Hände hoch, Phrasenkontrolle: Er schrieb 17 Jahre an seinem neuen Roman, davon 14 an den ersten 100 Seiten, aber Kinder waren ihm grundsätzlich tabu

Ich blätterte unlängst in einer Zeitschrift, in der überwiegend von Büchern und ihren Verfassern die Rede ist. Ich blättere gerne in dieser Zeitschrift, auch wenn ich ihre bedingungslose Publikumsnähe mitunter ein bisschen feige finde. Wirtschaftlich habe ich Verständnis. Eines jedoch trübte mein Blättervergnügen, und zwar war es ein Satz wie dieser: „Er hat an seinem ersten Roman 12 Jahre lang gearbeitet.“

In derselben Ausgabe dieser Zeitschrift musste ich diesen Satz stolze dreimal lesen, in Variationen. Es war nicht immer „er“, es waren nicht immer „12“ und es war nicht immer der erste Roman. Doch es ging stets darum, dass jemand sehr, sehr lange an einem einzigen Buch gesessen hatte, es musste noch nicht mal ein sonderlich umfangreiches sein.

Hierzu stelle ich fest: Niemand schreibt (oder arbeitet anderweitig) 12 Jahre (oder vergleichbar lange) an einem einzigen Buch. Wie solche Zahlen dennoch zustande kommen, möchte ich an einem Schwank aus meinem Leben verdeutlichen, ist schließlich mein Blog.

Im Jahr 2003 schrieb ein Heftromanverlag einen Wettbewerb aus, bei dem man neue Serienkonzepte auf Diskette einreichen durfte. Ich hatte schon einmal in die Welt der Heftromanautoren hineingeschnuppert, war jedoch wieder rausgekommen, als ich einen richtigen Job gefunden hatte. Der füllte mich allerdings inzwischen künstlerisch-literarisch nicht mehr aus, deshalb dachte ich mir: So eine eigene Heftromanserie, das wäre doch was! Ich schrieb etwas zusammen, in dem alles vorkam, was es meiner Meinung nach im Heftroman noch nicht gab, was aber sehr angesagt war bei den jungen Dingern, zum Beispiel virtuelle Realität, Casting-Popstars, Kung-Fu und Riesenmonster, das alles in Videospieledramaturgie und mit Manga-Flair. Im Kern war es ein Abklatsch des Films eXistenZ, aber ich verkaufte es als ein Abklatsch des Films The Matrix, weil der publikumsnäher war.

Ich gewann nur einen Trostpreis, und zwar einen dieser Trostpreise, die verhüllte Beleidigungen sind, nämlich einen Schreibratgeber. Habe ich natürlich nie gelesen. Gleichwohl tun angehende Autoren nicht unbedingt schlecht daran, den einen oder anderen Schreibratgeber zu lesen. Werden es mehr als zwei, fällt das allerdings in die Kategorie der Verzettelung. Von Seminaren, Vereinen und Online-Foren ist gänzlich abzusehen, sonst wird man nie fertig.

Trotz des Affronts war etwas Wunderbares und Wundersames geschehen („zu viel Wunder für einen Satz“, stünde wohl im Schreibratgeber): Ich empfand etwas für mein Serienkonzept. Dabei war ich doch nur zynisch und analytisch vorgegangen und hatte Trendzutaten zusammengekloppt. Aber daraus war etwas geworden, was ich nicht mehr loslassen mochte. Ich begann, die ganze Sache noch mal zu überarbeiten, alles herauszunehmen, was ich nur aus Gefallsucht hineingetan hatte, und alles wieder hineinzutun, was ich mir zuvor aus Angst vor den Jugendschutzbestimmungen der Ausschreibung verkniffen hatte. Ich kam dabei vom Hundertsten ins Tausendste, kaufte mir sogar ein Grafik-Tablett, mit dem ich Zeichnungen der Charaktere anfertigte, nachdem ein befreundeter Grafiker das nicht nach meinen sehr präzisen, allerdings sehr schlecht formulierten Vorstellungen hinbekommen hatte (eine Warnung an alle Grafiker und Grafikerinnen: Bitte nie mit mir zusammenarbeiten). Weil ich gar nicht zeichnen kann, benutzte ich schließlich lediglich das Grafikprogramm, das an das Tablett gebündelt war, um Zeichnungen anderer Leute zu klauen und sie nach meinen Vorstellungen zu collagieren. Es war ja nur für Präsentationszwecke. (Man frage mich nicht, wie viele Seiten ich hätte vollschreiben können in der Zeit, die ich für die Pseudo-Zeichnerei vergeudet habe. Vermutlich könnte die ganze Saga längst fertig und verfilmt sein.)

Bald war aus dem Endlosheftserienkonzept ein Fünf-Dicke-Bücher-Konzept geworden. Ich wusste selbst, dass ich das ohne monetären Anreiz sobald nicht ernsthaft angehen würde, also reichte ich es für weitere Wettbewerbe und Stipendien ein, manchmal wieder in Alternativ-Versionen, duckmäuserisch an Statuten angepasst. Es ergab sich jedoch weiterhin nichts Seriöses (Erfahrung gewonnen: Es gibt mehr unseriöse Wettbewerbe, als man das als junges Mädchen vom Lande angenommen hatte). Die direkte Verlagsakquise ließ ich erst mal außen vor, denn ich wollte diesem Traumprojekt die Chancen nicht versauen. Vielleicht war es noch nicht gut genug. Vielleicht waren die Zeichnungen noch nicht schön genug. Bei Wettbewerben kann man immer wieder vorlegen, bei Verlagen bringt es in der Regel nichts, wenn man einmal abgeblitzt ist.

Sitze ich immer noch dran? Klar. Alle paar Monate fällt mir etwas Cooles ein, was dazu passen würde, und dann mache ich eine handschriftliche Notiz. Manchmal, zwischen zwei Projekten, nehme ich mir sogar die alten Dateien vor. Um weiterzuschreiben, muss ich natürlich erst mal erneut alles lesen, was ich vorher geschrieben habe, um wieder reinzukommen, und dann ist meine Zeit auch schon wieder um. In Schönschrift habe ich ungefähr 100 Seiten fertig, in Kladde ungleich mehr. Das ist zu viel, um einfach aufzugeben, und zu wenig, um ein baldiges Ende absehen zu können.

Doch was wird in der Pressemitteilung stehen, sollte das Ende tatsächlich in Sicht kommen und der erste Band irgendwann erscheinen, sagen wir um der runden Summe Willen im Jahr 2020 (unwahrscheinlich, wohlgemerkt)? Genau: Das Buch, an dem er 17 Jahre lang geschrieben hat! Dabei müsste es eigentlich heißen: Das Buch, an dem er vor 17 Jahren zu schreiben angefangen hatte, woraufhin er es mehrfach verworfen und neu begonnen hat, stets mit mehrmonatigen, vielleicht sogar mehrjährigen Pausen dazwischen, in denen er etliche andere Dinge getan hat. Ist vielleicht etwas zu sperrig für einen Hashtag.

Obendrein weiß ich gar nicht, welche Werbewirkungen sich Verlage und Autoren davon versprechen, mit solchen nichtssagenden Bruttozahlen hausieren zu gehen. Ist ein derartiges Hadern mit dem Manuskript nicht eher peinlich als bewundernswert? Und falls nein: Werden damit nicht völlig unerreichbare Erwartungshaltung bei den Lesenden geschürt? Ich hätte Angst, die sagten hinterher: „Also dieses Buch, an dem er 17 Jahre geschrieben hat, ist ja nun irgendwie auch nicht besser als die Bücher, die er in drei bis vier Monaten rausgehauen hat. Eher sogar im Gegenteil. Überhaupt hatte dieser ganze Cyberkitsch doch schon vor 20 Jahren reichlich Patina angesetzt. Schade, dass man hier nicht null Sterne geben kann!!!!“

Um ganz langsam wieder vom Persönlichen ins Allgemeine zu kommen: So, wie es mir geht, geht es auch denen, von denen stets behauptet wird, sie hätten so unglaublich lange an ihren Werken gearbeitet. Haben sie nicht. Sie haben in dieser Zeit viele andere Dinge getan, und das Schreiben lief irgendwie so nebenher. Ich habe in der Zeit, in der mein bislang unvollendetes Romanprojekt irgendwie so nebenherlief, nicht nur etliche andere (fertige) Bücher geschrieben, sondern bin vor allem meinem unliterarischen Broterwerb nachgegangen, in einer ganz bürgerlichen 40-Stunden-Arbeitswoche (ach, meistens waren es mehr, doch ich will mich gar nicht beschweren, schließlich habe ich als Revanche für die Überstunden häufig genug heimlich während der Arbeitszeit meine Bücher geschrieben). Die anderen Langzeitschreiber hatten vielleicht nicht das Glück, andere Bücher zwischenschieben zu können, aber auch sie werden anderweitig gearbeitet oder studiert haben, und das wird den Löwenanteil ihrer Zeit beansprucht haben. Anders geht es gar nicht, denn Schriftstellerei wird nicht in Monatsgehältern bezahlt; ansonsten würde jeder für jedes Buch zwölf Jahre brauchen.

Ehe wir ein Thema weiterspringen: Das Serienkonzept, das seinerzeit den Wettbewerb gewonnen hatte, war irgendwas mit Werwölfen, wenn mich nicht alles täuscht. Werwölfe! Als hätte sich, mal ehrlich, jemals jemand für Werwölfe begeistern können! Hat’s nicht lange gemacht, die Serie. Wenn mich nicht alles täuscht. Es ist lange her.

Ist man auf Facebook mit Schriftstellern befreundet, hat man nicht den Eindruck, dass die allzu viele Jahre über einzelnen Manuskripten sitzen. Melden sie sich zu ihrem Arbeitsfortschritt, melden sie sich mit Rekordsummen: „Heute Zeichen im hohen fünfstelligen Bereich! Abertausende Wörter vor dem Mittagessen! Unter 10 Seiten fange ich gar nicht erst an zu zählen!“

Niemand protzt damit, dass das Geschriebene besonders gut geworden wäre. Nur, dass es besonders viel geworden ist. Ich weiß, dass es auf die Menge nicht ankommt, und trotzdem bin ich häufig verunsichert und muss mir kleinlaut eingestehen: So viel schaffe ich nie oder nur in Ausnahmefällen. Dabei halte ich mich eigentlich für recht diszipliniert und produktiv, so ich nicht gerade Norovirus oder Besuch habe. Wobei: Besuch ist sicherlich immer lästig, aber so eine zünftige Infektion kann auch mal Motivationsmotor sein. Neulich haute ich trotz enormer Blümeranz elf Seiten an einem Tag raus, fast sogar an einem Stück, weil ich Angst hatte, am nächsten Tag könnte es mir noch schlechter gehen. Ging es aber nicht, tatsächlich ging es mir wieder fast richtig gut. Also machte ich einen Tag Pause und sagte mir: „Hab schließlich gestern elf Seiten geschrieben. Ich bin der King.“ Ich habe es derweil nicht auf Facebook hinausposaunt.

Angesichts der ständigen Erfolgsmeldungen meiner Facebook-sog.-Freunde sage ich mir etwas verbiestert: „Gut, diese unverbesserlichen Vielschaffer haben in der Mehrheit auch keine Kinder. Die haben allenfalls Katzen, und Katzen sind Selbstbespaßer, nach allem, was man so hört.“

Kinder bringen mich gleich zum nächsten Einsatz der Phrasen-Polizei. Noch so ein Satz, den ich zwar nicht über, aber von Schriftstellern immer wieder in Variationen lese und höre: „Also, Kinder sind für mich grundsätzlich tabu!“ Das bekommen Interviewer gerne auf die höfliche Frage geantwortet, ob der Interviewte denn beim Verfassen seiner voyeuristischen, sensationsgeilen, blutrünstigen, menschenverachtenden Krimithriller überhaupt noch irgendeine Grenze des Anstands kenne.

