Wider ein Leben mit dem Senfglas

Letztes Jahr um diese Zeit wollten wir mal was ganz Verrücktes und total Japanisches machen, also haben wir eine Beaujolais-Party gefeiert. Es sollte natürlich eine ironische Beaujolais-Party werden, denn wir wussten ja, dass Beaujolais nouveau total eklig ist. Wir wussten es freilich nicht aus eigener Erfahrung, sondern hatten unkritisch die Vorurteile übernommen, die in besseren Kreisen bei diesem Reizthema zum guten Ton gehören. Alle Welt macht sich lustig darüber, dass Japan den jungen Wein jedes Jahr in großen Mengen aufkauft, und die Franzosen, so hört man, sind froh, dass sie das Gesöff los sind. Doch was soll ich sagen? Uns hat es so gut geschmeckt, dass wir dieses Jahr schon wieder eine Beaujolais-Party gefeiert haben. Diesmal in echt, ohne Ironie. Die Kritik, Beaujolais nouveau schmecke wie Obstsaft mit Alkohol, ist zwar sachlich nachzuvollziehen. Ich verstehe nur nicht, wo darin die Kritik liegt. Obstsaft ist lecker, und Alkohol kann, gewissenhaft genossen, auch mal ganz lustig sein.

Die ungeprüften Vorurteile gegenüber Beaujolais erinnern mich an den strunzdummen Merlot-Hass, der kurz nach der mäßigen amerikanischen Kinoklamotte Sideways grassierte. In der Filmhandlung überredet der eine Tunichtgut den anderen Tunichtgut zu einer Doppelverabredung mit zwei Damen, woraufhin der nur bedingt überredete Tunichtgut die Bedingung stellt: „Aber wenn sie Merlot bestellen, gehen wir!“

Man nagele mich nicht auf die I-Tüpfelchen-Genauigkeit des Wortlauts fest, es ist eine Weile her. Es ist mir trotzdem sinngemäß hängengeblieben, weil es lustig ist.

Mehr ist es derweil nicht. Ein flotter Spruch einer ausgedachten Figur in einer ausgedachten Geschichte. Daraus muss man keine Konsequenzen für das eigene Leben ziehen. Und trotzdem behaupteten plötzlich Hinz und Kunz, etwas gegen Merlot zu haben. So ein Unsinn. Merlot. Darüber haben sich Hinz und Kunz vor Sideways nie irgendwelche Gedanken gemacht. Wozu denn auch. Ist halt eine Traube. Daraus gärt man Traubensaft mit Alkohol, der wird mal so, mal so, wie bei anderen Trauben auch. Behauptet jemand, Merlot ganz generell zu verachten, plappert er mit großer Wahrscheinlichkeit nur etwas nach, was mal ein abgehalfterter Alkoholiker in einer amerikanischen Komödie gesagt hat.

Mit Amerika und Wein ist das ja eh so eine Sache. Ich spreche nicht vom amerikanischen Wein, der ist mitunter ganz gut, sondern von der amerikanischen Weinetikette. Zumindest die, die man aus dem Fernsehen kennt. Fast niemand im amerikanischen Fernsehen weiß, wie man ein Weinglas hält. Nicht mal im Weißen Haus, inzwischen Pflichtschauplatz in so ziemlich jeder einigermaßen aktuellen US-Serie, weiß man das. Was glauben diese Menschen denn, wozu der Stiel am Glas da ist?

Schlimmste Sünderin ist Olivia Pope, Hauptfigur der Serie Scandal. Ein kurzer weinseliger Exkurs: Ich liebe diese Serie aus dem gleichen Grund, aus dem ich die Saw- und die Fast-&-Furious-Filme liebe: Wegen des völlig ungehemmten Storytellings. Wo ich schon entgegen meiner Überzeugung unnötigen Anglizismen Tür und Tor öffne (der Alkohol), packe ich gleich noch einen oben drauf und gebe dieser Storytelling-Technik einen vollmundigen Titel; und zwar nenne ich sie den ‚We make it up as we go along‘-Ansatz. Das gänzlich schamlose Verheddern und Voranpeitschen der Plots hat zur Folge, dass die Serien kaum noch etwas mit ihren ursprünglichen Konzepten zu tun haben, und das ist gut so. Fast & Furious wurde erst sehenswert, als man endlich aufhörte so zu tun, als ginge es in diesen Filmen um illegale Autorennen. Scandal ist schon lange keine episodenhafte Serie mehr über eine Gruppe von Rechtsexperten, die Woche für Woche einem anderen Klienten aus der Bredouille helfen, sondern ganz großes amerikanisches Theater, eine Art Mischung aus The Blacklist und House of Cards, nur auf Speed.

Saw handelt zugegebenermaßen immer noch von einem kranken alten Mann, der seine schlechte Laune an anderen auslässt. Allerdings wurde inzwischen durch das fröhliche Rückblendenbombardement der Fortsetzungen so vieles relativiert, dass an den ersten Filmen eigentlich gar nichts mehr stimmt. Saw und Fast & Furious sind so etwas wie der Beaujolais und der Merlot unter den amerikanischen Filmserien. Kritisiert werden sie meist von denen, die zu der Materie gar keinen nennenswerten Bezug haben.

Doch zurück zu Olivia Pope und ihrem Weinproblem. Ich habe die Figur von Anfang an nicht gemocht; sie ist weinerlich, selbstgerecht und opportunistisch. Ich bin begeistert, dass sie in der aktuellen, finalen Staffel endlich gewissenlos über die Leichen von Frauen, Kindern und Männern geht. Ich hoffe, es folgt keine überraschende Wendung mehr, die alles wieder relativiert. Jeder soll endlich sehen, was für ein Miststück sie wirklich ist und immer gewesen ist. Aber am meisten stört mich nach wie vor die Sache mit dem Weinglas.

Im amerikanischen Fernsehen gibt es nur eine einzige Figur, die fähig ist, ein Weinglas korrekt zu halten, und die ist ausgerechnet ein Serienmörder mit Migrationshintergrund.

Kein Wunder, dass die Serie eingestellt wurde in dem gerade wieder sehr serienkillerfeindlichen politischen Klima in den USA.

Denke ich an Wein, Amerika und Manieren, dann denke ich an Max Goldt, denn er hat zu all diesen Themen gearbeitet. Weil es Max Goldt sehr daran gelegen ist, nicht ständig als Benimmonkel missverstanden zu werden, hat er einmal sinngemäß geschrieben, das ganze Weinglasgewese sei ihm herzlich schnuppe, man könne Wein genauso gut aus Senfgläsern trinken (vielleicht schrieb er gar nicht: „Senfgläser“, sondern: „Limogläser“, aber ich finde Senfgläser lustiger). Ich widerspreche Max Goldt äußerst ungern, muss es gleichwohl in diesem Fall tun. Ein guter Wein gehört in ein gutes Glas, und das will gut gehalten werden. Nein, falsch. Ich korrigiere: Ein richtiger Wein gehört in ein richtiges Glas. Ob das nun ein Glas für zehn Mark oder hundert Euro ist, ist tatsächlich herzlich schnuppe. Ein Weinglas derweil sollte es schon sein. Wer Wein (oder überhaupt irgendetwas) aus Senfgläsern trinkt, geht vermutlich auch in Trainingsanzügen aus Ballonseide aus dem Haus. Geht alles, ist vermutlich genauso warm und bequem wie richtige Kleidung. Doch schuldet man es nicht nur den Augen anderer, sondern auch seinem eigenen Körper, ihn in einen geringfügig edleren Zwirn zu hüllen. Es muss nicht haute couture sein, ein mit Bedacht gewähltes Ensemble von C&A ist zur Wahrung der Menschenwürde völlig ausreichend. Nur eben eines aus der Damen- oder Herrenabteilung, nicht aus der Sportabteilung.

Als ich mich übrigens neulich in Ermangelung anderer großer Geister der muttersprachlichen Sachprosa noch einmal durchs bisherige Gesamtwerk Max Goldts querlas, stolperte ich dabei über zwei Ausdrücke: Bundeskanzler Gerhard Schröder und PDA. Hatte ich so lange nicht mehr gehört oder gelesen, dass ich im ersten Moment gar nichts damit anfangen konnte.

Wenn man schon Max Goldt zitiert, kann man auch gleich David Byrne zitieren, der gesagt haben soll, Tischmanieren seien etwas für Leute, die sonst nichts zu tun haben. Bei Byrne wie bei Goldt scheint mir die Ablehnung von Etikette zumindest zu Teilen eine Trotzreaktion auf die eigene Etepetete-Reputation. Dabei ist es bei Etepetete wie bei der Etikette: Zu viel ist doof, aber ein gewisses Mindestmaß sollte sein. Ohne bricht vielleicht nicht gleich die ganze Zivilisation zusammen. Doch ein bisschen bröckeln und wackeln wird sie schon.

Bei Etikette und Zivilisationsverlust fällt mir ein, dass Donald Trump neulich hier in Tokio zu Besuch war. Zu unserer Beaujolais-Party war er nicht eingeladen, dennoch waren wir betroffen, denn wir mussten wegen seines Sicherheitskonvoys erhebliche Umwege bei unserem sonntäglichen Spaziergang in Kauf nehmen. Das war sehr schön, bekam ich doch endlich mal all die verschiedenen Polizeiautos auf einem Haufen zu sehen, die ich sonst nur aus meinen Romanen kenne. Eine der großen Jubelschlagzeilen in der lokalen Presse war indes die, dass Präsident Trump sich in der Gegenwart Kaiser Akihitos nicht sonderlich danebenbenommen hatte.

Ich finde, man könnte bei Staatsmännern die Messlatte für Jubelschlagzeilen ruhig etwas höher hängen. Aber ich möchte auf keinen Fall als Benimmonkel missverstanden werden.

Mein Orientierungsjahr 2016: Abschließender Geschäftsbericht

Das Jahr 2016 scheint vor allem dafür bekannt, dass in seinem Verlauf, zumindest nach Augenmaß, überdurchschnittlich viele Personen des öffentlichen Lebens gestorben sind, die einem etwas bedeuten, so man in eine gewisse Altersspanne fällt. Abseits dieser Altersspanne wurde dieser Umstand mit weniger Wut, Trauer und Betroffenheit aufgenommen. In der Zeit (glaube ich) oder einer ihrer Ablegerpublikationen (könnte sein) erschien seinerzeit ein vieldiskutierter (meistens zurecht verlachter) Artikel eines Nachwuchsjournalisten, dessen Grundtenor war: Meine Freunde und ich kennen diesen Prince gar nicht, er kann also kaum so wichtig gewesen sein wie Justin Bieber oder Maximo Park. Jenseits des anderen Endes der Altersspanne wird, beispielsweise, „dieser Prince“ auch für, beispielsweise, meine Eltern kaum mehr gewesen sein als eine vage Erinnerung aus meinem Kinderzimmer. Vielleicht verwechselten sie ihn sogar mit „diesem Adam Ant“.

Offenen Auges müsste man zugeben, dass es 2016 durchaus wichtigere Nachrichten gab als tote Prominente, so sehr der eine oder andere Verlust tatsächlich schmerzte. Hat man allerdings gerade im fortgeschrittenen Alter einen Überseeumzug gestemmt, hat man zunächst gänzlich andere Prioritäten als die Sondierung der internationalen Nachrichtenlage. Da geht es um die Grundbedürfnisse des Menschen, die essenziellen Fragen, wie zum Beispiel: Werde ich ein Nudelrestaurant in meiner Nähe finden, in dem ich von nun an fast jeden Tag essen werde, und zwar fast jeden Tag dasselbe?

