert wird, ob man nicht lieber ‚physische Distanz‘ sagen sollte, findet sich im Westen wie im Osten. Dazu sage ich klipp und klar: Ist mir egal. Wenn es hilft, warum nicht.

Disziplin 4: Personal hinter Plastik

Noch etwas, bei dem man den Frankfurter Flughafen nicht als Spiegel der Gesellschaft hernehmen sollte. Dort keinerlei Schutz für die Menschen hinter den Kassen, im Rest der Republik (oder in dem Teil der Republik, den ich bereist habe) hingegen ähnliche Verhältnisse wie in Japan. Vielleicht liegt es daran, dass der Frankfurter Flughafen so überdurchschnittlich sauber ist. Das wäre dann aber neu.

Disziplin 5: Masken, und wie und wo man sie trägt. Und welche.

In Japan trägt man überall außer in Privathaushalten einen Mund-Nasen-Schutz, in Deutschland nur in öffentlichen Innenräumen. In Japan darf es an den meisten Orten einfach irgendeine Art von Maske sein, in Deutschland sind hässliche Masken Pflicht. Als ich mit meiner modischen Maske in Japan das Flugzeug bestieg, musste ich erst mal beweisen, dass ich ebenfalls eine hässliche Maske mitführte (was der Fall war).

Auch wenn es mir unheimlich und ungewohnt war, ohne Maske durch die Bremer Fußgängerzonen zu schlendern, so beugte ich mich doch diesem gesellschaftlichen Diktat (ich wollte nicht der hervorstehende Nagel sein, der … Sie wissen schon). Nur um dann natürlich zu vergessen, die Maske wieder aufzusetzen, wenn ich ein Geschäft betrat. Prompt folgte stets vom Personal die freundliche wie bestimmte Frage: „Sind Sie befreit?“

Was für eine großartige Frage! Ein hoch auf das freiheitliche Europa! In Japan hat mir noch nie jemand eine derart existenzielle Frage gestellt. Gut, in Japan trage ich ja auch immer eine Maske. (Bitte den Satz noch mal lesen, aber diesmal inklusive Subtext. Heute wird übrigens der nächste Literaturnobelpreisträger bekanntgegeben.)

Ich bin mir sicher, die Gewohnheitsdeutschen haben sich bereits etliche Antwortoptionen voll Verve und Finesse zu dieser hochrangig aufgeladenen Frage ausgedacht, wie einst zu: „Sammeln Sie Herzen?“ Bei mir reichte es leider immer nur zu einem gestammelten: „Nein … Entschuldigung … bloß vergessen … lege sie sofort an.“

Was mich überrascht hat: In Deutschland sah ich mehr korrektes Maskentragen als dieser Tage in Japan. Hier begegnen einem jetzt zunehmend die sogenannten Penisgesichter; vor Monaten noch eine statistisch irrelevante Randerscheinung. Vielleicht ist es Maskenmüdigkeit. Oder Mode. Vielleicht haben die im Fernsehen gesehen, dass die das im Westen so machen, und wollten auch mal so cool sein.

Disziplin 6: Impfzertifikate

In Deutschland hat jeder eines auf seinem Mobiltelefon. Hat mal einer keines, fotografiert er es mit seinem Mobiltelefon vom Mobiltelefon seines Kumpels ab. So genau guckt da keiner hin. Im analogen Japan gibt es stattdessen ein unübersichtlich vollgeschriebenes DIN-A4-Dokument, das in einladend dunklen deutschen Gaststätten kein Mensch entziffern kann. Wird erfahrungsgemäß genauso durchgewunken wie die abfotografierte Digitalfälschung.

Menschen, die Japan in erster Linie aus Ghost in the Shell kennen, reagieren häufig perplex bis ungehalten, wenn man ihnen erklärt, wie technologisch rückständig das Land ist. Die denken, man wolle sie vergackeiern; es sei schließlich das Land, in dessen Städten man ständig mit Schwebetaxis an haushohen Werbehologrammen vorbeischwebe. Dabei tut man das in Wirklichkeit nur ganz selten. Der Alltag sieht eher so aus, dass E-Mails ausgedruckt und gefaxt werden, damit man sie bei Erhalt besser abstempeln kann. Das wird sich auch nicht ändern, solange die Fax-Lobby und die Stempelindustrie etwas zu sagen haben.

Disziplin 7: Apps

In Deutschland (vielleicht handelt es sich auch um eine regional unterschiedlich geregelte Ländersache) braucht man eine App, um seine Anwesenheiten in Gaststätten und ähnlichem zu dokumentieren. In Bremen gibt es zum Beispiel die Gast-Bremen-App. Allerdings nicht im japanischen Google-Store, an den ich selbst in Deutschland gebunden bin; so weit reicht die hanseatische Gastfreundschaft wohl auch wieder nicht. Ich musste mir eine gehackte Raubkopie aus dem Darknet besorgen. Die funktionierte oft besser als die offiziellen Versionen meiner lokalen Begleiter. Man darf nicht vergessen, sich beim Verlassen einer Lokalität wieder von dieser abzumelden. Die Zeitungen sind voller Glossen von Witzbolden, die offenbar tagelang in derselben Kneipe festsaßen ohne es zu merken. In Japan braucht man nur Apps, wenn man wiedereinreist, denn man muss in Quarantäne, weil Japan eines der wenigen Länder ist, die das japanische Impfzertifikat nicht anerkennen. Dann schweigt man sich unter anderem täglich mit einer künstlichen Intelligenz eine halbe Minute lang an, während die Telefonkamera Beweisaufnahmen davon macht, dass man zu Hause ist.

Disziplin 8: (Wieder-)Einreiseprozeduren

Das interessiert bestimmt viele, aber dafür fehlt mir jetzt die Zeit. Ich muss noch Schweinefleisch marinieren und Gurken schneiden.

Endergebnis

Abdulrazak Gurnah, herzlichen Glückwunsch.

Bonus-Content: Was ich in zwei Wochen Heimquarantäne über mich selbst gelernt habe

Zweierlei:

  • Wenn ich nicht zum Getränkeautomaten an der Ecke gehen kann, um eine Cola zu kaufen, muss ich auch keine Cola trinken.
  • Wenn ich nicht zum Convenience Store zwei Ecken weiter gehen kann, um Nachtisch zu kaufen, muss ich auch keinen Nachtisch essen.

Daraus folgt: Quarantäne ist, anders als oft angenommen, gut für die Figur.

Love Missile Betamax 3000

Ich entschuldige mich sogleich für die Überschrift, sie hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Sollte mal ein Romantitel werden, allerdings ist mir auch kein Romaninhalt dazu eingefallen.

Aber wo ich Ihre Aufmerksamkeit habe: Ich glaube, ich bin letzte Woche ein paar Prozentpunkte blöder geworden, denn ich habe durchschnittlich einen Film der Filmserie Freitag, der 13. pro Tag gesehen. Und das kam so: Wir haben jetzt wieder Hulu. Wir hatten schon vorher zweimal Hulu gehabt. Das erste Mal, als es das nur in Amerika gab und alles ganz neu und aufregend war. Dann Hulu Japan versucht, weil es attraktive Hulu-Eigenproduktionen zu geben schien. Das war jedoch ein Irrtum; es gibt keine attraktiven Hulu-Eigenproduktionen. Schon gar nicht in einem fernsehkulturellen Dritte-Welt-Land (ich würde Entwicklungsland sagen, wenn es nur echte Anzeichen gäbe, dass sich da mal was entwickelt).