Für mich wäre eine solche Aussage grundsätzlich tabu. Nicht nur, weil sie vom selben alten Sprüchekalender abgerissen ist, an dem auch „Kinder sind was ganz Wunderbares!“, „Kinder sind ein Geschenk!“ und „Kinder sind unsere Zukunft!“ hängen. Sondern vor allem, weil sie eben nicht einfach besagt, dass sich der Autor dem Thema der Gewalt gegen Kinder literarisch nicht gewachsen fühlt (dafür hätte ich vollstes Verständnis). Vielmehr sagt der Autor damit, von einem hohen, selbstgebastelten moralischen Thron herab, dass er eine literarische Auseinandersetzung mit diesem Thema generell für anstößig hält. Und das ist Quatsch. Man kann sich auch äußerst unangenehmen Themen literarisch nähern (theatralischere Geister mögen rufen: Nein, man MUSS!). Man sollte nur eine gewisse Sensibilität walten lassen und aus einer ehrenwerten Absicht handeln.

Aber mit einer solchen ist es halt häufig nicht weit her. Was nämlich der Kinder tabuisierende Autor des Weiteren sagt, ist, dass er tote und misshandelte Kinder für nicht allzu unterhaltsam hält. Man mag ihm beipflichten, der Umkehrschluss jedoch ist entlarvend: Ermordete, zerstückelte, zertrümmerte, in jeder nur erdenklichen Hinsicht an Leib und Seele geschändete Erwachsene hält er durchaus für gute Unterhaltung. Und nur auf Unterhaltung kommt’s ihm an (das wird er in Interviews ebenfalls gerne zu Protokoll geben).

Reine Unterhaltung gibt’s aber auf Erden nicht, und wenn ein Autor nicht mal so viel begriffen hat, dann muss man ihn auch nicht lesen. Und diesen Beitrag muss man nun auch ebenfalls nicht mehr lesen, denn er ist vorbei.

Geheime Szene nach dem Abspann

Und jetzt geht er doch noch weiter. Mir ist nämlich gerade eingefallen, wie ich mein Dauerprojekt retten kann. Ich fange einfach noch mal ganz von vorne an, in einem anderen Medium.

Dafür bräuchte ich nur eine Grafikerin oder einen Grafiker. Voraussetzung: Muss total kreativ sein und alles genau so machen, wie ich sage. Und natürlich fürs erste unentgeltlich. Das ist also genau die Art von Angebot, bei der ich auch immer gleich herzförmige Pupillen bekomme, wenn sie mir unterkommt.

Von Schulfreunden und Klassenfeinden (oder: Das Overthinking des Überdenkens)

Kürzlich wollte ich einem Bekannten eine Anekdote über einen anderen, gemeinsamen Bekannten schreiben, zu dem ich in der längst verjährten Schulzeit ein Problemverhältnis hatte. Also schrieb ich: „Wir waren Klassenfeinde.“

Noch bevor das letzte Wort ausgeschrieben war, bemerkte ich: ‚Klassenfeinde‘ ist ja Quatsch, schließlich standen wir nicht notwendigen gesellschaftlichen Umwälzungen im Wege, sondern fanden uns gegenseitig lediglich etwas bescheuert. Also ersetzte ich das Wort sofort mit: Schulfeinde.

Logo, gleich den Tintenkiller raus, weil richtig gecheckt: Auch Quatsch. Sagt einer ‚Schulfreund‘, dann weiß jeder, dass jemand gemeint ist, mit dem man in der Schule befreundet war oder ist. Sagt man hingegen ‚Schulfeind‘, hat man jemanden vorm geistigen Auge, der ein ausgesprochener Gegner weiter Teile des Bildungssystems ist.

Ich verwendete viel Zeit darauf, ein geschmeidiges Ein-Wort-Gegenteil von Schulfreund zu finden, bis aus der Zeitverwendung Zeitverschwendung wurde und ich mir sagte: „Ach, man sollte es nicht überdenken.“

Huch: Quatsch hoch drei. Da habe ich nun genau das getan, was ich bei anderen gerne mit Gift und Galle sowie gehörigen Portionen von Hohn und Spott kritisiere: Unbedacht aus dem Englischen nachgeschnattert. Wahrscheinlich rührte es daher, dass ich mich kurz zuvor mit einem englischen Muttersprachler unterhalten hatte, einem Kanadier, der seit Jahren in seiner Tokioter Badewanne illegal Bier braut, mit lukullischem Erfolg. Das hat mich beeindruckt, denn die eigenbedarflichen Hobbybierbrauversuche in meinem sozialen Umfeld fielen stets wenig überzeugend aus, weshalb die Bierbrausets ganz schnell wieder im Keller oder auf dem Dachboden verschwanden, wo sie nun neben dem Brotbackautomaten, dem Sandwichtoaster und dem elektrischen Weinkühler vor sich hin rosten. Der begabte Kanadier gab mir den Ratschlag auf den Weg: „You shouldn‘t overthink it.“

Nachdem ich die innere Schulfeind/Klassenfeind-Debatte ergebnislos und unbefriedigt abgebrochen hatte, dachte ich nun über eine gute Übersetzung des Begriffes ‚overthinking‘ nach. Wäre er gebräuchlicher, käme er bestimmt im Schulunterricht dran, wenn es um sogenannte ‚falsche Freunde‘ geht, also Worte, die nicht so simpel zu übersetzen sind, wie es bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein hat. Klassiker sind der ‚undertaker‘, der nicht zwingend ein Unternehmer sein muss, oder ‚sympathetic‘, was lediglich im medizinischen Fachjargon mit ‚sympathisch‘ bedeutungsgleich ist, aber nicht in der Alltagssprache.

(Erst jetzt, einige Zeit später, fällt mir zu ‚overthinking‘ ein, dass wohl eine Konstellation mit ‚verrennen‘ eine akzeptable Notübersetzung abgeben könnte. In der Schulfeind-Angelegenheit bin ich nach wie vor überfragt.)

‚Overthinking‘ ist, wie gesagt, wahrscheinlich nicht gebräuchlich genug, um in die Falsche-Freunde-Kapitel der deutschen Englischunterrichtsmaterialien einzugehen. Es gibt allerdings ein anderes Wort, für dessen Aufnahme ich vehement plädiere, sowohl in den Englisch- wie in den Deutschunterricht. Kürzlich las ich einen Roman eines deutschsprachigen Autors, vor dessen Schreiben ich gern mal niederknie, wenn keiner guckt und keine Legosteine auf dem Boden liegen. Das Knien ist vor allem als Huldigung seines geschliffenen Stils gedacht. Umso irritierter und enttäuschter war ich, als ich im besagten Roman häufiger über das Wort ‚pathetisch‘ stolperte. Kein schlechtes Wort, doch hatte ich das Gefühl, der Autor meine es gar nicht, sondern das englische Wort ‚pathetic‘, was etwas ganz anderes bedeutet. Die Verwechslung beziehungsweise Gleichsetzung von ‚pathetisch‘ und ‚pathetic‘ grassiert in der linguistischen Unterschicht der Werber und Verkäufer schon länger; man könnte sogar sagen, „pathetisch“ sei das neue „macht Sinn“. Schade ist es dennoch, wenn sogar Dichter, die sich gern in eine feine Aura liebenswerten Snobismus hüllen, dabei gedankenlos mittun. That is pathetic. Aber es ist nicht pathetisch.

Dass die Menschen gar nicht mehr wissen, was die Worte bedeuten, die sie tagtäglich frank und frei verwenden, sorgt mich schon ein bisschen. Kürzlich las ich in nicht nur einer sondern gleich zwei verdächtig kurz aufeinanderfolgenden Besprechungen zu einem meiner Bücher, dass darin (im Buch) auch die „sozialistische“ Komponente nicht zu kurz käme. Gemeint war wohl „soziale“, und damit war wohl gemeint, dass im Buch auch etwas die Gesellschaft Betreffendes vorkäme. Ich fühlte mich schäbig, mich allzu gehässig darüber zu mokieren, denn die Besprechungen waren im Großen und Ganzen wohlwollend, und die Besprechenden noch jung. Doch gerade in jungen Jahren muss man den Unterschied zwischen ‚sozial‘ und ‚sozialistisch‘ lernen, sonst lernt man es nimmermehr.

Seit Erscheinen dieser Rezensionen, von denen nicht bekannt ist, ob der Großteil der Welt sie überhaupt gelesen hat, juckt es mich in den Fingern nach einer Richtigstellung im eigenen Interesse: Ich bin relativer Anarchist und gemäßigter Monarchist, unbedingter Demokrat, verhalten wirtschaftskonservativ, ansonsten weitgehend liberal. Aber Sozialist bin ich nicht. Nicht, dass das etwas Schlimmes wäre. Aber man kann ja nicht alles sein, der Tag hat nur 24 Stunden, und 6 davon soll man verschlafen (in Japan 4).

Erschrocken fragen nun die Älteren, die sich noch an die FDP erinnern: „Wie, liberal?! Im FDP-Sinne oder im Wortsinne?“

Die Jüngeren erinnern sich Gott sei Dank nicht mehr. Ist schon was, mit den Wörtern. Hätte ich in der Schule mal lieber bei den Sachen mit den Zahlen besser aufgepasst.

Zum Schluss noch ein Bild, das ich neulich in Bremen geschossen habe, weil ich die Formulierung so erfrischend fand.

Mein Orientierungsjahr 2016: Abschließender Geschäftsbericht

Das Jahr 2016 scheint vor allem dafür bekannt, dass in seinem Verlauf, zumindest nach Augenmaß, überdurchschnittlich viele Personen des öffentlichen Lebens gestorben sind, die einem etwas bedeuten, so man in eine gewisse Altersspanne fällt. Abseits dieser Altersspanne wurde dieser Umstand mit weniger Wut, Trauer und Betroffenheit aufgenommen. In der Zeit (glaube ich) oder einer ihrer Ablegerpublikationen (könnte sein) erschien seinerzeit ein vieldiskutierter (meistens zurecht verlachter) Artikel eines Nachwuchsjournalisten, dessen Grundtenor war: Meine Freunde und ich kennen diesen Prince gar nicht, er kann also kaum so wichtig gewesen sein wie Justin Bieber oder Maximo Park. Jenseits des anderen Endes der Altersspanne wird, beispielsweise, „dieser Prince“ auch für, beispielsweise, meine Eltern kaum mehr gewesen sein als eine vage Erinnerung aus meinem Kinderzimmer. Vielleicht verwechselten sie ihn sogar mit „diesem Adam Ant“.

Offenen Auges müsste man zugeben, dass es 2016 durchaus wichtigere Nachrichten gab als tote Prominente, so sehr der eine oder andere Verlust tatsächlich schmerzte. Hat man allerdings gerade im fortgeschrittenen Alter einen Überseeumzug gestemmt, hat man zunächst gänzlich andere Prioritäten als die Sondierung der internationalen Nachrichtenlage. Da geht es um die Grundbedürfnisse des Menschen, die essenziellen Fragen, wie zum Beispiel: Werde ich ein Nudelrestaurant in meiner Nähe finden, in dem ich von nun an fast jeden Tag essen werde, und zwar fast jeden Tag dasselbe?

Ich habe meines gefunden, es sieht so aus:

Dort esse ich fast jeden Tag Mazesoba. Hier im Urzustand:

Dann so: maze, maze, maze.

