Rollbahn-Freud und Rollbahn-Leid im Jahr der Schlange

Neben meiner jährlichen Lektürenretrospektive (siehe zuvor) ist auch die jahresendliche Auszählung meiner vollgeschriebenen Rollbahn-Notizbücher eine alte Angewohnheit, die ich normalerweise als Facebook-exklusiven Premium-Content öffentlich mache, aber nun hybrid ebendort und hier im Blog anbieten möchte. Wer Rollbahn nicht kennt: Es handelt sich um eine Schreibwarenproduktreihe aus dem japanischen Hause Delfonics. Diese Notizbücher mit den immergleichen deutschen Sinnsprüchen auf dem Einband verwende ich seit Jahren ausschließlich.

Wie Hemingway einst Moleskine, könnte man sagen, wenn das nicht falsch wäre. Falsch nicht wegen der Anmaßung, sondern wegen der Faktenlage. Hemingway hat mitnichten Moleskine-Notizbücher benutzt. Picasso auch nicht. Van Gogh auch nicht. Bruce Chatwin auch nicht, obwohl aus einem seiner Romane der Name gestohlen wurde. Die Firma und das Produkt existieren erst seit 1997, da war günstigerweise auch die letzte der unfreiwilligen und ungefragten Moleskine-Werbefiguren schon tot. Moleskine-Notizbücher sind unautorisierte Remakes der namenlosen Modelle, die die Genannten für ihre Meisterwerknotizen bevorzugten. Plagiate, könnte man ebenso sagen. Mache ich aber nicht, wegen der Anwaltskosten. Die ganze hässliche Geschichte werde ich in meinem nächsten Enthüllungsbuch aufdecken, das im Herbst dieses Jahres erscheint. Es ist höchste Zeit, schon mal an Weihnachten zu denken.

Ich bilde mir gerne ein, dass ich Rollbahn bereits bei meinem ersten Japan-Besuch 1999 gefunden hatte, oder es mich. Doch eine Recherche vor ein paar Jahren ergab, dass es Rollbahn damals noch gar nicht gegeben hat (Moleskine schon, allerdings eben erst seit zwei Jahren). Die Erinnerung, sie ist ein unzuverlässiges kleines Miststück. Miststück ist vielleicht ein bisschen zu hart. Es ist durchaus möglich, dass ich mich an die Recherche falsch erinnere, sie liegt mittlerweile schließlich ebenfalls in etwas vernebelter Vergangenheit. Ich könnte rasch neu recherchieren, aber wen interessiert das schon so genau. Ich bin mir sehr sicher, dass die vierstellige Jahreszahl der Rollbahn-Premiere mit einer 2 beginnt. Ebenso hänge ich mich wohl kaum zu weit aus dem Fenster, wenn ich mutmaße, dass die zweite Ziffer eine 0 ist. Und jetzt den Atem angehalten: Ich wage zu behaupten, dass an dritter Stelle eine weitere 0 kommt. Sicherlich, wir sind bereits im dritten Jahrzehnt des nicht mehr ganz so jungen Jahrhunderts (derweil noch immer recht jungen Jahrtausends), doch im zweiten waren Rollbahn und ich längst ein eingeschworenes Team; so weit daneben kann meine Erinnerung gar nicht liegen. Da lebte ich schon zunächst mit einem halben, später mit beiden ganzen Beinen in diesem schönen Land, das natürlich auch nicht nur schöne Seiten hat. Tatsächlich habe ich gerade meiner langjährigen Tageszeitung das Abonnement gekündigt, weil sie es nicht mehr verstand, mit dem gebotenen Ernst und nötigen Sachverstand über die unschönen Seiten zu berichten. Stattdessen ein Artikel nach dem anderen darüber, dass man sich über diese hippen neuen Anti-Impf-und-Ausländer-Naziparteien, die hier nun auch endlich messbaren Zuspruch finden, keine allzu großen Sorgen machen müsse. Oder – besonders gerne um entsprechende Gedenktage herum – darüber, was für arme Opfer der Umstände die japanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg gewesen waren. Man möchte fragen: Aber sieht man nicht im Rest der Welt, was passiert, wenn man sich um Nazis nicht früh genug Sorgen macht? Wieder einmal? Und japanische Soldaten waren doch im Zweiten Weltkrieg nicht NUR Opfer, meine ich mal an anderer Stelle gelesen zu haben?

Doch eh wir uns irreversibel in der wirklichen Welt mit ihren echten, freiheits- und lebensbedrohlichen Problemen verheddern, schnell zurück in die Traumwelt, in der wir alle so tun, als hätte käuflicher, massenproduzierter Tand irgendeinen echten Wert. Also:

Im letzten Jahr von mir vollgeschriebene Rollbahns: Fünf.

Normal. Hatte schon mehr, hatte schon weniger. Vorletztes Jahr hatte ich genauso viele. Erneut hatte sich meine Tochter im letzten Jahr erweichen lassen, hin und wieder meine Rollbahns für ihre Skizzen mitzubenutzen, wie sie es im Vorschulalter gewohnheitsmäßig und mit echter Begeisterung getan hatte, obwohl sie heute ihr eigenes Profimaterial bevorzugt. Hier die beiden Protagonisten aus der Neo-Noir-Filmserie Zootopia (dt.: Zoomania), reimaginiert als Menschen:

Trotz der mittelmäßigen Quantität war das letzte Jahr ein außergewöhnliches Rollbahn-Jahr, leider nicht nur im Guten. Es begann mit Überfluss: Zum vorletzten Weihnachtsfest hatte ich, wie es üblich ist, bereits die ersten Rollbahns fürs nächste (also das letzte) Jahr geschenkt bekommen. Weitere kamen im Januar, als die traditionelle Neujahrswundertüte des Herstellers ins Haus flatterte. Wir lassen uns stets vormerken, aber die Beutel sind so beliebt, dass das Los über die entscheidet, die dafür letztendlich Geld ausgeben dürfen. Wir haben recht häufig Glück. Da waren dann ebenfalls ein paar Rollbahns dabei. Das war ein Segen und ein Fluch. Einerseits schön, einen Vorrat zu haben. Andererseits führte das dazu, dass ich mir das gesamte Jahr über kein einziges selbst kaufen musste. Und ich stöbere doch so gerne durch die Farben, Motive und saisonalen wie regionalen Sondereditionen. Deshalb wies ich meine Familie an, in diesem (also im letzten) Jahr mir keine Rollbahns zu schenken und auch die Vorbestellung der Wundertüte zu unterlassen, die eh meist mehr unnütze als nützliche Dinge enthält.

Erst im Dezember letzten Jahres sollte ich mich wieder zu meinem üblichen Dealer bemühen, um einen Rollbahn-Taschenkalender fürs nächste (also dieses) Jahr zu kaufen, in den ich meine drei oder vier jährlichen Termine eintragen kann. Zuerst dachte ich, ich könnte den Laden bloß nicht auf Anhieb in dem Einkaufszentrum finden, in das er eingelassen war. Das letzte Mal war schließlich schon eine Weile her. Doch nach genauer Sondierung der Lage wurde ein schrecklicher Verdacht zur noch schrecklicheren Gewissheit: Der Laden existierte nicht mehr. Ich durchlief alle Phasen der Wut, Trauer und Betroffenheit und war noch ganz aufgewühlt, als ich zu Hause ankam. Meine Frau fragte, was denn nun stattdessen in den alten Geschäftsräumen wäre, und ich konnte sie nur anherrschen: „Was weiß denn ich?! Irgendwas Unnötiges!“

Nun mangelt es Tokio nicht an Delfonics-Handelsniederlassungen. Nüchtern betrachtet ist das Flaggschiffgeschäft in Shibuya sogar etwas näher an meinem Zuhause als mein ehemals üblicher Laden in Ebisu. Aber wer besucht schon gerne Shibuya? Oder Flaggschiffgeschäfte? Also fuhr ich zum Kalenderkauf ins weitaus weiter entfernte Futako-Tamagawa. Dort fand ich ein Modell nach meinem Geschmack.

Besonders freut mich, dass darauf wie selbstverständlich der Tokyo Tower abgebildet ist. Dabei versucht man seit Jahren, uns den höheren, öderen Skytree als neues Wahrzeichen aufzuschwatzen. So funktioniert das aber nicht. Der echte Tokioter wird immer den Tokyo Tower bevorzugen, diese sympathisch ungelenke Eiffelturm-Kopie in den flugsicheren Signalfarben.

Ich fand in Futako-Tamagawa außerdem eine neue Rollbahn-Notizbuch-Weihnachtsedition nach meinem Geschmack. Ich dachte: Die kaufe ich mir, obwohl kein unmittelbarer Bedarf besteht. Dann hab ich was in der Hand, wenn sich die Bedarfssituation ändert.

Leider bemerkte ich sogleich, dass es nicht nur eine Weihnachtsedition gab, sondern mehrere. Eine geschmackvoller als die andere. Ich konnte mich nicht entscheiden. Panisch rannte ich, ohne eine einzige gekauft zu haben, aus dem überheizten Kaufhaus hinaus in die winterliche Kälte. Daheim hob ich das Rollbahn-Geschenk-Verbot sofort auf, weshalb ich heute erneut für einen Großteil des neuen Jahres vorversorgt bin.

Es folgt ein Gratis-Bonustrack, der eigentlich ein eigener Blog-Eintrag werden sollte, aber ich wollte nicht so schnell hintereinander zwei davon raushauen, ich bin ja kein zappeliger Influencer, und außerdem muss ich mir so nicht extra eine kurze und knackige Überschrift dafür ausdenken.

Habe ich eigentlich gute Vorsätze fürs neue Jahr? Außer beim Wassermelonenspiel eine Doppelwassermelone zu schaffen, bevor meine elfjährige Tochter es schafft, und meinen Triumph gockelhaft auszukosten? (Die Rechtschreibprüfung meint übrigens, das Wort ‚gockelhaft‘ gäbe es nur mit großem G, aber wir sind ja hier nicht auf dem bäuerlichen Gefängnishof.) Nein, ich habe nie gute Vorsätze fürs neue Jahr, ich bin ja nicht blöd. In gewissem Masse unvernünftig wohl, und früher noch eine Spur unvernünftiger. Doch selbst in meinen Flegeljahren war ich bereits vernünftig genug, zu wissen, dass für einschneidende Veränderungen im Lebenswandel der richtige, individuell zu erörternde Zeitpunkt notwendig ist und nicht ein von gesellschaftlichen Gepflogenheiten vorgegebener. Lediglich einmal traf das bei mir rein zufällig mit dem Jahreswechsel zusammen. Das war 2006 auf 2007, als ich Silvester so verbrachte, wie es vorgesehen ist: Allein zu Hause mit einer Flasche Wein, einer angebrochenen Packung Zigaretten und einer Leih-DVD (die Älteren erinnern sich), darauf der aus irgendeinem Grunde deutsche Film zum französischen Roman Elementarteilchen. Mir hat alles an jenem Abend gut gefallen, und dennoch dachte ich mir: Wie wär’s, wenn ich mir nach dieser Packung einfach keine neue mehr kaufe? Und das hab ich dann einfach so gemacht. Ich habe kurz überlegt, ob ich meine letzte Zigarette wegen Lustigkeit wie der Elementarteilchen-Autor Michel Houellebecq rauchen sollte, aber irgendjemand muss das ja auch wieder wegmachen. Houelley hat da bestimmt seine Leute für. Oder in Frankreich wird eh nichts weggemacht, weil Freiheit und Lebenslust.

Habe ich diese Episode nicht schon mal im Blog erzählt? Ja, aber das ist fast auf den Tag genau (ich war selbst bass erstaunt über diese Parallelität) zehn Jahre her. Wenn Sie das noch wissen, stimmt etwas mit Ihnen nicht. (Woran liegt es eigentlich, dass ich im Blog mittlerweile relativ planlos und völlig ungeniert zwischen duzen und siezen alterniere? Es ist wie bei so vielen Männern in meinem Alter: Er hat solche Tage und solche Tage. Zumindest versuche ich meinen Verstand so weit zusammenzuhalten, dass ich innerhalb einzelner Beiträge konsistent bleibe.)