Wo ich gerade Dritte-Welt-Land gesagt habe, wechsle ich schnell das Thema (Freitag, der 13. gibt eh nicht so viel her): Wo wäre denn Deutschland in diesem TV-Weltbild zu verordnen? Ich würde sagen: Locker Zweite Welt. Gibt sich stets große Mühe. Wegen meiner sprachlernwilligen Frau muss ich mir immer wieder aktuelle deutsche Produktionen ansehen, und oftmals bereue ich es nicht. Aaaaber … mir ist just aufgegangen, nach genauer Analyse, was das Problem deutscher Fernsehautoren ist: Sie glauben, ihre Charaktere müssten so reden, wie die Leute wirklich reden. Weil das dann ‚realistisch‘ ist, vielleicht sogar ‚authentisch‘. Realismus und Authentizität allerdings gehen so gut wie immer auf Kosten von Niveau und Unterhaltungswert. Im englischsprachigen Raum wissen die Autoren, dass Charaktere sprechen müssen, wie die Leute sprechen sollten. Deshalb gibt es dort oft geschliffene, tollkühne Dialog-Akrobatik, während es in Deutschland bloß bei „Fuck, Alter, wie krass ist das denn?!“ bleibt. Das ist schade, denn Plot, Figuren und Ästhetik hat das deutsche Fernsehen inzwischen durchaus drauf.

Aber zurück zu Hulu. Wir kamen unlängst wieder angekrochen, in erster Linie wegen Columbo und Nizi Project. Wir haben uns nämlich vorgenommen, mehr über NiziU in Erfahrung zu bringen, als unsere Eltern damals über Adam and the Ants wussten. Aufhalten können wir sie eh nicht. Ich möchte nie ins Schleudern geraten müssen, wenn meine Tochter mich nach meinem Lieblings-NiziU-Girl fragt. (Nina, natürlich. Aber auf ihre Arten sind sie alle toll, obwohl ich zuerst Dings und Bums nicht recht auseinanderhalten konnte. Deren Namen lerne ich auch noch.)

Columbo und Nizi Project haben uns voll und ganz befriedigt, doch dann kam Jason. Beim Stöbern im Filmangebot des Streaming-Services fand ich die Filme der Freitag, der 13.-Serie, zumindest die Teile eins bis acht und das Remake. Aus nostalgischer Trunkenheit (vielleicht auch bloß Trunkenheit) setzte ich sie auf meine Warteliste, abgesehen von Teil 1, bei dem ich bereits kürzlich im Linearfernsehen widerwillig hängengeblieben war, und dem Remake, weil gar so trunken war ich nun auch wieder nicht. Auf der Liste beließ ich sie erst mal, bis sie kollektiv den Warnhinweis trugen: Ablaufdatum in einer Woche.

Ich musste es schaffen! Ich war völlig vernagelt. Ich machte es zu meinem Projekt. Ich stellte mir Outlook-Aufgaben, wie für alles andere in meinen Leben von „2 Minuten Zähne putzen“ über „Einwohnersteuer bezahlen“ bis „5 Seiten über Olympia (ohne Corona)“. Ich hake halt gerne Sachen ab. Also: „Diese Aufgabe ist heute fällig: Rest von Freitag, der 13. IV: Das letzte Kapitel gucken, mindestens halbe Stunde von Freitag, der 13. V: Ein neuer Anfang.“

Es war trotzdem nicht leicht. Diese Filme waren damals nicht gut, und sie sind heute unter aller Kanone. Jeder einzelne, abgesehen vom fünften oder sechsten, weiß nicht mehr genau, jedenfalls der, der sich gekonnt darüber lustig macht, wie unter aller Kanone diese Filme eigentlich sind. Früher haben meine Herrenbekanntschaften und ich bei diesen Filmen Salzgebäck verzehrt, mit Alkohol experimentiert, vom Schalk beseelt Tote gezählt und uns dabei hin und wieder in die Haare bekommen, ob Kakerlaken und Telefonleitungen auch zählten. Heute sind davon nur das Gebäck und der Suff geblieben. Anders ist es nicht zu schaffen. Ich bin in jener Woche also nicht nur merklich blöder geworden, sondern auch deutlich dicker.

Zu den gelungeneren Aspekten der Serie gehört, dass die Teile sukzessive schlechter werden (abgesehen s. o.), wodurch rückwirkend der vorangegangene dann doch wieder vergleichsweise gelungen wirkt, und man sich sagt: „Hach, das war was, damals, gestern, bei Teil 3. Ob sich dieses Hochgefühl noch einmal reproduzieren lässt? Versuchen wir es doch mal morgen mit Teil 5.“

Ich möchte nun nicht jeden Film einzeln besprechen, das würde den Schmerz lediglich verlängern. Dennoch ein gut gemeinter Hinweis an die Macher: Der achte wäre vielleicht (ein ganz kleines bisschen) weniger enttäuschend, wenn er im Untertitel nicht Jason Takes Manhattan hieße sondern Jason auf einem Boot, das erst eine halbe Stunde vor Schluss in Manhattan ankommt. Wie in jedem Film eines gewissen Budgets wird Manhattan natürlich von Vancouver gespielt. (Kleiner indiskreter Industriegeheimnisverrat: Die meisten Szenen in Film- und Fernsehproduktionen, die auf Tokios bekannter Shibuya Crossing spielen, wurden in einem Studio in China gedreht, in dem eine perfekte Nachbildung steht.)

Apropos Macher. Man darf sich nichts in die Tasche lügen: Diese Filme wurden von Menschen gemacht, die Horror hassen. Es spielen Schauspieler und Schauspielerinnen mit, denen das schon damals unangenehm war und die heute nichts anderes vorzuweisen haben (Kevin Bacon und Crispin Glover haben’s eher trotz als wegen geschafft). Diese Produkte entstanden völlig ohne Liebe und haben keine Liebe zu geben. Deshalb stimmt es mich so traurig, dass sie von vielen so innig, oft ganz unironisch geliebt werden. Dass es Männer im besten Alter gibt, die sich nichts sehnlicher wünschen als 4K-Blu-ray-Komplettboxen mit allen Folgen und Schnittfassungen. Warum? Warum?! Wa-ru-hu-hu-hum?! Ist man mit dem Streaming nicht schon geschlagen genug?

Immerhin kamen mir alle Filme, die ich mir unmittelbar nach dieser verlorenen Woche anschaute, wie Citizen Kane auf Steroiden vor. Warcraft? Ein Fest für die Sinne! New Mutants? Zum Schluss ist da irgendwie ein Bär, mehr konnte ich mir nicht merken – aber genial! Fear Street 1994? Ich rief mit der Stimme und Lautstärke Reich-Ranickis: „Das ist miserabel!“

Huch, ich glaube, die Realität hat mich zurück. Vielleicht sind sogar ein paar Gehirnzellen nachgewachsen.

Hana (6) über Alte Weiße Männer, Folge 1: Philip Roth

Gestern erwischte ich meine Tochter, wie sie auf dem Klo Philip Roth las. Sie las nicht direkt eines seiner Werke, sondern nur den Namen von dem Buch ab, das irgendjemand dort hatte liegen lassen: „Philip Roth.“

Ich erklärte: „So heißt der, der das Buch geschrieben hat. Ist aber schon tot.“

Hana freute sich: „Dann ist er jetzt ein Gespenst! Oder ein Engel!“

„Möglich.“ Beim Spirituellem haben wir noch keinen besseren Erziehungsansatz gefunden als die ‚Nichts Genaues weiß man nicht‘-Methode.

Doch damit gab sie sich nicht zufrieden. „Was denn? Gespenst oder Engel?“

„Hm … Philip Roth … Engel … schwer zu sagen … die einen sagen so, die anderen so.“

„Vielleicht ist er … ein Apfel!“ Hier ‚in Asien‘ ist man mit der Reinkarnationslehre immer schnell bei der Hand.

„Kann sein.“

„Oder … Papas Brille!“

„Das wird es sein! Jetzt aber Hände waschen, Zähne putzen und ab ins Bett.“

Philip Roth wurde also als meine Brille wiedergeboren. Ohne nun direkt den Kassenbon und die Nachrufe zu überprüfen, würde ich sagen: Kommt zeitlich ungefähr hin. Womöglich kann ich das bei den nächsten Verlagsgesprächen und Vertragsverhandlungen als Unique Selling Point nutzen.

Nächste Folge: Robert De Niro.

Ich glaub, mein Storyteller kuratiert

Als ich im letzten Jahr begann, im Auftrag der Duden-Redaktion ein Glossar des Grauens zusammenzustellen, schwebte mir dafür zunächst eine essayistische Herangehensweise vor. Nach mehreren Gesprächen mit dem Lektorat kamen wir jedoch überein, dass ein traditionelles Wörterbuchformat mit kurzen, alphabetisch geordneten Einträgen doch die geeignetere Form sei. Nichtsdestotrotz gefällt mir das essayistische Kapitel, das ich bereits probeweise geschrieben hatte, so gut, dass ich es geneigten Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten möchte. Hier kommt es. Unlektoriert, also bitte nicht zu pingelig lesen.