Und dann essen, und dann war es wie immer gut.

Die Nudeln müssen mit Geld bezahlt werden. Nur ist das mit dem Geld so eine Sache, und zwar eine ungerechte. Mein Plan war es, das Nudelgeld mit dem Schreiben von Büchern und Zeitungs- beziehungsweise Zeitschriftenartikeln zu verdienen. Grob gerechnet bekommt man für drei oder vier Artikel in einigermaßen großen Publikationen (ein paar Tage Arbeit) so viel Geld wie für ein Buch in einem relativ kleinen Verlag (ein paar Monate Arbeit). Leider macht aber das Schreiben von Büchern mehr Spaß als das Schreiben von Artikeln (fürs Schreiben im eigenen Blog bekommt man übrigens gar kein Geld, so man keine unseriösen Reklameanzeigen nebenan haben mag). Zum Glück bin ich modern genug, mich eine Weile von meiner Frau aushalten zu lassen. Drum entschloss ich mich, in diesem Jahr rein nach Spaßprinzip zu schreiben. Also erstens Bücher, zweitens einfach so drauf los. Normalerweise misstraue ich Buchideen, bei denen sich nicht zumindest Anfang und Ende innerhalb von fünf Minuten von selbst offenbaren. Aber diesmal wollte ich so schreiben wie früher, als die Welt noch jung und die Zukunft ungeschrieben war und jeder Morgen nach frisch gemähtem Rasen und Aufbruch duftete. Deshalb habe ich nun einiges gänzlich Unerwartetes in der virtuellen Schublade, zum Beispiel:

  • Die ersten Worte einer interdimensionalen, ultrabrutalen, mechaerotischen Weltraumoper (also wahrscheinlich Jugendbuch).
  • Fragmente eines großstädtischen Quatschkopfromans, mit dem ich es in erster Linie auf den Ingeborg-Bachmann-Preis und/oder eine Verfilmung im Stile Woody Allens abgesehen habe.
  • Und natürlich – was soll man in Tokio auch anderes schreiben? – einen High-Concept-Entwurf für eine München-Moosach-Krimireihe.

Vielleicht sollte ich per Publikumsvotum entscheiden lassen, was ich davon ernsthaft weiterverfolge. Sollte es die Weltraumoper werden, müsste ich allerdings herausfinden, wie ich das Gesicht meiner Agentin verletzungsfrei wieder aus ihren Handflächen entfernen kann.

Nicht aufgeführt sind übrigens die zweieinhalb Projekte, bei denen ich vorsichtig optimistisch davon ausgehe, dass sie bald tatsächliche Spruchreife erlangen, ebenso wie die zwei vorläufig ausgereiften Projekte, die bereits hoffnungsfroh ihre Verlagsrunden drehen. Faul war ich also nicht, ich sah nur aus der Ferne so aus.

Sind die Nudelfragen geklärt und summt und brummt die Arbeitsroutine verlässlich vor sich hin, ist es auch im Neuen Leben an der Zeit, sich wieder für das Weltgeschehen zu interessieren. Schon früh hatte ich den Entschluss gefasst, mein Neues Leben solle langsamer und analoger werden – weniger postfaktisches Internet, mehr gedruckte Lügenpresse. Drum abonnierte ich sofort alles, was mir in die Quere kam und neuen Abonnenten einen Gratis-Jutebeutel versprach. Und kam bald mit der Lektüre nicht mehr hinterher.

Nun gibt es nichts Bekloppteres als den Spruch, nichts sei so alt wie die Zeitung von gestern. Wer nach Gesichtspunkten der Tagesaktualität Zeitung liest, bräuchte das wirklich nicht zu tun, da haben die Digitalhektiker ausnahmsweise recht. Qualitätsjournalismus lese ich auch gerne mal ein paar Tage oder eine Woche später. An den Weltereignissen ändert es ja nichts, ob ich sofort von ihnen erfahre oder erst nach allen anderen. Wenig ist mir so zuwider wie die polternde Beschwerde, diese oder jene Medien (im Zweifelsfall das deutsche Fernsehen) berichteten nicht schnell und live genug von den neuesten Gräueltaten. Informationsjunkies sind eben auch nur Junkies, zu beschönigen oder gar zu glorifizieren gibt es an diesem Zustand nichts.

(Wenn ich von mir ausgehe – und von wem sollte ich sonst ausgehen? – , dann glaube ich übrigens, dass die Fernsehnachrichten vor den Tageszeitungen aussterben werden. Zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sitzen und in eine bestimmte Richtung sehen zu müssen, um in vorgeschriebenen Tempi und starren Formaten informiert werden zu dürfen, erscheint mir schon heute absurd. Doch das nur am Rande.)

Dennoch: Wenn Entschleunigung in Überforderung umschlägt, muss eingeschritten werden. Es geht nicht an, dass hier noch ungelesene Zeitungen von vorm Nikolaus liegen. So habe ich gleich meinen ersten Vorsatz fürs Neue Jahr: Mindestens die Hälfte meiner Abonnements wieder abbestellen. (Das wird wohl auch dich betreffen, lieber New Yorker. Es liegt nicht an dir, es liegt an mir. Deine Cartoons sind zwar so überschätzt wie die Interviews im Playboy, aber deine längeren Artikel habe ich stets gern gelesen. Beziehungsweise lesen wollen, wenn ich die Zeit gehabt hätte. Habe ich jedoch nicht. Nicht jede Woche. Wenn du dich zu einem monatlichen oder quartalsweisen Erscheinungsturnus entscheiden könntest, würde ich es mir noch mal überlegen. Was ich eigentlich sagen wollte: Den Abonnenten-Jutebeutel, der mir vertraglich zusteht, möchte ich trotzdem noch haben. Alle anderen Zeitschriften haben mir den Abonnenten-Jutebeutel unaufgefordert zugeschickt. Also bitte zack-zack.)

Für die wirklich wichtigen Nachrichten müssen wir heuer selbstverständlich einen bangen Blick nach Amerika werfen: Rogue One. Oft hörte ich die Einschätzung: Erst gähn, dann geil. Mir ginge es, falls ich mich überhaupt jetzt schon zu derlei extremen Urteilen hinreißen lassen müsste, eher umgekehrt. Eigentlich geht es mir hier aber gar nicht um die Qualität des Films, die kann man bei einem emotional so komplexen Lebensaspekt wie Krieg der Sterne ohnehin frühestens nach vier oder fünf Durchläufen vorläufig abschließend beurteilen, sondern darum: Es scheint, als war 2016 das Jahr, in dem Krieg-der-Sterne-Filme ganz normal geworden sind. Schon weiterhin Eventereignisfilme, auf die man sich flatternden Herzens freut. Doch flattert es nicht mehr gar so stark, dass man vorher nächtelang nicht schlafen kann (anders also als letztes Jahr noch). Seit Disney dankenswerterweise das ganze Unternehmen übernommen hat, ist bekannt, dass es fortan jährlich einen neuen Krieg-der-Sterne-Film geben wird. Wenn nicht Episode-Irgendwas, so doch irgendein Spinoff-Prequel-Oneshot-Standalone-Crossover-Hastenichgesehn-Dingsbums. Ein Film pro Jahr ist noch kein Overkill, hatte ich gedacht, und das ist es auch nicht. Nichtsdestotrotz bemerke ich bereits einen starken Gewöhnungseffekt und hoffe, dass es nicht soweit kommen wird wie bei den Superheldenfilmen, die ich nun immer häufiger auslasse (letzter ausgelassener war der letzte Gruppe-X-Film, nächster wird der nächste Guardians of the Galaxy). Das wäre schade, denn meine Familie gibt mir nur zu Krieg-der-Sterne- und Godzilla-Filmen frei.

Den letzten Godzilla-Film kann ich leider nicht beurteilen, weil ich leichtsinnig vor dem Film ein Bier getrunken hatte und dann im Kino eingeschlafen bin. Das ist jetzt so das Alter, und das wird im nächsten Jahr bestimmt nicht besser.

Skandal: Wieder kein Friedensnobelpreis für Stephen King

Jedes Jahr handeln Buchmacher in aller Welt den Namen Murakami ganz hoch, und jedes Jahr versammeln sich zur Ergebnisverkündung die japanischen Haruki-Murakami-Liebhaber in Haruki-Murakami-Liebhaber-Cafés. Erst in freudiger Erwartung, dann in mit Fassung getragener Enttäuschung.

Und jedes Jahr frage ich mich: Wie kommen sie bloß darauf? Die Buchmacher, die Fans, die Berichterstatter? Was hat sie bloß auf die fixe Idee gebracht, dass Haruki Murakami irgendwann, vielleicht schon bald, den Literaturnobelpreis gewinnen müsse, könne, würde? Das ist ungefähr so, als würde man ganz, ganz fest daran glauben, dass Stephen King reelle Chancen hätte. Dabei sind beider Werke sprachlich zu simpel gestrickt, inhaltlich zu nah an der Genreliteratur, kurzum zu volksnah, um jemals ernsthaft die ganz hohen Weihen der allerobersten Kunst- und Kulturrichter zu erfahren. So, d. w. m. j. w. n. s. d. (das wird man ja wohl noch sagen dürfen).

Damit kein Missverständnis aufkommt und ich nicht wegen Trollverdacht vorübergehend festgenommen werde: Ich würde sowohl Haruki Murakami wie auch Stephen King den Preis gönnen. Ich gönne ihnen alle möglichen Preise. Die Zugänglichkeit ihrer Werke empfinde ich nicht als Makel. Unter den Oberflächen ihrer Bücher brodelt es. Doch da schaut niemand hin. Zumindest niemand, auf den es in dieser Sache ankommt.

Von Skeptikern wird Murakami gerne vorgeworfen, seine Botschaften seien oberflächlich, nach Art von Kalenderblattsprüchen gar (das ist noch ein Rang unter dem beliebten Literaturbesprechungstotschlagargument, jemand schreibe „kolumnistisch“). Das liegt daran, dass er nur oberflächlich gelesen wird. Und das wiederum liegt daran, dass es bei ihm, wie bei King, an der Oberfläche zu viele Knalleffekte gibt. Wenn der akademische Berufsleser Knalleffekten begegnet, denkt er sich: „Aha, Unterhaltung!“ Und wenn er „Aha, Unterhaltung!“ denkt, denkt er im weiteren Verlauf der Lektüre gar nichts mehr. Er fährt alle Analysetools komplett runter (nicht bloß Standby).

Nichtsdestotrotz sind beide, King und Murakami, im Feuilleton ja gar nicht komplett schlecht aufgestellt, lobende Erwähnung finden sie immer wieder. Dies allerdings mit einer bedingungslosen literaturwissenschaftlichen Akzeptanz zu verwechseln, wäre ganz falsch. Sie erfüllen eine Quote. Mit ihnen kann der angegraute Feuilletonist seine Coolness demonstrieren. Es ist ein bisschen so, als würfe er sich in seine alte Nietenhose und bestehe darauf, manchmal auch ganz verrückte Hottentotten-Musik zu hören: „Hey, Kids, ich hab Carrie gelesen! Menstruation und Schweineblut und so, schon geschnallt, voll endknorke! Rock’n’Roll!“

Die Entscheidung in diesem Jahr für Bob Dylan ist keine berauschende, aber eine gute und einigermaßen richtige. Seine Lieder mögen am schönsten in den Interpretationen anderer funkeln, doch so einen Literaturpreis bekommt man ja nicht für Goldkehlchen, sondern für Goldköpfchen. Gänzlich kleinlich und unschicklich wäre es, nun genüsslich jedes Fehlverhalten Bob Dylans aufzulisten, wie es die Eingeschnappten bereits tun. Nur wer in 75 Jahren Lebenszeit, knapp 60 davon öffentlich, ohne Fehlverhalten ist, darf mit dem Finger zeigen.