Ich habe meines gefunden, es sieht so aus:

Dort esse ich fast jeden Tag Mazesoba. Hier im Urzustand:

Dann so: maze, maze, maze.

Und dann essen, und dann war es wie immer gut.

Die Nudeln müssen mit Geld bezahlt werden. Nur ist das mit dem Geld so eine Sache, und zwar eine ungerechte. Mein Plan war es, das Nudelgeld mit dem Schreiben von Büchern und Zeitungs- beziehungsweise Zeitschriftenartikeln zu verdienen. Grob gerechnet bekommt man für drei oder vier Artikel in einigermaßen großen Publikationen (ein paar Tage Arbeit) so viel Geld wie für ein Buch in einem relativ kleinen Verlag (ein paar Monate Arbeit). Leider macht aber das Schreiben von Büchern mehr Spaß als das Schreiben von Artikeln (fürs Schreiben im eigenen Blog bekommt man übrigens gar kein Geld, so man keine unseriösen Reklameanzeigen nebenan haben mag). Zum Glück bin ich modern genug, mich eine Weile von meiner Frau aushalten zu lassen. Drum entschloss ich mich, in diesem Jahr rein nach Spaßprinzip zu schreiben. Also erstens Bücher, zweitens einfach so drauf los. Normalerweise misstraue ich Buchideen, bei denen sich nicht zumindest Anfang und Ende innerhalb von fünf Minuten von selbst offenbaren. Aber diesmal wollte ich so schreiben wie früher, als die Welt noch jung und die Zukunft ungeschrieben war und jeder Morgen nach frisch gemähtem Rasen und Aufbruch duftete. Deshalb habe ich nun einiges gänzlich Unerwartetes in der virtuellen Schublade, zum Beispiel:

  • Die ersten Worte einer interdimensionalen, ultrabrutalen, mechaerotischen Weltraumoper (also wahrscheinlich Jugendbuch).
  • Fragmente eines großstädtischen Quatschkopfromans, mit dem ich es in erster Linie auf den Ingeborg-Bachmann-Preis und/oder eine Verfilmung im Stile Woody Allens abgesehen habe.
  • Und natürlich – was soll man in Tokio auch anderes schreiben? – einen High-Concept-Entwurf für eine München-Moosach-Krimireihe.

Vielleicht sollte ich per Publikumsvotum entscheiden lassen, was ich davon ernsthaft weiterverfolge. Sollte es die Weltraumoper werden, müsste ich allerdings herausfinden, wie ich das Gesicht meiner Agentin verletzungsfrei wieder aus ihren Handflächen entfernen kann.

Nicht aufgeführt sind übrigens die zweieinhalb Projekte, bei denen ich vorsichtig optimistisch davon ausgehe, dass sie bald tatsächliche Spruchreife erlangen, ebenso wie die zwei vorläufig ausgereiften Projekte, die bereits hoffnungsfroh ihre Verlagsrunden drehen. Faul war ich also nicht, ich sah nur aus der Ferne so aus.

Sind die Nudelfragen geklärt und summt und brummt die Arbeitsroutine verlässlich vor sich hin, ist es auch im Neuen Leben an der Zeit, sich wieder für das Weltgeschehen zu interessieren. Schon früh hatte ich den Entschluss gefasst, mein Neues Leben solle langsamer und analoger werden – weniger postfaktisches Internet, mehr gedruckte Lügenpresse. Drum abonnierte ich sofort alles, was mir in die Quere kam und neuen Abonnenten einen Gratis-Jutebeutel versprach. Und kam bald mit der Lektüre nicht mehr hinterher.

Nun gibt es nichts Bekloppteres als den Spruch, nichts sei so alt wie die Zeitung von gestern. Wer nach Gesichtspunkten der Tagesaktualität Zeitung liest, bräuchte das wirklich nicht zu tun, da haben die Digitalhektiker ausnahmsweise recht. Qualitätsjournalismus lese ich auch gerne mal ein paar Tage oder eine Woche später. An den Weltereignissen ändert es ja nichts, ob ich sofort von ihnen erfahre oder erst nach allen anderen. Wenig ist mir so zuwider wie die polternde Beschwerde, diese oder jene Medien (im Zweifelsfall das deutsche Fernsehen) berichteten nicht schnell und live genug von den neuesten Gräueltaten. Informationsjunkies sind eben auch nur Junkies, zu beschönigen oder gar zu glorifizieren gibt es an diesem Zustand nichts.

(Wenn ich von mir ausgehe – und von wem sollte ich sonst ausgehen? – , dann glaube ich übrigens, dass die Fernsehnachrichten vor den Tageszeitungen aussterben werden. Zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sitzen und in eine bestimmte Richtung sehen zu müssen, um in vorgeschriebenen Tempi und starren Formaten informiert werden zu dürfen, erscheint mir schon heute absurd. Doch das nur am Rande.)

Dennoch: Wenn Entschleunigung in Überforderung umschlägt, muss eingeschritten werden. Es geht nicht an, dass hier noch ungelesene Zeitungen von vorm Nikolaus liegen. So habe ich gleich meinen ersten Vorsatz fürs Neue Jahr: Mindestens die Hälfte meiner Abonnements wieder abbestellen. (Das wird wohl auch dich betreffen, lieber New Yorker. Es liegt nicht an dir, es liegt an mir. Deine Cartoons sind zwar so überschätzt wie die Interviews im Playboy, aber deine längeren Artikel habe ich stets gern gelesen. Beziehungsweise lesen wollen, wenn ich die Zeit gehabt hätte. Habe ich jedoch nicht. Nicht jede Woche. Wenn du dich zu einem monatlichen oder quartalsweisen Erscheinungsturnus entscheiden könntest, würde ich es mir noch mal überlegen. Was ich eigentlich sagen wollte: Den Abonnenten-Jutebeutel, der mir vertraglich zusteht, möchte ich trotzdem noch haben. Alle anderen Zeitschriften haben mir den Abonnenten-Jutebeutel unaufgefordert zugeschickt. Also bitte zack-zack.)

Für die wirklich wichtigen Nachrichten müssen wir heuer selbstverständlich einen bangen Blick nach Amerika werfen: Rogue One. Oft hörte ich die Einschätzung: Erst gähn, dann geil. Mir ginge es, falls ich mich überhaupt jetzt schon zu derlei extremen Urteilen hinreißen lassen müsste, eher umgekehrt. Eigentlich geht es mir hier aber gar nicht um die Qualität des Films, die kann man bei einem emotional so komplexen Lebensaspekt wie Krieg der Sterne ohnehin frühestens nach vier oder fünf Durchläufen vorläufig abschließend beurteilen, sondern darum: Es scheint, als war 2016 das Jahr, in dem Krieg-der-Sterne-Filme ganz normal geworden sind. Schon weiterhin Eventereignisfilme, auf die man sich flatternden Herzens freut. Doch flattert es nicht mehr gar so stark, dass man vorher nächtelang nicht schlafen kann (anders also als letztes Jahr noch). Seit Disney dankenswerterweise das ganze Unternehmen übernommen hat, ist bekannt, dass es fortan jährlich einen neuen Krieg-der-Sterne-Film geben wird. Wenn nicht Episode-Irgendwas, so doch irgendein Spinoff-Prequel-Oneshot-Standalone-Crossover-Hastenichgesehn-Dingsbums. Ein Film pro Jahr ist noch kein Overkill, hatte ich gedacht, und das ist es auch nicht. Nichtsdestotrotz bemerke ich bereits einen starken Gewöhnungseffekt und hoffe, dass es nicht soweit kommen wird wie bei den Superheldenfilmen, die ich nun immer häufiger auslasse (letzter ausgelassener war der letzte Gruppe-X-Film, nächster wird der nächste Guardians of the Galaxy). Das wäre schade, denn meine Familie gibt mir nur zu Krieg-der-Sterne- und Godzilla-Filmen frei.

Den letzten Godzilla-Film kann ich leider nicht beurteilen, weil ich leichtsinnig vor dem Film ein Bier getrunken hatte und dann im Kino eingeschlafen bin. Das ist jetzt so das Alter, und das wird im nächsten Jahr bestimmt nicht besser.

Von dem Missverständnis, Fernsehen sei das neue Lesen; und von dem Irrtum, Internet sei das neue Fernsehen [nach kräftigem Durchatmen und einem langen, heißen Wohlfühlbad stark gekürzte Version]

Seit geraumer Zeit hört man es nun aus dem Blätterwald rauschen (ich nenne ihn noch immer so, weil Pixelwald so doof klingt): „Diese modernen, anspruchsvollen amerikanischen Fernsehserien, die sind … die sind …, mein lieber Scholli, die sind … DER NEUE ROMAN!“

Schon lange war mir angesichts dieser Unsinnsbehauptung nach einem #Aufschrei, aber ich halte halt nichts von Gebrüll. Doch jetzt kann ich nicht länger schweigen. Der letzte Tropfen für das Fass in meinem Kopf war eine Liste in einer Unsinnszeitung, welche die tollsten Schmöker für den Sommer benannte. Darunter auch der New-York-Schmöker City on Fire von Garth Risk Hallberg. Viel wurde über dieses Buch geschrieben, in 46 Sprachen und mehr. Und das höchste Lob, das dem Listenmacher in der Unsinnszeitung dazu einfiel, war, dass der Roman ihn irgendwie an eine HBO-Serie erinnere.

(Mal eben am Rande: Wann ist dieser vom Film schon länger bekannte Schwachsinn, englische Titel nicht mehr mitzuübersetzen, eigentlich im großen Stil auf den Buchmarkt übergeschwappt? Girl on a Train? Oder schon bei About a Boy? Gone Girl? Werden vor allem Titel von Girl-Books nicht mehr translated? Und werden bald auch spanische, chinesische, isländische Titel nicht mehr übersetzt? Oder gleich ins Englische, wie bei Filmtiteln längst Usus?)

Ich habe das City-on-Fire-Buch wohlgemerkt nicht gelesen, ich werde das vielleicht in fünf Jahren nachholen. Man hört ja nicht nur Gutes. Bei stark gehypeten Büchern, die mir irgendwie verdächtig vorkommen, wende ich seit einiger Zeit die 5-Jahre-Regel an: Wenn man in fünf Jahren noch vom Buch spricht, versuche ich es mal. Mir ist meine Zeit auf Erden zu kostbar, um sie mit jedem x-beliebigen Sommerschmöker totzuschlagen. Ich kannte mal einen, der lebte in der ständigen Angst, versehentlich mal ein Buch zu lesen, das nicht Epoche macht. Der las sicherheitshalber nur Bücher von Autoren, die schon seit mehreren Jahrzehnten tot waren. So lange kann ich häufig nicht warten. Manche Schriftsteller leben ja auch gegen alle Klischees recht gesund. Und selbst wenn welche doch standesgemäß leben (eine Flasche Rotwein statt Frühstück, und danach wird gesoffen), scheinen Schriftsteller eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung zu haben, so nicht gerade etwas Dramatisches dazwischenkommt. Liegt vielleicht daran, dass ihrem Berufsalltag die Aspekte abgehen, die in den Alltagen anderer Berufe Magengeschwüre und Schlimmeres verursachen.