***

2013 muss ein schönes, gleichwohl anstrengendes Jahr für die damals 17-jährige neuseeländische Popsängerin Lorde gewesen sein. Ihr Debütalbum Pure Heroine verkaufte sich in aller Welt wie Brause mit Geschmack, dazu gab es noch überwiegend warme Worte von internationalen Pressevertretern, ausführliches Touren war die Folge. So war es verständlich, dass sie nicht bereits ein Jahr darauf ein komplett neues Langspielalbum einsingen wollte. Stattdessen sang sie ein Lied für den Kinofilm Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1. Weil das so gut geklappt und man sich wohl mit den Filmmusikverantwortlichen bestens verstanden hatte, kuratierte sie, so war überall zu lesen und zu hören, auch den Rest der Platte zum Film.

Seitdem wird überall wie verrückt kuratiert, auch bei mir zu Hause. Morgens kuratiere ich das Frühstück für mich und meine Tochter. Sobald sie im Kindergarten ist, kuratiere ich, welche Arbeit ich erledigen muss, und welche sich aufschieben lässt. Abends vorkuratiere ich eine Auswahl aus mehreren Fernsehprogrammen, und meine Frau endkuratiert dann das, was wir uns tatsächlich anschauen. Am nächsten Tag tausche ich mich mit anderen Fernsehkuratoren über unsere Eindrücke aus.

Wer nichts wird, der kuratiert?

Lorde selbst wollen wir an dieser Stelle keinen Vorwurf machen. Sie wird nicht ins musikindustrielle Büro geschlendert sein und vorgeschlagen haben: „Yo, Plattenfirma, kann ich mal eben voll so eine Platte kuratieren, ey?“ Eher wird die Plattenfirma gebeten haben: „Gnädiges Fräulein Lorde, würden Sie die Güte besitzen, die Musik für den anstehenden Blockbuster nach dem berühmten Kinderbuch, pardon: der Young-Adult-Novel, von Suzanne Collins zu kuratieren?“

Darauf Lorde: „Wie geht denn das, kuratieren? Das habe ich noch nie gemacht.“

„Einfach eine Playlist zusammenstellen aus Liedern, die du gut findest.“

„Au fein, sowas habe ich ja doch schon mal gemacht! Aber warum heißt das denn auf einmal so komisch?“

„Weil es so wichtiger klingt.“

Ein drolliger Zufall: Das komische Wort ist vermutlich genauso alt wie Lorde selbst. Die Neue Zürcher Zeitung konnte das Verb zum ersten Mal 1996 identifizieren, dem Geburtsjahr der Sängerin. Bis 2013 fristete es ein Schattendasein, dann kam es zu einem unkrautartigen Wucherungsschub. Ob Lordes Kuration für diesen verantwortlich zeichnete, oder ob sie nur ein Teil des Problems war, lässt sich nicht feststellen. Sehr wohl feststellen lässt sich hingegen, dass das Nomen, dem das Verb entsprungen ist, aus dem Lateinischen kommt. Die ersten Kuratoren, wörtlich: Pfleger, waren somit alte Römer. Sie waren unter anderem dafür verantwortlich, Straßen und Flüsse sauber zu halten, verdingten sich allerdings auch als Rechtsbeistände und Vormunde. Ein Kurator war also eine Art Mischung aus Müllmann und Anwalt. Erst im 20. Jahrhundert eignete sich das Museumswesen den Begriff an. Bis zum Zeitalter Lorde verstand man unter einem Kurator nun vor allem einen Ausstellungsorganisator von verbriefter Fachkompetenz, wobei verschiedene Branchen dem Wort weiterhin unterschiedliche Bedeutungen zumaßen, meistens nicht weit von den ursprünglichen, juristischen Implikationen entfernt.

2015 mutmaßte der Journalist Wolfgang Michal in seinem Blog, dass die große Verbreitung des neugeschöpften Verbs kuratieren dem Umstand zu verdanken sei, dass Journalisten immer weniger journalistisch und Redaktionen seltener redaktionell arbeiten. Statt eigene Inhalte zu schaffen, werden Netzfundstücke und Agenturmeldungen kompiliert und multipliziert. Seit Jahr und Tag wollen viele junge Leute „irgendwas mit Medien“ machen, wenn sie mal groß sind. Dieses vage Berufsziel scheiterte lange Zeit am realen Arbeitsmarkt: den Irgendwas-mit-Medien-Macher gab es nicht. Jetzt gibt es ihn: Er ist Kurator, und er kuratiert. Animierte Witzbilder, Lieblingslisten, Katzenvideos.

Museumskuratoren sind zurecht pikiert. Müllmänner und Anwälte vermutlich ebenso. Da bleibt die Frage: Kann man das Kuratieren kurieren? Das wissen wahrscheinlich nur die Kuriere.

Apropos pikiert: Unlängst fragte mich ein Kunstmaler, wann es angefangen habe und wann es wieder aufhören möge, dass jeder Einfaltspinsel als Künstler bezeichnet würde, egal ob Schriftsteller, exotischer Tänzer oder Ballontierfalter. Er meinte, der Begriff müsse tatsächlichen Künstlern vorbehalten bleiben, nämlich solchen, die Kunstwerke aus physisch vorhandenen Materialien schaffen, seien es Wasserfarben, Knetmasse oder gefundene Objekte (Luftballons anscheinend nicht). Ich konnte die Kritik nicht ganz nachvollziehen, hatte ich doch selbst nie Probleme damit, mich als Künstler auszugeben. Ich meinte es nie selbsterhöhend, sondern lediglich als wertfreie Abgrenzung zum Handwerker (s.u.). Ein Handwerker schafft etwas Nützliches, ein Künstler allenfalls etwas, das hoffentlich nicht schadet. (Nun mag man dem Himmel dramatisch die Fäuste und das Gesicht entgegenrecken und ausrufen: „Aber ich kann nicht ohne Kunst leben!“ Dazu sage ich: Ich tu’s auch nicht gern, aber im Zweifelsfall lebe ich lieber ohne Sonette als ohne Stühle.)

Dennoch hat mein malender Freund nicht ganz unrecht: Sagen wir doch das, was wir meinen. Nennen wir einen Schriftsteller einen Schriftsteller, einen Ballontierfalter einen Ballontierfalter und einen Kunstmaler einen Kunstmaler. Und falls einem letzteres zu lang ist: gerne einen Künstler. Das sind allerdings lediglich zwei Buchstaben weniger.

Frühwarnung: Bald werden wir alle artisaniert

Ein Blick auf die Marottenentwicklung der englischen Sprache kann Aufschluss über die Marottenentwicklung der deutschen Sprache geben. Auch das sinnentstellte Kuratieren wurde von englischsprachigen Vermarktungsstrategen vorgeplappert („soundtrack album curated by Lorde“), bevor wir es munter in unserer vermeintlich eigenen Sprache nachplapperten. Der nächste Kurator steht schon in den Startlöchern. Es ist der Artisan.

Im anglofonen Raum, vor allem in den USA, steckt man sich dieser Tage kaum noch etwas in den Mund oder ins Wohnzimmer, was nicht von einem artisan gefertigt wurde. Auf eine Artisan-Pizza gehört Artisan-Käse, und beim Verzehr muss man darauf achten, dass keine Artisan-Tomatensoße auf das Artisan-Sofa tropft. Ansonsten muss schnell der ökologisch korrekte, dennoch wirkstarke Artisan-Fleckentferner ran. Das Wort hat französische, italienische sowie lateinische Wurzeln und ist im Deutschen nicht gänzlich unbekannt. Gegen den Trend hat sich hier allerdings die Übersetzung Handwerker durchgesetzt. Zu meiner großen Erleichterung musste ich feststellen, dass Artisan im gedruckten Duden derzeit nicht aufgeführt und in der Online-Version als veraltet ausgebremst wird. Leider ist davon auszugehen, dass das untote Wort schon bald wieder seine fauligen Finger aus dem Grab strecken und fest unsere Gehirne umklammern wird. Bereits jetzt findet man im deutschsprachigen Teil des Internets Artisan-Küchenmaschinen, Artisan-Orientteppiche und Artisan-Mustertapeten, wenn man etwas länger sucht. Diesen Anfängen gilt es zu wehren.