Würdigere Kandidaten hätte es sicherlich gegeben, gibt es ja immer, auch welche, bei denen etwas mehr Eile geboten wäre (Don DeLillo, Leonard Cohen). Das Jahr 2016 ist schließlich nicht dafür bekannt, mit unseren Größten besonders zimperlich umzuspringen.

Von dem Missverständnis, Fernsehen sei das neue Lesen; und von dem Irrtum, Internet sei das neue Fernsehen [nach kräftigem Durchatmen und einem langen, heißen Wohlfühlbad stark gekürzte Version]

Seit geraumer Zeit hört man es nun aus dem Blätterwald rauschen (ich nenne ihn noch immer so, weil Pixelwald so doof klingt): „Diese modernen, anspruchsvollen amerikanischen Fernsehserien, die sind … die sind …, mein lieber Scholli, die sind … DER NEUE ROMAN!“

Schon lange war mir angesichts dieser Unsinnsbehauptung nach einem #Aufschrei, aber ich halte halt nichts von Gebrüll. Doch jetzt kann ich nicht länger schweigen. Der letzte Tropfen für das Fass in meinem Kopf war eine Liste in einer Unsinnszeitung, welche die tollsten Schmöker für den Sommer benannte. Darunter auch der New-York-Schmöker City on Fire von Garth Risk Hallberg. Viel wurde über dieses Buch geschrieben, in 46 Sprachen und mehr. Und das höchste Lob, das dem Listenmacher in der Unsinnszeitung dazu einfiel, war, dass der Roman ihn irgendwie an eine HBO-Serie erinnere.

(Mal eben am Rande: Wann ist dieser vom Film schon länger bekannte Schwachsinn, englische Titel nicht mehr mitzuübersetzen, eigentlich im großen Stil auf den Buchmarkt übergeschwappt? Girl on a Train? Oder schon bei About a Boy? Gone Girl? Werden vor allem Titel von Girl-Books nicht mehr translated? Und werden bald auch spanische, chinesische, isländische Titel nicht mehr übersetzt? Oder gleich ins Englische, wie bei Filmtiteln längst Usus?)

Ich habe das City-on-Fire-Buch wohlgemerkt nicht gelesen, ich werde das vielleicht in fünf Jahren nachholen. Man hört ja nicht nur Gutes. Bei stark gehypeten Büchern, die mir irgendwie verdächtig vorkommen, wende ich seit einiger Zeit die 5-Jahre-Regel an: Wenn man in fünf Jahren noch vom Buch spricht, versuche ich es mal. Mir ist meine Zeit auf Erden zu kostbar, um sie mit jedem x-beliebigen Sommerschmöker totzuschlagen. Ich kannte mal einen, der lebte in der ständigen Angst, versehentlich mal ein Buch zu lesen, das nicht Epoche macht. Der las sicherheitshalber nur Bücher von Autoren, die schon seit mehreren Jahrzehnten tot waren. So lange kann ich häufig nicht warten. Manche Schriftsteller leben ja auch gegen alle Klischees recht gesund. Und selbst wenn welche doch standesgemäß leben (eine Flasche Rotwein statt Frühstück, und danach wird gesoffen), scheinen Schriftsteller eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung zu haben, so nicht gerade etwas Dramatisches dazwischenkommt. Liegt vielleicht daran, dass ihrem Berufsalltag die Aspekte abgehen, die in den Alltagen anderer Berufe Magengeschwüre und Schlimmeres verursachen.

Mir geht es also nicht um dieses spezielle Buch, sondern um die Traurigkeit des genannten Komplimentes, das, glaube ich, symptomatisch ist: Da hat jemand, wenn er Literatur gegenübersteht, keinen anderen Referenzrahmen als die DVD-Komplettboxen in seinem Ikea-Regal. Und der fühlt sich dabei wahrscheinlich auch noch clever und modern. Man muss ihm und seinen Kumpels im Geiste leider sagen: Wer findet, dass Fernsehserien und Romane vergleichbar oder gar austauschbar seien, versteht weder etwas vom einen, noch vom anderen. Der hat keine Ahnung, dass es in der Literatur nicht nur um Storys geht, sondern auch um Sprache, unter anderem. Und dass es in Romanen Sprache nicht nur in Dialogen gibt. Wer nur liest, weil er sich vom Plot peitschen lässt, der darf sich gerne vom Roman abwenden, denn er hat eh vergebens gelesen. Der Plot ist das banalste Element eines guten Romans. Die blinde Plothysterie ist übrigens auch schuld daran, dass viele junge und greise Menschen nur noch so über Erzählungen sprechen können:

„James Bonds neuer Auftrag führt ihn in die Karibik.“
„Ey, hättest du nicht Spoiler-Warnung sagen können?!?!?!“

Gute Literatur ist nicht an Plot-Twists gelegen, sondern an überzeugenden Figuren und wertigen Themen. Figurenentwicklung ist etwas, das in Fernsehserien nicht stattfindet, gerade in offiziell anspruchsvollen nicht. Tony Soprano ist in der letzten Folge derselbe wie in der ersten. Er und andere seines Schlages mögen zwischendurch mal aus der Rolle ausbrechen. Doch sie alle haben einen Reset-Knopf, der jedes Mal gedrückt wird, bevor die Zuschauer Gefahr laufen, sich mit etwas neuem auseinandersetzen zu müssen. Die einzige nennenswerte Ausnahme scheint mir Buffy im Bann der Dämonen. Bis zum Ende der Serie hat wirklich fast jede Figur mindestens eine entscheidende Wandlung mit bleibenden Resultaten durchgemacht. Das scheint mir das Erstaunlichste an dieser ohnehin sehr erstaunlichen Serie. Viel erstaunlicher als die sonst gern positiv hervorgehobenen flotten Sprüche äh geistreichen Dialoge oder die gelegentlichen erzählerischen Experimente.

Fernsehserien stellen also keine Gefährdung für den Roman dar. Für den Kinofilm sind sie es, entgegen beliebter Zeitgeistmeinungen, ebenfalls nicht. Selbst wenn ihre Anmutung ein wenig ‚filmischer‘ geworden ist, fühlt sie sich nach wie vor in erster Linie dem Innenraum und der Großaufnahme verpflichtet. Das verdeutlicht ein langfristiger Selbstversuch in meinem Haushalt. Nach der Geburt des Kindes sahen seine Mutter und ich eine gescheite Weile lang ausschließlich einzelne Fernsehserienfolgen, weil uns für Längeres mal die Zeit, mal die Wachsamkeit fehlte. Als wir uns eines Abends doch mal wieder für einen fürs Kino produzierten Spielfilm entschieden hatten, war es eine ästhetische Offenbarung. Fernsehserien sind heute visuell bestimmt interessanter, als sie es vor 40 Jahren freitags um 20 Uhr 15 im ZDF waren. Deshalb war der empfundene Unterschied zwischen Fernsehen und Film keineswegs so, als würde man nach Jahren in der Besenkammer endlich auf ein großes, freies Feld treten. Gleichwohl war es so, als trete man nach Monaten im Wohnzimmer endlich mal wieder hinaus auf die Straße mit all ihren Möglichkeiten. Wir hingen als Fernsehenthusiasten ja selbst dem Irrglauben an, dass Fernseh- oder Kinoproduktion heute schauwertig keinen großen Unterschied mehr macht. Der Unterschied ist allerdings nach wie vor gewaltig genug. Wer es nicht glaubt, kann den Test mit einfachen Mitteln zu Hause selbst durchführen. Erst mal ein Kind machen (notfalls adoptieren, es muss aber so klein wie möglich sein), der Rest ergibt sich von alleine.

„Aber die Geschichten! Die Geschichten, vertrackt und trickreich über mehrere Staffeln erzählt, die sind doch viel komplexer als in Spielfilmen!“ Nein, sind sie nicht. Serien dehnen, verdünnen und repetieren ihre Geschichten lediglich so lange, bis der Einstellungsbescheid kommt. Dann muss plötzlich alles ganz schnell sinnvoll zu Ende gehen. Das tut es in den seltensten Fällen, weil Geschichten Fernsehautoren eben nicht so wichtig sind, wie ihnen oft von wohlmeinenden (und nicht sehr aufmerksamen) Zuschauern unterstellt wird. Heute rümpft man gern die Nase über Opas wöchentliche Fernsehserie, in denen verlässlich in 45 Minuten ein Mörder gefasst, ein Monster getötet, ein Konflikt gelöst wurde, und nächste Woche dann wieder von vorne. Tatsächlich ist diese Form des Geschichtenerzählens weitaus anspruchsvoller als das unverbindliche Strecken und Verstricken von Handlungssträngen, bis ohnehin jeder die Übersicht über jedes einzelne Detail verloren hat. In Opas Fernsehen musste jede Woche aufs Neue eine Geschichte mit Hand und Fuß erzählt werden, und die musste glaubhaft machen, dass es sich nicht um denselben Mörder, dasselbe Monster, denselben Konflikt wie letzte Woche handelte. Wer etwas von Literatur versteht (also anders als der gemeine Fernsehkritiker oder Sommerschmökerlistenanleger), der weiß, dass die Kurzgeschichte die Königsdisziplin ist. Roman kann jeder. Ein Roman darf mal durchhängen, sich vorübergehend verlaufen. Die Kurzgeschichte hingegen kann sich keine einzige Schwachstelle, kein falsches Wort leisten. Zugegeben, der Vergleich hinkt ein wenig, denn Literatur und Fernsehen sind ja eben nicht dasselbe, wie ich schon sagte, dumdidum.

Am liebsten ist mir heute das offiziell mittelmäßige Fernsehen. Also Serien mit maskierten und kostümierten Protagonisten, die man bei entsprechender Sozialisation aus Comicheften kennt. Ich würde gerne mehr Comics lesen, doch geht es nicht. Ich habe es verlernt, Bild und Text gleichzeitig die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken, und das sollte der ernsthafte Comicleser schon tun. Ich weiß nicht, ob ich ein neues Gehirn oder eine neue Brille brauche, irgendwas funktioniert da jedenfalls nicht mehr richtig. Film und Fernsehen sind zum Glück weniger anspruchsvolle Medien als das Comicheft. Sie sind so leicht konsumierbar, dass sogar ich es schaffe. Beim offiziell anspruchsvollen Fernsehen war schon seit Jahren nichts mehr dabei, was mich ähnlich dauerhaft bei der Stange halten konnte wie Grüner Pfeil und Roter Blitz und alle ihre Freunde.

Von Gotham allerdings musste ich mich relativ schweren Herzens trennen. Es stellte sich heraus, dass ich unnötig explizite Gewaltdarstellung (nicht zu verwechseln mit notwendig expliziter Gewaltdarstellung) und hysterisches Dauerfeixen nicht mehr so leichtfertig verknuse wie mit 16. Wer konnte das ahnen? Da bleibe ich lieber beim Original aus den 60ern. Genauso albern, aber weniger zynisch.

Mir ist bewusst, dass die genannten Serien keine große Kunst sind. Doch sind sie goldenes Handwerk, und das ist nicht nichts. Handwerk kann nur dann wirklich golden sein, wenn es mit Liebe verrichtet wird, und Liebe ist doch schön. Im Zweifel ist mir ein mit Liebe geschaffenes Werk lieber als ein mit kühlem Intellekt berechnetes. Im Idealfall natürlich gerne beides auf einmal. Aber wann bekommt man im Leben schon den Idealfall?