Mir geht es also nicht um dieses spezielle Buch, sondern um die Traurigkeit des genannten Komplimentes, das, glaube ich, symptomatisch ist: Da hat jemand, wenn er Literatur gegenübersteht, keinen anderen Referenzrahmen als die DVD-Komplettboxen in seinem Ikea-Regal. Und der fühlt sich dabei wahrscheinlich auch noch clever und modern. Man muss ihm und seinen Kumpels im Geiste leider sagen: Wer findet, dass Fernsehserien und Romane vergleichbar oder gar austauschbar seien, versteht weder etwas vom einen, noch vom anderen. Der hat keine Ahnung, dass es in der Literatur nicht nur um Storys geht, sondern auch um Sprache, unter anderem. Und dass es in Romanen Sprache nicht nur in Dialogen gibt. Wer nur liest, weil er sich vom Plot peitschen lässt, der darf sich gerne vom Roman abwenden, denn er hat eh vergebens gelesen. Der Plot ist das banalste Element eines guten Romans. Die blinde Plothysterie ist übrigens auch schuld daran, dass viele junge und greise Menschen nur noch so über Erzählungen sprechen können:

„James Bonds neuer Auftrag führt ihn in die Karibik.“
„Ey, hättest du nicht Spoiler-Warnung sagen können?!?!?!“

Gute Literatur ist nicht an Plot-Twists gelegen, sondern an überzeugenden Figuren und wertigen Themen. Figurenentwicklung ist etwas, das in Fernsehserien nicht stattfindet, gerade in offiziell anspruchsvollen nicht. Tony Soprano ist in der letzten Folge derselbe wie in der ersten. Er und andere seines Schlages mögen zwischendurch mal aus der Rolle ausbrechen. Doch sie alle haben einen Reset-Knopf, der jedes Mal gedrückt wird, bevor die Zuschauer Gefahr laufen, sich mit etwas neuem auseinandersetzen zu müssen. Die einzige nennenswerte Ausnahme scheint mir Buffy im Bann der Dämonen. Bis zum Ende der Serie hat wirklich fast jede Figur mindestens eine entscheidende Wandlung mit bleibenden Resultaten durchgemacht. Das scheint mir das Erstaunlichste an dieser ohnehin sehr erstaunlichen Serie. Viel erstaunlicher als die sonst gern positiv hervorgehobenen flotten Sprüche äh geistreichen Dialoge oder die gelegentlichen erzählerischen Experimente.

Fernsehserien stellen also keine Gefährdung für den Roman dar. Für den Kinofilm sind sie es, entgegen beliebter Zeitgeistmeinungen, ebenfalls nicht. Selbst wenn ihre Anmutung ein wenig ‚filmischer‘ geworden ist, fühlt sie sich nach wie vor in erster Linie dem Innenraum und der Großaufnahme verpflichtet. Das verdeutlicht ein langfristiger Selbstversuch in meinem Haushalt. Nach der Geburt des Kindes sahen seine Mutter und ich eine gescheite Weile lang ausschließlich einzelne Fernsehserienfolgen, weil uns für Längeres mal die Zeit, mal die Wachsamkeit fehlte. Als wir uns eines Abends doch mal wieder für einen fürs Kino produzierten Spielfilm entschieden hatten, war es eine ästhetische Offenbarung. Fernsehserien sind heute visuell bestimmt interessanter, als sie es vor 40 Jahren freitags um 20 Uhr 15 im ZDF waren. Deshalb war der empfundene Unterschied zwischen Fernsehen und Film keineswegs so, als würde man nach Jahren in der Besenkammer endlich auf ein großes, freies Feld treten. Gleichwohl war es so, als trete man nach Monaten im Wohnzimmer endlich mal wieder hinaus auf die Straße mit all ihren Möglichkeiten. Wir hingen als Fernsehenthusiasten ja selbst dem Irrglauben an, dass Fernseh- oder Kinoproduktion heute schauwertig keinen großen Unterschied mehr macht. Der Unterschied ist allerdings nach wie vor gewaltig genug. Wer es nicht glaubt, kann den Test mit einfachen Mitteln zu Hause selbst durchführen. Erst mal ein Kind machen (notfalls adoptieren, es muss aber so klein wie möglich sein), der Rest ergibt sich von alleine.

„Aber die Geschichten! Die Geschichten, vertrackt und trickreich über mehrere Staffeln erzählt, die sind doch viel komplexer als in Spielfilmen!“ Nein, sind sie nicht. Serien dehnen, verdünnen und repetieren ihre Geschichten lediglich so lange, bis der Einstellungsbescheid kommt. Dann muss plötzlich alles ganz schnell sinnvoll zu Ende gehen. Das tut es in den seltensten Fällen, weil Geschichten Fernsehautoren eben nicht so wichtig sind, wie ihnen oft von wohlmeinenden (und nicht sehr aufmerksamen) Zuschauern unterstellt wird. Heute rümpft man gern die Nase über Opas wöchentliche Fernsehserie, in denen verlässlich in 45 Minuten ein Mörder gefasst, ein Monster getötet, ein Konflikt gelöst wurde, und nächste Woche dann wieder von vorne. Tatsächlich ist diese Form des Geschichtenerzählens weitaus anspruchsvoller als das unverbindliche Strecken und Verstricken von Handlungssträngen, bis ohnehin jeder die Übersicht über jedes einzelne Detail verloren hat. In Opas Fernsehen musste jede Woche aufs Neue eine Geschichte mit Hand und Fuß erzählt werden, und die musste glaubhaft machen, dass es sich nicht um denselben Mörder, dasselbe Monster, denselben Konflikt wie letzte Woche handelte. Wer etwas von Literatur versteht (also anders als der gemeine Fernsehkritiker oder Sommerschmökerlistenanleger), der weiß, dass die Kurzgeschichte die Königsdisziplin ist. Roman kann jeder. Ein Roman darf mal durchhängen, sich vorübergehend verlaufen. Die Kurzgeschichte hingegen kann sich keine einzige Schwachstelle, kein falsches Wort leisten. Zugegeben, der Vergleich hinkt ein wenig, denn Literatur und Fernsehen sind ja eben nicht dasselbe, wie ich schon sagte, dumdidum.

Am liebsten ist mir heute das offiziell mittelmäßige Fernsehen. Also Serien mit maskierten und kostümierten Protagonisten, die man bei entsprechender Sozialisation aus Comicheften kennt. Ich würde gerne mehr Comics lesen, doch geht es nicht. Ich habe es verlernt, Bild und Text gleichzeitig die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken, und das sollte der ernsthafte Comicleser schon tun. Ich weiß nicht, ob ich ein neues Gehirn oder eine neue Brille brauche, irgendwas funktioniert da jedenfalls nicht mehr richtig. Film und Fernsehen sind zum Glück weniger anspruchsvolle Medien als das Comicheft. Sie sind so leicht konsumierbar, dass sogar ich es schaffe. Beim offiziell anspruchsvollen Fernsehen war schon seit Jahren nichts mehr dabei, was mich ähnlich dauerhaft bei der Stange halten konnte wie Grüner Pfeil und Roter Blitz und alle ihre Freunde.

Von Gotham allerdings musste ich mich relativ schweren Herzens trennen. Es stellte sich heraus, dass ich unnötig explizite Gewaltdarstellung (nicht zu verwechseln mit notwendig expliziter Gewaltdarstellung) und hysterisches Dauerfeixen nicht mehr so leichtfertig verknuse wie mit 16. Wer konnte das ahnen? Da bleibe ich lieber beim Original aus den 60ern. Genauso albern, aber weniger zynisch.

Mir ist bewusst, dass die genannten Serien keine große Kunst sind. Doch sind sie goldenes Handwerk, und das ist nicht nichts. Handwerk kann nur dann wirklich golden sein, wenn es mit Liebe verrichtet wird, und Liebe ist doch schön. Im Zweifel ist mir ein mit Liebe geschaffenes Werk lieber als ein mit kühlem Intellekt berechnetes. Im Idealfall natürlich gerne beides auf einmal. Aber wann bekommt man im Leben schon den Idealfall?

Mit dem, was die anderen Kinder in letzter Zeit offiziell anspruchsvoll fanden, hatte ich, wie gesagt, so meine Probleme. Breaking Bad habe ich ausgelassen, weil ich Drogenhändler so doof finde. Game of Thrones hätte ich vor dem Sehen gern gelesen, und die fünfjährige Probezeit hat das erste Buch der Reihe ja auch bestanden. Dann allerdings fängt man an zu lesen, und die Leute und Ortschaften haben alle so komische Namen, dass man sofort wieder 14 Jahre alt ist und im Rollenspielkeller sitzt und denkt: Mist – Paladin der siebzehnten Stufe, aber Mathe nicht gemacht. Hoffentlich lässt Nicky mich abschreiben. So was kann ich nicht lesen, da bekomme ich Beklemmungen. Es liegt nicht am Stoff, es liegt an mir.

Egal ob herrlich mittelmäßig oder aufdringlich anspruchsvoll – das beste Fernsehen wird heute von Fernsehsendern produziert. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt. Eine ähnlich oft gehörte Unsinnsbehauptung wie die, dass das Fernsehen der neue Roman sei, ist die, dass Opas Fernsehsender einpacken können, weil die besten Serien jetzt von Internetfirmen produziert würden. Ich weiß nicht von welchen, in meinem Internet laufen sie wohl nicht. Dass, was ich da an Streaming-Produktionen sehe, kann für richtiges Fernsehen keine Konkurrenz sein. Die unsympathischen und langweiligen Menschen von Transparent hätte ich gerne nach zehn Minuten ausgeschaltet, aber meine Frau fand, wir sollten ihnen zwanzig geben. Die ersten drei Minuten von Lady Dynamite gehören zum unlustigsten, unoriginellsten, stümperhaftesten, hochnotpeinlichsten, was ich jemals gesehen habe. Da ich es zu meinem und ihrem Glück ohne meine geduldige Frau gesehen habe, kann ich den Rest nicht beurteilen. Daredevil und Bosch … ach, wer bin ich denn, dass ich jetzt jede nichtsehenswerte Fernsehserienimitation aus dem Internet mit Gift und Galle aufwerte? Die einzige, die ich dauerhaft gerne sehe, ist House of Cards. Und das liegt nun nicht daran, dass sie so atemraubend und anspruchsvoll wäre, sondern dass sie so ein angenehmes Hintergrundsummen für den Feierabend macht. Es passieren ungefähr zwei aufregende Dinge pro Staffel, das reicht. Das Leben ist schon aufregend genug.

Selbstverständlich warte ich noch nicht sehnsuchtsvoll auf die nächste Staffel von House of Cards, denn ich bin mit der letzten längst nicht durch. Das sogenannte Koma-Gucken (dt.: Binge-Watching) ist in meinem Haushalt streng untersagt. Mehr als eine Folge pro Tag ist nicht gut für die Konzentration, und eine ungeheure Respektlosigkeit gegenüber denen, die sich viel Mühe gegeben haben, jede Folge so schön wie möglich hinzukriegen.

So, was habe ich noch auf dem Zettel?

Aha, irgendwas mit E-Books, und etwas über die Popeligkeit des demonstrativen Garnichtfernsehens. Das lass ich jetzt mal weg, Sie haben ja bestimmt auch noch was vor.

Endlich: Ip Man gegen Ninja

Es ist jetzt schon so lange her, dass ich eine Scheibe nur für mich allein in den heimischen Blu-ray-Player legen konnte, dass ich befürchtete, als ich es neulich doch einmal wieder tat, ich könnte ungefähr so eine Botschaft auf dem Bildschirm angezeigt bekommen:

Warning: There was a problem with your disc. This is not a Biene Maja disc. Are you sure you want to continue? [Yes] [No] [Hü-hüpf]

Der Film, den ich mir anstatt Willi zieht aus oder Knacks im Schneckenhaus an meinem freien Vormittag gönnen wollte, war Ip Man 3. Natürlich nicht den ganzen Film auf einmal, so frei sind meine freien Vormittage nun wieder auch nicht, irgendwann muss ich schließlich diese blöden Bücher schreiben, so lautet die Abmachung. Mein Plan war: Eine Hälfte jetzt, wo die Familie aus dem Haus ist, eine Hälfte später, wenn die Familie im Bett ist. So muss niemand etwas davon mitbekommen, dass ich noch immer einen freien Willen habe, ahahaha!