Auch wenn ein Artisan nichts anderes ist als ein Handwerker, so schwingt in dem Begriff nach heutigem Hörverständnis etwas Hehres, Künstlerisches, Elitäres mit. Man hat vermutlich Bilder im Kopf von Männern im Mittelalter (tatsächlich stammt das Wort aus dieser Zeit), die „irgendwas mit Leder“ machen, ohne Schadstoffe und Ausbeutung. Ein anderes englisches Wort fürs Handwerk ist Craft. Da liegt es nahe, dass wir bald alle Artisan-Weißbier trinken, wenn uns das Craftbier nicht mehr schmeckt. Ob das dem Bierbrauer und Buchautor Oliver Wesseloh gefallen wird, weiß ich nicht. Mit dem Begriff Craftbier hat er jedenfalls Probleme, nicht nur in der besonders umstrittenen halbdeutschen Schreibweise, wie er in seinem Buch Bier leben – die neue Braukultur mitteilt. Allzu leicht ließe sich das Schlagwort von finsteren Mächten instrumentalisieren. Er meint damit Großbrauereien, die den griffigen Begriff als bloße Marketingfloskel ihrer industriegefertigten Plörre aufs Etikett stempeln, um dann genüsslich den Preis zu erhöhen. Dabei ist es noch viel schlimmer gekommen: Längst wurde in Supermärkten Craft-Kaffee und Craft-Eistee in der Kunststoffflasche gesichtet. Dennoch möchte mir Wesselohs Gegenvorschlag, das Ganze ‚Kreativbier‘ zu nennen, nicht recht munden. Seit die sogenannte Kreativbranche, also die meist deprimierend unkreative Werbeindustrie, das Wort kreativ gekapert hat, ist es eigentlich nur noch mit sarkastischen Anführungszeichen zu bekommen: „Siehst du diesen bärtigen Glatzkopf in Schwarz mit Hornbrille und Applewatch? Das ist bestimmt ein ‚Kreativer‘.“

Als das Craftbier in Deutschland ankam, war ich erst mal so angetan von der Sache an sich, dass meine Schutzmechanismen gegen blöde Ausdrücke völlig versagten. Mir doch egal, wie das heißt, Hauptsache es schmeckt. Nüchtern betrachtet ist Craftbier wirklich kein tolles Wort. Aber selbst ohne die Werbeassoziation scheint mir ‚Kreativbier‘ zu aufgesetzt. Es scheint außerdem das zu befördern, was am Craftbier irgendwann nervt: Die Jagd nach immer verrückteren Experimentalgebräuen. Hat man sich in seinem neuen Hobby erst mal die Hörner abgestoßen, möchte man zurück zum goldenen Handwerk. Lieber ein richtig gut gemachtes Pils als den nächsten Wasabi-Holunder-Doppelstout. Also einfach eindeutschen als Handwerksbier? Das klingt wieder nach Handwerker, wir werden ihn wohl nicht los. Trinken Handwerker denn überhaupt Craftbier? Vielleicht brauchen wir die Unterscheidung gar nicht und trinken einfach, was uns schmeckt.

Storytelling ist kein Stahltank

Um noch einmal auf den Kunstmaler zurückzukommen (gottlob ohne uns vom Bier zu entfernen), der ganz alleine Künstler sein wollte. Ich bekam eine Ahnung, wie er sich fühlte, als ich Folgendes in einer Bierfachzeitschrift lesen musste:

„Dort Stahltanks zu lagern, wäre schönes Storytelling“, sagt der Brauerei-Chef.

Falsch. Storytelling wäre, zum Beispiel, das: Jemand denkt sich eine Geschichte aus, in der ausgedachte Figuren mit ausgedachten Konflikten konfrontiert werden, wobei die Konflikte im Verlauf der Geschichte aufgelöst werden oder auch nicht und die Figuren im Idealfall eine charakterliche Wandlung durchmachen. Das ist Storytelling. Ist es gut gelungen, ist es schönes Storytelling. Aber Stahltanks im Keller sind nur Metallgefäße im Tiefgeschoss, daran ändert selbst das verschwurbeltste Banaldeutsch der gedoptesten PR-Strategen nichts. Und das Fass davon, dass man statt ‚Storytelling‘ auch ‚Geschichtenerzählen‘ sagen könnte, wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst aufmachen.

Noch mehr kreatives Storytelling habe ich für dieses Craftbuch kuratiert:

Making of Kawaii Mania: Gegendarstellung

Glücklicherweise fehlt mir momentan die Zeit, die Making-of-Kawaii-Mania-Serie fortzuführen (das heißt nicht, dass sie nie fortgeführt werden würde). Allerdings habe ich gerade eine wichtige Information hereinbekommen, die nicht warten kann.

Mit ernstem Gesicht und Ton nahm mich meine fünfjährige Tochter heute beiseite: „Papa, ich habe mir noch einmal Kawaii Mania angesehen.“

„Das freut mich, Hana.“

„Da ist der Popo-Detektiv drin.“

„Ja, ich weiß. Vielen Dank, den hätte ich ohne dich gar nicht gekannt.“

„Aber der Popo-Detektiv ist nicht niedlich.“

„Nein?“

„Nein.“

Ende des Gesprächs.

Making of Kawaii Mania, Folge 2: Kuchen und Kartoffelsalat am laufenden Band

Ich muss gestehen: Ich kenne mich mit Kuchen nicht aus. Meine japanische Frau kennt mehr deutsche Kuchenbezeichnungen als ich. Wie jeder normale Mensch fotografiere ich zwar gerne Süßspeisen, aber mein Appetit in dieser Richtung hält sich in Grenzen.

Da ich kein Mitglied der internationalen Kuchenliebhaberszene bin, war es mir vor meinem Besuch des Maison Able Café Ron Ron in Harajuku nicht bewusst, dass es sich bei dem Lokal nicht etwa um einen Geheimtipp handelte, sondern um einen wohl recht bekannten Pilgerort. Als ich dort gegen 11 Uhr vormittags eintraf, wurde mir gesagt, das Café und die Warteliste seien fürs Erste voll. Ich bekam ein Ticket, das mich berechtigte, mich in zwei Stunden vor dem Eingang in die Schlange zu stellen. Toll, dachte ich, dann kann ich ja vorher noch ordentlich Mittag essen (siehe Folge 1).

Genau das war natürlich mein Fehler. Ins Maison Able Café Ron Ron geht man nicht mal eben so nach dem Essen. Ins Maison Able Café Ron Ron geht man, um aus deren Kuchen-Flatrate das bestmögliche Preis-Leistungs-Verhältnis herauszuholen. Männer zahlen im Fließband-Kuchenparadies mehr als Frauen. Als ich das im Vorfeld meiner Frau erzählt hatte, meinte die, dass das den armen, benachteiligten Männern gegenüber ungerecht sei. Iwo, sagte ich, das ginge schon in Ordnung. Schließlich können Männer mehr essen als Frauen.

Ich lernte: Generell vielleicht ja. Aber nicht Kuchen. Ich weiß nicht mehr, wie viele der kleinen Dinger ich geschafft habe. Es waren auf jeden Fall weniger als die, die die spindeldürren Mütter und kleinen Kinder, mit denen ich als einziger Mann die Tafel teilte, geschafft haben. Hier bin ich, wie man sieht, beim sechsten:

Die Mütter und Kinder waren da schon locker bei über zehn jeweils, ich schwöre. Und die waren noch lange nicht fertig, während ich mich so langsam geschlagen geben musste.

Ron ron ist übrigens das Geräusch, das Katzen (Abb. unten) auf Französisch machen. Wahrscheinlich hatte man sich beim Namen für das Café gegen den japanischen Begriff (nyan nyan) entschlossen, weil der im Slang nicht nur für Katzen steht, sondern auch für Vögeln.