Mit dem, was die anderen Kinder in letzter Zeit offiziell anspruchsvoll fanden, hatte ich, wie gesagt, so meine Probleme. Breaking Bad habe ich ausgelassen, weil ich Drogenhändler so doof finde. Game of Thrones hätte ich vor dem Sehen gern gelesen, und die fünfjährige Probezeit hat das erste Buch der Reihe ja auch bestanden. Dann allerdings fängt man an zu lesen, und die Leute und Ortschaften haben alle so komische Namen, dass man sofort wieder 14 Jahre alt ist und im Rollenspielkeller sitzt und denkt: Mist – Paladin der siebzehnten Stufe, aber Mathe nicht gemacht. Hoffentlich lässt Nicky mich abschreiben. So was kann ich nicht lesen, da bekomme ich Beklemmungen. Es liegt nicht am Stoff, es liegt an mir.

Egal ob herrlich mittelmäßig oder aufdringlich anspruchsvoll – das beste Fernsehen wird heute von Fernsehsendern produziert. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt. Eine ähnlich oft gehörte Unsinnsbehauptung wie die, dass das Fernsehen der neue Roman sei, ist die, dass Opas Fernsehsender einpacken können, weil die besten Serien jetzt von Internetfirmen produziert würden. Ich weiß nicht von welchen, in meinem Internet laufen sie wohl nicht. Dass, was ich da an Streaming-Produktionen sehe, kann für richtiges Fernsehen keine Konkurrenz sein. Die unsympathischen und langweiligen Menschen von Transparent hätte ich gerne nach zehn Minuten ausgeschaltet, aber meine Frau fand, wir sollten ihnen zwanzig geben. Die ersten drei Minuten von Lady Dynamite gehören zum unlustigsten, unoriginellsten, stümperhaftesten, hochnotpeinlichsten, was ich jemals gesehen habe. Da ich es zu meinem und ihrem Glück ohne meine geduldige Frau gesehen habe, kann ich den Rest nicht beurteilen. Daredevil und Bosch … ach, wer bin ich denn, dass ich jetzt jede nichtsehenswerte Fernsehserienimitation aus dem Internet mit Gift und Galle aufwerte? Die einzige, die ich dauerhaft gerne sehe, ist House of Cards. Und das liegt nun nicht daran, dass sie so atemraubend und anspruchsvoll wäre, sondern dass sie so ein angenehmes Hintergrundsummen für den Feierabend macht. Es passieren ungefähr zwei aufregende Dinge pro Staffel, das reicht. Das Leben ist schon aufregend genug.

Selbstverständlich warte ich noch nicht sehnsuchtsvoll auf die nächste Staffel von House of Cards, denn ich bin mit der letzten längst nicht durch. Das sogenannte Koma-Gucken (dt.: Binge-Watching) ist in meinem Haushalt streng untersagt. Mehr als eine Folge pro Tag ist nicht gut für die Konzentration, und eine ungeheure Respektlosigkeit gegenüber denen, die sich viel Mühe gegeben haben, jede Folge so schön wie möglich hinzukriegen.

So, was habe ich noch auf dem Zettel?

Aha, irgendwas mit E-Books, und etwas über die Popeligkeit des demonstrativen Garnichtfernsehens. Das lass ich jetzt mal weg, Sie haben ja bestimmt auch noch was vor.

Purple Rain mit Papa

Zwei Aspekte haben mich an vielen Nachrufen auf David Bowie sehr gestört. In nicht wenigen war die Behauptung zu lesen, mit ihm sei nun wirklich der Letzte der „ganz Großen“ gestorben. Gemeint war wohl der Letzte der ganz großen Rock- und Popstars, und damit gemeint war wohl der Letzte der ganz großen männlichen und weißen Rock- und Popstars. Ansonsten wären mir ganz spontan noch Prince und Madonna eingefallen, und weniger spontan wahrscheinlich noch weitere.

Nun bin ich inzwischen konservativ genug, um gelegentlich mit den Augen zu rollen, wenn reflexartig jeder Zeitungsmeldung Sexismus, Rassismus, Ageismus, Ableismus oder Shapismus angedichtet wird, so sie es auf 10 Zeilen nicht schafft, jeden Standpunkt der Welt zu berücksichtigen und jeden Menschen der Welt persönlich anzusprechen. (Sollte ich einen -ismus übersehen haben, entschuldige ich mich in aller Form, das hätte niemals passieren dürfen.) In diesem Fall fand ich die Ignoranz weiter Teile der Musik- und Tagespresse allerdings durchaus zum Ohrenschlackern, unter Umständen sogar zum Aufschreien. Nicht nur sexistisch und rassistisch, sondern auch noch stinkefaul und inkompetent, denn selbstverständlich haben auch etliche große weiße Männer Bowie überlebt. Irgendwo in einem Kornfeld steht Neil Young und sagt mit leisem, hellem Stimmchen: „Hallo?“ (Er meint natürlich: „Hallo? Und was ist mit Bob? Und Leonard? Und Bruce? Und so weiter?“)

Der zweite Aspekt, der mich an vielen Nachrufen störte, war die respektlose Verfehlung des Themas. Vermutlich denkt man als ewigjugendlich-rebellischer Musikjournalist: „Ach, sich nur von Station zu Station in Werk und Leben des Verstorbenen zu hangeln ist langweilig und boring. Ich erzähle lieber von mir, mir, mir, und wie viel mir, mir, mir dieser … äh … Dingsbums bedeutet hat.“ Das gehört sich nicht. So viel Respekt sollte man vor Verstorbenen schon haben, dass man sich selbst für einen kurzen Augenblick zurücknimmt und vom Verstorbenen erzählt, und nicht von den Postern im eigenen Jugendzimmer.

Gleichwohl werde ich es jetzt genau so machen, wenn ich einen vom Prince erzähle. Allerdings tue ich es in meinem eigenen kleinen, unbedeutenden Blog, und nicht im Hauptteil einer überregionalen Tageszeitung. Selig ist der, der den Unterschied kennt.

Zum ersten Mal nahm ich mit dem Lied, vielleicht in erster Linie mit dem Video, 1999 Notiz von Prince. Das Lied gefiel mir sehr gut, die Keyboarderinnen gefielen mir viel besser. Wie sie angezogen waren, wie sie sich bewegten, und wie sie guckten. Wie sie Keyboard spielten, konnte ich nicht beurteilen.

Das erste Prince-Album, das ich mir kaufte, war selbstverständlich Purple Rain. Den Film zum Album sah ich zusammen mit meinem Vater im Kino, was keine gute Idee war. Wir waren früher öfter zusammen ins Kino gegangen, Walt Disney und Bud Spencer, doch mit der Pubertät (meiner) schlief dieser Brauch erwartungsgemäß ein. Purple Rain war der unglückliche Versuch, daran etwas zu ändern. Sicherlich gibt es 80er-Jahre-Filme, die noch ungeeigneter sind, sie als unsicherer Teenager zusammen mit dem Vater anzuschauen. 9 ½ Wochen fällt mir spontan ein. Ansonsten allerdings nichts. Wir sind dann erst wieder zusammen ins Kino gegangen, als ich über 30 war (Herr der Ringe). Über Purple Rain haben wir nie richtig gesprochen. Erwischten wir gemeinsam Prince hin und wieder im Fernsehen, brummte mein Vater nur: „Den gibt’s immer noch?“

Mein liebstes Prince-Album war und ist Around the World in a Day. Weil ich mir mit ‘Condition of the Heart’ jeden jugendlichen Liebeskummer noch tiefer reinreiben konnte. Weil ‚Raspberry Beret‘ zu jeder Jahreszeit so frühlingshaft ist. Weil das Titelstück und ‚Paisley Park‘ so schön hippiemäßig sind, ohne ekelhaft hippiemäßig zu sein. Weil ich mir vorstellen konnte, das Geschlechtsverkehr irgendwie so wie ‚Temptation‘ sein muss. Und das Leben wie ‚Pop Life‘ und ‚The Ladder‘. Und Amerika wie ‚America‘. Nur zu ‚Tamborine‘ ist mir nichts eingefallen. Aber einen Aussetzer hat ja jede Platte.

Zu dieser Zeit fragte mich ein Schulkamerad: „Hörst du eigentlich jeden Tag Musik von Prince?“

Ich sagte: „Ja klar hör ich jeden Tag Musik von Prince!“

Die Antwort war reiner Reflex gewesen. Ich rechnete schnell nach, und stellte fest: Puh, es kommt hin, ich höre wirklich jeden Tag Musik von Prince.

Bis ich das nicht mehr tat. Graffiti Bridge von 1990 war das letzte Album meiner lückenlosen Prince-Phase. Ich verlor vorübergehend das Interesse, weil seine Musik wieder schwärzer wurde, und ich nicht. Wie viele rockorientierten weißen Männer wurde auch ich dann erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter etwas funkier. Tatsächlich brach in den letzten Monaten so etwas wie meine zweite Prince-Phase an. Wegen Überseeumzug beschloss ich, meine Vinyl-Sentimentalität abzuwerfen und stattdessen eine CD-Sentimentalität zu kultivieren. Ich kaufte mir die Prince-Alben, die ich schon hatte, noch mal in kleiner und holte bei der Gelegenheit gleich einige der Alben nach, die ich ihrerzeit nicht mehr gekauft hatte. Die Genialität von Prince offenbart sich, genau wie die von Woody Allen, ja gerade in den schwächeren Werken. Die sind immer noch stärker als die starken Werke der meisten Mitbewerber. Überhaupt haben Prince und Woody Allen vieles gemeinsam. Neben dem geballten Sexappeal ist das vor allem das bewundernswerte Arbeitsethos. Ich glaube nicht, dass Prince wirklich ein Perfektionist war, wie ihm oft so gemein nachgesagt wird. Perfektionisten sind langweilige Erbsenzähler und Erbsenpoliere, die nie etwas gebacken bekommen, weil Perfektion eben unerreichbar ist, und wenn man das merkt, lässt man vor Schreck alle Erbsen fallen und fängt mit Zählen und Polieren wieder von vorne an. Prince derweil hat einiges gebacken bekommen, und langweilig war er ganz bestimmt nicht.

In die Nachbemerkungen zu meinem gottlob noch nicht gedruckten Roman Shinigami Games hatte ich zuletzt diese leichtfertigen Worte geschrieben:

Irgendwann zwischen dem Ende von ‚Yoyogi Park‘ und dem Anfang von ‚Roppongi Ripper‘ hatte ich aufgehört, beim Schreiben Musik zu hören. Zuerst aus Vergesslichkeit, dann aus Prinzip. Am Ende von ‚Shinigami Games‘ habe ich wieder zaghaft damit angefangen, so schnell kann das gehen. Fast ausschließlich Prince und David Bowie. Ich hoffe, das ist kein böses Omen für Prince.

Ich glaube, es war kein böses Omen. So wichtig nehme ich mein Hörverhalten in so hoher Gesellschaft nicht. Deshalb möchte jetzt enden, muss aber eines noch loswerden: „Ja, Papa, den gibt’s immer noch.“

Servus, mach’s guad, und vielen Dank für den Steckerlfisch

Ich ziehe bald um, die Sentimentalität setzt bereits ein. Zwischen Überseekisten, Exportdokumentation und Inventarlisten bleibt derweil kaum Gelegenheit für ausgiebige Introspektion. Vielleicht schreibe ich mal ein Buch über München, wenn ich in Tokio bin, ging umgekehrt schließlich auch. Heute möchte ich im Schnelldurchlauf schon mal rekapitulieren, was eigentlich in den letzten rund 18 Jahren so passiert ist.