Und falls ich mir nun unter Androhung von Strafe im Unterlassungsfall gute Vorsätze machen MÜSSTE? Dann würde ich mir selbst ab sofort ein paar Worte verbieten, wo leider heutzutage sonst schon niemand niemandem irgendwelche Worte verbietet. Ich möchte zukünftig vor allem auf die Worte ‚überbewertet‘ und ‚unterbewertet‘ verzichten. ‚Überschätzt‘ und ‚unterschätzt‘ gefallen mir melodisch besser, sagen allerdings dasselbe (nämlich gar nichts), also damit ebenfalls weg. Diese Konversationsersticker werden allzu häufig bemüht, um seine Meinungen zu Erzeugnissen der Popkultur, mitunter auch der echten Kultur, kundzutun, ohne seine Meinungen kundzutun.

‚Überbewertet‘ stimmt immer, was dieses Urteil bedeutungslos macht. Welcher Filmklassiker, welcher Kultroman, welches Progrock-Konzept-Live-Doppelalbum wird von seinen lautstärksten Verehrern nicht auf eine völlig realitätsverleugnende Art und Weise verehrt? Ich mache da vor gnadenloser Selbstkritik nicht halt: Ich stehe zu meinen Leidenschaften, hege allerdings den starken Verdacht, dass manche von ihnen läppisch sind.

‚Unterbewertet‘ hingegen stimmt nie, weil diese eigentlich gar nicht so schrecklich missverständliche Vokabel immer, immer, immer falsch verwendet wird (immer!). Nämlich für Werke, die trotz gewisser Qualitäten kein breites Publikum gefunden haben. Dass jedoch für einen Film nur wenige Kinokarten gelöst werden, ist keine Bewertung des Films. Es ist allenfalls eine indirekte Bewertung der Werbestrategie und Marketing-Reichweite.

Das erste Beispiel, dass mir stets zur Unterbewertet-Fehlkategorisierung einfällt, ist der Film Blutmond von 1986, der bestimmt auch in den DACH-Staaten inzwischen wieder auf den öderen Originaltitel Manhunter zurückgetauft wurde, weil englische Titel selbst dann als cooler gelten, wenn sie uncooler sind. Ich mag gar nicht nachsehen, ob ich recht habe. Ist jetzt auch ausnahmsweise nicht das Thema. Das Thema ist: Blutmond wird wahrscheinlich eines Tages das Goldene Dreifach-Ausrufezeichen als „unterbewertetster Film aller Zeiten!!!“ verliehen bekommen. Dabei war er nie unterbewertet, sondern lediglich schlecht besucht. Heutzutage wird er von Hysterikern auf die zuvor beschriebene Art stark überbewertet. Als er erstmals herauskam, wurde er genau richtig bewertet.

Der kritische Konsens lautete damals sinngemäß: „Ein netter Thriller mit ein paar ungewöhnlichen ästhetischen und erzählerischen Konzepten. Besser als viele andere seiner Art, aber nicht so richtig hammeroberaffentittengeil.“ (Entschuldigung, es waren halt die 80er.) Das weiß ich, weil ich zu den wenigen gehörte, die sich den Film seinerzeit im Kino angesehen haben. Und wie bin ich darauf gekommen? Wegen der im Großen und Ganzen wohlwollenden Kritiken.

Durch den Mythos der Unterbewertung von Blutmond sind noch ganz andere Qualitätsmythen über den Film entstanden, die kurz aus der Welt geschafft werden müssen: Nein, er ist nicht besser als der hammeroberaffentittengeile Das Schweigen der Lämmer, der zweite und bekanntere Film mit dem beliebten Kannibalen Hannibal Lecter. Und Brian Cox ist nicht besser in jener Rolle als fünf Jahre später Anthony Hopkins. Diplomatisch könnte man sagen: Die beiden spielen die Figur ganz anders und gleich gut, gemäß den sehr unterschiedlichen Drehbüchern und Tonalitäten der Filme. Realistisch muss man sagen: Hopkins blieb nach Das Schweigen der Lämmer im Gedächtnis, Cox nach Blutmond eher nicht. Weiß man natürlich nur, wenn man von Anfang an dabei war, anstatt den Film retrospektiv mit unzulässigem Insiderwissen aufzuladen.

Blutmond ist ungefähr genauso gut wie Roter Drache (für die spät geborenen Romantasy-Sozialisierten: Red Dragon) von 2002, die handwerklich konservativere Neuverfilmung desselben Romans. Mit seiner 80er-Jahre-Ästhetik, bei der man meint, jederzeit könnte Robert Palmer mit seiner hochhakigen Begleitkapelle um die Ecke stöckeln und ein Lied über unzügelbare Begierden in der Hitze der Nacht anstimmen, bietet der ältere Film modernere Schauwerte. Dafür setzt der neuere auf ältere Tugenden wie Spannung und Dramatik, während Blutmond mitunter in neonkalter Langeweile erstarrt. Möchte man partout die Überbewertet/Unterbewertet-Skala anwenden (ein letztes Mal, zu Dokumentationszwecken), müsste man sagen: Blutmond ist ein bisschen überbewertet, Roter Drache ein bisschen unterbewertet, und so treffen sie sich friedlich in der Mitte. Beide Filme „kann man gucken“ (diese Phrase gewöhnen wir uns 2027 ab) und danach seelisch und intellektuell unerschüttert sein Leben weiterleben.

Ich habe diesen Text übrigens in mein Rollbahn skizziert, während in der Flimmerkiste der Spielfilm Joker: Folie à Deux fröhlich vor sich hin flimmerte. Total unterbewertet.

Alles, was du jetzt über Netflix wissen musst, und warum Weihnachten dieses Jahr (höchstwahrscheinlich) ausfällt

Vermutlich habt ihr die Netflix-Nachrichten der letzten Tage gebannt verfolgt und habt jetzt viele Fragen. Keine Sorge, ich bin hier, um sie zu beantworten.

Die erste Frage lautet verständlicherweise: Stimmt es, dass der sympathische Entertainment-Monopolist jetzt auch Lebensmittel im Angebot hat? Die Antwort lautet: Ja, aber sie kosten extra. Da ich neulich gesundheitlich etwas angeschlagen war, habe ich sie alle durchprobiert, wegen der ausgewogenen Ernährung.

Die zweite Frage lautet: Und wie schmecken die jetzt? Antwort: Ganz gut, obwohl es nun, einige Tage später, bereits etwas schwierig ist, sich an Einzelheiten zu erinnern. Wie bei einem Netflix-Actionfilm mit irgendeinem Chris.

Als erstes probierte ich die 3-Minuten-Terrine. Ist am längsten her, deshalb am wenigsten im Gedächtnis. Da ich aber das Experiment nicht gleich danach abgebrochen habe, gehe ich davon aus, dass sie recht süffig war. Ich erinnere mich sehr wohl, dass ich ein Foto vor dem Hintergrund der Bedienoberfläche des Netflix-Konkurrenten Hulu geknipst habe (Abb. oben), für ein launiges Jux-Posting in den sozialen Medien. Unter uns kann ich es ja verraten: Das Foto ist gestellt. Ich habe zur Netflix-Suppe sehr wohl Netflix geschaut. Hulu ist voller Filme, die man unbedingt „irgendwann mal“ gucken möchte, nur kommt dieses Irgendwann halt nie. Und wenn doch, dann ist bis dahin garantiert der Film wieder weg, denn nichts streamt ewiglich. Und dann kichern die unverbesserlichen Scheibenhorter gehässig in ihre Fäustchen und sagen: „Hab ich doch gesagt.“ Darauf antworte ich lediglich mit einem sehr erwachsenen Geräusch, mit meiner Zunge zwischen meinen Lippen produziert.

Mazesoba steht drauf, aber es handelt sich eher um hundsgemeines Yakisoba, so etwas wie die japanische Bratwurst im Brötchen. Gehört zu Volksfesten irgendwie dazu, also isst man es, ohne groß einen Gedanken daran zu verschwenden, ob es einem nun Genuss bereitet oder nicht. Hauptsache Bier dabei und Getöse umzu. Und warum auch nicht. Hat natürlich zu Hause ohne Bier und Getöse nicht dieselbe Strahlkraft.

Bei der Appetitlichkeit dieser fotografischen Inszenierung habe ich alter Food-Stylist ein bisschen nachgeholfen, denn das Mayonnaise-Herz ist selbstverständlich mit dem beigefügten Mayonnaise-Aufreißtütchen nicht zu erreichen, sondern nur mit einer separat erhältlichen Mayonnaise-Quetschflasche. Ich habe die Mayonnaise aus dem Tütchen vor dem Verzehr trotzdem noch dazugegeben, denn zu viel Mayonnaise geht ja kaum. Ist wie mit Remoulade, Speck und Parmesan. Ohoho. Das sind ja die drei großen Aufreger-Themen der vorgeblichen deutschen Geschmackselite. Die regt sich nämlich unentwegt und ungefragt darüber auf, dass „die Deutschen“ bei allem zu viel Remoulade, Speck und/oder Parmesan rantäten. Im letzten Jahrhundert hätte noch Maggi in diese Reihe gehört, doch inzwischen ist selbst dem unreflektiertesten Motzer aufgegangen, dass „die Deutschen“ so gut wie gar kein Maggi mehr verwenden. Die unverwechselbaren Fläschchen mit dem hohen Nostalgiefaktor werden nur mehr von Auslandstouristen kofferweise eingekauft, die das für „herrlich deutsch“ halten. Die Deutschen selbst haben inzwischen mehrheitlich eingesehen, dass Maggi tatsächlich so scheußlich ist wie sein Ruf. Warum sie trotzdem weiterhin auf Remoulade, Speck und Parmesan schwören, hat einen guten Grund: schmeckt einfach super.

Mein Netflix-Gastro-Favorit ist vielleicht das Curry aus dem Kochbeutel. Ich habe es natürlich nicht mit Reis zubereitet, denn wer mag schon Reis. Ich habe es zur Pastasauce umfunktioniert. Küchen-Hack der Spitzenklasse: Einfach den Kochbeutel im Nudeltopf mitkochen lassen. Spart Topf, Wasser und Strom.

Voila.

Für die Abendunterhaltung gibt es Wasabeef-Chips, was wohl darauf hindeuten soll, dass sie Wasabi enthalten.

Sie schmecken aber trotzdem. Wasabi ist ein interessantes Gewürz, passt nur leider zu so gut wie nichts. Hier ist die Note jedoch so fein, dass sie nicht weiter stört. Genau wie das Chipsbegleitprogramm vom Streaming-Anbieter.

Darüber hinaus gibt es noch diverse Netflix-Süßigkeiten, die ich mir gespart habe, denn wer mag schon Süßigkeiten, gerade in der Weihnachtszeit.

Apropos Netflix und Weihnachten (ich lüge nicht, wenn ich anmerke, dass dieser superelegante Übergang so nicht geplant war): Gewohnheitsmäßig nutze ich diesen Blog in der Jahresendphase, um meine Meinung über das Weihnachtsfilmangebot der Streaming-Dienste mit der Welt zu teilen. Jedes Jahr starte ich voller Elan und ende mit dem Schwur, es im nächsten Jahr garantiert nicht wieder zu tun. Dieses Jahr muss ich (höchstwahrscheinlich) Wort halten. Der Grund ist recht dramatisch: Meine Frau ist abgesprungen. Nicht aus der Ehe, jedoch, schlimm genug, aus der Weihnachtsfilmguckerei. Sie hat es einfach nicht mehr ausgehalten. Wie Meatloaf einst sang, war sie eben doch nicht bereit, wirklich alles für die Liebe zu tun. Sie schaut lieber gute Filme, sagt sie. Ich bin da pflegeleichter. Das jugendliche „Abfeiern“ von „Trashfilmen“ ist mir zwar mittlerweile zu anstrengend, aber unter den richtigen gesellschaftlichen und getränklichen Voraussetzungen halte ich jeden Film aus. Film ist ja eh nur Berieselung. Im meist langatmigen Mittelteil wordlet man einfach ein bisschen. Wenn ich mehr als nur Berieselung möchte, lese ich halt ein Buch oder spiele ein Videospiel. Bin ich bei der Berieselung ganz auf mich allein gestellt bin, beriesele ich mich allerdings ebenfalls lieber mit guten Filmen. Vielleicht schaffe ich es noch, meine Frau umzustimmen, doch sie gibt sich schon sehr entschlossen, und uns läuft ein wenig die Zeit davon.