Auf dem Laufband ist nicht nur Kuchen. Das Überraschendste habe ich leider nicht solo fotografiert, aber es ist hier mit im Bild, auf dem sechsten Teller von links:

Eine umgestürzte Eiswaffel mit einem Inhalt, der optisch Vanilleeis oder Sahne sein könnte. Ich beobachtete, wie ein kleines Mädchen davon kostete, einen hysterischen Speianfall bekam und sich vom mütterlichen Taschentuch nach alter Sitte den Mundinnenraum säubern lassen musste, bis es sich wieder einigermaßen gefangen hatte. Klar musste ich das auch probieren.

Es handelte sich um Kartoffelsalat.

Wirklich, wer macht denn sowas?

Das nächste Mal glaube ich dem Kind.

Am nächsten Tag ging es mir wieder gut genug, um im Eisbärencafé in Takadanobaba einzukehren.

Die Einrichtung basiert auf einem Manga, den ich nicht kenne. Meine Grizzly-Schnitzel-Stulle hat mir trotzdem geschmeckt.

Mumins-Cafés gibt es etliche in Tokio. Mir hat sich der Reiz der skandinavischen Kreaturen nie erschlossen, aber essen kann man’s mal.

In Yokohama sah ich mir bei Tokyu Hands an, wie man selbstzubereitete Speisen elegant verpacken kann.

Wieso denn Yokohama? Gibt es etwa kein Tokyu Hands in Tokio? Natürlich gibt es das. Ich war in erster Linie in Yokohama, um mir das Unko-Museum anzusehen, das sich die Verniedlichung menschlichen Kots auf die Fahnen geschrieben hat.

Und damit hätten wir auch wieder geschmackssicher den Bogen zum Kuchen geschlagen.

Making of Kawaii Mania, Folge 1: Harajuku

Gerne erinnere ich mich dieser Tage an die total 2019-mäßigen Probleme, die ich im letzten Sommer hatte: Ich konnte einfach keine anständigen Bilder für mein damals im Entstehen begriffenes Buch Kawaii Mania bekommen. Unanständige hätten es auch getan, aber selbst das war schwierig. Offizielle Pressevertreter relevanter Unternehmen konfrontierten mich mit langwierigen Verfahren, komplizierten Antragsformularen, furchteinflößenden Knebelverträgen oder der guten, alten kalten Schulter. Also löste ich das Problem auf total 2019-mäßige Weise: Ich verließ das Haus, stürzte mich ins soziale Gewimmel und knipste selbst. Gleich am ersten Tag ging mir dabei die Kamera kaputt, also machte ich es wie normale Menschen: Ich nahm das Mobiltelefon. Viele der Fotos kamen tatsächlich ins Buch. Etliche nicht. Eine kleine Auswahl der letzteren möchte ich in dieser Serie teilen.

Heute geht es erst mal ins Teenager- und Touristenviertel Harajuku, dort selbstverständlich in die Takeshita Dori.

Was es dort gibt, weiß man ja.

Ich hatte es in erster Linie auf die Purikura-Fotokabinen abgesehen, in denen sich ursprünglich Geschäftsleute Fotoaufkleber für ihre Visitenkarten erstellen lassen sollten. Es stellte sich aber heraus, dass darin viel lieber junge Frauen Fotoaufkleber für ihr Amüsement erstellen lassen. Man erahnt es inzwischen schon an der Aufmachung der Kabinen.

Dabei ist für die Älteren auch was dabei:

Noch ein Fotokabinenfoto? Na gut, wollen wir mal ein Auge zudrücken.

Gerne hätte ich einen dieser Lastwagen mit Reklame für die neuesten Produkte der Musikindustrie fotografiert, wie sie insbesondere durch Harajuku und Shibuya gurken. Allerdings immer, wenn ein guter kam, bekam ich nervöse Finger, und ich konnte nur noch das Nummernschild identifizieren. Ein besserer als dieser ist mir nicht vor der Linse stehengeblieben (und der ist leider vergleichsweise schlicht):

Den Appetit auf einen Hamburger im Kawaii Monster Café hat mir diese relative Fehlleistung nicht verdorben.

Zum Runterspülen gab’s auch was (das vollständige Getränk ist im Buch abgebildet).

Weitere Getränke hingen von der Decke.

Bei der Show zur Mahlzeit blieb ich lieber im Hintergrund, bevor man mich noch zum Freiwilligen-aus-dem-Publikum erklärte.

Den Nachtisch nahm ich im Rotationskuchencafé Maison Able Café Ron Ron ein. Das wurden allerdings so viele Kuchen, dass ich dafür eine neue Folge beginnen werde. Für heute sage ich erst mal tschüs und:

Wundertüten gibt es immer wieder

Letztes Jahr (gucken Sie hier) spazierte ich am dritten von eigentlich nur zwei Verkaufstagen in die internationale Kinokuniya-Buchhandlung in Shinjuku und hatte noch freie Auswahl zwischen mehreren Variationen der beliebten Neujahrswundertüten, in denen japanische Händler traditionsgemäß zum Jahresauftakt Überraschungssonderangebote zu Schleuderpreisen raushauen. Mein Anfängerglück nicht als solches erkennend, meinte ich, die Gerüchte um die Begehrtheit dieser Tüten seien stark übertrieben.

Also ahnte ich nichts Böses, als ich in diesem Jahr am Nachmittag des Erstverkaufstages mit betonter Lässigkeit ins Geschäft schlenderte. Diesmal wollte ich mehr als eine Tüte. Zwar habe ich von den Büchern aus der von vor einem Jahr bislang nur eines gelesen, aber darauf kommt es ja nun wirklich nicht an. Leider wird nur ein Beutel pro Nase ausgegeben. Deshalb hatte ich meiner Frau 2020 Yen zugesteckt und sie instruiert, sich ganz normal zu verhalten. Im Nullkommanichts würden wir den Laden mit zwei sogenannten Lucky Bags verlassen haben, und niemand müsse je erfahren, dass beide für mich bestimmt sind.

Doch, Schockschwerenot, auf dem Wundertütentisch standen nur noch die Ausverkauft-Schilder. Auf Anfrage versicherte man uns, dass es am nächsten Tag eine weitere Chance gäbe, wir uns allerdings gefälligst recht früh, also vor Ladenöffnung, vor dem Haupteingang im Erdgeschoss einfinden sollten, so uns die Sache wichtig wäre. Abkürzungen über andere Zugänge seien nicht erlaubt.

Wir fügten uns. Als wir um zehn vor zehn ankamen, warteten bereits ungefähr 20 andere auf ihr Glück.

Zuerst war alles sehr zivilisiert, wir Büchermenschen sind schließlich sanft und großmütig. Wir gönnen allen alles. Als sich aber nach dem Einlass die Fahrstuhltür schloss und einige Ansteher untransportiert zurückblieben, machte sich eine gewisse Unruhe breit. Auch bei mir, denn ich war ein Betroffener. Als ein Ordner den Tipp gab, dass es über die Rolltreppe schneller gehen könnte, rannten wir los. Mein Frau flehte mich an, ohne sie voranzupreschen, sie sorge sich um das Wohl des Kindes in unserer Begleitung. Doch ich zerrte beide mit. Entweder wir teilten den Triumph, oder wir gingen gemeinsam leer aus.

Fünf Stockwerke Möbelhaus rauschten an uns vorbei, was schon ein wenig wehmütig machte. Das war alles mal Buchladen, dachte ich. Die jungen Leute wissen’s gar nicht mehr. Inzwischen ist nur noch das internationale Stockwerk übriggeblieben. Das ist ja auch die Hauptsache. Aber trotzdem.

Schluss mit dem sentimentalen Gewäsch; wir konnten unsere Schnäppchen abgreifen. Ich eine Tüte ‚Literature‘, meine Frau eine Tüte ‚Japanese Literature‘ und meine Tochter eine Tüte ‚Children’s & YA‘. Perfekt durchdacht, ich weiß. „Die ist schwer!“, beklagte sich Hana auf dem Weg zur Kasse. Ich versicherte ihr, dass sie in ungefähr zehn Jahren an den Büchern in ihrer Tüte viel Freude haben würde. Solche Argumente sind Musik in den Ohren Fünfjähriger.