Als sich in Bremen 1998 zum ersten Mal jemand am Telefon mit „Grüß Gott!“ bei mir meldete, hielt ich das für einen Scherzanruf. Ich kannte diesen Ausdruck nur aus Heimatfilmen und wusste wirklich nicht, dass er noch irgendwo im aktiven Gebrauch war. Außerdem hielt ich Bayern insgesamt für rechtsradikal (CSU) und München für die Hauptstadt der Rechtsradikalen (dass die bayrische Landeshauptstadt die sicherste Sozi-Hochburg der Republik ist, weiß außerhalb Bayerns leider so gut wie niemand, zu mächtig ist die finstere Reputation des Umlandes). Trotzdem hatte ich mich dort für einen Job beworben, weil ich an der Uni die Übersicht verloren hatte und nicht glaubte, dass ich da noch mal hingehen würde. Und weil ich meinte, ich könnte mich an einem fernen Ort ganz neu erfinden (Spoiler: das ging nicht, das geht nie. Es liegt nicht in der Natur des Menschen, sich selbst jemals neu zu erfinden.) Die Grüß-Gott-Stimme am Telefon teilte mir mit, man habe meine Bewerbung erhalten und würde mich gerne zum Vorstellungsgespräch einladen.

Das Vorstellungsgespräch war die reinste Katastrophe. Es ging um eine Redakteursstelle bei einer Illustrierten für Computerspiele. Ich besaß erst seit ungefähr einem Jahr einen Computer, und die einzigen Spiele, die ich kannte, waren Duke Nukem 3D und Sam & Max. Die fand ich immerhin so toll, dass ich die Zukunft der Unterhaltung, der Kunst und des Erzählens im Bereich der Computer- und Videospiele sah, womit ich ja auch recht hatte. Ich log faustdick, was meine Qualifikationen anging, und die meisten Lügen flogen noch während des Gesprächs auf.

Noch überraschter als vom ersten Grüß-Gott-Anruf war ich vom zweiten, der mir mitteilte, dass ich den Job hätte, so ich ihn wollte. Ich habe zwar keine Ahnung von der Materie, aber man wolle mal jemanden mit einem „journalistischen Background“ ausprobieren.

Klassische Computerspiele-Illustrierte haben allerdings keinen Bedarf für Journalismus. Die haben nur Bedarf für Buchhalter, die Formulare mit Testergebnissen ausfüllen. Ich kündigte noch vor Ablauf der Probezeit. Eine Panikreaktion, weil ich die Schande einer Kündigung durch den Arbeitgeber entgehen wollte. Rückblickend betrachtet war meine Anstellung wohl nicht so gefährdet, wie ich damals angenommen hatte, meine Arbeit war eigentlich anständig. Die richtige Entscheidung war es dennoch, denn ich war todunglücklich. Wo man einem Chefredakteur wirklich den Begriff ‚Pornomusik‘ erklären muss, und er es dann immer noch nicht versteht, kann man sein lyrisches Federkleid nicht allzu schillernd spreizen.

Eine neue Arbeitsstelle ist freilich stets schnell gefunden. Ich log und schleimte mich in eine PR-Agentur, selbstredend mit schlechtem Gewissen. Zum journalistischen Selbstverständnis gehört es, PR als die dunkle Seite der Macht zu sehen. Ich bekam den Job, weil die Agentur jemanden mit einer „flotten Schreibe“ suchte.

PR-Agenturen haben allerdings keinen Bedarf für „flotte Schreibe“. Die, die ausdrücklich danach suchen, sind die, die am wenigsten Ahnung davon oder Verwendung dafür haben. Eines Tages fragte einer der Agentur-Kunden meine Chefin in vollem Ernst und echter Verzweiflung, ob der Neuenkirchen „vielleicht geisteskrank“ sei, nachdem ich eine seiner Pressemitteilungen mal ohne Mehrkosten etwas „flotter geschrieben“ hatte.

Lange durfte ich dann nicht mehr bleiben. Dennoch erachte ich es bis heute als einen meiner größten beruflichen Triumphe, dass der Schwindel erst neun Monate und zwei Gehaltserhöhungen später aufgeflogen ist.

Falls wer meint, tiefer als PR-Agentur könne man nicht sinken: zwischenzeitlich habe ich noch schwarz bei einer namhaften Werbeagentur gearbeitet. Ich schrieb Rundfunkreklame für eine Möbelhauskette. Es ging um ein Geheimagentenpaar auf der Suche nach überirdischen Angeboten. Die Spots wurden produziert, aber nie gesendet.

Nächster Stopp: eine Verlagsneugründung, dort insbesondere ein sogenanntes Lifestyle-Magazin mit Schwerpunkt Unterhaltungselektronik. Unterhaltungselektronik ist nicht gerade das majestätischste Steckenpferd in meinem Stall, ist allerdings ein Thema, das man sich als geübter Blender schnell aneignen kann. Wegen „flotter Schreibe“ durfte ich in gewissen Bereichen des Heftes machen, was ich wollte, also war ich verhältnismäßig glücklich. Eigentlich bin ich ja ein genügsamer Typ.

Leider sind Menschen, denen die Wahl der richtigen Unterhaltungselektronikkomponenten extrem wichtig ist, in der Regel genau die Menschen, die extrem wenig lesen. Nach 1 ½ Jahren war das Magazin am Ende, ein halbes Jahr später der ganze Verlag. Lag vielleicht auch daran, dass der Verlag relativ wenig Skrupel hatte, wenn es um die Erstattung von Reisekosten ging. Eine Zeit lang war meines ein herrliches Leben im Klischee, ein Leben zwischen Deutschland, Marokko, Spanien, Italien, Großbritannien und Japan. Besonders Japan hatte es mir angetan. Sogar so sehr, dass ich eines Tages bei Edeka im Olympia Einkaufszentrum knapp zwei Euro locker machte und mir das Buch Gebrauchsanweisung für Japan von Gerhard Dambmann vom Grabbeltisch kaufte und mir vornahm: ‚Wenn ich einmal groß bin, möchte ich auch so ein Buch schreiben.‘

Nach der Abwicklung des Verlages ging ungefähr die gesamte Belegschaft zu Amazon. Amazon war mir als Unternehmen schon immer sympathisch. Auf einer Party anlässlich der Angebotserweiterung um Video- und Computerspiele, zu der ich einmal als Pressevertreter eingeladen war, gab es leckeres Dosenbier und gelbe Amazon-Badehandtücher als Geschenk. Meines hat extrem lange gehalten und war stets sehr flauschig. Also hatte ich mich gleich dreifach dort beworben: als Redakteur für Bücher, als Redakteur für Videokassetten und notfalls als Redakteur für Unterhaltungselektronik. Letzteres bin ich dann erst mal geworden, wohl wegen beruflicher Vorbelastung.

Meine knapp 15 Jahre bei Amazon brachen endlich den Fluch meiner Reputation als beruflich flatterhaft, die mir mein dreifacher Wechsel in nicht mal drei Jahren eingebracht hatte (dabei war nur der erste Wechsel komplett auf meinem eigenen Mist gewachsen). Ich würde die Amazon-Ära folgendermaßen bilanzieren: 7 magere Jahre, 7 fette Jahre, und eines, in dem ich schon nicht mehr so richtig da war (würde ich auch in der Kategorie ‚fett‘ sehen). Insgesamt keine schlechte Bilanz für ein Arbeitsverhältnis, finde ich. Arbeit ist schließlich Arbeit, und Ponyhof ist Ponyhof, und wenn man nicht gerade auf einem Ponyhof arbeitet, sind das zwei sehr unterschiedliche Dinge. Diesen Umstand habe ich nie als skandalös empfunden.

Selbstverständlich besteht das Leben nur zu einem Bruchteil aus Arbeit, der Rest ist Ponyhof. Das Büro meines frühen Lifestyle-Jobs war passenderweise in der Nähe von Straßenstrich und Kunstpark Ost. Letztere Nähe nutzten die Kollegen und ich recht ungehemmt. Zum Trinken, aber mitunter sogar zum Tanzen. Der Kunstpark war sozusagen unser Ponyhof. Hier feierte ich angstfrei meinen 30. Geburtstag unter Kollegen, die mir Freunde geworden waren, darunter auch CSU wählende Bayern. Einer von ihnen ließ zu vorgerückter Stunde gerne mal die Fäuste sprechen. Vor allem dann, wenn jemand sich anschickte, den Ausländern in unserer Gruppe blöd zu kommen. Sein Wahlverhalten heiße ich trotzdem nicht gut, das kann man auch anders lösen.

Später wurde der Kunstpark umbenannt in Kultfabrik und wurde genauso schrecklich wie dieser Name. Man ging dann nur noch notgedrungen und widerwillig zu unverzichtbaren Konzerten hin und danach schnell wieder weg. Als das Areal im letzten Jahr komplett geschlossen wurde, war es einem schon gänzlich egal. Bei meinem letzten Besuch wurde ich auf dem (kurzen) Weg vom Ostbahnhof zur Kultfabrik dreimal von unterschiedlichen Händlern angesprochen, ob ich gerne Drogen kaufen würde. Nein, wollte ich nicht, will ich nie. (Kleine Randnotiz für besorgte Bürger: Kein Grund zur Besorgnis; die fliegenden Händler waren allesamt weiße Milchgesichter in teurer Marken-Ghetto-Garderobe). Der Zweck meines Besuches war ein Konzert von Peter Murphy gewesen, ihm ging es an dem Abend auch nicht so gut. Hatte sich vielleicht auf dem Weg was andrehen lassen.

Zweimal musste ich in München eine Wohnung suchen, beide Male war es ein Kinderspiel. Ich kenne die epischen Horrorgeschichten anderer Wohnungssuchender und komme nicht umhin, ihnen eine Mitschuld zu geben. Sie scheinen an ihren eigenen Ansprüchen zu scheitern. Offenbar besteht jeder auf ein geräumiges Apartment im Glockenbachviertel oder in Schwabing oder sonst wo direkt über der eigenen Stammszenekneipe, selbstverständlich Altbau mit Parkettboden, und selbstverständlich technisch und hygienisch auf dem neuesten Stand und bitteschön bezahlbar vom Praktikumsgehalt. Ich hingegen habe rund 18 Jahre in Moosach gut und günstig gewohnt. Zuerst mit Teppichboden, bin ich auch nicht dran gestorben. Einer meiner Vermieter war besser als der andere, in Ordnung waren beide. Ich habe nie eine Wohnungsbesichtigung erlebt, bei der mehr Interessenten als meine Frau und ich anwesend waren. Ich habe es nicht als Zumutung empfunden, ein paar Stationen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu müssen, wenn ich etwas mehr Aufregung haben wollte, als Moosach zugegebenermaßen zu bieten hat. Tatsächlich glaubte ich, dass die Distanzüberwindung im Begriff ‚Ausgehen‘ mitschwingt (für viele ist das aber wohl nur ein Synonym für ‚vor die Türschwelle treten‘).

Meine Zeit in München war nicht zuletzt eine Zeit stetiger Gesundung. Das mag mehr an der Zeit und der zunehmendem Alterseinsicht liegen als am Ort, im Bewusstsein wächst es trotzdem zusammen. Während ich eines Silvesters alleine zu Hause saß, so wie ich es gerne tat, und den Film Elementarteilchen schaute, sagte ich mir: ‚Wie wäre es, wenn ich mir nach dieser fast leeren Zigarettenschachtel nie wieder eine neue kaufe?‘ Und so kam es, dass ich mich bezüglich Elementarteilchen in erster Linie daran erinnere, dass ich während des Schauens meine letzte Zigarette geraucht habe. Ob ich sie rauchte wie Houellebecq, weiß ich nicht mehr.