Nichtsdestotrotz habe ich mir selbstredend einen Überblick über die diesjährige Weihnachtsfilmauswahl verschafft, und ich muss sagen: Manchmal kann ich meine Frau verstehen. Ich glaube, dass dieses Jahr als ein entscheidendes, als ein Wendepunkt in die Weihnachtsfilmgeschichte eingehen wird, denn es ist weit und breit nichts zu finden, was auch nur annähernd nach professionell gefertigtem Kintopp aussieht. Die Menschen werden sich von ihren Sitzgarnituren erheben, die Fäuste gen Himmel schütteln und skandieren: „Das Maß ist voll! Nur noch viertklassiger Murks ist inakzeptabel! Wir brauchen mindestens zwei erträgliche Weihnachtsfilme pro Saison! Solche mit ein bisschen Budget, ein bisschen Liebe und ein bisschen Handwerkszeug! Nichts gegen Michelle Pfeiffer und Alicia Silverstone, irgendjemand muss ja die Lindsay-Lohan-Lücke füllen, aber wo sind die echten Stars von heute?! Wo ist Toni Collette oder, hier, wie heißt sie noch, die andere – Cate Blanchett?! Wir wollen Aaron Sorkin an der Schreibmaschine und Steven Soderbergh hinter der Flüstertüte anstatt anonymen Hallmark-Brainrot! Und falls das ein wenig zu viel verlangt ist, dann zumindest Carry-On 2: Airport Boogaloo! Wie kann es überhaupt angehen, dass der beste Weihnachtsfilm des letzten Jahres (und der zweiterfolgreichste Netflix-Film aller Zeiten) in diesem Jahr keine Fortsetzung bekommen hat?! KI-Versagen?! Algorithmus kaputt?! Arsch offen?!“

Genau das werden die rufen, Wort für Wort, und sie werden recht haben. Ob sie auch recht bekommen, wissen wir in einem Jahr.

Life-Hack: Was man mit 24 Dosen Kaffee-Limetten-Brause und zwei hinterhergeworfenen Dosen Weizenbier alles machen kann (Spoiler: Pyramide schwierig, trinken geht)

Es muss in meinem zweiten Vollzeitjahr in Japan gewesen, als ich zum ersten Mal einen Espresso mit Zitronenlimo on the rocks trank und danach nur noch ungern etwas anderes trinken wollte. Das Sommergetränk ist wohlgemerkt nicht mal im geschmackvollen Japan so beliebt, dass seine saisonale Verfügbarkeit alljährlich garantiert wäre. Es ist stets eine rechte Zitterpartie, ob die lokalen Filialen der entsprechenden Kettencafés sich dazu durchringen können, den Drink ins Programm zu nehmen, oder ob man sich über die Nachbarschaftsgrenzen hinausbewegen muss, was im Sommer eigentlich von niemandem verlangt werden kann. Hier eine Archivaufnahme des Getränks mit subtilem Werbeeffekt:

Diese Saison ließ sich gut an. Nicht nur hatte eines meiner üblichen Arbeitscafés die Zitronen-Variante bereits früh auf der Karte, es erhöhte sogar nicht viel später auf Limette. Beinahe noch glücklicher aber machte mich ein Fund in einem Supermarkt abseits meiner üblichen Routen: Espresso-Limetten-Tonic aus der Dose. In der Espresso-Zitrusfrucht-Schorlen-Liebhaber-Community wird zwar drauf geschworen, dass es am besten doch in der Gastronomie schmeckt, wo ein gelangweilter Nebenjobber den Espresso authentisch aus der Maschine zapft, mit einer kleinen Dose Schweppes überschüttet und zur Zierde eine vorgehackte Portion Showkräuter ins Glas schmeißt. Dennoch: Die Supermarktvariante Tully‘s Fizzpresso schmeckte mir sehr gut, und ständig vor die Tür gehen ist ja auch nicht so gesund.

Ich wollte mir einen Vorrat anlegen, doch das gestaltete sich schwierig. Kein Supermarkt, kein Convenience Store, kein Kaufhaus in meiner Reichweite führte das Produkt. Ich spitzte den Rest der Familie ebenfalls an, die Augen offen zu halten, jedoch ohne Erfolg. Bis meine fünf Jahre jüngere Frau (damit wird man ja wohl mal prahlen dürfen) eine ihrer jugendlichen Flausenideen hatte. „Wie wär’s denn mit dem Internet?“, fragte sie.

„Mit dem was?“, fragte ich zurück.

„Dem Internet“, sagte sie. „Du schreibst gerade darin.“

„IN GESCHIRRSPÜLMITTEL?!“ Meine Hand zuckte sofort vor der Tastatur zurück.

„Nein, im Internet“, sagte meine Frau und legte ihre Hand beruhigend auf meine, sie sanft zurück auf die Tasten führend. „Du musst dich verhört haben.“ Das mochte sein. Der moderne Mensch nennt es ‚Halluzinationen‘ und meint, daran müsse man sich gefälligst gewöhnen. „Im Internet“, erklärte meine Frau weiter, „kannst du Dinge bestellen, die dir dann direkt ins Haus geliefert werden. Dafür wurde es erfunden.“

Tatsächlich fand ich Fizzpresso bei einem Internethändler. Ich war hocherfreut, dass die Dosen nicht einzeln abgegeben wurden, sondern man mindestens 24 Stück auf einmal ordern musste. Das schien mir gerade so zu reichen, wenn man bedachte, dass es noch rund eineinhalb Wochen waren, bis ich mich in den Auslandsurlaub verabschieden würde.

Als der Karton eintraf, nahm ich ihn erst mal in den Arm und versuchte dann, aus dem Inhalt eine Pyramide zu bauen. Das war aufgrund der flaschenförmigen Dosenform nicht ganz einfach, aber die alten Ägypter haben ja auch nicht gesagt: „Das wird nicht ganz einfach, lassen wir es lieber.“ (Die hatten natürlich geometrisch dankbarere Bauelemente.) Es ist mir gelungen, allerdings nicht lang genug, um ein Foto davon zu schießen.

Am Abend des Tages, an dem der Fizzpresso geliefert wurde, gab es ein weiteres erfreuliches Dosenerlebnis. Wir gingen mit einer befreundeten Familie in einem Restaurant der Kette Schmatz essen. Mit Japanern essen zu gehen ist immer so eine Sache. Meist eine lustige, weil Alkohol im Spiel ist. Möchte man allerdings etwas Bestimmtes essen, sollte man lieber alleine gehen, oder mit eigenbrötlerischen Deutschen, die wissen, was sich gehört. Anfangs fand ich die orientalische Sitte, alle bestellten Speisen in die Mitte zu stellen und zu teilen, ganz goldig. Dieser Gemeinschaftsgeist! Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl! Inzwischen würde ich gerne mal wieder das essen, was ich bestellt habe, und zwar in der Menge, die ich bestellt habe. Natürlich möchte man nicht der sein, der sich gierig mehr als zwei kleine Stücke von der Gemeinschaftscurrywurst abschneidet, also hält man sich an die Beilagen. Und so hat man am Ende des Abends für recht viel Geld vor allem Pommes gegessen. Macht auch satt. Aber nicht glücklich.

Mit Schrecken beobachte ich, wie sich diese Essensstrategie globalisiert, und alle finden es herrlich. Ich lese (eigentlich) gerne die wöchentliche Serie Blind Date in der Zeitung The Guardian, wo es genau um das geht, was man sich denken kann. Wenn beide Kandidaten am Ende getrennt voneinander befragt werden, graust es mir lediglich bei der Frage nach den Tischmanieren des anderen. So sicher wie das Amen in der Kirche kommt dann: „Tadellos! Er/sie hat sein/ihr Essen gerecht mit mir geteilt.“

Dazu sage ich ganz ruhig und gefasst: Neeeiiin!!! Das Teilen von Essen ist nicht Teil des westlichen Sittenkanons und sollte es nicht werden! Unsere Essgewohnheiten wollen frei sein und dürfen sich nicht vom Gruppenzwang unterjochen lassen! Gute Tischmanieren sind, zum Beispiel, wenn einem nicht ständig die halbzerkaute Frikadelle zurück in die Soße fällt, weil man mit vollem Mund spricht. Meinetwegen gehört außerdem dazu, dass man nicht allzu oft das Messer ableckt und den Champagner nicht direkt aus der Flasche trinkt, wenn gerade jemand guckt. Gerne würde ich in den Blind-Date-Antworten zu der Manierenfrage lesen: „Tadellos! Er/sie wusste genau, was er/sie wollte, ebenso wie ich, und wir haben beide genau das gegessen, was wir wollten. Geteilt haben wir liebend gerne Anekdoten, Komplimente und Verschwörungstheorien, aber bestimmt nicht das Essen, und ganz bestimmt nicht die Rechnung.“

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Dosengetränke. Als die Schmatz-Rechnung gezahlt war, drückte der Kellner jedem Erwachsenen eine Dose Weizenbier der hauseigenen Brauerei in die Hand. Die Schmatz-Biere sind ganz reell, kosten im Handel allerdings fast so viel wie im Ausschank, das sehe ich meist nicht ein. Weizenbier sei in Japan nicht sonderlich bekannt, erläuterte der Kellner, deshalb wolle man ein wenig dafür werben. Ich übersetzte innerlich aus dem Japanischen: Das Zeug werden wir partout nicht los, schon gar nicht zu unseren Wucherpreisen, also nehmen Sie es zu unserer Entlastung, bevor es schlecht wird.

Wie im letzten Blogbeitrag bereits erwähnt, muss man für Weizenbier in der richtigen Stimmung sein, und das ist man eigentlich nie. Wird es einem aber aufgedrängt, trinkt man, was auf den Tisch kommt, und merkt schnell, dass diese Weizen-Phase, die jeder mit Anfang 20 hatte, so ganz unbegründet auch nicht war.

Zu Hause stritten wir ein bisschen, wie das Weizen richtig zu lagern wäre. Meine Frau sagte: „Der Typ hat gesagt, wir müssen es auf den Kopf stellen.“ (Sie meinte, die Dose umdrehen; nicht auf der eigenen Schädelplatte balancieren.)

Ich sagte: „Wenn ich im Leben eines gelernt habe, dann den verantwortungsvollen Umgang mit Bier.“ Also mannklärte ich: „Ganz falsch ist das nicht, weil sich auf den Böden von vernünftigen Weizenbieren immer ein sogenannter Sabber absetzt. Damit sich der Sabber besser im Bier verteilt, empfiehlt sich tatsächlich ein temporäres Umstülpen, jedoch sicherlich kein permanentes. Dann würde ja nur unten das neue Oben, und man hätte dasselbe Problem in Grün.“

Sind hier Bierbesserwisser anwesend, die mich dringen korrigieren oder meine Angaben präzisieren möchten? Dann schreibt eure Besserwisserei in die Kommentare! Ach nein, die Kommentarfunktion ist ja ausgeschaltet. Tja, dann wird’s wohl nichts.