Als wir nach unserer Transaktion das Geschäft verließen, war nur noch ein einziger Beutel am Platz, aus der Kategorie ‚Self-Help‘. Ich hätte die unentschlossene Kundschaft gerne pfiffig aufgefordert: “Please, help yourself!“ Aber ich war zu schüchtern.

Kommen wir nun zur Auswertung.

Die größte Überraschung an der Überraschungstüte für Kinder und Jugendliche ist, dass lediglich ein Kinderbuch dabei ist, und auch das ist eher eins für ältere Vertreter der Gattung als wir eines daheim haben. In erster Linie war die Anschaffung eh für mich gedacht, nicht zuletzt aus Gründen der Marktanalyse.

Anstatt hier über den Lesespaß zu spekulieren, der mich zwischen den Deckeln genau dieser Bücher erwartet, möchte ich gerne etwas Allgemeines loswerden, was mir schon lange unter den Nägeln brennt (Blog-style, quasi): Ich verstehe die Attraktivität der Young-Adult-Kategorie für ihre Zielgruppe nicht. Es geht mir nicht um die Qualität der ihr zugeordneten Werke, da sind immer wieder dolle Dinger drunter, sondern um das Label als solches, also die Kategorisierung ‚Young Adult‘ als Marketing-Werkzeug. Bei mir war das so: Als ich ein Kind war, las ich Kinderbücher. Als ich mich dafür zu alt fühlte, griff ich zu Erwachsenenbüchern. Mit Lust und Genuss, oft heimlich. Eine Kompromisslösung hätte mich nicht interessiert. Hätte mir ein Buchvermarkter angeboten: „Ey, Alter, ich hab hier einen Mega-Lese-Hammer speziell für Kids wie dich: etwas für ‚junge Erwachsene‘, zwinker, zwinker!“, dann hätte ich genau um dieses Buch den größten aller denkbaren Bögen gemacht.

Sicherlich, Young-Adult-Titel gab es schon zu meiner Zeit. Sie hießen Jugendbücher, und ich möchte meine Argumentation keineswegs auf die billige Klage reduzieren, dass heute alles englisch heißt (obwohlistdochwahr). Der wesentliche Unterschied ist, dass Jugendbücher damals nicht von Jugendlichen gekauft wurden, sondern von ratlosen Eltern, Onkeln und Tanten. Jugendliche selbst ließen sich nicht vorschreiben, was für sie geschrieben wurde. Die heutigen Young Adults scheinen da beratungsaffiner zu sein. Doch ich möchte ebenfalls nicht das Klagelied anstimmen, die jungen Erwachsenen von heute seien so anders als die alten Kinder von früher. Ist zwar in der Sache richtig, allerdings kaum ein Grund zur Klage, denn anders muss ja nicht schlechter sein. Will nur sagen: Ich steck da nicht drin.

Ein ähnliches Problem habe ich übrigens mit dem japanischen Konzept der ‚Light Novel‘. Als schwerer Leser habe ich da immer Angst, ich würde nicht satt. Doch wenden wir uns der nächsten Tüte zu:

Jeder hat My Absolute Darling und Normal People schon gelesen und auf seine Jahresbestenliste gepackt, nur ich nicht. Ich freue mich, das bald nachzuholen. Lullaby scheint was Wüstes zu sein. Mal gucken, ob mich irgendwann mal eine wüste Stimmung überkommt. Das legt sich ja etwas mit dem Alter. Ich könnte mir vorstellen, dass ich genau dieses Buch gerne als ‚junger Erwachsener‘ gelesen hätte. Und nicht irgendwas mit Glitzercover und dystopischen Paralleluniversen.

All the Birds in the Sky habe ich bereits als E-Buch, doch, ach, es hat mir nicht gefallen. Die Geschichte um einen Zeitmaschinentüftler und eine Hexe war süß, so lange sie noch klein waren. Als sie sich jedoch zu erwachsenen Hipster-Kotzbrocken entwickelt hatten, sah ich keine Veranlassung mehr, weiterzulesen.

Außerdem zwei, die nach Historienschmökern aussehen. Da bleibe ich Snob, ich kann mir nicht helfen. Die werden wohl 1A-fabrikneu bleiben.

Weiter, japanisch (auf Englisch):

Asleep von Banana Yoshimoto habe ich jetzt dreifach. Schon auf Englisch gehabt, dann versehentlich noch mal deutsch gekauft, oder umgekehrt. Macht nichts, manche Bücher kann man ja mehrmals lesen. Den Murakami habe ich bereits in einer unvorteilhaften alten Ausgabe, die für den japanischen Englischunterricht gedacht war. Inzwischen vielleicht was wert. Könnte ich sie nur finden. Lese ich gerne noch mal in schönerer Übersetzung und ansprechenderer Aufmachung. Momentan befinde ich mich allerdings in einer Murakami-Pause von unbestimmter Dauer.

Von Kawabata und Soseki habe ich selbstverständlich bereits einige der Greatest Hits gelesen, allerdings kaum so viele, wie ich manchmal behaupte. Das kann ich nun korrigieren.

Sweet Bean Paste sagt mir nichts. Meine Frau meint, das gäbe es auch als Film. Das muss ja nicht gegen das Buch sprechen.

Von Yasutaka Tsutsui habe ich einige Bücher gelesen, und von The Girl Who Leapt Through Time einige Verfilmung gesehen. Ich habe aber noch nie das Buch The Girl Who Leapt Through Time von Yasutaka Tsutsui gelesen. Da schließt sich ein Kreis. Dann noch ein Buch mit Gedichten, es werden schon nicht alle schlecht sein. Der Neujahrswundertütengewinner 2020: japanische Literatur.

2019 war für mich kein gutes Lesejahr. Vieles begonnen, wenig beendet. Es lag nicht immer an den Büchern, es lag auch manchmal an mir. Dieses Jahr wird besser, das spüre ich. Dieses Jahr sage ich: Bücher sind die neuen Videospiele.

Ich bin der Fernsehflorist

Hätte mein Blog zwei Leser, könnte ich mir folgendes Gespräch vorstellen:

Leser 1: „Schon gesehen, Leser 2? Auf Shakira Kurosawa gibt es einen neuen Beitrag.“

Leser 2: „Echt jetzt, Leser 1? Na, meine Neugier hält sich in Grenzen. Ist wahrscheinlich wieder nur so ein apologetisches Geflenne, warum der Typ so selten in seinen Blog schreibt. Hat zu viel zu tun, blabla, schließlich erscheint sein neues Buch Kawaii Mania bald für 19 Euro 95 im Conbook Verlag, blabla, und im Frühjahr kommt schon wieder was, blablabla …“

„Hm, tja, ein bisschen so ist der Beitrag durchaus. Aber gleichzeitig vieles mehr. Eine Geschichte von Liebe und Verrat, von Rache und Drachen, Würfelspielen und Schwertkämpfen, waghalsigen Fluchten und dramatischen Konfrontationen, verloren Söhnen, schönen Prinzessinnen, gefährlichen Piraten und einem Mann mit sechs Fingern.“

„Ach, der Ärmste. Jeweils drei Finger rechts und links? Oder vier und zwei? Oder …“

„Nein, nein. Ich hätte es anders formulieren sollen. Sechs Finger an einer Hand, die andere ganz normal, also fünf.“

„Gibt es in dem Beitrag wirklich einen elffingerigen Mann?“

„Ehrlich gesagt nein.“

„Und die anderen Sachen auch nicht, oder?“

„Nein, da muss die Euphorie mit mir durchgegangen sein.“

„Ich werd’s wohl trotzdem lesen.“

„Gleich nach der Reklameeinblendung geht’s los.“

Zuletzt kam ich nicht mehr recht dazu, diesen Blog zu pflegen, weil ich so viel anderes zu pflegen hatte, und zwar beim Fernsehen. Manuskripte, Präsentationen, fixe Ideen. Ideen anderer Leute, wohlgemerkt. Ginge ich ins Detail, würde ich auf drei Kontinenten verklagt werden. Aber meine beiden Leser haben ein Recht, zumindest grob zu erfahren, was los ist.