Nur für die, die sich nicht gewohnheitsmäßig mit Kung-Fu-Legendenbildung und Kung-Fu-Kino auseinandersetzen: Ip Man war ein chinesischer Kung-Fu-Meister, der heute vor allem als Lehrer von Bruce Lee bekannt ist. In den letzten Jahren vermehrt Gegenstand von Spielfilmen, die drei mit Kampfkunstkinosuperstar Donnie Yen sind darunter die beim einfachen Volk beliebtesten, wenn auch nicht die künstlerisch gelungensten.

In der Nacht nach dem freien Vormittag dann allerdings, als die Möglichkeit gekommen war, den Film unbemerkt fortzusetzen, dachte ich plötzlich: Ach, ich würde jetzt lieber etwas weniger Primitives und Blödsinniges als Ip Man 3 sehen. Also habe ich mir Ninja III: The Domination angesehen.

Die Handlung dürfte bekannt sein: Christie ist Telekommunikationsentstörungstechnikerin bei Tag, Aerobic-Trainerin bei Nacht, und nach Bestrahlung durch einen Telespielautomaten wird sie vom Geist eines echten Ninja besessen (basierend auf einer wahren Begebenheit).

Nur für alle, die nicht wissen, was ein echter Ninja ist: Franco Nero ist ein echter Ninja.

Ninja III: The Domination ist so faszinierend, dass ich, anders als geplant, nicht nur kurz vorm Schlafengehen reinschaute, sondern gleich den ganzen Film durchnahm. Das hatte natürlich Konsequenzen, zum Beispiel konnte ich am nächsten Morgen um fünf nicht mit voller Konzentration Biene Maja sehen. Wie schön, dass ich die Folge Der Schmetterlingsball schon ungefähr 487 Mal in den vergangenen Tagen gesehen hatte (Lieblingsfolge meiner Tochter, wegen: „Flap-flap!“).

Ninja III: The Domination ist außerdem so absurd, dass man erst mal gar keine Meinung dazu haben kann. Im Gegensatz zu Ip Man 3, der so absurd ist, dass man dazu schon eine Meinung hat, bevor der Film halb rum ist.

Bei Ninja III: The Domination handelt es sich um eine Produktion der Cannon-Studios, die ihre bedeutendsten Werke in den 1980ern schufen, vor allem in den Bereichen des Ninja- und Lambada-Films. Obgleich ich von Alters Wegen genau in die Generation Cannon passe, habe ich mich erst in den letzten Jahren ausführlicher mit ihrem Oeuvre befasst, im Zuge meiner phantomnostalgischen Lebensphase (nostalgische Gefühle für etwas, das eigentlich gar kein Teil der eigenen Biografie ist, siehe hier, irgendwo unten, glaube ich) und bestärkt durch die großartige, großartige, großartige (sagte ich schon: großartige?) Dokumentation Electric Boogalooo.

Als Teenager war ich zu qualitätsbewusst und hatte von Cannon nur die ganz großen Tentpole-Flagship-Milestone-Event-Blockbuster wie Masters of the Universe mitgenommen.

Die gingen meist finanziell in die Hose, ganz anders als die preiswerteren Ninja- und Modetanzfilme des Studios. Mit Ninja III: The Domination ist Cannon eine kongeniale Quasi-Symbiose seiner Kernkompetenzgenres gelungen.

Die Ip-Man-Filme mit Donnie Yen waren von Anfang an eine ideologisch fragwürdige Angelegenheit. Ihre latente Fremdenskepsis konnte im ersten Film noch schöngeredet werden, schließlich spielte er in den 1940ern, und die Fremden waren die Japaner, und die waren ja nun wirklich die Bösen. Im zweiten Teil wird das Feindbild mit Hongkongs britischen Kolonisten schon etwas verzerrter, aber mit viel gutem Willen kann man die finale ‚Können wir uns nicht einfach alle vertragen?‘-Ansprache mildernd anrechnen. Ip Man 3 überspannt den Bogen deutlich. Alle Ausländer sind hinterhältig und gemein, manche obendrein noch dumm und feige, werden unwidersprochen als „fremde Teufel“ bezeichnet, die es zu vertreiben gelte. Mir ist durchaus bewusst, dass ‚fremde Teufel‘ ein geflügelter Ausdruck im Chinesischen ist. Wenn er allerdings in einem Film aus dem 21. Jahrhundert fällt und die gute und weise Hauptfigur dazu nur zustimmend lächelt, dann ist das arg fahrlässig, selbst wenn der Film im finsteren 20. Jahrhundert spielt. Ich muss mich korrigieren: Das ist nicht fahrlässig, das ist mutwillig und kalkuliert. Dieser Film-Ip-Man soll der überlebensgroße Volksheld werden, der alle Chinesen heim ins Reich holt.

Viele Anhänger des Hongkong-Kinos sehen die Annäherung der Volksrepublik an die Sonderverwaltungszone eher als Fluch denn als Segen. Sie befürchten staatliche Zensur oder zumindest den vorauseilenden Gehorsam vor potenzieller staatlicher Zensur genauso wie vor dem angenommenen Geschmack des Festlandpublikums (alles Reisbauern und Wanderarbeiter, die nur Furzwitze und 3D-Effekte verstehen). In meiner Sichtweise hingegen überwiegt das Segenreiche: die größeren Budgets, das größere Reservoire an Talenten, Themen und Orten. Etablierte Regisseure wie John Woo oder Johnnie To haben im Zeitalter der chinesisch-chinesischen Koproduktion kreativ eher zugelegt als nachgelassen. Sicherlich gibt es auch junge Talente, aber junges Kino verfolgt man in meinem Alter nicht mehr.

Gleichwohl möchte ich nicht leugnen, dass es ihn gibt, den gesamtchinesischen Parteipropagandakintopp, und Ip Man 3 ist das hässlichste Beispiel dafür (zumindest unter den Machwerken, die man außerhalb Chinas überhaupt zeigen kann, ohne von der ganzen Welt ausgelacht zu werden).

Nun gibt es selbstverständlich noch die Auffe-Fresse-Fraktion, die nölt: „Mönsch, das ist doch reine Unterhaltung! Hauptsache auffe Fresse!“ Wir wollen gar nicht wieder davon anfangen, dass es reine Unterhaltung nicht gibt, und dass die, die am vehementesten das Gegenteil behaupten, genau die sind, die man am genauesten beobachten sollte (oh, jetzt habe ich doch wieder davon angefangen). Leider hat Ip Man 3 keinerlei Ausweichqualitäten, auf die man sich konzentrieren könnte im Versuch, den Propagandaquatsch auszublenden. Als Biopic taugt keiner der Donnie-Yen-Filme, denn die sind in etwa so authentisch biografisch wie diese Romane, in denen Elvis Presley Kriminalfälle löst. Eine kompetente Würdigung von Ip Mans Wing-Chun-Stil findet schon gar nicht statt, hier wird eher Drahtseilakrobatik als Kampfsport geboten. Mich stört das nicht, aber Auffe-Fresse-Puristen haben damit häufig Probleme. Donnie Yen ist zweifelsohne und mit Recht der weltgrößte Martial-Arts-Star über 50 und unter 60. Aber seinen sportlichen Zenit hat er, völlig verständlich, deutlich überschritten. Er sollte sich schleunigst nach anderen Arten von Rollen umsehen (das Talent dafür hätte er), bevor er endet wie Jackie Chan oder Jet Li.

Und jetzt kommt der Hammer

Äh … ich muss Ihnen etwas sagen … meine ganze, etwas übereifrige Beschwerde bezieht sich nur auf die erste Hälfte des Films. Ich schrieb zu früh, ich war sehr aufgebracht, die Pferde sind mit mir durchgegangen. Inzwischen habe ich mir zuerst widerwillig, dann recht angetan den Rest des Films angesehen. Nach einer ersten Hälfte, die alles falsch macht, folgt eine zweite, die alles richtig macht (wenn auch nicht alles Falsche wiedergutmacht): charakterbetont, gefühlvoll (also schnulzig, das ist ja nichts Schlimmes, ist halt Kino) und ordentlich auffe Fresse. Die Story über die fremden Teufel, die den chinesischen Kindern (Kindern!) die Schule stehlen wollen (die Schule!) wird einfach sang- und klanglos abgebrochen (vielleicht der längste McGuffin der Welt). Danach geht es um die Krebserkrankung von Ip Mans Frau (eine sträflich vernachlässigte Figur in den ersten beiden Filmen) und, wie in jedem Martial-Arts-Film, um die Rivalität mit einem anderen Kung-Fu-Meister. In dessen Darsteller Max Zhang, der drolligerweise bereits eine ähnliche Rolle im überlegenen Ip-Man-Konkurrenzfilm The Grandmaster spielte, hätte übrigens Donnie Yen schon einen würdigen (wenn auch selbst nicht mehr ganz jungen) Nachfolger gefunden. Am schönsten und heftigsten auffe Fresse gibt’s von ihm. In echt hätte er wohl den Donnie windelweich vermöbelt, aber in der großchinesischen Filmwirtschaft hat man Respekt vorm Alter, so bleibt Ip Man siegreich.

Vom Vorwurf der rasenden Fremdenfeindlichkeit kann man den Film freilich nicht ganz freisprechen, nur weil sie in der zweiten Hälfte irgendwie vergessen wurde. Dennoch wird sie ein ganz klitzekleines bisschen abgemildert, wenn sich der ausländische Oberschurke (Mike Tyson natürlich) immerhin als halber Ehrenmann erweist, als er zu seinem Wort steht und sich nach fair verlorenem Kampf einfach so aus dem Film verzupft. Es ist nicht viel (Tysons Rolle ist ohnehin nicht viel, die Marketingkampagne ist eine Lügenmarketingkampagne), doch es ist ein Strohhalm, an den sich der Apologet, dem es sehr nach Auffe-Fresse durstet, notfalls klammern kann.

Eigentlich möchte ich nur richtigstellen: Es könnte sein, dass Ip Man 3 in mancher Hinsicht (nicht in jeder) doch ein besserer Film ist als Ninja III: The Domination. Ganz sicher bin ich mir aber nicht. Und die Beste bleibt natürlich Biene Maja.

Purple Rain mit Papa

Zwei Aspekte haben mich an vielen Nachrufen auf David Bowie sehr gestört. In nicht wenigen war die Behauptung zu lesen, mit ihm sei nun wirklich der Letzte der „ganz Großen“ gestorben. Gemeint war wohl der Letzte der ganz großen Rock- und Popstars, und damit gemeint war wohl der Letzte der ganz großen männlichen und weißen Rock- und Popstars. Ansonsten wären mir ganz spontan noch Prince und Madonna eingefallen, und weniger spontan wahrscheinlich noch weitere.