Die Rückkehr nach Donki

Es war Sonntagvormittag, und wir brauchten dringend Alkohol. Nicht den stark verdünnten zum Trinken; davon hatten wir mehr als genug im Haus, nachdem unsere verweichlichte Samstagsgesellschaft sich in erster Linie an Dosenkaffee und Bubbletea gehalten hatte. Wir brauchten den hochprozentigen Stoff zur Oberflächenreinigung. Irgendeine Oberfläche gibt es ja immer zu reinigen, auch ohne besoffene Gäste. Irgendein Alkoholreiniger sollte es derweil nicht sein, wo kämen wir da hin, sondern der, den wir immer benutzen. Den gibt es selbstredend nicht in jedem x-beliebigen Drogeriemarkt. „Wo gibt es den denn?“, fragte ich meine Frau.

Nach reiflicher Überlegung sagte sie: „Bei Donki auf jeden Fall.“

Ich betrete nur ungern die Filialen der Schnickschnack-Kaufhauskette Donki (eigentlich Don Quijote), weil mich die urdeutsche Todesangst plagt, für einen Touristen gehalten zu werden („Hände hoch und sofort die Tüte voller Schrumpelpflaumen-KitKat fallen lassen!“). Das liegt natürlich daran, dass ganz tief in mir sehr wohl ein Tourist dahinvegetiert, der sich liebend gerne mal wieder ins Donki-Gewühl stürzen würde. Also schob ich meine Teenager-Tochter vor. So ein Ausflug schien eine exzellente Gelegenheit, ihr zu beweisen, dass Papa auch coole Sachen machen kann. Eines Tages, so musste ich feststellen, erreichte ‚Hoppe, hoppe, Reiter‘ einfach nicht mehr denselben Fun-Faktor. Wo sind die Jahre hin? Also fragte ich: „Möchtest du mitkommen, wenn ich zu Donki gehe, um Alkohol zu kaufen?“

Ihre Augen leuchteten wie ca. gestern noch bei ‚Hoppe, hoppe, Reiter‘. „Klarometer, Daddy-O!“, sagte sie in typischem Jugendjargon.

Ich recherchierte die Donki-Filialen in unserem Umkreis und konnte noch einen draufsetzen: „Möchtest du zum normalen Donki oder zu … Mega Donki?“

„Mega Donki!“

„Mega Donki ist ein bisschen weiter mit dem Zug, allerdings vom Bahnhof weniger zu laufen.“

„Mega Donki!“

„Bei Mega Donki sind höchstwahrscheinlich noch mehr verdammte Touristen.“

„Mega Donki!“

Wir sprühten uns gegen Sonne und Insekten ein, legten unsere Kältekragen an, füllten unsere Wasserflaschen, überprüften den Akkustand unserer Handventilatoren und machten uns vorsichtig auf den Weg zu Mega Donki in Shibuya. Dort war ich zunächst vor allem damit beschäftigt, möglichst demonstrativ all die Geisha-, Samurai-, Godzilla-, Sushi-, Sumo-, Bonsai- und Winkekatzen-T-Shirts zu ignorieren, die mir überall im Weg rumhingen.

Apropos T-Shirt (um diesem Blog ein bisschen von seiner guten alten Apropos-Qualität zurückzugeben): Wir haben Nachbarn. Aber nicht mehr lange. Jedenfalls nicht dieselben. Die Nachbarn, die wir jetzt haben, ziehen bald weg. Es handelt sich um ein japanisch-französisches Paar mit einem Sohn im ungefähren Alter unserer Tochter. Klingt nach besten Voraussetzungen für eine wunderbare Freundschaft (zumindest auf Elternebene), aber Pustekuchen. Es ist keineswegs das Gegenteil eingetreten, also kein schlagzeilenreifer Krieg um Fahrradstellplätze oder Müllentsorgungsmanieren, doch auch keine Spur von Nutzung der erheblichen potenziellen Synergieeffekte. Da ist nur ein höfliches Ignorieren und gelegentliches Zunicken, wie unter guten Nachbarn üblich. Mit dem Mann habe ich in den letzten fünf Jahren vielleicht fünf Sätze gewechselt, was zwischen Männern natürlich relativ viel ist. Mit der Frau vielleicht drei. Ebenfalls normal; seit Überwindung meiner Midlife-Crisis quatsche ich nicht mehr so viele fremde Frauen an.

Damit kann man leben, doch beiden Parteien ist bewusst, dass wir angesichts unserer besonderen Konstellation eigentlich enge Vertraute hätten werden müssen, die bei ausschweifenden Rotweinabenden Kindergeschichten und Ausländeranekdoten austauschen. Deshalb herrscht bei unseren zufälligen Zusammentreffen auf der Straße stets eine etwas betretene Atmosphäre.

Warum habe ich das gleich erzählt? Richtig – T-Shirt. Was die Situation noch unangenehmer macht, ist die Tatsache, dass der Mann und ich dasselbe Pac-Man-T-Shirt besitzen. Und manchmal tragen. Und manchmal gleichzeitig tragen. Und uns dabei manchmal über den Weg laufen. O! M! G!, sage ich nur. Ich könnte jedes Mal vor Scham im Boden versinken. (Selbstverständlich laufe ich unter normalen Umständen eh nicht als Gratis-Werbefläche durch die Gegend, aber den Weg zwischen Haus und 7-Eleven sehe ich als erweiterte Terrasse; da darf man sich etwas legerer kleiden.)

Jedenfalls kann ich das T-Shirt wieder ohne Bangen überstreifen, wenn diese eigentlich ganz netten Menschen endlich weg sind. Damit zurück zu Donki.

Den Alkohol, den wir suchten, fanden wir nicht. Dennoch fanden wir beide etwas, was den Ausflug zu einem gelungenen machte. Nämlich die Liebe zwischen Vater und Tochter! Nein, Quatsch – ich billiges Bier und sie teures Shampoo.

Was ich entweder nicht mehr wusste oder noch nie gewusst hatte, ist, dass Donki eine Billig-Eigenmarke namens Do vertreibt und innerhalb dieser auch Bier. Lagerbier für Normalos, Craft-Bier für Spackos. Selbst die Dosen der Craft-Linie sind günstiger als die Mainstream-Biere der Traditionsbrauereien. Da schrillten bei mir sofort alle Alarmglocken. Sie schrillten: Kauf mich! Kauf mich! Was kann schon schiefgehen?

Sie schrillten nicht laut genug, um gleich die gesamte Produktlinie zu testen. Ich entschied mich gegen das IPA, weil IPA, und gegen das Weizen, weil man für Weizen in Stimmung sein muss, und wann ist man das schon. Ich entschied mich für das Mainstream-Lager und das Pale Ale aus der Craft-Reihe.

Das Urteil: Das Lager hat eine flache und ölige Qualität, die ich bei schweren, starken Bieren durchaus zu schätzen weiß, solange es geschmackvoll gemacht ist. Doch von einem Lager erwarte ich mehr Leichtigkeit und Frische. Dennoch muss ich sagen: In dieser Preisklasse vermutlich das beste Bier, das ich jemals getrunken habe. Und das schlechteste. Ich glaube nicht, dass ich mich jemals zuvor getraut habe, in dieser Preisklasse zu trinken. Soll auch nicht wieder vorkommen.

Das Pale Ale hat ebenfalls etwas weniger Zisch, als ich das von einem Bier seiner Art erwarte, ist jedoch ansonsten sehr ordentlich. Ich würde es wieder kaufen, falls ich noch mal bei Donki vorbeikäme. Was eher unwahrscheinlich ist. Ich bin ja kein Tourist.

Eigentlich ein schöner Schlusssatz, doch möchte ich schnell noch alle Handlungsfäden auflösen: Wir haben den Reinigungsalkohol, den wir eigentlich kaufen sollten, schließlich in dem x-beliebigen Drogeriemarkt gefunden, an dem wir auf dem Heimweg zufällig vorbeikamen. Die Tochter fand den Ausflug mega und ist mit ihren neuen Haarpflegeprodukten vollauf zufrieden. Happy End.

Mit Mike Krüger gegen die KI

In dieser Woche veröffentlichten mehrere amerikanische Zeitungen einen Agenturartikel, der fünfzehn besonders sommerliche Sommerlektüren empfahl. Die meisten davon verfasst von großen, leicht wiedererkennbaren Namen aus vergangenen und gegenwärtigen Bestsellerlisten. Nur bei den Titeln und Inhaltsbeschreibungen wollte es mit dem Wiedererkennen nicht so recht klappen. Zehn der fünfzehn vermeintlichen Bücher waren nämlich frei erfunden. Und die Eignung der fünf tatsächlich existierenden Titel als unbeschwerte Sommerlektüre kann zumindest im einen oder anderen Fall stark bezweifelt werden; das einzige Auswahlkriterium schien gewesen zu sein, dass die Handlungen der Bücher teilweise im Sommer spielen müssten.

Ist nicht schwer zu erraten, was geschehen war: Künstliche Intelligenz war geschehen. Und weil der besagte Artikel eben von KI geschrieben wurde, muss ich in meiner Formulierung gleich wieder zurückrudern: Die Bücher wurden natürlich nicht ‚frei erfunden‘, denn Künstliche Intelligenz erfindet nichts. Erfindung würde tatsächliche Intelligenz oder etwas Vergleichbares voraussetzen, und Künstliche Intelligenz hat mit tatsächlicher Intelligenz nichts zu tun und nichts gemein; der Begriff ist äußerst unglücklich gewählt. Künstliche Intelligenz ist ungefähr so intelligent wie ein Donut. Oder wie ein Redakteur, der meint, Menschen müssten sich Strandlektüren von Maschinen empfehlen lassen, die noch nie an einem Strand gewesen sind und noch nie ein Buch von den Millionen, die sie gelesen haben, verstanden haben. KI stellt lediglich auf Anfrage Inhalte neu zusammen, die KI in anscheinend oder auch nur scheinbar ähnlichen Zusammenhängen so schon mal irgendwo gefunden hat. So kann KI dem Wort ‚Katze‘ das Bild einer Katze und gewisse Katzenfakten zuordnen, hat aber trotzdem kein Verständnis dafür, was eine Katze ist. Oder ein Buch. Oder ein Strand. Oder Fakt. Oder Fiktion.

Oder ein Witz. Über die oben genannte Zeitungsblamage habe ich freilich aus dem Internet erfahren, und ich konnte aus hoffentlich offensichtlichen Gründen gar nicht darüber lachen. Anders verhielt es sich bei einem anderen Internet-Fundstück dieser Woche: Eine Rundfunksendung gratulierte Who-Gründer Pete Townshend zum Geburtstag und illustrierte das mit einer Abbildung des jungen Mike Krügers (die beiden Rocklegenden haben eine gewisse nasale Ähnlichkeit). Darüber konnte ich zumindest vornehm schmunzeln. In den Kommentaren fand sich die übliche Mischung aus Leuten, die es lustig fanden, und solchen, die es nicht verstanden hatten und mit der mediumsüblichen Selbstherrlichkeit und Unfreundlichkeit auf den vermeintlichen Fehler hinwiesen. Ein Kommentar jedoch war anders als die anderen: Der Kommentator hatte den Witz verstanden, fand ihn aber nicht lustig. Nicht, weil der Kommentator ein total humorloser The-Who- oder Supernasen-Verehrer wäre, sondern wegen KI. Wenn eine KI nun diesen Beitrag verarbeitete, so die Argumentation, dann würde sie Mike Krüger fälschlicherweise Pete Townshend zuordnen. Und dann könnten andere KI diese Fehler übernehmen und eines Tages, wenn alle Intelligenz auf Erden von Künstlicher Intelligenz verdrängt worden wäre, hätte Mike Krüger Pete Townshend komplett ausgelöscht, zumindest bildlich. (Gut, ganz so weit ging der Kommentator in seiner Argumentation nicht, aber die Richtung stimmt schon.)