Zu illegalen Drogen hatte ich in Bremen stets ein Verhältnis wie zu Toffifee: Ich habe mal ein oder zwei genommen, wenn welche auf dem Tisch standen; ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, mir selbst welche zu kaufen (der Fachterminus ist wohl ‚Schnorrer‘). Da in München nie jemand welche auf meinen Tisch gestellt hat (Drogen, nicht Toffifee), durchlebte ich den unspektakulärsten kalten Entzug aller Zeiten.

Mein Alkoholkonsum, das muss ich eingestehen, blieb lange Zeit auf einem hohen Niveau, das bei aufgekratzten Teenagern vielleicht niedlich ist, bei Volljährigen allerdings eher traurig und beunruhigend. Ich war überrascht, wie einfach die Lösung war: Sport. Als aufgekratzter Teenager hatte ich stets gehässig über all die gut gemeinten Gesundheitskampagnen gekichert, die sogenannten ‚Kids‘ weismachen wollten, dass Sport viel mehr Böcke mache als Drogen, Alter. Das Problem dieser Kampagnen, so weiß ich inzwischen, ist nicht, dass die Aussage nicht stimmt. Das Problem ist, dass die Kids das nicht glauben. Könnt ihr aber, Kids.

Natürlich trinke ich weiterhin Alkohol, ich bin ja nicht blöd. Allerdings inzwischen auf familienfreundlichen Niveau.

Das war nun also in sehr groben Zügen Episode 2: München. Und so vieles wurde noch nicht mal angerissen. Etwa wie ich einmal Gefangener einer religiösen Sekte war. Oder wie ich eine Bande mallorquinischer Poker-Betrüger verklagte. Und die Familienwerdung scheint mir auch nicht ganz unerheblich.

War diese Episode besser oder schwächer als Episode 1: Bremen? Schwer zu sagen, sie war halt anders. Vielleicht ein kleines bisschen erwachsener, also mit mehr Längen. Jetzt freue ich mich auf jeden Fall auf Episode 3: Tokio.
(Die Bilder dieses Beitrags stammen übrigens von der verehrungswürdigen Quasi-Ko-Autorin meines nächsten Buches Matjes mit Wasabi.)

Ein bisschen Bond muss sein

Eigentlich habe ich immer noch keine Zeit zum Bloggen, aber ich muss kurz mal erklären, was Rassismus ist. Also: Wenn einer sagt, Roberto Blanco war (warum eigentlich ‚war‘?) „ein wunderbarer Neger“, dann ist das rassistisch. Selbst wenn derjenige meint, es nicht so gemeint zu haben.

Wenn hingegen einer sagt, er fände, dass Idris Elba nicht die Idealbesetzung für die Rolle des James Bond ist, dann ist das zunächst mal nur eine Meinung. Eine, die man als hyperempfindliche Fanperson gerne leidenschaftlich diskutieren darf. Aber bitte nicht leidenschaftlicher als die gute, alte „Connery oder Moore?“-Gewissensfrage.

Wenn man den zweifellos großartigen Elba (ohne Abb.) als Bond kritisch sieht (ich tue das nicht, meinetwegen soll er Bond spielen; meinetwegen kann er auch Yuka Sato spielen), stellt sich die Frage nach dem Warum, bevor sich einer (oder gleich die ganze Welt das halbe Internet) aufplustert und „Rassismus!“ schreit. Anthony Horowitz, Autor des aktuellen Bond-Romans Trigger Mortis, hat seine vorsichtig kritische Haltung damit begründet, dass Elba für die Rolle zu „street“ sei. Die Aufregung war groß, die weltweite Nachrichtenlage geizt ja auch gerade mit anderen Aufregerthemen.

Ich sage es frank und frei: Horowitz‘ Meinung war auch mein erster Gedanke, als die Elba-Gerüchte aufkamen. Nur nannte ich es nicht „street“, sondern „breitschultrig und geduckt“. Ich bin mir sicher, dass Horowitz ebenfalls genau das meinte. Andere meinen, das meine er nicht, sondern er meine „schwarz“, wenn er „street“ sagt. Dass er im selben Interview, in dem er sich den vermeintlichen Fauxpas leistete, einen anderen schwarzen Schauspieler als geeigneteren Kandidaten nennt, wird ihm nicht etwa mildernd angerechnet, sondern als noch rassistischerer Rassismus ausgelegt: was bildet sich der feine weiße Herr eigentlich ein, dass er bestimmen dürfe, wer ein wunderbarer und wer ein nicht so wunderbarer Neger wäre?

Dass manche leicht Entflammbaren „street“ mit „schwarz“ gleichsetzen, spricht eher für ihr eigenes rassistisches Weltbild als für ein bei Horowitz vermutetes. Horowitz‘ Fehleinschätzung, genau wie meine ursprüngliche, basiert auf Elbas Paraderolle DCI Luther, den impulsiven, straßenkämpfenden Stiernacken-Cop aus dem Fernsehen. Die Rolle spielt er so überzeugend, dass man ihn schon mal für ganz schön „street“ halten kann. Ich habe meine Elba-Bond-Meinung erst geändert, als ich Elba im Frack über rote Teppiche schweben sah.

Ich finde übrigens den weißen Bond-Favoriten Tom Hardy jetzt zu „street“. Das liegt vor allem daran, dass ich ihn nur als den Nuschler aus dem Batman-Film kenne und davon gehört habe, dass er Mad Max spielt. Vermutlich kann er aber auch anders, also bitte nicht übel nehmen. Ist ja nur meine Meinung.

Mit dieser wage ich mich jetzt sogar noch tiefer rein ins Minenfeld und sage: Man darf in Ausnahmefällen sogar finden, dass Idris Elba zu schwarz ist, um Bond zu spielen. Puh, ich weiß, das wird heikel. Es kommt halt drauf an, ob man an der literarischen Figur festhält, oder die Gepflogenheiten der Filminterpretationen akzeptiert. Der Ur-Bond der Fleming-Romane ist, anders als der Film-Bond, kein leeres Gefäß, das dankenswerterweise alle paar Jahre mit frischem Zeitgeist aufgefüllt wird, sondern hat eine sehr klar definierte Biografie, sogar einen detaillierten Stammbaum. Auf Grundlage dessen wäre es zumindest sehr, sehr unwahrscheinlich, dass James Bond als etwas anderes als ein kleiner Kaukasier geboren werden könnte.

Aber erstens ist Bond eh eine sehr, sehr unwahrscheinliche Figur, zweitens scheren sich zum Glück die Filme einen Dreck um die Romane, die zu einem Großteil ziemlich töricht sind. Der Film-Bond tritt mit jedem neuen Bond-Darsteller in eine neue Bond-Ära. Es ist Zeit für die Elba-Ära. Vielleicht sogar für die Street-Ära.

Ein gern gehörteres Argument gegen Elba als seine Hautfarbe ist sein Alter. Ein Außendienst-Agent in den 40ern sei eben unrealistisch.

Etwas Unrealistisches in einem Bond-Film?! Nein, das geht auf gar keinen Fall!

Flachs beiseite, Idris Elba wäre schon eine gute Wahl. Das einzige, was mich an ihr stört, ist, dass sie inzwischen ein bisschen zu offensichtlich ist. Lieber lässt man sich doch überraschen.

Festzuhalten wäre für die Schlechtmenschen, die gerade vom Stammtisch oder vom Zündeln heimkommen, dass ein schwarzer Bond selbstverständlich kein politisch-korrektes Marketing-Gimmick ist, sondern nur ein konsequentes Erkennen und Anerkennen der Tatsache, dass nun schon seit geraumer Zeit nicht jeder echte englische Engländer automatisch blütenweiß ums Näschen daherkommen muss. Sicherlich auch nicht jeder Geheimagent.

Wenn ich allerdings ganz ehrlich bin, habe ich gar keine allzu große Meinung zu der Frage, wer der nächste Bond sein sollte. Mir ist es wichtiger, dass die Filme gut werden. Ich teile durchaus die langweilige Konsensmeinung, dass George Lazenby und Timothy Dalton keine Idealbesetzungen waren (obwohl Dalton nah dran kam). Andererseits gehören alle ihre Filme zu den allerbesten, die die Reihe zu bieten hat. Bond ist keine sonderlich spannende Figur, sie braucht keinen sonderlich spannenden Darsteller. Kennt eigentlich noch jemand Andreas Elsholz?

(Kurz mal eben zur Causa Lazenby: interessanter Typ, und seinerzeit gar nicht so unbeliebt, wie es retrospektiv dargestellt wird. Tatsächlich wurde er mehrfach bekniet, für mehrere Bond-Filme zu unterschreiben. Nur war er der Meinung, diese albernen Schnickschnackstreifen stünden seiner großen Kunstkinokarriere im Weg.

Hab ja nur gesagt: interessanter Typ ist. Nicht: ausgewiefter Fuchs.)

Als vor ein paar Jahren die James-Bond-DVD-Komplettbox so schleuderbillig wurde, dass man sie nicht nicht kaufen konnte, habe ich mir mal den Spaß gemacht alle Filme hintereinander weg zu sehen, natürlich mit Schlaf- und Arbeitspausen. Ich war schockiert, wie schnell Sean Connery verblasste. In jungen Jahren hätte ich noch jedem die Nase blutig geschlagen, der die Connery/Moore-Frage debil lächelnd mit „Roger Moore!“ beantwortete. Doch jetzt sah ich einen Connery, der zwei Filme lang strahlte, und ab Goldfinger nur noch lustlos durch die Kulissen schlurfte, auf der Suche nach seinem Gehaltscheck.

Was war es für eine Wohltat, als in Leben und sterben lassen endlich Roger Moore mit seinem Charme und seiner Spielfreude das Ruder übernahm! Diese Spielfreude ließ zwar Unken zufolge auch im Laufe seiner Karriere nach, aber ich sage: das ist Erbsenzählerei gegen Connerys Sturzflug. Ganz ehrlich: Diamantenfieber hätte niemals veröffentlicht werden dürfen. Octopussy Meisterwerk dagegen.

Will damit eigentlich nur sagen: Lieblings-Bond ist ein Rotationsjob, und letztendlich hat die Qualität des Hauptdarstellers keinen großen Einfluss auf die Qualität des Films (Diamantenfieber hat weiß Gott noch größere Probleme als die unrealistische Sean-Connery-Puppe, die da immer in die Kamera gehalten wird). Bond-Filme sind keine Schauspielerfilme, sondern wunderbare Schnickschnackstreifen.

Und ganz eigentlich will ich sagen: am liebsten wäre mir, wenn der nächste Bond eine asiatische Frau wird. Und ich möchte jetzt nicht hören, dass Lucy Liu zu alt für irgendwas sei.

Was alles los ist, wenn hier nichts los ist

Davon auszugehen, dass sich gleich jemand Gedanken oder gar Sorgen macht, nur weil einer mal nicht bloggt, hat ja etwas leicht Anmaßendes. Ich möchte mir auf keinen Fall etwas anmaßen. Andererseits wäre es auch traurig davon auszugehen, dass das alles eh gar niemanden interessiert. Deshalb möchte ich mich heute auf den eigentlich gar nicht so schmalen Grat zwischen Selbstüberschätzung und Selbstverleugnung begeben und diejenigen beruhigen, die sich eine oder mehrere der folgenden Fragen gestellt haben:

  • Ist ihm etwas zugestoßen?
  • Hat er sich in einem komischen Land eine unkomische Krankheit geholt?
  • Hat er sich eine von diesen Schreibblockaden eingefangen, die gerade grassieren?
  • Oder hat der feine Herr etwa nach nur sechs kurzen Jahren schon wieder das Interesse an diesem Blog verloren und möchte jetzt lieber ein Pony?