Bisweilen ist das, womit ich beim Fernsehen arbeiten muss, so undankbar, dass ich es lieber schnell in eigenen Worten neu schreibe, als die mir zugetragenen Formulierungen zu entlausen. Irgendwann will man ja auch mal fertig werden. An besonders guten oder besonders bedenklichen Tagen stolziere ich dann durchs Arbeitszimmer, als wäre ich der oberste Showrunner von Hollywood, quasi alleinverantwortlich für die Qualität all der Qualitätsproduktionen, die die Ehre haben, vor ihrer tatsächlichen Produktion über meinen Schreibtisch wandern zu dürfen. Was würden die bloß ohne mich machen? Wie haben die das bloß vorher hinbekommen?

In Wahrheit bin ich natürlich nicht der Showrunner von Hollywood. Bevor ich die Wahrheit verrate, kann ich vielleicht doch mal ein kleines Betriebsgeheimnis ausplaudern. In jedem Buch übers Drehbuchschreiben, das sein Geld wert ist, steht der Hinweis, dass Drehbücher nicht gut geschrieben sein müssen. Diesen Satz sollte man dreimal unterstreichen, denn es ist der wichtigste in diesen Büchern. Steht er nicht drin, oder sollte gar das Gegenteil behauptet werden: Buch sofort wegschmeißen, weil nicht praxistauglich. Als Fernsehautor muss man nicht für fünf Pfennig schreiben können. Für geschliffene Dialoge, spürbare Emotionen und dynamische Action kann man später eine anonyme Schreibkraft wie mich pro Wort bezahlen. Die Entscheider, auf deren Schreibtischen oder Bildschirmen die Drehbücher mit ein wenig Glück landen, würden guten Stil nicht erkennen, wenn er ihnen schnurrend um die nackten Beine strich. Eines aber erkennen die sehr wohl: interessante Figuren, knackige Plots, sinnvolle Weltentwürfe, gute Ideen. Die sehen die kleinste Unstimmigkeit auf hundert Meter Entfernung (oder mehr, ich weiß es nicht genau). Und weil es das ist, was sie interessiert, ist es auch das, was einen erfolgreichen Fernsehautor ausmacht. Alles andere kann der vernachlässigen. Keiner weiß genau, wie viele Shakespeare gewesen sind und wer da was gemacht hat, aber eines ist gewiss: Romeo und Julia wurde ein Hit wegen ‚Junge trifft Mädchen gegen Willen der Elternhäuser‘, nicht wegen „es war die Nachtigall“ (zu Shakespeares Zeiten gab es selbstverständlich noch nicht so viele Sender).

Um das, was ich beim Fernsehen mache, zu veranschaulichen, möchte ich ein Gleichnis aus Lego bauen. Und zwar Emmas und Ethans Café von Lego Friends, einer Produktreihe, mit der Kinder spielerisch an ihre Zukunft als Hipster herangeführt werden. Wir hatten es unserer Tochter Hana zum fünften Geburtstag geschenkt, obwohl es erst ab sechs empfohlen ist. Wie alle Eltern halten wir unser Kind für hochbegabt.

Hana hatte bereits Olivias Bus (Olivia ist die mit der Brille, also die Wissenschaftlerin) aus derselben Reihe, und obwohl beim mehrtägigen Zusammenbau mitunter die Nerven blank lagen (Genies neigen zur Ungeduld), bekundete sie Interesse daran, tiefer ins Lego-Friends-Universum vorzustoßen. An das Café machten sie und ich uns wieder gemeinsam, es dauerte ungefähr drei Tage. Letztendlich war ich es, der die wesentlichen Komponenten zusammengebaut hatte, während Hana hinterher Aufkleber aufklebte und die Blumen dranmachte.

Und dann stolzierte sie durchs Wohnzimmer, als hätte sie das ganze Café gebaut. Da wurde mir bewusst: Genau so ist das Verhältnis zwischen mir aufgeplusterten jungen Gockel und erfahrenen Fernsehautoren: Die können ein ganzes Lego-Friends-Café mit verschlossenen Augen in fünf Minuten zusammenbauen. Ich hingegen mach hinterher nur die Blumen ran, uriniere vom Balkon (weil ich es kann, irgendwer wird’s schon wegmachen) und brülle in die Nacht: „Wo ist mein verdammter Primetime Emmy?!“

Sobald ich mich wieder beruhigt habe, arbeite ich heimlich weiter an meinem eigenen Lego-Friends-Café. Aber bis das Geld abwirft, werde ich noch an einigen Lego-Friends-Cafés anderer die Blumen dranmachen. Sinnbildlich gesprochen.

Lesebändchen gegen Nazis

Als ich Ende letzten Jahres kurz in Deutschland weilte, um dem dortigen Buchhandel ein segenreiches Q4 zu bescheren, erschrak ich über mich selbst. Und zwar als ich feststellte, dass es mir beim Bücherkauf offenbar ein Kriterium geworden war, ob ein Buch ein Lesebändchen hatte oder nicht. Dabei mokiere ich mich seit Jahren über die Sammellämmer im Filmbereich, denen Inhalte längst egal geworden sind, solange sie nur in limitierten und nummerierten Blechboxen geliefert werden. Bin ich etwa genauso ein oberflächlicher Ausstattungsfetischist geworden?

Nein, Quatsch mit Soße, ich bin nur ein faules Stück. Liege ich erst darnieder und habe eine neue Lektüre begonnen, möchte ich mich nicht mehr damit auseinandersetzen, woher ich das nächste Lesezeichen bekomme. Hätte ich mir auch vorher drüber Gedanken machen können, aber so viel Vorausplanung ist ja nun auch wieder spießig wie Bausparvertrag. Früher nahm ich häufig Flugblätter für Jugendtanzveranstaltungen oder Eintrittskarten für ebensolche zur Hand. Die lagen überall rum, man musste nicht großartig seine Position verändern, um sich ein Exemplar zu angeln. Heute habe ich sowas nicht mehr schnell zur Hand, warum wohl. Eine Zeit lang versuchte ich es mit Postkarten, denn die hat man immer. Das Tanzen und das Briefeschreiben mag man sich abgewöhnen, aber eine gepflegte Postkartenkorrespondenz gehört sich bis ins hohe Alter. Als Lesezeichen sind Postkarten derweil ungeeignet. Sie fallen stets heraus, es liegt in ihrer Natur. Sie begnügen sich nicht mit dem Schicksal, im Dunkeln eingeklemmt zu sein, es zieht sie hinaus in die Welt, zu Empfängern und Empfängerinnen.

Bei Lesebändchen fällt mir immer ein: Ich hatte einmal einen Freund, der stand politisch so weit rechts von mir, dass es einem schon mal unangenehm sein konnte, aber demokratisch noch vertretbar war. Das muss eine Demokratie aushalten können, mag ich mir gedacht haben. Weitergedacht: Was eine Demokratie aushält, muss eine Freundschaft erst recht aushalten, wir sind ja nicht mehr im Kindergarten. Mit diesem Freund (es handelte sich übrigens nicht um Nazi-Jürgen) konnte man, man mag es sich denken, über vieles nicht reden, ohne innerlich zu schäumen (äußerlich schäume ich ungern). Über eines allerdings konnte man sich vortrefflich mit ihm austauschen: über Bücher. Bei allen Unterschieden war uns gemein, dass wir es befremdlich fanden, wie viele Menschen ausschließlich das lesen mochten, was ihnen nach der Schnauze geschrieben war. Wie soll man denn je etwas von der Welt erfahren, wenn man immer nur das zu hören bekommt, was man schon weiß?