Nun bin ich inzwischen konservativ genug, um gelegentlich mit den Augen zu rollen, wenn reflexartig jeder Zeitungsmeldung Sexismus, Rassismus, Ageismus, Ableismus oder Shapismus angedichtet wird, so sie es auf 10 Zeilen nicht schafft, jeden Standpunkt der Welt zu berücksichtigen und jeden Menschen der Welt persönlich anzusprechen. (Sollte ich einen -ismus übersehen haben, entschuldige ich mich in aller Form, das hätte niemals passieren dürfen.) In diesem Fall fand ich die Ignoranz weiter Teile der Musik- und Tagespresse allerdings durchaus zum Ohrenschlackern, unter Umständen sogar zum Aufschreien. Nicht nur sexistisch und rassistisch, sondern auch noch stinkefaul und inkompetent, denn selbstverständlich haben auch etliche große weiße Männer Bowie überlebt. Irgendwo in einem Kornfeld steht Neil Young und sagt mit leisem, hellem Stimmchen: „Hallo?“ (Er meint natürlich: „Hallo? Und was ist mit Bob? Und Leonard? Und Bruce? Und so weiter?“)

Der zweite Aspekt, der mich an vielen Nachrufen störte, war die respektlose Verfehlung des Themas. Vermutlich denkt man als ewigjugendlich-rebellischer Musikjournalist: „Ach, sich nur von Station zu Station in Werk und Leben des Verstorbenen zu hangeln ist langweilig und boring. Ich erzähle lieber von mir, mir, mir, und wie viel mir, mir, mir dieser … äh … Dingsbums bedeutet hat.“ Das gehört sich nicht. So viel Respekt sollte man vor Verstorbenen schon haben, dass man sich selbst für einen kurzen Augenblick zurücknimmt und vom Verstorbenen erzählt, und nicht von den Postern im eigenen Jugendzimmer.

Gleichwohl werde ich es jetzt genau so machen, wenn ich einen vom Prince erzähle. Allerdings tue ich es in meinem eigenen kleinen, unbedeutenden Blog, und nicht im Hauptteil einer überregionalen Tageszeitung. Selig ist der, der den Unterschied kennt.

Zum ersten Mal nahm ich mit dem Lied, vielleicht in erster Linie mit dem Video, 1999 Notiz von Prince. Das Lied gefiel mir sehr gut, die Keyboarderinnen gefielen mir viel besser. Wie sie angezogen waren, wie sie sich bewegten, und wie sie guckten. Wie sie Keyboard spielten, konnte ich nicht beurteilen.

Das erste Prince-Album, das ich mir kaufte, war selbstverständlich Purple Rain. Den Film zum Album sah ich zusammen mit meinem Vater im Kino, was keine gute Idee war. Wir waren früher öfter zusammen ins Kino gegangen, Walt Disney und Bud Spencer, doch mit der Pubertät (meiner) schlief dieser Brauch erwartungsgemäß ein. Purple Rain war der unglückliche Versuch, daran etwas zu ändern. Sicherlich gibt es 80er-Jahre-Filme, die noch ungeeigneter sind, sie als unsicherer Teenager zusammen mit dem Vater anzuschauen. 9 ½ Wochen fällt mir spontan ein. Ansonsten allerdings nichts. Wir sind dann erst wieder zusammen ins Kino gegangen, als ich über 30 war (Herr der Ringe). Über Purple Rain haben wir nie richtig gesprochen. Erwischten wir gemeinsam Prince hin und wieder im Fernsehen, brummte mein Vater nur: „Den gibt’s immer noch?“

Mein liebstes Prince-Album war und ist Around the World in a Day. Weil ich mir mit ‘Condition of the Heart’ jeden jugendlichen Liebeskummer noch tiefer reinreiben konnte. Weil ‚Raspberry Beret‘ zu jeder Jahreszeit so frühlingshaft ist. Weil das Titelstück und ‚Paisley Park‘ so schön hippiemäßig sind, ohne ekelhaft hippiemäßig zu sein. Weil ich mir vorstellen konnte, das Geschlechtsverkehr irgendwie so wie ‚Temptation‘ sein muss. Und das Leben wie ‚Pop Life‘ und ‚The Ladder‘. Und Amerika wie ‚America‘. Nur zu ‚Tamborine‘ ist mir nichts eingefallen. Aber einen Aussetzer hat ja jede Platte.

Zu dieser Zeit fragte mich ein Schulkamerad: „Hörst du eigentlich jeden Tag Musik von Prince?“

Ich sagte: „Ja klar hör ich jeden Tag Musik von Prince!“

Die Antwort war reiner Reflex gewesen. Ich rechnete schnell nach, und stellte fest: Puh, es kommt hin, ich höre wirklich jeden Tag Musik von Prince.

Bis ich das nicht mehr tat. Graffiti Bridge von 1990 war das letzte Album meiner lückenlosen Prince-Phase. Ich verlor vorübergehend das Interesse, weil seine Musik wieder schwärzer wurde, und ich nicht. Wie viele rockorientierten weißen Männer wurde auch ich dann erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter etwas funkier. Tatsächlich brach in den letzten Monaten so etwas wie meine zweite Prince-Phase an. Wegen Überseeumzug beschloss ich, meine Vinyl-Sentimentalität abzuwerfen und stattdessen eine CD-Sentimentalität zu kultivieren. Ich kaufte mir die Prince-Alben, die ich schon hatte, noch mal in kleiner und holte bei der Gelegenheit gleich einige der Alben nach, die ich ihrerzeit nicht mehr gekauft hatte. Die Genialität von Prince offenbart sich, genau wie die von Woody Allen, ja gerade in den schwächeren Werken. Die sind immer noch stärker als die starken Werke der meisten Mitbewerber. Überhaupt haben Prince und Woody Allen vieles gemeinsam. Neben dem geballten Sexappeal ist das vor allem das bewundernswerte Arbeitsethos. Ich glaube nicht, dass Prince wirklich ein Perfektionist war, wie ihm oft so gemein nachgesagt wird. Perfektionisten sind langweilige Erbsenzähler und Erbsenpoliere, die nie etwas gebacken bekommen, weil Perfektion eben unerreichbar ist, und wenn man das merkt, lässt man vor Schreck alle Erbsen fallen und fängt mit Zählen und Polieren wieder von vorne an. Prince derweil hat einiges gebacken bekommen, und langweilig war er ganz bestimmt nicht.

In die Nachbemerkungen zu meinem gottlob noch nicht gedruckten Roman Shinigami Games hatte ich zuletzt diese leichtfertigen Worte geschrieben:

Irgendwann zwischen dem Ende von ‚Yoyogi Park‘ und dem Anfang von ‚Roppongi Ripper‘ hatte ich aufgehört, beim Schreiben Musik zu hören. Zuerst aus Vergesslichkeit, dann aus Prinzip. Am Ende von ‚Shinigami Games‘ habe ich wieder zaghaft damit angefangen, so schnell kann das gehen. Fast ausschließlich Prince und David Bowie. Ich hoffe, das ist kein böses Omen für Prince.

Ich glaube, es war kein böses Omen. So wichtig nehme ich mein Hörverhalten in so hoher Gesellschaft nicht. Deshalb möchte jetzt enden, muss aber eines noch loswerden: „Ja, Papa, den gibt’s immer noch.“

Bring mich zum Kopf von Godzilla [Kaiho-Kolumne]

In der aktuellen Ausgabe der Mitgliederzeitschrift der Deutsch-japanischen Gesellschaft in Bayern ist meine aktuelle Kolumne Nagoya, mon amour fou zu lesen. Drum gibt es die vorletzte Kolumne nun hier für alle Welt in Zweitverwertung.

***

Es ist eine Unsitte unter Bewohnern und Besuchern gewisser Städte bei jeder Begegnung mit vermeintlich Exzentrischem der Welt lauthals zu verkünden: „Nur in New York!“ Beziehungsweise: „Nur in Berlin!“ Oder eben: „Nur in [Städtenamen selbst einsetzen]!“ Meistens sind die so geadelten Phänomene keineswegs sonderlich ortsgebunden, und der „Nur in XY!“-Rufer beschreibt weniger die Exzentrizität der gemeinten Stadt als vielmehr die Begrenztheit seines eigenen Horizontes. Ich bemühe mich also, nicht jedes Mal „Nur in Tokio!“ zu krakeelen, wenn ebendort eine bemerkenswerte Person, ein bemerkenswertes Ereignis oder ein bemerkenswertes Nudelgericht meinen Weg kreuzt.

Bei meinem letzten Besuch sah ich allerdings ein Hinweisschild an einem Gebäude, das man so wahrscheinlich tatsächlich „nur in Tokio!“ finden wird (und dass man schon zu lange dort ist, merkt man daran, dass man es zunächst kein bisschen seltsam findet):

1. Stock: Läden und Restaurants, 8. Stock: Café Bon Jour und Godzilla-Kopf

Ich muss zugeben, dass ich nicht gänzlich zufällig an dem Schild vorbeigekommen bin. Ich hatte es zwar nicht explizit gesucht, aber doch das, was es annoncierte: den Godzilla-Kopf. Der wurde vor nicht allzu langer Zeit auf dem Vordach eines Hotels in Kabukicho installiert, in Lebensgröße über das Vergnügungsviertel wachend, wenn nicht über die gesamte Stadt.

War meine Vorfreude groß, so wich sie zunächst einer milden Enttäuschung, als ich die Skulptur das erste Mal mit eigenen Augen sah. Es ist wie bei vielen Berühmtheiten, die man nur aus den Medien kennt. Sieht man sie auf der Straße, denkt man: Ich hatte ihn mir irgendwie größer vorgestellt. Dabei ist es tatsächlich so, wie die japanische Tagespresse es angekündigt hatte: Man muss Godzilla nicht lange suchen, wenn man sich Kabukicho nähert. Er ist schwer zu übersehen auf der Vordachterrasse des Gracery-Hotels. Und trotzdem ist der erste Anblick unspektakulär. Im ohnehin bunten, reklameüberfrachteten Straßenbild könnte der Saurier nichts weiter als eine weitere Werbefigur sein. Der Eindruck bestärkte sich noch dadurch, dass Sony gerade zum Zeitpunkt meines Besuches eine Werbebanderole unter dem Viech angebracht hatte, die ein neues Godzilla-Videospiel ankündigte. Einerseits: Wenn nicht hier, wo dann? Andererseits verlieh die Werbung dem Kunstwerk etwas Flüchtiges und Vulgäres. Heute Godzilla, morgen Naruto, übermorgen Kleenex. Dabei sollte Godzilla doch hier sein, um zu bleiben.

Die Enttäuschung wich zum Glück wieder einer erhabenen Freude, als ich dem besagten Schild in den achten Stock gefolgt und ganz nah bei Godzilla war. Aus unmittelbarer Nähe ist er so imposant wie gewünscht, gegen ihn sieht der Rest der Stadt klein aus. Sein Kopf ragt aus dem Dach, als hätte er es gesprengt. Er krallt sich an dessen Rand mit fürchterlichen und wunderbaren Klauen. Am Sockel erinnern Reliefs an seine schönsten Filmmomente.

Als ich vollends zufrieden wieder gehen möchte, pfeift mich der uniformierte Godzilla-Aufpasser zurück. Habe ich etwas falsch gemacht? Steuere ich den falschen Ausgang an? Nein, der ernste Herr bedeutet mir, eine verborgene Stelle am hinteren Teil der Skulptur anzufassen. Das tue ich, und daraufhin röhrt aus Godzillas Maul das charakteristische Godzilla-Röhren. Das Pärchen, das genau dort gerade steht, bekommt einen riesen Schrecken. Der Aufpasser und ich lachen verschwörerisch. Bald lachen wir alle, denn Godzilla ist unser Freund, und das macht uns alle zu Freunden.