Zuerst war ich amüsiert, dann erschrocken: Es gibt also bereits Menschen, die meinen, die KI müsse sich nicht an uns anpassen, sondern wir uns an sie. Ich sage nein: Kein Entgegenkommen. Nicht mal ein Stück weit. Bloß keinen Witz machen, weil der alles sehende und alles hörende Computer es falsch verstehen könnte? Dann leben wir bereits in den Filmen und Büchern, die wir als Kinder verschlungen haben.

Ausnahmsweise weiß ich bei diesem Thema übrigens mal, wovon ich rede, denn ich habe in einem meiner unsichtbaren Brotjobs über zwei Jahre lang recht intensiv mit KI-Unterstützung gearbeitet. Es ging dabei um das Erstellen von SEO-Texten für Produkte, von denen ich (zumindest anfangs) recht wenig Ahnung hatte. Der geringe Pro-Wort-Lohn rechtfertigte keine langwierigen Recherchen, also bat ich regelmäßig die gängigen Chat-Programme um erste Textentwürfe (für vollwertige SEO-Texte ist KI zu doof; das schafft jeder echte Mensch besser, nachdem er sich ein paar YouTube-Videos zum Thema angesehen hat). Da diese Texte nur von Maschinen gelesen werden sollten und der Auftraggeber selbst recht KI-affin war, hielten sich meine Gewissensbisse in Grenzen. Von vornherein fielen mir viele inhaltliche Fragwürdigkeiten in den KI-Texten auf, und je mehr Produktkenntnis ich mir mit der Zeit aneignete, desto offensichtlicher wurde es, dass sie vor faustdicken Unwahrheiten nur so wimmelten. Nicht selten wurde das genaue Gegenteil des eigentlichen Sachverhalts behauptet. Und die Fehlerquote der Maschine schien nicht nur mit meinem eigenen Kompetenzzugewinn zu steigen, sondern auch mit jedem neuen Software-Update. Die Behauptung, dass diese sogenannten ‚Halluzinationen‘ Kinderkrankheiten seien, die sich mit der Zeit von selbst erledigen, scheint mir arg optimistisch, blauäugig oder gar blind. Bislang ist keine Besserung zu erkennen (siehe 15 Buchempfehlungen für den Sommer).

‚Halluzinationen‘ ist selbstredend eh mal wieder der falsche Ausdruck. Halluzinationen setzen einen Geist voraus, der sich verwirren lässt. KI aber ist geistlos. Deshalb hat KI in Geisteswissenschaften, Kunst und Kultur nichts verloren. Nicht mal ein bisschen. Nicht mal im Hintergrund, oder aus Spaß, oder als Ideengeber, oder als ‚Werkzeug‘, oder womit man sich die Stinkefaulheit sonst so schönredet.

Liebe Nerds, der Kampf gegen Skynet hat längst begonnen. Werft eure geschmacklosen, unoriginellen, zutiefst unethischen Ghibli-Profilbilder auf den Müll und ab an die Front! Stürmt die Maschinen! Blockchains zu Pflugscharen! Und möge Mike Krüger unser Terminator sein.

(„Aber … aber … die Terminatoren waren doch mehrheitlich FÜR Skynet … Was ist, wenn jetzt eine KI das liest, und …“)

Reinhard Mey verbieten!

Quatsch, ich meine gar nicht Reinhard Mey, ich meine Karl May (Abb. oben, links). Und ich meine auch gar nicht ‚verbieten‘, ich meine ‚lesen‘. Wenn man will. Ich bin ganz durcheinander. Viele diskutieren ja dieser Tage über den Mann und sein Werk ohne große Textsicherheit. Das freut mich sehr, denn außer Das Kapital habe ich selbst kaum etwas von ihm gelesen, möchte aber unbedingt mein Hublublublublu auch noch dazugeben.

Vielleicht tatsächlich kurz etwas zu meiner eigenen Karl-May-Rezeptionsgeschichte, denn ich stelle mich so gern in den Mittelpunkt meines Schreibens. In den 70ern sah ich die Filme im Fernsehen und fand sie „ganz gut“. In den 80ern versuchte ich es mit den Büchern, kam allerdings nicht weit. Ich war eher der Conan-Typ (Barbar, nicht Detektiv). Aber dieses spezielle Fass wollen wir im momentanen Klima lieber nicht auch noch anrollen. Als Jungs noch mit Puppen spielten, besaß ich eine gelenkige Spielzeugausführung von Winnetous Pferd, die ich jedoch als Big-Jim-Pferd einsetzte. Später besuchte ich einmal die Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg, wo es mir gut gefallen hat. Vor allem wohl auch, weil meine Eltern nicht dabei waren und ich Zigaretten rauchen konnte, bis mir schlecht wurde (schätzungsweise eine halbe bis eine). Herrliche Erinnerungen. Zu einem Vollblut-Karl-May-Fan machen sie mich allerdings schwerlich. Hier schreibt kein eingeschnappter Nostalgiker, hier schreibt ein besorgter Leser (wenngleich kein Karl-May-Leser).

An Karl May ist, soweit ich es aus meinem ungünstigen Blickwinkel beurteilen kann, einiges kritikwürdig. Und jetzt kommt der Knaller: Kritik wird tatsächlich geübt, und zwar nicht erst seit August 2022. Flapsig könnte man sagen, die Karl-May-Kritik gibt es, seit es Karl May gibt. Er hatte schließlich schon zu Lebzeiten nicht nur leidenschaftliche Verehrer und gute Freunde, nach allem, was man so hört. Aber über diese unschönen Kolonialzeiten wollen wir ja lieber nichts hören, LALALALALA mit Fingern in den Ohren, also spulen wir schnell zu meinen Lebzeiten vor und formulieren um: Karl May wird kritisch rezipiert, seit ich (52) denken kann. Selbst von Kindern. Als ich meinen ersten Winnetou-Film auf unserem Schwarz-weiß-Röhrenfernseher sah, klärten mich meine Eltern auf, nicht ohne Häme, dass dieser Karl May nie in Amerika gewesen war und wahrscheinlich weder von echten Cowboys noch von echten Indianern allzu viel wusste. Diesen Informationsstand schienen meine Altersgenossen zu teilen. Wir sahen diese Filme so, wie wir auch Weltraum- und Dinosaurierfilme sahen: Als ausgedachte Unterhaltung, nicht als Schulstoff. Ich fand Winnetou, wie gesagt, „ganz gut“ (aber nicht so gut wie Zorro), weshalb ich mich später „ein bisschen“ mit der Geschichte und Kultur der tatsächlichen amerikanischen Ureinwohner beschäftigte. Diejenigen meiner Freunde, die diese Filme und Bücher mehr als bloß „ganz gut“ fanden, sollten sich damit weitaus ausführlicher beschäftigen als ich. Denn das ist eine der vielen Leistungen ausgedachter Bücher: Sie beflügeln das Interesse an der Wirklichkeit.

Diejenigen aus meinen Umfeld, die im Laufe ihrer Studien tief in die fremde Kultur und Geschichte eintauchten, haben danach keineswegs mit Karl May gebrochen. Denn so sind sie, die Menschen guter Kinderstube: Sie können zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden und beides aus unterschiedlichen Gründen zu schätzen wissen.

Aber genug von mir und meiner Rasselbande. Auch außerhalb meiner Blase existiert der kritische Umgang mit Karl May nicht erst seit ein paar Wochen. Eine erschöpfende historisch-kritische Ausgabe wird seit 1987 erstellt, inzwischen in Zusammenarbeit mit dem Karl May Verlag, der da wohl nichts zu verbergen hat. Rund 100 Bände liegen bereits vor. Da hat also schon zur Genüge stattgefunden, was einige vorgebliche Vermittler nun lasch fordern, nämlich die Neuauflage der alten Bücher mit kritischen Vorbemerkungen. Damit wären wir wieder bei der vorletzten Sau, die durchs Dorf getrieben wurde: Der Trigger-Warnung. Diesmal nur viel wortreicher. Dabei braucht kein Mensch eine Trigger-Warnung, um Der Schatz im Silbersee zu lesen, denn die Karl-May-Methode kennt seit Jahrzehnten jedes Kind. Karl May wird automatisch kritisch gelesen, erstens weil Karl May, zweitens (vielleicht wichtiger) weil alt. Wer es lieber genau als ungefähr wissen möchte, greift halt zur besagten Sonderausgabe. Aber Zwangsbelehrungen gehören sich nicht.

Der Unterschied zwischen der ewigen und der aktuellen May-Kritik, die sich inhaltlich in den wesentlichen Punkten nicht unterscheiden, ist die Absicht. Der alten Kritik ging es um Aufklärung, der neuen geht es um Verbannung. Also das genaue Gegenteil. Eine der infamsten Lügen dieser Fatwa äh Debatte ist die Behauptung, dass die Verbannung der Winnetou-Kinderbücher aus dem Ravensburger Verlag nichts mit Zensur oder Bücherverboten zu tun hätte, denn der Verlag habe die Titel schließlich „freiwillig“ aus dem Programm genommen. Hier eine kleine Branchen-Insider-Information (ich weiß gar nicht, ob ich darf): Pustekuchen! Kein Verlag nimmt jemals eine Neuerscheinung freiwillig aus dem Programm, schon gar keine bereits gedruckte und ausgelieferte. Das kostet alles Geld! Heute sogar deutlich mehr als letztes Jahr um die Zeit. Solche Rücknahmen erfolgen ausschließlich auf Druck von außen, entweder von Anwälten oder, wie hier, vom geifernden Mob mit seinen Fackeln und Mistgabeln.

Die Bestrebungen des lesefeindlichen Mobs im deutschsprachigen Raum erinnern an die jüngsten (oft erfolgreichen) Bestrebungen US-amerikanischer Rechtsmoralisten, Bücher über allerlei sexuelle Orientierungen und Geschlechteridentitäten aus Schulbibliotheken zu entfernen. Da mag manch einer meinen, das eine dürfe man nicht mit dem anderen vergleichen. Womöglich handele es sich sogar um einen sogenannten Whataboutism, um jenes Dummwort zu bemühen, mit dem die Ewig Doofen seit einiger Zeit jedes gute Argument in Grund und Boden kreischen. Wahrlich aber, ich sage euch: Es gibt zwischen denen, die schwule Comics verbieten wollen, und denen, die Verlage mit Nachdruck dazu bewegen wollen, Indianerbücher nicht mehr nachzudrucken, keinen charakterlichen Unterschied. Die einen mögen sich konservativ nennen und die anderen sich für progressiv halten, aber letztendlich findet man auf beiden Seiten bloß verbohrte Idioten äh Ideologen, die es nicht ertragen, dass es noch andere Standpunkte gibt als ihre eigenen. Das Resultat ihres Handelns ist dasselbe: Weniger Auswahl im Bücherregal. Und wer nun sagt, dass es um diese spezielle Art von Auswahl nicht schade ist, der sollte wissen, wes Geistes Kind er ist. Hugh.

Drei Träume (zweimal Mais, einmal Spice)

Wenn hippe junge Dinger wie ich ein gewisses Alter erreichen, ignorieren sie zusehends ungenierter die alteingeführte Anstandsregel, dass es nichts Langweiligeres gibt als die nacherzählten Träume anderer Leute. Akira Kurosawa hat mit Anfang 80 einen Film über seine Träume gemacht, Martin Walser mit Mitte 90 ein Buch über seine geschrieben. Ich behaupte jetzt einfach mal: Ich bin zwar weder der neue Kurosawa noch der neue Walser, aber 52 ist ganz eindeutig das neue Anfang 80 / Mitte 90. Also hier die drei Träume von neulich, die mir am lebhaftesten in Erinnerung geblieben sind.

Mais-Traum No. 1 (kleiner Kolben)

Ich ging eine Straße entlang und hatte plötzlich Appetit auf Babymaiskolben, also zog ich mir eine Tüte aus dem nächsten Automaten. Als ich Babymaiskolben knabbernd weiterging, merkte ich, dass die Tüte wohl schon etwas zu lange im Automaten gewesen war und der Kolben in meinen Mund innerliche Fäule aufwies. Reflexartig spuckte ich ihn auf die Straße.