Aber ich schweife ab, womöglich verführt vom Lesebändchen, diesem lustigen Schweif des geschriebenen und gedruckten Wortes. Dieser Freund jedenfalls sagte einmal, dieses oder jenes Buch (welches genau habe ich vergessen) habe ihm recht gut gefallen, „obwohl“ es auf der Spiegel-Bestseller-Liste stünde und ein Lesebändchen habe. Das fand ich interessant aber unverständlich, also fragte ich nach und bekam heraus, dass für den Freund ‚Spiegel-Bestsellerliste‘ sowie ‚Lesebändchen‘ Codes für ‚Intellektuellenscheiß‘ waren, also die Vorstufe von ‚rot-grün-versifft‘. Das fand ich erstaunlich. Unangesehen dessen, was man vom Mutterblatt halten mag, steht auf der Spiegel-Bestsellerliste ja nur, was sich gut verkauft, und das ist eher selten als oft von großer intellektueller Wucht. Auch das Lesebändchen hielt ich politisch stets für neutral. In der Tendenz vielleicht sogar ein bisschen antiintellektuell, nämlich etwas für Schmuckbücher, die eher verschenkt als gelesen werden.

Ich habe es jüngst mal überprüft, auf den Webseiten der beiden beliebtesten Naziverlage der Deutschen. Tatsächlich: Weit und breit keine Publikation mit Lesebändchen. Mag freilich sein, dass es schlicht nicht ausgewiesen wird. Doch wer sich die Mühe macht, ein Bändchen ins Buch zu kleben, der verschweigt es normalerweise nicht in den Katalogangaben.

(Bevor ich Leserbriefe von aufmerksamen und neugierigen Leserinnen bekomme, denen nicht entgangen ist, dass ich von der besagten Freundschaft in der Vergangenheitsform schreibe: Ja, sie ist nun eine verflossene. Der Ex-Freund bewegte sich schließlich über den Rand meiner Rechtstoleranz hinaus. Doch ehe ich mit ihm deswegen Schluss machen konnte, machte er wegen etwas anderem mit mir Schluss, einer unpolitischen Bagatelle. Letztendlich ist es ja gleich, wer mit wem warum Schluss gemacht hat, solange nur beide mit dem Ergebnis zufrieden sind. Selbst wenn es für uns kein Happy End im klassischen Sinne gab, plädiere ich weiterhin dafür, nicht bloß mit Typen abzuhängen, die alles ganz genauso sehen wie man selbst. Davon wird man blöd.)

Gut ist es, wenn man Sachen, von denen man meint, jemand hätte sie mal gesagt, nicht einfach so aufschreibt und vervielfältigt der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, sondern vorher denjenigen noch mal fragt, ob er das wirklich gesagt hatte, oder ob man sich das nur eingebildet hat, quasi der Wunsch Vater des Gedankens war. Nein, ich habe nicht vor, bei meinem Ex-Freund nachzufragen, ob er das mit dem Lesebändchen und der Spiegel-Bestsellerliste wirklich gesagt hat, dafür sind die Verhältnisse wohl zu zerrüttet. Allerdings hätte ich, als ich Matjes mit Wasabi schrieb, meine Frau ruhig noch mal fragen können, ob sie wirklich jemals gesagt hatte, dass Japaner ihre leeren Milchtüten auswaschen, aufklappen, zum Trocknen an die Leine hängen und schließlich bügeln, bevor sie in den Müll wandern. Hätte sie nie gesagt und entspräche auch nicht der Wahrheit, behauptete sie, als das Buch bereits erschienen war. Aber jemand musste es gesagt haben, ich denke mir doch so etwas nicht aus. Ich wünschte, ich könnte. (Gewaschen und aufgeklappt werden die Milchtüten freilich schon, getrocknet ebenso, wenngleich nicht zwingend an der Wäscheleine. Nur das mit den Bügeln ist wohl nicht ganz so landesüblich, wie ich im Buch den Eindruck vermittelt hatte.)

Heute habe ich gut daran getan, als ich meine Frau fragte: „Es stimmt doch, dass es in Japan keine Lesebändchen gibt?“

„Klar gibt es die. In so gut wie jedem gebundenen Buch. Wieso sollte es die nicht geben?“

„Weiß ich nicht. Hast du mal gesagt.“

„Habe ich ganz bestimmt nicht.“

Vermutlich hat sie recht. Das bringt mich ein bisschen in die Bredouille, denn die Sensationsmeldung „In Japan gibt es keine Lesebändchen! In Japan gibt es keine Lesebändchen! In Japan gibt es keine Lesebändchen!“ sollte eigentlich der hauptsächliche Aufhänger dieses Textes werden.

Dann muss ich mir eben etwas anderes suchen, vielleicht mal den Blick über den Tellerrand werfen, zum Beispiel nach England und Amerika. Da gibt es wirklich keine Lesebändchen, das kann ich anhand der eigenen Bibliothek empirisch nachweisen. Japanische Bücher habe ich nur wenige, schließlich möchte man Bücher möglichst zu Lebzeiten durchbekommen. Englische Bücher hingegen habe ich jede Menge. Nicht mal die geschuberten, farbig illustrierten, auf Büttenpapier gedruckt und mundgebundenen Prachtexemplare, die ich mir in dem elitären britischen Buchklub kaufen musste, dem ich in den Neunzigern mal auf den Leim gegangen war, haben Lesebändchen.

Eine gute Sitte der amerikanischen Buchproduktion hingegen ist es, hinten drin die Type beim Namen zu nennen, in der das Buch gesetzt wurde, inklusive der Begründung, warum das eine gute Type ist. Das hätte ich auch gerne in meinen Büchern, aber ich habe mich noch nicht getraut, danach zu fragen. Im deutschsprachigen Raum ist mir das bisher nur bei Christian Kracht untergekommen, meine ich. Der kann das wahrscheinlich einfach anordnen, sonst sucht er sich ratzfatz einen anderen Verlag. (Ich mag mich gänzlich irren, ich finde aktuell kein Beispiel in meiner Kracht-Bibliothek. Vielleicht spielt mir meine Erinnerung Streiche, weil Kracht einfach der Typ für so was scheint.)

Den Typenhinweis kann man gut oder überflüssig finden, für allzu leidenschaftliche Grabenkämpfe taugt er nicht. Anders ist das bei einer anderen amerikanischen Buchbesonderheit, dem rauen Buchschnitt. Da steht dann in deutschen Amazon-Rezensionen gerne mal: „Achtung, Kundenverarsche!!! Das Buch kam dreimal kaputt an – schade, dass man bei den Rezessionen hier nicht NULL Sterne geben kann!!!!“

Ich fand den rauen Buchschnitt (technische Hintergründe gerne auf Wikipedia) erst doof, dann gut. So geht einem das ja manchmal, wenn man erfahren muss, dass das, was man für einen Makel hielt, in Wirklichkeit eine Zierde ist. Heute zahle ich sogar eine oder zwei Mark mehr, wenn ich eine attraktive Novität grob anstatt fein geschnitten erwerben kann.

Rauschnitt und Lesebändchen in einem einzigen Buch – das wäre das höchste der Gefühle. Lesebändchen gibt es aber in Amerika nicht und rauen Buchschnitt nur dort. Nur ein Grund von vielen, die Globalisierung gut gelaunt voranzutreiben.

Gegendarstellung (oder: Auch das noch!)

Beim neuerlichen Schlendern durch den anglofonen Flügel meiner Bibliothek fand ich doch ein englisches Buch mit Lesebändchen, die britische Hardcover-Ausgabe von John Irvings The Fourth Hand. (Übrigens ein zermürbend unterschätzter Irving. Ein notwendiger, erfrischender Befreiungsschlag, nachdem Irving in den vielen Jahren nach Garp (n. G.) nur noch Garp-Variationen geschrieben hatte, zugegebenermaßen auf oft hohem Niveau, wodurch sich die widerliche Formulierung „ein typischer Irving“ etablierte, Kompliment und Watschen zugleich. Aber das nur am Rande. Gott bewahre, dass wir hier über Inhalte sprechen. Es geht schließlich um Bücher.)

Bricht nun meine ganze Rede zusammen wie ein Kartenhaus, nackt im Wind, der planlos tötet? Weiß ich nicht. Vielleicht gibt es drüben doch manchmal Lesebändchen, und vielleicht schneidet auch so mancher deutsche Nischenverlag seine Liebhaberausgaben rau. Aber in der Tendenz habe ich recht. Ganz falsch liege ich nicht. Wahrscheinlich. Möglich ist es.