Die Antwort auf jede dieser Fragen: I wo! Mir und diesem Blog geht es prächtig, wir haben nur momentan nicht so viel Zeit füreinander. Wir führen eine offene Beziehung, die auf Vertrauen und Ehrlichkeit beruht, deshalb sage ich ganz ehrlich: ich habe mich in letzter Zeit auch mit anderen Blogs getroffen. Etwa mit dem Magazin des Conbook Verlages, für das ich während meines Japanaufenthalts im Mai und Juni über das Reisen mit Halbblut, die Sache mit der Mehrwertsteuer und das harte Brot des Heimwehs geschrieben habe. Man kann also nicht mal sagen, dass ich zuletzt deutlich weniger gebloggt hätte als üblich. Ich habe es nur anderswo getan.

Generell habe ich in den letzten Tagen, Wochen, Monaten eher mehr denn weniger als sonst geschrieben. Es sollen nach Möglichkeit Bücher draus werden. In der Vergangenheit habe ich genau zweimal den Fehler gemacht, meinen übersprudelnden Enthusiasmus nicht für mich zu behalten und öffentlich über Bücher sprechen, die vertraglich noch nicht komplett spruchreif waren. In beiden Fällen ist dann kurz vor knapp doch nichts draus geworden. Seitdem halte ich mich mit entsprechenden Details bedeckt. Spruchreif ist selbstverständlich der dritte Yuka-Sato-Roman, der gerade meine Hauptschreibarbeit ist. Zum ersten Mal in dieser Reihe möchte ich den Titel verschweigen, bis es soweit ist. Ich habe ihn nämlich selbst gerade kopfmäßig von einem total langen Drei-Wörter-Arbeitstitel zu einem knackigen Ein-Wort-Arbeitstitel geändert. Wer weiß, was mir noch so alles einfällt. Anvisiert ist jedenfalls ein Erscheinen im Herbst nächsten Jahres. Ja, das macht die Wartezeit etwas länger als die zwischen den ersten beiden Bänden, und nein, auch das hat nichts mit Blockade oder Unlust zu tun. Sondern damit, dass es der Herbstroman wird, wie aufmerksame Leser wissen. Am liebsten wäre es mir, wenn jeder der vier geplanten Romane in der Jahreszeit erschiene, in der er spielt. Das geht leider nicht ganz, denn auf dem Buchmarkt gibt es nur zwei Jahreszeiten (Frühling und Herbst).

Sollte sich bei den anderen Buchprojekten etwas konkretisieren, werde ich es auf meiner Autorenseite bei Facebook sofort herausposaunen und irgendwann ausführlicher auch hier. Bis dahin werde ich viel an diesen Blog denken. Obwohl ich weiß, dass er vom Denken nicht voll wird. Doch es gibt eine Zeit für Gedanken, und es gibt eine Zeit für Taten. Und es gibt eine Zeit, in der man eine Sache tut, und an eine andere Sache nur denkt. Und es kommt die Zeit, in der sich dieses Verhältnis wieder umkehrt. Aber jetzt ist die Zeit, in der ich keine Zeit mehr habe, weil ich versprochen habe: nur eine halbe Stunde, Schatz!

The Making of Roppongi Ripper

Gerne möchte ich ein paar Schnurren von der Entstehung meines aktuellen Romans Roppongi Ripper teilen. Ehe ich allerdings wieder großspurig eine Serie anfange, an der ich dann doch irgendwann das Interesse verliere, wenn draußen die Sonne oder in seinem Bettchen das Kindlein lacht, mache ich diesmal alles in einem Abwasch.

Das Hauptquartier der Tokioter Stadtpolizei in Kasumigaseki, wo Inspector Yuka Sato weiterhin arbeitet, wurde bereits anlässlich des Erscheinen des Vorgängerbandes Yoyogi Park ausführlich abgehandelt. In Roppongi Ripper wird ihr Partner Shun Nakashima unter mauscheligen Umständen in das vielbeschäftigte Polizeirevier Azabu in Roppongi versetzt. Es ist Folgendes:

Am Tore wacht das Polizei-Maskottchen Pipo-kun mit seiner Familie über das Viertel.

So darf man sich das Motorrad vorstellen, das im Finale des Romans die Distanz zwischen Jägerin und Gejagtem verkürzt:

Jenes Finale findet statt am Fuße von Roppongi Hills, einer Büro-, Einkaufs-, Vergnügungs- und Wohnsiedlung, die eine der Konsequenzen der sehr zu begrüßenden Gentrifizierung des Viertels ist, die in den Nullerjahren damit begonnen hat, Roppongi auch für anständige Menschen begehbar zu machen. Nur echt mit dem Mori-Turm und der Maman-Skulptur von Louise Bourgeois.

Ausgangspunkt des Finales ist die fiktive Residenz I, die auf der realen Residence A basiert, zumindest was das Äußere betrifft. Das Innere habe ich komplett erfunden, denn weiter als mit der Nase an die Scheibe bin ich nicht gekommen.

Die Sicherheitskameras fand ich leicht zu umgehen, aber vielleicht habe ich die sichersten übersehen.

Aus dem Türöffnungsmechanismus habe ich in Abwandlung der Realität einen Fingerabdruckleser gemacht, weil ich gerade einen Zeitungsartikel darüber gelesen hatte, wie jeder pensionierte Yps-Detektiv diese neumodischen Fingerabdruckleser austricksen kann, die momentan bei Mobiltelefonen und -computern so en vogue sind.

Im Roman nicht erwähnt habe ich, wie ich gerade zu meiner eigenen Überraschung feststelle, den Regenschirmtropfschutzspender am Eingang.

Dabei könnte ich schwören, ich hätte. Wahrscheinlich liegt das an dem Festplattenabsturz, den ich während meiner Recherche- und Schreibreise erlitt. Auf diesem Foto ist mein altes Netbook zum letzten Mal lebend zu sehen:

Nun gehöre ich selbst zu diesen Spießern, die ständig „Backup! Backup! Backup!“ predigen. Aber welcher Prediger hält sich schon an das, was er predigt. Wertvolle Teile von Roppongi Ripper waren jedenfalls in ihrer Urform für immer verloren und mussten reproduziert werden. Immerhin hat mich mein fruchtloser Besuch bei einer Computerreparaturwerkstatt in Shibuya zu einer kleinen Frotzelei im Roman inspiriert, die für den weiteren Verlauf der Serie große Wichtigkeit haben wird. Ich habe das bis vor kurzem selbst nicht gewusst.

Das oben abgebildete Foto wurde aufgenommen im Hotel Niwa, wo meine Frau und ich untergekommen waren, bevor es ein Jahr später vom Lebemännermagazin Monocle offiziell für weltweit cool erklärt wurde. Wollte ich nur mal erwähnen. Ein Jahr vorher schon. Dort habe ich auch diese Zeichnung vom ersten Tatort des Romans angefertigt:

Nun könnte man mit Recht sagen: „So eine Kinderkritzelei von einem sehr überschaubaren Ort kann man sich ja wohl auch einfach im Kopf machen!“ Empfinde ich ebenso. Dennoch habe ich festgestellt, dass zeichnen dabei hilft, die Orte im Kopf konkreter zu machen. Und wenn Sie diese Kritzelei kindisch finden, dann haben Sie noch nicht mein Storyboard für die Nazi-Razzia in Shin-Okubo gesehen. Werden Sie auch nicht.

Das Hotel Niwa befindet sich übrigens im Stadtteil Jinbocho, bekannt für seine hohe Dichte an antiquarischen Buchläden, was die Nachbarschaft recht inspirierend macht fürs Bücherschaffen. In einem kleinen Nudelrestaurant ganz in der Nähe des Hotels soll sogar der legendäre Kriminalautor Edogawa Rampo regelmäßig sein Süppchen geschlürft haben.

Ansonsten hat Jinbocho gar nichts mit Roppongi Ripper zu tun, deshalb schnell zurück nach Roppongi, in das gewöhnungsbedürftig eingerichtete Chinese Café 8, in dem Yuka und ihre Freundin Sam dinieren, nachdem Sam aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

Inzwischen habe ich erfahren, dass das Restaurant fruchtbar geworden ist und sich gemehret hat. Ob die anderen Filialen ähnlich eingerichtet sind, weiß ich nicht.

Mit knurrendem Magen kommt Yuka anderntags nach Shin-Okubo, das koreanische Viertel Tokios. Dort observiert sie eine Parade von Rechtsradikalen in der Okubo-dori. Als ich dort war, war gottlob keine Parade.

In Shin-Okubo wird ein geheimnisvoller Fremder in Yuka Satos Leben treten, mit dem sie koreanisch grillen geht. In einem Restaurant, das frappierende Ähnlichkeit mit dem hat, in dem meine Frau und ich unseren Recherchebummel ausklingen ließen.

Apropos Frau: ihr ward dann bald ein Kind geboren (aus dem Restaurant, sogar aus Japan, waren wir inzwischen raus), weshalb ein Teil der Schreibarbeit in ein Münchner Krankenhaus verlegt werden musste.

(Im Bild übrigens auch mein nigelnagelneues Laptop, das ich mir aus bestimmten Gründen kaufen musste. Ich musste mit Erschrecken feststellen, dass es heutzutage so gut wie keine Netbooks mehr gibt, weil jeder Lümmel ein Tablet hat. Es muss aber nicht jeder Lümmel auf Reisen Bücher schreiben, Herrschaftszeiten!)

Vorher jedoch machte ich noch einen Abstecher nach Saitama-City, ein wichtiger Handlungsort von Roppongi Ripper. Leider hatte meine ortskundige Kontaktperson kurzfristig das Treffen abgesagt. So ist das halt manchmal bei kriminologischen Ermittlungen. Also irrte ich allein durch Stadt- und Wohngebiete und kam bald zu dem Schluss, dass ich lieber meine Erinnerung verblassen lasse und alles an fiktiven Orten ansiedle, um nicht irgendwelche Gegenden oder Institutionen in Verruf zu bringen. Quasi im Schreiben und Beschreiben eher der Seele Saitamas als der Geografie gerecht zu werden. So habe ich auch nur ein einziges Fotos gemacht, in einem Einkaufszentrum am Bahnhof Omiya.

Im heimischen Büro/Wickelzimmer füllt man schließlich die eigenen Erfahrungen mit Fakten aus Sekundärliteratur, Straßen-, Netz- und Geländeplänen (im Bild u.a.: Shin-Okubo, Saitama-City, Roppongi Hills).

Dann ist man irgendwann mit dem Schreiben fix und fertig und liest sich alles noch ein paar Tausend Mal durch, bis man ganz sicher ist, dass es das Allererbärmlichste ist, was man selbst oder sonst jemand jemals geschrieben hat. Dann druckt man alles aus und liest es ein letztes Mal durch, wobei man noch Tausend kleinere und größere, eingebildete und tatsächliche Fehler findet.

Dann liest es die Lektorin, die ein paar Tausend weitere findet. Dann wird es veröffentlicht, alle finden es gut und es verkauft sich wie Biolimonade in einer New-Economy-Kantine. So einfach ist das.

Wer einen Großteil der Bilder bereits kannte, hat vermutlich auf meiner Facebook-Seite die große, allgemeine „Gefällt mir“-Schaltfläche geklickt. Wer das nicht getan hat, kann es ja noch nachholen.