Godzilla ist endlich ein originäres Wahrzeichen für Tokio. Denn wollen wir mal ehrlich sein: der Tokyo Tower ist charmant in seiner stählernen Archaik, aber letztlich nur vom Eiffelturm abgekupfert. Die Rainbow Bridge ist doch sehr kalifornisch. Der Skytree etwas zu streberhaft in seinen Ausmaßen und Anmaßungen, außerdem architektonisch so beliebig gefallsüchtig, dass er genauso gut in Schanghai oder Dubai stehen könnte. Godzilla ist ein stimmiges Symbol für Tokio: ein liebenswertes und etwas unförmiges Monster, von keiner Krise kleinzukriegen. Eine überdimensionierte Schöpfung, die sich immer wieder neu erfindet. Godzillas Symbolgehalt geht dabei über die Hauptstadt hinaus. Sein erster Filmauftritt ist längst als Klassiker kanonisiert, und trotzdem ist er nach wie vor aktiver Teil der Popkultur. Wer könnte also besser dieses Neben- und Miteinander von Tradition und Moderne vertreten, das Japan so gebetsmühlenhaft nachgesagt wird? Darüber hinaus ist die atomar verstrahlte Echse ein treffliches Energie- und Umwelt-Mahnmal in Post-Fukushima-Zeiten. Möge ihr Röhren noch lange aus Kabukicho heraus in die Welt tönen.

Ein bisschen Bond muss sein

Eigentlich habe ich immer noch keine Zeit zum Bloggen, aber ich muss kurz mal erklären, was Rassismus ist. Also: Wenn einer sagt, Roberto Blanco war (warum eigentlich ‚war‘?) „ein wunderbarer Neger“, dann ist das rassistisch. Selbst wenn derjenige meint, es nicht so gemeint zu haben.

Wenn hingegen einer sagt, er fände, dass Idris Elba nicht die Idealbesetzung für die Rolle des James Bond ist, dann ist das zunächst mal nur eine Meinung. Eine, die man als hyperempfindliche Fanperson gerne leidenschaftlich diskutieren darf. Aber bitte nicht leidenschaftlicher als die gute, alte „Connery oder Moore?“-Gewissensfrage.

Wenn man den zweifellos großartigen Elba (ohne Abb.) als Bond kritisch sieht (ich tue das nicht, meinetwegen soll er Bond spielen; meinetwegen kann er auch Yuka Sato spielen), stellt sich die Frage nach dem Warum, bevor sich einer (oder gleich die ganze Welt das halbe Internet) aufplustert und „Rassismus!“ schreit. Anthony Horowitz, Autor des aktuellen Bond-Romans Trigger Mortis, hat seine vorsichtig kritische Haltung damit begründet, dass Elba für die Rolle zu „street“ sei. Die Aufregung war groß, die weltweite Nachrichtenlage geizt ja auch gerade mit anderen Aufregerthemen.

Ich sage es frank und frei: Horowitz‘ Meinung war auch mein erster Gedanke, als die Elba-Gerüchte aufkamen. Nur nannte ich es nicht „street“, sondern „breitschultrig und geduckt“. Ich bin mir sicher, dass Horowitz ebenfalls genau das meinte. Andere meinen, das meine er nicht, sondern er meine „schwarz“, wenn er „street“ sagt. Dass er im selben Interview, in dem er sich den vermeintlichen Fauxpas leistete, einen anderen schwarzen Schauspieler als geeigneteren Kandidaten nennt, wird ihm nicht etwa mildernd angerechnet, sondern als noch rassistischerer Rassismus ausgelegt: was bildet sich der feine weiße Herr eigentlich ein, dass er bestimmen dürfe, wer ein wunderbarer und wer ein nicht so wunderbarer Neger wäre?

Dass manche leicht Entflammbaren „street“ mit „schwarz“ gleichsetzen, spricht eher für ihr eigenes rassistisches Weltbild als für ein bei Horowitz vermutetes. Horowitz‘ Fehleinschätzung, genau wie meine ursprüngliche, basiert auf Elbas Paraderolle DCI Luther, den impulsiven, straßenkämpfenden Stiernacken-Cop aus dem Fernsehen. Die Rolle spielt er so überzeugend, dass man ihn schon mal für ganz schön „street“ halten kann. Ich habe meine Elba-Bond-Meinung erst geändert, als ich Elba im Frack über rote Teppiche schweben sah.

Ich finde übrigens den weißen Bond-Favoriten Tom Hardy jetzt zu „street“. Das liegt vor allem daran, dass ich ihn nur als den Nuschler aus dem Batman-Film kenne und davon gehört habe, dass er Mad Max spielt. Vermutlich kann er aber auch anders, also bitte nicht übel nehmen. Ist ja nur meine Meinung.

Mit dieser wage ich mich jetzt sogar noch tiefer rein ins Minenfeld und sage: Man darf in Ausnahmefällen sogar finden, dass Idris Elba zu schwarz ist, um Bond zu spielen. Puh, ich weiß, das wird heikel. Es kommt halt drauf an, ob man an der literarischen Figur festhält, oder die Gepflogenheiten der Filminterpretationen akzeptiert. Der Ur-Bond der Fleming-Romane ist, anders als der Film-Bond, kein leeres Gefäß, das dankenswerterweise alle paar Jahre mit frischem Zeitgeist aufgefüllt wird, sondern hat eine sehr klar definierte Biografie, sogar einen detaillierten Stammbaum. Auf Grundlage dessen wäre es zumindest sehr, sehr unwahrscheinlich, dass James Bond als etwas anderes als ein kleiner Kaukasier geboren werden könnte.

Aber erstens ist Bond eh eine sehr, sehr unwahrscheinliche Figur, zweitens scheren sich zum Glück die Filme einen Dreck um die Romane, die zu einem Großteil ziemlich töricht sind. Der Film-Bond tritt mit jedem neuen Bond-Darsteller in eine neue Bond-Ära. Es ist Zeit für die Elba-Ära. Vielleicht sogar für die Street-Ära.

Ein gern gehörteres Argument gegen Elba als seine Hautfarbe ist sein Alter. Ein Außendienst-Agent in den 40ern sei eben unrealistisch.

Etwas Unrealistisches in einem Bond-Film?! Nein, das geht auf gar keinen Fall!

Flachs beiseite, Idris Elba wäre schon eine gute Wahl. Das einzige, was mich an ihr stört, ist, dass sie inzwischen ein bisschen zu offensichtlich ist. Lieber lässt man sich doch überraschen.

Festzuhalten wäre für die Schlechtmenschen, die gerade vom Stammtisch oder vom Zündeln heimkommen, dass ein schwarzer Bond selbstverständlich kein politisch-korrektes Marketing-Gimmick ist, sondern nur ein konsequentes Erkennen und Anerkennen der Tatsache, dass nun schon seit geraumer Zeit nicht jeder echte englische Engländer automatisch blütenweiß ums Näschen daherkommen muss. Sicherlich auch nicht jeder Geheimagent.

Wenn ich allerdings ganz ehrlich bin, habe ich gar keine allzu große Meinung zu der Frage, wer der nächste Bond sein sollte. Mir ist es wichtiger, dass die Filme gut werden. Ich teile durchaus die langweilige Konsensmeinung, dass George Lazenby und Timothy Dalton keine Idealbesetzungen waren (obwohl Dalton nah dran kam). Andererseits gehören alle ihre Filme zu den allerbesten, die die Reihe zu bieten hat. Bond ist keine sonderlich spannende Figur, sie braucht keinen sonderlich spannenden Darsteller. Kennt eigentlich noch jemand Andreas Elsholz?

(Kurz mal eben zur Causa Lazenby: interessanter Typ, und seinerzeit gar nicht so unbeliebt, wie es retrospektiv dargestellt wird. Tatsächlich wurde er mehrfach bekniet, für mehrere Bond-Filme zu unterschreiben. Nur war er der Meinung, diese albernen Schnickschnackstreifen stünden seiner großen Kunstkinokarriere im Weg.

Hab ja nur gesagt: interessanter Typ ist. Nicht: ausgewiefter Fuchs.)

Als vor ein paar Jahren die James-Bond-DVD-Komplettbox so schleuderbillig wurde, dass man sie nicht nicht kaufen konnte, habe ich mir mal den Spaß gemacht alle Filme hintereinander weg zu sehen, natürlich mit Schlaf- und Arbeitspausen. Ich war schockiert, wie schnell Sean Connery verblasste. In jungen Jahren hätte ich noch jedem die Nase blutig geschlagen, der die Connery/Moore-Frage debil lächelnd mit „Roger Moore!“ beantwortete. Doch jetzt sah ich einen Connery, der zwei Filme lang strahlte, und ab Goldfinger nur noch lustlos durch die Kulissen schlurfte, auf der Suche nach seinem Gehaltscheck.

Was war es für eine Wohltat, als in Leben und sterben lassen endlich Roger Moore mit seinem Charme und seiner Spielfreude das Ruder übernahm! Diese Spielfreude ließ zwar Unken zufolge auch im Laufe seiner Karriere nach, aber ich sage: das ist Erbsenzählerei gegen Connerys Sturzflug. Ganz ehrlich: Diamantenfieber hätte niemals veröffentlicht werden dürfen. Octopussy Meisterwerk dagegen.

Will damit eigentlich nur sagen: Lieblings-Bond ist ein Rotationsjob, und letztendlich hat die Qualität des Hauptdarstellers keinen großen Einfluss auf die Qualität des Films (Diamantenfieber hat weiß Gott noch größere Probleme als die unrealistische Sean-Connery-Puppe, die da immer in die Kamera gehalten wird). Bond-Filme sind keine Schauspielerfilme, sondern wunderbare Schnickschnackstreifen.

Und ganz eigentlich will ich sagen: am liebsten wäre mir, wenn der nächste Bond eine asiatische Frau wird. Und ich möchte jetzt nicht hören, dass Lucy Liu zu alt für irgendwas sei.

Das war mein Jahr auf Facebook – danke, dass du ein Teil davon warst, Bruce Lee

Im letzten Jahr gab es einschneidende Veränderungen in meinem Leben, zum Beispiel bin ich Facebook beigetreten. Vorher hatte ich meine Verweigerung zu einer Lebenseinstellung hochgejubelt, möglicherweise war sogar einmal die Rede davon, man dürfe mir jederzeit die Kehle durchschneiden, wenn ich doch bei diesem Quatsch erwischt werden sollte. Das nehme ich hiermit zurück: bitte nicht mehr die Kehle durchschneiden. Ich bin Facebook beigetreten, weil ich gehört hatte, dass man damit explosionsartig mehr Bücher verkaufen kann. Das hat sich nicht bestätigt, dafür weiß ich jetzt viel mehr über die Trinkgewohnheiten und das Intimleben meiner Kindheitsfreunde und Arbeitskollegen. Es hat sich also trotzdem gelohnt. An meinen hauptsächlichen Facebook-Erkenntnissen möchte ich Sie an dieser Stelle teilhaben lassen.

Ich weiß nicht, wofür „Gruppen“ da sind

Ich freue mich zwar, dass mir die anderen Mitglieder des Bruce-Lee-Fanclubs jeden Morgen ein paar Hundert Fotos von Bruce Lee auf die Startseite klatschen, zum Beispiel solche:

Aber ich weiß nicht warum. Ich bezweifle, dass es inzwischen noch „seltene“ Fotos von Bruce Lee gibt (und falls es sie jemals gab, ist damit seit Facebook Schluss). Und bevor noch mal jemand ganz aufgeregt das Bild postet, auf dem der erwachsene Bruce Lee (gestorben 1973) und der erwachsene Michael Jackson (geboren 1958) Arm in Arm stehen: das ist ungefähr so authentisch wie das Foto, auf dem Gandhi und Justin Bieber sich in den Armen halten. Liest wahrscheinlich eh wieder keiner, und nächste Woche ist das Bild wieder mindestens fünfmal drin.