Ein älterer Herr hatte das interessiert beobachtet. Ich dachte: Ach, jetzt hält er mir gleich einen Vortrag, dass man hier nicht einfach so innerlich angefaulte Babymaiskolben auf die Straße spucken könne, man sei ja nicht in China.

Doch in der Miene des Mannes war mehr Erleichterung als Missvergnügen. Als er den Mund öffnete, tat er das nicht, um mich zu rügen, sondern um sich im großen Stile auf den Bürgersteig zu erbrechen. Er hatte offenbar nur gewartet, dass jemand anderes den Anfang machte.

Nun wollte ich ihn meinerseits maßregeln, dass man mein dezentes Spucken ja wohl kaum mit seiner Riesenschweinerei gleichsetzen könne. Aber da wachte ich auf.

Mais-Traum No. 2 (großer Kolben)

Es handelte sich um einen dieser Meta-Träume, in denen man träumt, dass man nicht einschlafen kann. Ich lag also genau auf dem Futon, auf dem ich wirklich lag und konnte nicht einschlafen (träumte ich). Das lag nicht an dem großen Maiskolben, den ich in der Hand hielt, sondern daran, dass sich etwas anderes Großes recht penetrant rücklings an mich schmiegte. Es war kein Familienmitglied, denn die waren alle außer Haus; der Traum fand während eines meiner notwendig gewordenen Mittagsschlafe statt. Dem Knurren nach zu urteilen war das in meinem Rücken ein riesiger Kampfhund. Ich wollte mich allerdings nicht zur Vergewisserung umdrehen, um ihn nicht zu provozieren. Man soll Hunden ja nie in die Augen gucken, wenn einem das Leben lieb ist, habe ich mal gehört.

Fürs erste knurrte er nur, aber ich fand die Situation trotzdem nicht ideal. Ich wollte, dass er wegging. Also holte ich aus und warf den Maiskolben so weit fort, wie ich nur konnte.

Die Rechnung ging auf: Der Hund (es war tatsächlich einer) erhob sich und lief dem Gemüse hinterher. Ich sollte nicht erfahren, wie nachhaltig diese Lösung war, denn unversehens wachte ich auf. Erleichtert, dass da weder ein Hund noch ein Maiskolben war. Mais mag ich nicht, Hunde finde ich tendenziell in Ordnung. Kommt auf den Hund an.

Traum No. 3: Old Spice

Ich träumte, die Spice Girls gingen mal wieder auf Tournee, doch eine wollte nicht mehr mitmachen. Posh, wahrscheinlich. Ist ja immer Posh. Hält sich für was Besseres. Ist für den Traum allerdings irrelevant. Jedenfalls musste die Stelle neu besetzt werden. Man entschied sich schnell für eine Unterhaltungskünstlerin, die ich noch „von früher“ kannte. Ich freute mich sehr für meine Freundin, aber auch für mich selbst, denn der persönliche Draht würde mir bestimmt Exklusiv-Interviews und ähnlichen geldwerten Schnickschnack einhandeln.

Dann aber gab es irgendwelche kreative Differenzen oder Terminkonflikte, die Freundin flog wieder raus, und die Stelle musste erneut neu besetzt werden. Diesmal entschied man sich für meine bucklige, einäugige, schätzungsweise 90-jährige Nachbarin aus dem Haus gegenüber, deren Katze ich manchmal streichle, damit sie sich das nicht auch noch zumuten muss. Mit der alten Dame ist die Konversation trotz beidseitiger Sympathien oft schwierig. Meistens werfen wir uns nur gegenseitig das Adjektiv „kawaii!“ an den Kopf, wenn ihre Katze und meine Tochter dabei sind, was den beiden unangenehm ist. Keine guten Voraussetzungen für Exklusiv-Interviews.

Ich melde mich wieder, wenn das Drehbuch oder die Aquarelle fertig sind.

Mein erster Rambo (1-5)

Ich bin zwar in dem Alter, aber ich habe bis vor kurzem nie einen ganzen Rambo-Film gesehen. Beim ersten hatte es sich seinerzeit irgendwie nicht ergeben, und beim zweiten hatte sich meine Gesinnung bereits so weit gefestigt, dass ich mental eher zu den Demonstranten vor den Kinos gehörte als zu den vom imperialistischen, reaktionären Hollywood-Propaganda-Kintopp hirngewaschenen Mäh-Schäfchen in den Sälen. Konkret habe ich natürlich nie demonstriert; hat sich auch irgendwie nicht ergeben. Der dritte Teil ist beim zweiten mitgemeint, den vierten habe ich mal im Fernsehen größtenteils verpennt, und der fünfte startete gleichzeitig mit Downton Abbey – der Film, da musste ich Prioritäten setzen.

Vor wenigen Tagen, vielleicht als Spätfolge meines gewissenlosen Freitag-der-13.-Marathons von neulich (wir berichteten), hatte ich das starke Bedürfnis, alte Versäumnisse nachzuholen. Warum sollte aus mir nicht in fortgeschrittenem Alter noch ein Rambo-Fan werden? Die Karate-Kid-Filme habe ich ebenfalls erst kürzlich erstmals gesehen und fand sie ganz goldig (wenn auch nicht ganz so goldig wie die neue Fernsehserie). Dieses Politikdings sehe ich heute nicht mehr so eng. Muss schließlich nicht jeder Film mit mir einer Meinung sein. Einen Rambo-Film muss eine Demokratie aushalten können.

Oder fünf. Aber einer nach dem anderen. Der erste, zu Deutsch Rambo (Original: First Blood) ist der, auf den sich gemeinhin alle einigen können; selbst linksversiffte Gutmenschen wie ich. Er sei „ganz anders als die anderen“, wird gebetsmühlenartig versichert. Spoiler: Ist er nicht. Schon hier geht es um den guten Amerikaner, der nicht in Frieden leben kann, wenn ihn die Bösen nicht lassen. Dass die Bösen hier ebenfalls Amerikaner sind (ein fieser Kleinstadtsheriff und seine Redneck-Gurkentruppe, die Rambo fatalerweise mit einem unerwünschten Wander-Hippie verwechseln), gibt allenfalls mildernde Umstände. Bei allen minimalen Zwischentönen lässt der Film keinen Zweifel daran, dass es das noch gibt – das Gute Amerika. Und sein Name ist John Rambo. Das Ganze ist verpackt als ein überraschend wuchtiger Action-Thriller, den man je nach Tagesform für geradlinig oder simpel gestrickt halten darf. Wenn man manchem Verehrer so zuhört, könnte man ja meinen, es handele sich um ein geradezu subtiles Charakterdrama. Das ist es keineswegs.

Rambo 2. Teil – der Auftrag (Original: Rambo: First Blood Part II) ebenso wenig. Meinen Gesinnungsgenossen zufolge gewinnt Rambo in diesem Film rückwirkend den Vietnamkrieg. Diese Interpretation ist gröber verallgemeinernd als das Weltbild der Rambo-Filme. In erster Linie schießt Rambo hier mit dem Flitzebogen auf Kraftfahrzeuge, die dann explodieren. Man muss fairerweise dazusagen, dass es sich um spezielle Rambo-Pfeile handelt. Gut zu wissen: Die bösesten Bösen sind hier gar nicht die edlen Vietcong, sondern die Russen. Und ein paar Amerikaner sind auch wieder böse (dieser fiese Billy-Idol-Sensei aus Cobra Kai ist dabei; man kann ihm einfach nicht trauen). Falls ich das alles richtig verstanden habe. Es war mitunter sehr laut.

Eine alte Filmbewertungsregel lautet, dass die Qualität eines Films mit jedem Hubschrauber abnimmt; explodierende zählen doppelt. Bei Rambo 2. Teil – der Auftrag konnte ich zum Schluss nicht mehr mitzählen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, meine Zeit schon sinnloser vertan zu haben (wir berichteten). Rambo 2. Teil – der Auftrag ist sicherlich weniger gelungen als, sagen wir mal, Außer Atem oder Die Muppets-Weihnachtsgeschichte. Aber welcher Film wäre das nicht?

Gerade wieder sehr angesagt bei der Generation Meme: Rambo III (Titel hüben wie drüben) ist der Film, in dem Rambo den guten Taliban beim Kampf gegen die bösen Russen unter die Arme greift. Fürs Herz reitet ein total süßer afghanischer Kindersoldat an seiner Seite. Dafür gab es seinerzeit von der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) das Prädikat „wertvoll“. Es waren halt andere Zeiten, damals.

Trotz allem ist Rambo III nicht der ärgerlichste Film der Reihe, sondern der liebenswerteste. Politisch sicherlich ein wenig ungelenk aus heutiger Sicht, aber so ein Actionfilm kann ja nicht immer alles vorher wissen.

Wir dürfen an dieser Stelle schon einmal die Zwischenbilanz ziehen: Die Rambo-Filme sind Anti-Kriegsfilme im deutschen Sinne des Begriffs. Einen anderen Sinn kann es schließlich auch nicht geben, denn der Begriff ‚Anti-Kriegsfilm‘ ist ein deutscher Sonderweg. International werden Genrebezeichnungen eigentlich neutral gehalten: Ein Film, der den Krieg thematisiert, ist ein Kriegsfilm – was sollte er auch sonst sein? Nur das deutsche Gewissen möchte beim Kinobesuch schon vorab beruhigt werden und verlangt nach ideologischer Weisung. Eine Zeit lang war es sogar en vogue, Cowboyfilme der etwas komplexeren Art als ‚Anti-Western‘ zu bezeichnen. Dabei wäre die einzige schlüssige Art von Anti-Western ein Eastern. Seltsam, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, polizeikritische Krimis als ‚Anti-Krimis‘ zu titulieren.

Jetzt habe ich über eines meiner Lieblingsmikroaufregungsthemen fast Rambo aus den Augen verloren. Die ersten drei bis vier Filme sind also Anti-Kriegsfilme, denn der Krieg wird in ihnen stets als grausam und sinnlos dargestellt, Militärs als bestenfalls inkompetente Hirnis, meistens jedoch als sadistische Soziopathen. John Rambo war mal im Krieg, und das hat ihm gar nicht gefallen. Jetzt will er nur noch Frieden schaffen, und zwar dalli. Dass er diese Sache anders angeht, als zum Beispiel Reinhard Mey das tun würde, liegt auf der Hand und ist kein Widerspruch zur Anti-Kriegs-Botschaft. Hat ja keiner was von einer Anti-Gewalt-Botschaft gesagt. Ich behaupte: Ein Rambo-Film wird niemanden in den Militärdienst treiben. Ein Rambo-Film motiviert eher, mit dem Flitzebogen in den Wald zu gehen. Wie bei mir früher Robin Hood.

Rambo III, um endgültig zum Thema zurückzukehren, ist außerdem ein Anti-Hubschrauber-Film. Die Macher scheinen die putzigen Fluggeräte noch mehr zu hassen als die Macher des zweiten Teils. Trotzdem ist der dritte ein weitaus angenehmeres Erlebnis. Wenn man etwas fürs Action-Kino übrig hat, ist es schwierig, für Rambo III nichts übrig zu haben. Rambo 2. Teil – der Auftrag wirkt dieser Tage nicht spektakulärer als Geheimcode Wildgänse. Bei Rambo III hingegen kann man nach wie vor mit großen Kinderaugen staunen. Und da hat die Filmbewertungsstelle dann vollkommen recht: Das ist ungemein „wertvoll“.

Der ärgerlichste Film der Serie ist der vierte, John Rambo (Original: Rambo). Diesmal geht es um die verzwickte politische Lage in Burma. Die hat sicherlich einen Hollywood-Film verdient, der die Problematik der westlichen Welt ein wenig näherbringt. Fraglich nur, ob das nun ausgerechnet ein Rambo-Film sein muss. Noch dazu dieser, der endlich wirklich so maßlos gewaltpornografisch daherkommt, wie es den Vorgängern von gewissen Elementen schon immer nachgesagt wurde.