Selbstverständlich werde ich aus dem Bruce-Lee-Fanclub niemals austreten, das ist eine Ehrensache. Anders sieht es bei diesen ganzen Gruppen für „Autoren“ aus. Bislang konnte mich keine halten. Es scheint zwei Arten davon zu geben: solche, die Eigenwerbung zulassen, und solche, die das nicht tun. In der ersten Kategorie gibt es nichts als Eigenwerbung, die exakt niemanden erreicht, weil in diesen Gruppen nur Mitglieder sind, die sich ausschließlich für ihre eigene Eigenwerbung interessieren. In den Gruppen, die Eigenwerbung nicht zulassen, gibt es zwei Arten von Beiträgen: Eigenwerbung und weinerliche Beschwerden über diese Eigenwerbung inklusive der Androhung, alles hinzuschmeißen, wenn die Mitglieder nicht sofort Vernunft annähmen. Freilich stellen die Beschwerdeführer selbst ebenfalls keine gehaltvolleren Beiträge ein.

Ich würde gerne einer Autorengruppe beitreten, in der man ab und an gängige Recherchefragen in die Runde werfen kann und prompt eine kompetente Antwort bekommt, zum Beispiel: Weiß hier jemand, ob in den 70ern Passagierschiffe zwischen Südkorea und Hongkong verkehrten, und was eine einfache Fahrt gekostet hat? (Ernsthaft, weiß das jemand?) Falls irgendwer eine entsprechende Gruppe kennt: es wäre schön, wenn ich bei eurer Bande mitmachen dürfte.

Gegen Politik lässt sich wohl nichts machen

Ein bisschen angewidert bin ich davon, wie politisch es auf Facebook zugeht. Die politische Positionierung spielt für meine Anwiderung keine Rolle. Vor meiner aktiven Zeit war ich der Auffassung, Facebook sei eine Software zur Verbreitung von Katzen- und Frühstücksbildern, und das ist ganz genau das, was ich dort sehen möchte. Seien Sie unbesorgt: es gibt politische Räume in meinem Leben, ich bin weder Verweigerer noch Verdrossener. Meine Facebook-Startseite ist allerdings keiner der Orte, an denen ich die neuesten Variationen der immer gleichen Verschwörungstheorien zu Schweinesystemen und Schurkenstaaten von Antifa und Pegida lesen möchte. Kann ich aber wohl nicht ändern. Ebenso wenig kann ich daran ändern, jeden Tag ein paar Mal von immer denselben Pappenheimern zu lesen zu bekommen, wie bekloppt und inkompetent die bei Spiegel Online sind. Ja, Herrschaftszeiten, dann lest und verbreitet den Quatsch halt nicht! Mach ich doch auch nicht.

Apropos „nicht lesen“: dem Aufruf von neulich, man solle alle seine Freunde rauswerfen, die Pegida und die sogenannte Bild-Zeitung „geliket“ haben, bin ich trotz grundsätzlichem Verständnis nicht nachgekommen. Ich habe nicht mal geprüft, wer das wäre, aus zweierlei Gründen. Der erste Grund ist selbstverständlich Angst. Es könnte ja jemand dabei sein, den ich wirklich kenne, nicht nur in Spaß. Da sage ich hinterher lieber, ich hätte von nichts gewusst, so deutsch bin ich. Der zweite Grund ist, dass manche Pappenheimer aus den richtigen Gründen das Falsche tun. Als ich noch im journalistischen Tagesgeschäft war, brachten nicht wenige durchaus redliche Kollegen jeden Morgen die Bild-„Zeitung“ mit ins Büro, zur Feindbeobachtung und Volksmundbelauschung. Ich fand diesen Ansatz damals schon falsch und empfinde noch heute so. Gute Journalisten müssen nicht jeden Tag lesen, was böse Journalisten schreiben. Es reicht, hin und wieder die Boulevard-Schlagzeilen am Kiosk zu überfliegen oder mal ein Exemplar aus dem Automaten zu klauen. Finanzieren sollte man den Feind nicht. Außerdem bezweifle ich, dass John le Carré jede Woche Jerry Cotton liest, um kriminalliterarisch auf dem Laufenden zu bleiben.

Ich werde also dubiose „Likes“ nicht ohne Weiteres ahnden. Wer allerdings Bild und Pegida aus anderen Gründen als beruflichem Interesse oder ähnlichem folgt, darf gerne freiwillig gehen. Sehr wohl habe ich nach jüngsten Ereignissen in Paris ein paar Unholde unkommentiert rausgeworfen, die unvertretbare Sympathien oder Antipathien kundtaten, außerdem habe ich ein paar Wackelkandidaten auf die Bewährungsliste in meinem Kopf gesetzt. Undemokratisch, jemanden ohne Warnung und Begründung rauszuwerfen? Mir doch egal, auf Facebook wird gemacht, was ich sage. Ehe ich mich noch mehr aufrege, schnell noch ein Bild von Bruce Lee, das beruhigt mich immer.

Auf Facebook vernachlässigt man den Rest des Internets

Ich neulich so zu einem: „… und dann gab es kürzlich auch noch einen Mini-Weihnachtskrimi von mir, der als Gratis-E-Buch erschienen ist.“

Der eine so: „Ach, davon hast du aber gar nichts in deinem Blog geschrieben, oder?“

Ich: „Oh … muss ich vergessen haben. Ich habe es aber auf Facebook gepostet …“

Einer: „Du bist bei Facebook?!“ (Wetzt so das Messer, ich so voll schnell weg)

Es stimmt, ich lagere vieles von dem Quatsch (und einiges an handfesten Informationen), das früher in den Blog gekommen wäre, auf Facebook aus. Nicht nur weil man dort schneller und offensichtlicher geliebt wird, sondern vor allem, weil es leichter ist. Man muss nicht ständig die spitzen Klammern für die HTML-Tags suchen und die Bilder gesondert hochladen und man kann es mal eben mit dem Handy auf dem Klo machen. Trotzdem geht es natürlich nicht an, dass ich denen, die weiterhin tapfer nicht auf Facebook sind, einfach so ein neues Büchlein verschweige. Für Büchlein bin ich schließlich da.

Also: Anfang November letzten Jahres ist mein E-Büchlein Bescherung in Kabukicho erschienen, man kann es auch antizyklisch lesen, außerdem ist es auch fürs nächste Weihnachtsfest wieder gültig. Es enthält die titelgebende Kurzgeschichte, jene ist ein Prequel zur Inspector-Sato-Reihe, ein paar Worte zur selbigen und eine Leseprobe aus dem nächsten Band, Roppongi Ripper.

Oh, ich glaube, den hatte ich an dieser Stelle auch noch gar nicht erwähnt.

Kommen Sie doch einfach zu Facebook, so oder so.

Begnadigt: Helene Fischer, Ernst Stavro Blofeld und die Nusswut-Frau

Kurz vor Weihnachten begnadige ich drei von der Öffentlichkeit Verurteilte, die jetzt lange genug gelitten haben.

1. Helene Fischer. Helene Fischer ist jemand, von dem ich so richtig erst Notiz genommen habe, seit ich ein bisschen bei den sozialen Medien, also Facebook, mitmache. Das tue ich seit nicht mal einem Jahr. Mir war der Name natürlich schon vorher hier und da mal untergekommen, aber ich hätte nicht mit absoluter Sicherheit sagen können, ob es sich bei Helene Fischer um eine Fußballspielerin, eine Familienministerin oder eine Fernsehansagerin handelt. Dass ich inzwischen so viel über Helene Fischer weiß, liegt daran, dass in den sozialen Medien, also Facebook, so viel über Helene Fischer geschrieben wird. Und zwar, so scheint es, ausschließlich von Menschen, die Helene Fischer nicht leiden können. Neulich ging sogar die Aufforderung um, man solle sofort alle Freunde entfreunden, die Pegida und/oder Helene Fischer „geliket“ haben. Die einen sind Nazis, da ist Entfreundung eine Selbstverständlichkeit. Aber die andere ist doch bloß eine Schlagersängerin, wenn ich das richtig verstehe. Schlager mag ich nicht. Reggae mag ich auch nicht. Trotzdem käme ich nie darauf, jeden zu entfreunden, der Jimmy Cliff „geliket“ hat.

Jetzt höre ich schon das Gegenargument: „Jahaha – aber wenn du Helene Fischer begnadigst, kannst du auch gleich Unheilig begnadigen! Das ist doch genau der Toleranzwahn, den die-da-oben und ihre Systempresse uns verordnen wollen!“ Ich sage: No, no, no, my darling, ich lasse mir nicht mit der Neoliberalismuskeule kommen. Es verläuft ein gar nicht so feiner Grat zwischen der aufrichtigen Schlagersängerin Helene Fischer und dem unaufrichtigen Schlagersänger Unheilig (ich gehe grammatisch mal davon aus, dass das in Festbesetzung inzwischen nur noch dieser eine Typ ist). Nicht, weil Unheilig einmal in der Gothic-Szene angefangen und irgendwelche Subkulturen verraten und verkauft hätte. Schlager ist ja auch nicht gerade Hochkultur, und die Gothic- und Schlager-Subkultur hatten in ihren unpraktikablen Romantik-Vorstellungen schon immer viele Berührungspunkte. Unheilig ist nicht zu begnadigen, weil Unheilig so tut, als wäre Unheilig etwas Besseres, Poetischeres, Gediegeneres, Geschmackvolleres als gemeiner Schlager. Helene Fischer hingegen bekennt sich zu ihrem Genre. Es ist ein Genre, das man nicht schätzen muss. Die Konsequenz daraus ist, dass man sich nicht weiter damit beschäftigt. Dünkel oder gar Verachtung sind unangebracht. Die Lieblichkeit eines typischen Schlagers ist schließlich nicht mehr Pose als die Rotzigkeit eines typischen Punkrock-Songs, und musikalisch ist Helene Fischer sicher nicht anspruchsloser als GG Allin. Unterm Strich kommt bloß „Geschmackssache“ dabei heraus. Über Geschmack lässt sich zwar herrlich streiten, aber, ach, es ist so ermüdend.

Also: Helene Fischer, begnadigt. Genauso wie:

2. Ernst Stavro Blofeld. Ich lese gerade Ian Flemings James-Bond-Romane, einige erstmals, manche erneut. Das ist kein Vergnügen, ich bin mir gar nicht sicher, warum ich mir das antue. Seien wir ehrlich: Ohne die viel erfreulicheren Filme würde keiner von denen heute noch aufgelegt. Ich bin mir außerdem nicht sicher, ob ich alle schaffen werde, deshalb konzentriere ich mich zunächst auf das Hauptwerk, den Blofeld-Zyklus. Dass der gerade wieder dank der Gerüchte, Christoph Waltz könnte der nächste Film-Blofeld sein, verstärkt im öffentlichen Interesse steht, ist reiner Zufall, ich schwöre.