Ästhetisch ist das Ganze eh kein Hollywood-Blockbuster, sondern erinnert eher an ranzige 70er-Jahre-Eurotrash-Exploitation-Schinken. Manche Kinder mögen das ja, ich habe meine Bedenken. Hätte man jedenfalls auch unter dem Titel Mandeläugige Dschungelkätzchen bis aufs Blut gequält in die Bahnhofskinos oder in Manni’s Videothek bringen können.

Ein später Sieg für den Sheriff: In Rambo: Last Blood (Original ebenso) hat John Rambo endlich eine Frisur, mit der es zu all dem gar nicht erst hätte kommen müssen. Jetzt ist es natürlich zu spät.

Im fünften Rambo hatte niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten. Schade eigentlich, denn sonst hätte Rambos Nichte vielleicht nicht so leicht nach Mexiko ausbüxen und üblen Menschenhändlern in die Hände fallen können. Dieser womöglich letzte Teil der Serie ist so etwas wie Taken meets Saw, nur düsterer, brutaler und mit einem älteren Herrn in der Hauptrolle. Schwer nicht zu mögen. Aber mein Herz gehört weiterhin einem anderen Rambo-Film.

Ich glaub, mein Storyteller kuratiert

Als ich im letzten Jahr begann, im Auftrag der Duden-Redaktion ein Glossar des Grauens zusammenzustellen, schwebte mir dafür zunächst eine essayistische Herangehensweise vor. Nach mehreren Gesprächen mit dem Lektorat kamen wir jedoch überein, dass ein traditionelles Wörterbuchformat mit kurzen, alphabetisch geordneten Einträgen doch die geeignetere Form sei. Nichtsdestotrotz gefällt mir das essayistische Kapitel, das ich bereits probeweise geschrieben hatte, so gut, dass ich es geneigten Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten möchte. Hier kommt es. Unlektoriert, also bitte nicht zu pingelig lesen.

***

2013 muss ein schönes, gleichwohl anstrengendes Jahr für die damals 17-jährige neuseeländische Popsängerin Lorde gewesen sein. Ihr Debütalbum Pure Heroine verkaufte sich in aller Welt wie Brause mit Geschmack, dazu gab es noch überwiegend warme Worte von internationalen Pressevertretern, ausführliches Touren war die Folge. So war es verständlich, dass sie nicht bereits ein Jahr darauf ein komplett neues Langspielalbum einsingen wollte. Stattdessen sang sie ein Lied für den Kinofilm Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1. Weil das so gut geklappt und man sich wohl mit den Filmmusikverantwortlichen bestens verstanden hatte, kuratierte sie, so war überall zu lesen und zu hören, auch den Rest der Platte zum Film.

Seitdem wird überall wie verrückt kuratiert, auch bei mir zu Hause. Morgens kuratiere ich das Frühstück für mich und meine Tochter. Sobald sie im Kindergarten ist, kuratiere ich, welche Arbeit ich erledigen muss, und welche sich aufschieben lässt. Abends vorkuratiere ich eine Auswahl aus mehreren Fernsehprogrammen, und meine Frau endkuratiert dann das, was wir uns tatsächlich anschauen. Am nächsten Tag tausche ich mich mit anderen Fernsehkuratoren über unsere Eindrücke aus.

Wer nichts wird, der kuratiert?

Lorde selbst wollen wir an dieser Stelle keinen Vorwurf machen. Sie wird nicht ins musikindustrielle Büro geschlendert sein und vorgeschlagen haben: „Yo, Plattenfirma, kann ich mal eben voll so eine Platte kuratieren, ey?“ Eher wird die Plattenfirma gebeten haben: „Gnädiges Fräulein Lorde, würden Sie die Güte besitzen, die Musik für den anstehenden Blockbuster nach dem berühmten Kinderbuch, pardon: der Young-Adult-Novel, von Suzanne Collins zu kuratieren?“

Darauf Lorde: „Wie geht denn das, kuratieren? Das habe ich noch nie gemacht.“

„Einfach eine Playlist zusammenstellen aus Liedern, die du gut findest.“

„Au fein, sowas habe ich ja doch schon mal gemacht! Aber warum heißt das denn auf einmal so komisch?“

„Weil es so wichtiger klingt.“

Ein drolliger Zufall: Das komische Wort ist vermutlich genauso alt wie Lorde selbst. Die Neue Zürcher Zeitung konnte das Verb zum ersten Mal 1996 identifizieren, dem Geburtsjahr der Sängerin. Bis 2013 fristete es ein Schattendasein, dann kam es zu einem unkrautartigen Wucherungsschub. Ob Lordes Kuration für diesen verantwortlich zeichnete, oder ob sie nur ein Teil des Problems war, lässt sich nicht feststellen. Sehr wohl feststellen lässt sich hingegen, dass das Nomen, dem das Verb entsprungen ist, aus dem Lateinischen kommt. Die ersten Kuratoren, wörtlich: Pfleger, waren somit alte Römer. Sie waren unter anderem dafür verantwortlich, Straßen und Flüsse sauber zu halten, verdingten sich allerdings auch als Rechtsbeistände und Vormunde. Ein Kurator war also eine Art Mischung aus Müllmann und Anwalt. Erst im 20. Jahrhundert eignete sich das Museumswesen den Begriff an. Bis zum Zeitalter Lorde verstand man unter einem Kurator nun vor allem einen Ausstellungsorganisator von verbriefter Fachkompetenz, wobei verschiedene Branchen dem Wort weiterhin unterschiedliche Bedeutungen zumaßen, meistens nicht weit von den ursprünglichen, juristischen Implikationen entfernt.

2015 mutmaßte der Journalist Wolfgang Michal in seinem Blog, dass die große Verbreitung des neugeschöpften Verbs kuratieren dem Umstand zu verdanken sei, dass Journalisten immer weniger journalistisch und Redaktionen seltener redaktionell arbeiten. Statt eigene Inhalte zu schaffen, werden Netzfundstücke und Agenturmeldungen kompiliert und multipliziert. Seit Jahr und Tag wollen viele junge Leute „irgendwas mit Medien“ machen, wenn sie mal groß sind. Dieses vage Berufsziel scheiterte lange Zeit am realen Arbeitsmarkt: den Irgendwas-mit-Medien-Macher gab es nicht. Jetzt gibt es ihn: Er ist Kurator, und er kuratiert. Animierte Witzbilder, Lieblingslisten, Katzenvideos.

Museumskuratoren sind zurecht pikiert. Müllmänner und Anwälte vermutlich ebenso. Da bleibt die Frage: Kann man das Kuratieren kurieren? Das wissen wahrscheinlich nur die Kuriere.

Apropos pikiert: Unlängst fragte mich ein Kunstmaler, wann es angefangen habe und wann es wieder aufhören möge, dass jeder Einfaltspinsel als Künstler bezeichnet würde, egal ob Schriftsteller, exotischer Tänzer oder Ballontierfalter. Er meinte, der Begriff müsse tatsächlichen Künstlern vorbehalten bleiben, nämlich solchen, die Kunstwerke aus physisch vorhandenen Materialien schaffen, seien es Wasserfarben, Knetmasse oder gefundene Objekte (Luftballons anscheinend nicht). Ich konnte die Kritik nicht ganz nachvollziehen, hatte ich doch selbst nie Probleme damit, mich als Künstler auszugeben. Ich meinte es nie selbsterhöhend, sondern lediglich als wertfreie Abgrenzung zum Handwerker (s.u.). Ein Handwerker schafft etwas Nützliches, ein Künstler allenfalls etwas, das hoffentlich nicht schadet. (Nun mag man dem Himmel dramatisch die Fäuste und das Gesicht entgegenrecken und ausrufen: „Aber ich kann nicht ohne Kunst leben!“ Dazu sage ich: Ich tu’s auch nicht gern, aber im Zweifelsfall lebe ich lieber ohne Sonette als ohne Stühle.)

Dennoch hat mein malender Freund nicht ganz unrecht: Sagen wir doch das, was wir meinen. Nennen wir einen Schriftsteller einen Schriftsteller, einen Ballontierfalter einen Ballontierfalter und einen Kunstmaler einen Kunstmaler. Und falls einem letzteres zu lang ist: gerne einen Künstler. Das sind allerdings lediglich zwei Buchstaben weniger.

Frühwarnung: Bald werden wir alle artisaniert

Ein Blick auf die Marottenentwicklung der englischen Sprache kann Aufschluss über die Marottenentwicklung der deutschen Sprache geben. Auch das sinnentstellte Kuratieren wurde von englischsprachigen Vermarktungsstrategen vorgeplappert („soundtrack album curated by Lorde“), bevor wir es munter in unserer vermeintlich eigenen Sprache nachplapperten. Der nächste Kurator steht schon in den Startlöchern. Es ist der Artisan.

Im anglofonen Raum, vor allem in den USA, steckt man sich dieser Tage kaum noch etwas in den Mund oder ins Wohnzimmer, was nicht von einem artisan gefertigt wurde. Auf eine Artisan-Pizza gehört Artisan-Käse, und beim Verzehr muss man darauf achten, dass keine Artisan-Tomatensoße auf das Artisan-Sofa tropft. Ansonsten muss schnell der ökologisch korrekte, dennoch wirkstarke Artisan-Fleckentferner ran. Das Wort hat französische, italienische sowie lateinische Wurzeln und ist im Deutschen nicht gänzlich unbekannt. Gegen den Trend hat sich hier allerdings die Übersetzung Handwerker durchgesetzt. Zu meiner großen Erleichterung musste ich feststellen, dass Artisan im gedruckten Duden derzeit nicht aufgeführt und in der Online-Version als veraltet ausgebremst wird. Leider ist davon auszugehen, dass das untote Wort schon bald wieder seine fauligen Finger aus dem Grab strecken und fest unsere Gehirne umklammern wird. Bereits jetzt findet man im deutschsprachigen Teil des Internets Artisan-Küchenmaschinen, Artisan-Orientteppiche und Artisan-Mustertapeten, wenn man etwas länger sucht. Diesen Anfängen gilt es zu wehren.

Auch wenn ein Artisan nichts anderes ist als ein Handwerker, so schwingt in dem Begriff nach heutigem Hörverständnis etwas Hehres, Künstlerisches, Elitäres mit. Man hat vermutlich Bilder im Kopf von Männern im Mittelalter (tatsächlich stammt das Wort aus dieser Zeit), die „irgendwas mit Leder“ machen, ohne Schadstoffe und Ausbeutung. Ein anderes englisches Wort fürs Handwerk ist Craft. Da liegt es nahe, dass wir bald alle Artisan-Weißbier trinken, wenn uns das Craftbier nicht mehr schmeckt. Ob das dem Bierbrauer und Buchautor Oliver Wesseloh gefallen wird, weiß ich nicht. Mit dem Begriff Craftbier hat er jedenfalls Probleme, nicht nur in der besonders umstrittenen halbdeutschen Schreibweise, wie er in seinem Buch Bier leben – die neue Braukultur mitteilt. Allzu leicht ließe sich das Schlagwort von finsteren Mächten instrumentalisieren. Er meint damit Großbrauereien, die den griffigen Begriff als bloße Marketingfloskel ihrer industriegefertigten Plörre aufs Etikett stempeln, um dann genüsslich den Preis zu erhöhen. Dabei ist es noch viel schlimmer gekommen: Längst wurde in Supermärkten Craft-Kaffee und Craft-Eistee in der Kunststoffflasche gesichtet. Dennoch möchte mir Wesselohs Gegenvorschlag, das Ganze ‚Kreativbier‘ zu nennen, nicht recht munden. Seit die sogenannte Kreativbranche, also die meist deprimierend unkreative Werbeindustrie, das Wort kreativ gekapert hat, ist es eigentlich nur noch mit sarkastischen Anführungszeichen zu bekommen: „Siehst du diesen bärtigen Glatzkopf in Schwarz mit Hornbrille und Applewatch? Das ist bestimmt ein ‚Kreativer‘.“

Als das Craftbier in Deutschland ankam, war ich erst mal so angetan von der Sache an sich, dass meine Schutzmechanismen gegen blöde Ausdrücke völlig versagten. Mir doch egal, wie das heißt, Hauptsache es schmeckt. Nüchtern betrachtet ist Craftbier wirklich kein tolles Wort. Aber selbst ohne die Werbeassoziation scheint mir ‚Kreativbier‘ zu aufgesetzt. Es scheint außerdem das zu befördern, was am Craftbier irgendwann nervt: Die Jagd nach immer verrückteren Experimentalgebräuen. Hat man sich in seinem neuen Hobby erst mal die Hörner abgestoßen, möchte man zurück zum goldenen Handwerk. Lieber ein richtig gut gemachtes Pils als den nächsten Wasabi-Holunder-Doppelstout. Also einfach eindeutschen als Handwerksbier? Das klingt wieder nach Handwerker, wir werden ihn wohl nicht los. Trinken Handwerker denn überhaupt Craftbier? Vielleicht brauchen wir die Unterscheidung gar nicht und trinken einfach, was uns schmeckt.

Storytelling ist kein Stahltank

Um noch einmal auf den Kunstmaler zurückzukommen (gottlob ohne uns vom Bier zu entfernen), der ganz alleine Künstler sein wollte. Ich bekam eine Ahnung, wie er sich fühlte, als ich Folgendes in einer Bierfachzeitschrift lesen musste:

„Dort Stahltanks zu lagern, wäre schönes Storytelling“, sagt der Brauerei-Chef.

Falsch. Storytelling wäre, zum Beispiel, das: Jemand denkt sich eine Geschichte aus, in der ausgedachte Figuren mit ausgedachten Konflikten konfrontiert werden, wobei die Konflikte im Verlauf der Geschichte aufgelöst werden oder auch nicht und die Figuren im Idealfall eine charakterliche Wandlung durchmachen. Das ist Storytelling. Ist es gut gelungen, ist es schönes Storytelling. Aber Stahltanks im Keller sind nur Metallgefäße im Tiefgeschoss, daran ändert selbst das verschwurbeltste Banaldeutsch der gedoptesten PR-Strategen nichts. Und das Fass davon, dass man statt ‚Storytelling‘ auch ‚Geschichtenerzählen‘ sagen könnte, wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst aufmachen.

Noch mehr kreatives Storytelling habe ich für dieses Craftbuch kuratiert:

Wundertüten gibt es immer wieder

Letztes Jahr (gucken Sie hier) spazierte ich am dritten von eigentlich nur zwei Verkaufstagen in die internationale Kinokuniya-Buchhandlung in Shinjuku und hatte noch freie Auswahl zwischen mehreren Variationen der beliebten Neujahrswundertüten, in denen japanische Händler traditionsgemäß zum Jahresauftakt Überraschungssonderangebote zu Schleuderpreisen raushauen. Mein Anfängerglück nicht als solches erkennend, meinte ich, die Gerüchte um die Begehrtheit dieser Tüten seien stark übertrieben.

Also ahnte ich nichts Böses, als ich in diesem Jahr am Nachmittag des Erstverkaufstages mit betonter Lässigkeit ins Geschäft schlenderte. Diesmal wollte ich mehr als eine Tüte. Zwar habe ich von den Büchern aus der von vor einem Jahr bislang nur eines gelesen, aber darauf kommt es ja nun wirklich nicht an. Leider wird nur ein Beutel pro Nase ausgegeben. Deshalb hatte ich meiner Frau 2020 Yen zugesteckt und sie instruiert, sich ganz normal zu verhalten. Im Nullkommanichts würden wir den Laden mit zwei sogenannten Lucky Bags verlassen haben, und niemand müsse je erfahren, dass beide für mich bestimmt sind.

Doch, Schockschwerenot, auf dem Wundertütentisch standen nur noch die Ausverkauft-Schilder. Auf Anfrage versicherte man uns, dass es am nächsten Tag eine weitere Chance gäbe, wir uns allerdings gefälligst recht früh, also vor Ladenöffnung, vor dem Haupteingang im Erdgeschoss einfinden sollten, so uns die Sache wichtig wäre. Abkürzungen über andere Zugänge seien nicht erlaubt.

Wir fügten uns. Als wir um zehn vor zehn ankamen, warteten bereits ungefähr 20 andere auf ihr Glück.

Zuerst war alles sehr zivilisiert, wir Büchermenschen sind schließlich sanft und großmütig. Wir gönnen allen alles. Als sich aber nach dem Einlass die Fahrstuhltür schloss und einige Ansteher untransportiert zurückblieben, machte sich eine gewisse Unruhe breit. Auch bei mir, denn ich war ein Betroffener. Als ein Ordner den Tipp gab, dass es über die Rolltreppe schneller gehen könnte, rannten wir los. Mein Frau flehte mich an, ohne sie voranzupreschen, sie sorge sich um das Wohl des Kindes in unserer Begleitung. Doch ich zerrte beide mit. Entweder wir teilten den Triumph, oder wir gingen gemeinsam leer aus.

Fünf Stockwerke Möbelhaus rauschten an uns vorbei, was schon ein wenig wehmütig machte. Das war alles mal Buchladen, dachte ich. Die jungen Leute wissen’s gar nicht mehr. Inzwischen ist nur noch das internationale Stockwerk übriggeblieben. Das ist ja auch die Hauptsache. Aber trotzdem.

Schluss mit dem sentimentalen Gewäsch; wir konnten unsere Schnäppchen abgreifen. Ich eine Tüte ‚Literature‘, meine Frau eine Tüte ‚Japanese Literature‘ und meine Tochter eine Tüte ‚Children’s & YA‘. Perfekt durchdacht, ich weiß. „Die ist schwer!“, beklagte sich Hana auf dem Weg zur Kasse. Ich versicherte ihr, dass sie in ungefähr zehn Jahren an den Büchern in ihrer Tüte viel Freude haben würde. Solche Argumente sind Musik in den Ohren Fünfjähriger.

Als wir nach unserer Transaktion das Geschäft verließen, war nur noch ein einziger Beutel am Platz, aus der Kategorie ‚Self-Help‘. Ich hätte die unentschlossene Kundschaft gerne pfiffig aufgefordert: “Please, help yourself!“ Aber ich war zu schüchtern.

Kommen wir nun zur Auswertung.

Die größte Überraschung an der Überraschungstüte für Kinder und Jugendliche ist, dass lediglich ein Kinderbuch dabei ist, und auch das ist eher eins für ältere Vertreter der Gattung als wir eines daheim haben. In erster Linie war die Anschaffung eh für mich gedacht, nicht zuletzt aus Gründen der Marktanalyse.

Anstatt hier über den Lesespaß zu spekulieren, der mich zwischen den Deckeln genau dieser Bücher erwartet, möchte ich gerne etwas Allgemeines loswerden, was mir schon lange unter den Nägeln brennt (Blog-style, quasi): Ich verstehe die Attraktivität der Young-Adult-Kategorie für ihre Zielgruppe nicht. Es geht mir nicht um die Qualität der ihr zugeordneten Werke, da sind immer wieder dolle Dinger drunter, sondern um das Label als solches, also die Kategorisierung ‚Young Adult‘ als Marketing-Werkzeug. Bei mir war das so: Als ich ein Kind war, las ich Kinderbücher. Als ich mich dafür zu alt fühlte, griff ich zu Erwachsenenbüchern. Mit Lust und Genuss, oft heimlich. Eine Kompromisslösung hätte mich nicht interessiert. Hätte mir ein Buchvermarkter angeboten: „Ey, Alter, ich hab hier einen Mega-Lese-Hammer speziell für Kids wie dich: etwas für ‚junge Erwachsene‘, zwinker, zwinker!“, dann hätte ich genau um dieses Buch den größten aller denkbaren Bögen gemacht.

Sicherlich, Young-Adult-Titel gab es schon zu meiner Zeit. Sie hießen Jugendbücher, und ich möchte meine Argumentation keineswegs auf die billige Klage reduzieren, dass heute alles englisch heißt (obwohlistdochwahr). Der wesentliche Unterschied ist, dass Jugendbücher damals nicht von Jugendlichen gekauft wurden, sondern von ratlosen Eltern, Onkeln und Tanten. Jugendliche selbst ließen sich nicht vorschreiben, was für sie geschrieben wurde. Die heutigen Young Adults scheinen da beratungsaffiner zu sein. Doch ich möchte ebenfalls nicht das Klagelied anstimmen, die jungen Erwachsenen von heute seien so anders als die alten Kinder von früher. Ist zwar in der Sache richtig, allerdings kaum ein Grund zur Klage, denn anders muss ja nicht schlechter sein. Will nur sagen: Ich steck da nicht drin.

Ein ähnliches Problem habe ich übrigens mit dem japanischen Konzept der ‚Light Novel‘. Als schwerer Leser habe ich da immer Angst, ich würde nicht satt. Doch wenden wir uns der nächsten Tüte zu:

Jeder hat My Absolute Darling und Normal People schon gelesen und auf seine Jahresbestenliste gepackt, nur ich nicht. Ich freue mich, das bald nachzuholen. Lullaby scheint was Wüstes zu sein. Mal gucken, ob mich irgendwann mal eine wüste Stimmung überkommt. Das legt sich ja etwas mit dem Alter. Ich könnte mir vorstellen, dass ich genau dieses Buch gerne als ‚junger Erwachsener‘ gelesen hätte. Und nicht irgendwas mit Glitzercover und dystopischen Paralleluniversen.

All the Birds in the Sky habe ich bereits als E-Buch, doch, ach, es hat mir nicht gefallen. Die Geschichte um einen Zeitmaschinentüftler und eine Hexe war süß, so lange sie noch klein waren. Als sie sich jedoch zu erwachsenen Hipster-Kotzbrocken entwickelt hatten, sah ich keine Veranlassung mehr, weiterzulesen.

Außerdem zwei, die nach Historienschmökern aussehen. Da bleibe ich Snob, ich kann mir nicht helfen. Die werden wohl 1A-fabrikneu bleiben.

Weiter, japanisch (auf Englisch):

Asleep von Banana Yoshimoto habe ich jetzt dreifach. Schon auf Englisch gehabt, dann versehentlich noch mal deutsch gekauft, oder umgekehrt. Macht nichts, manche Bücher kann man ja mehrmals lesen. Den Murakami habe ich bereits in einer unvorteilhaften alten Ausgabe, die für den japanischen Englischunterricht gedacht war. Inzwischen vielleicht was wert. Könnte ich sie nur finden. Lese ich gerne noch mal in schönerer Übersetzung und ansprechenderer Aufmachung. Momentan befinde ich mich allerdings in einer Murakami-Pause von unbestimmter Dauer.

Von Kawabata und Soseki habe ich selbstverständlich bereits einige der Greatest Hits gelesen, allerdings kaum so viele, wie ich manchmal behaupte. Das kann ich nun korrigieren.

Sweet Bean Paste sagt mir nichts. Meine Frau meint, das gäbe es auch als Film. Das muss ja nicht gegen das Buch sprechen.

Von Yasutaka Tsutsui habe ich einige Bücher gelesen, und von The Girl Who Leapt Through Time einige Verfilmung gesehen. Ich habe aber noch nie das Buch The Girl Who Leapt Through Time von Yasutaka Tsutsui gelesen. Da schließt sich ein Kreis. Dann noch ein Buch mit Gedichten, es werden schon nicht alle schlecht sein. Der Neujahrswundertütengewinner 2020: japanische Literatur.

2019 war für mich kein gutes Lesejahr. Vieles begonnen, wenig beendet. Es lag nicht immer an den Büchern, es lag auch manchmal an mir. Dieses Jahr wird besser, das spüre ich. Dieses Jahr sage ich: Bücher sind die neuen Videospiele.