Man lebt nur zweimal ist der Roman, den James Bond größtenteils als Japaner verkleidet unter Japanern verbringt, selbstverständlich von authentischen Japanern unerkannt. Im viel erfreulicheren Film gibt es diesen unglücklichen Passus ebenfalls, er fällt dort allerdings gnädigerweise kürzer aus. Man lebt nur zweimal ist ebenfalls der Roman, bei dem ich mich dabei ertappte, wie ich Blofeld plötzlich zuzischte: „Töte ihn! Töte ihn! Lass ihn in deinem geheimen Todesgarten elendig verrecken!“

Ich gehöre normalerweise nicht zu den Literaturrezipienten, die sich aus Radaulust oder einer merkwürdigen Auffassung von Nonkonformismus auf die Seite der Bösen schlagen; da könnte ich ja gleich Nazi werden. Aber meine Fresse – was ist dieser literarische Ur-Bond für ein stumpfer, ungehobelter Vollpfosten. Ein weinerlicher Alkoholiker, ein Anti-Intellektueller, ein Anti-Gentleman, kurzum ein Unsympath. Er ist noch nicht mal der wohlfeile Genussmensch, für den ihn viele dank der erfreulich weißgewaschenen Filme halten. Tatsächlich macht er sich ausdrücklich nichts aus Feinschmeckerei. Dass er dennoch ab und an feinschmeckt, liegt einzig daran, dass der Geheimdienst Ihrer Majestät für seine Spesen aufkommt (so im Roman Im Geheimdienst Ihrer Majestät nachzulesen). James Bond ist nichts anderes als eine gehässige, kleine Beamtenseele. Ich bin überzeugt: Ian Flemings James Bond würde Pegida „liken“ (Helene Fischer weiß ich nicht).

Die Abneigung gegen diesen James Bond eint also Blofeld und mich. Er kann kein ganz schlechter Mensch sein. Seine Beziehung zu Frau Bunt ist außerdem um einiges anrührender und interessanter als Bonds langweilige Vielweiberei. Ich begnadige ihn hiermit und hoffe, dass das James-Bond-Universum noch zu meinen Lebzeiten in der rechtefreien Zone ankommt, damit ich endlich mein revisionistisches Blofeld-Epos angehen kann, möglicherweise in Versform.

(Kleine Randnotiz und Werbeunterbrechung: Mein liebster Bond-Romanautor ist übrigens Raymond Benson. [Was da gerade so gebumst hat, war ein Fleming-Purist, der mit verkrampfter Hand über der Herzgegend zu Boden gegangen ist.] Benson hat zwar nicht die literarische Bauernschläue, die bei Fleming bei aller Dumpfheit manchmal durchblitzt, dafür machen seine Romane von vorne bis hinten Spaß. Bei Spaßliteratur kein unwesentlicher Faktor. Noch mehr Spaß als seine Bond-Romane machen mir allerdings seine Romane um die Eigenkreation The Black Stiletto.)

3. Die Nusswut-Frau. Alle haben sich sehr aufgeregt oder sich sehr mokiert, je nach Tagesform, als sich neulich eine südkoreanische Fluglinienaufsichtsrätin im Vorfeld eines Fluges von New York nach Südkorea sehr darüber aufregte, dass ihr in der ersten Klasse Nüsse erstens in einem Plastiktütchen und zweitens ungefragt serviert worden waren, was einiges an personellem Heckmeck und eine Flugverspätung zur Folge hatte. Alle, nur ich nicht. Denn eines steht fest: sie hat ja recht. In der ersten Klasse sollte nichts in Plastiktüten serviert werden, und ungefragt sollte gar nichts in gar keiner Klasse serviert werden. Dass man sich darüber aufregt, wenn das nicht klappt, regt mich nicht auf. Mich regt auf, dass man sich darüber aufregt, dass sich darüber jemand aufregt. Ich bin kein Erster-Klasse-Passagier und werde in diesem Leben wohl keiner mehr (es sei denn, das mit dem Blofeld-Versepos klappt; aber dann werde ich wahrscheinlich gleich im Privatjet mein Kätzchen kraulen [das ist kein Euphemismus für etwas Unanständiges, sondern eine hochwertige cineastische Anspielung]). Dennoch bin ich immer gerne dazu bereit, für etwas mehr Klimbim etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Dann erwarte ich allerdings auch, dass das Klimbim es emotional wert ist (materiell ist es das nie, doch ich bin ja kein Materialist). Wenn dann eine ungewollte Nuss in Plastik kommt, stimmt mich das missmutig. Ich habe schließlich kaum andere Sorgen.

Was einen Schatten auf diese schöne Geschichte von zivilem Ungehorsam wirft, ist die Zickigkeit, mit der die Nusswut-Frau mutmaßlich zu Werke gegangen ist (wir müssen uns, wie bei allen Weltnachrichten, auf Hörensagen verlassen; wir waren schließlich nicht dabei). Zickigkeit steht selbstverständlich auch in meinem Gesetzbuch unter „V“ wie „Verbrechen“. Eine Erste Klasse ist keine Einbahnstraße – sie fordert nicht nur Erste-Klasse-Flugpersonal, sondern auch Erste-Klasse-Fluggäste. Und erstklassig hat sich die Nusswut-Frau nun ganz und gar nicht aufgeführt (nach allem, was man so hört).

Aber genau das ist ja die Natur einer Begnadigung: Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Also: Nusswut-Frau begnadigt, wenn auch knapp.

Die Verspätung des Fluges wurde für dieses Urteil nicht berücksichtigt. Herrschaftshimmelszeiten, das waren 11 Minuten! Das mag für einen Regionalzug inakzeptabel sein. Bei Interkontinentalflügen wage ich zu bezweifeln, dass 11 Minuten ohne vorherige Nusswut überhaupt auffallen.

Luther, Twin Peaks, hallo Jar Jar Binks (oder: ah, la nostalgie, cette petite mort)

[Sicherheitshinweis: Wie jeder aussagekräftige Sekundärtext geht auch dieser auf den Inhalt seines Primärtextes ein. Oder, im Mimimi-Memmen-Duktus: Spoiler-Warnung.]

Keine Fernsehnachricht hat mich in diesem Jahr so begeistert wie die Ankündigung der vorletzten Woche, es solle zwei neue Folgen Luther geben. Zwei richtige neue Folgen, Folgen aus der Zukunft, keine sinnlose Prequälerei, wie es wohl mal angedacht war. Womit ich nicht sagen möchte, dass alle Prequels sinnlos wären. Allenfalls die allermeisten. Ausnahmen gibt es bestimmt. Wir machen weiter nach einer kurzen Werbeeinblendung.

Wie jeder Mensch mit einem schlagenden Herzen in der Brust liebe ich Luther, obwohl ich einsehe, dass die Serie logisch und psychologisch nicht immer auf dem solidesten Fundament steht und wohl keine Auszeichnungen für Originalität erhalten wird (wie sagte neulich jemand hier im Internet: finally, a cop show!). Sie ist halt eine Naturgewalt, und Naturgewalten halten sich nicht lange mit Kleinigkeiten wie Psychologie und Originalität auf. Mir persönlich ist naturgewaltiger Thrill jederzeit lieber als Fakten-Fakten-Vorabendkrimi.

Das Versprechen zweier neuer Luther-Folgen ist wie ein Versprechen, dass nun doch noch alles gut wird. Dass die dritte Staffel doch nur die dritte Staffel war, und nicht das Schlusskapitel, als die sie uns zunächst um die Ohren gehauen wurde.

Wir erinnern uns an das Ende mit Schrecken: Luther hatte gerade begonnen, zarte Bande zur klugen, attraktiven, charmanten, furchtlosen Mary zu knüpfen, nur um dann letztendlich doch mit der durchgeknallten Mörderin Alice durchzubrennen. Mary war übrigens entgegen anders lautenden Gerüchten ganz und gar keine langweilige Figur. Es sei denn, man definiert ‚langweilig‘ als: jeder, der kein durchgeknallter Mörder ist. Als wäre dieser Unsinn nicht Unsinn genug, hatte es dem Herrn Serienerfinder und Alleinautor Neil Cross kurz vorher gefallen, mit DS Ripley eine der niedlichsten Nebenfiguren des Ensembles einfach so abzuknallen. Nur, weil Cross seinem Stoff nicht traute (zu Unrecht), und meinte, dass die Serie schon lange keinen ‚Zoe-ist-tot‘-mäßigen Knalleffekt mehr hatte (brauchte sie auch nicht). Zoes Tod in der ersten Staffel war das zentrale Thema der Geschichte. Ripleys Tod in der dritten Staffel ist kaltherziger Unfug, die Geschichte hätte in jedem Aspekt auch ohne funktioniert. Es wurde theoretisiert, Ripleys Tod solle verdeutlichen, dass der Vigilant mit der Schrotflinte, der dafür verantwortlich ist, in echt keiner von den Guten ist. Ich sage: Das wird auch so klar. Die Entführung und angedrohte Ermordung einer hochschwangeren Unschuldigen hat da ausreichend starke Signalwirkung.

Doch der tote Ripley ist nicht das Hauptproblem, sondern die quicklebendige Alice.

Nicht, dass Missverständnisse aufkommen: Alice ist eine pfiffige Figur und wird von der putzigen Ruth Wilson sehr drollig gespielt. Sie hätte ihre eigene Serie verdient. Aber in Luther ist sie ein Störenfried geworden. Ein faules Requisit, das immer dann rausgeholt wird, wenn Luther sich selbst nicht mehr helfen kann. Sie bombt ihn aus der Haft. Sie tötet stellvertretend den Mörder seiner Frau. Sie tötet den Mörder von Luthers Freund und Kollegen. Sie tötet den Kindermörder, den Luther nur beinahe getötet hat. Die Intention ist klar: Alice symbolisiert Luthers allerdunkelste Seite. Sie ist der veräußerte Schweinehund, den er selbst noch nicht mal dann von der Kette lässt, wenn er Ganoven vom Balkon schubst. Diese Reduzierung allerdings wird Alice’ Potenzial nicht gerecht. Sie sollte mehr als ein Stellvertreter-Symbol für einen Charakterzug einer anderen Figur sein. Außerdem kann man das, was Luther beinahe tut, und das, was Alice tatsächlich tut, schwerlich auf dieselbe Argumentationskette ziehen. Alice tut, was sie tut, weil sie kein Gewissen hat. Luther hingegen besteht aus so gut wie nichts anderem als Gewissen.

Ob man seine Mittel gutheißt oder nicht: Luther kämpft gegen das Böse. Alice kämpft nur gegen die Langeweile. Wenn nun Luther am Ende der (gottlob vermeintlich) letzten Folge mit Alice Hand in Hand in den Sonnenaufgang spaziert, dann ist das entweder ein Faustschlag ins Gesicht der treuen Zuschauer, oder zumindest eine gepfefferte Backpfeife, je nach Interpretationsansatz.

Interpretationsansatz ‚Faustschlag in das Gesicht des Zuschauers‘: Nach diesem Ansatz hat das Hand-in-Hand-mit-Alice-Ende zu bedeuten, dass Luther nie der war, für den wir ihn gehalten haben. Nie der, für den wir immer wieder eingeschaltet haben. Wenn er mit der durchgeknallten Mörderin durchbrennt, dann war er nie die solitäre stählerne Faust der Gerechtigkeit, sondern nur einer von viel zu vielen. Einer von all diesen öden, blöden Adrenalin-Junkies. Und so einem haben wir unsere Aufmerksamkeit geschenkt? Das hat er nicht verdient. Das haben vor allem wir nicht verdient.

Interpretationsansatz ‚Backpfeife in das Gesicht des Zuschauers‘: Luther war sehr wohl die längste Zeit der, für den wir ihn gehalten haben. Doch auch ein Mann aus Stahl setzt irgendwann Rost an und wird gebrochen. Er musste einfach zu viel einstecken und wusste nicht mehr, was er tat.

Das mag realistisch sein, aber Realismus sollte beim Fernsehen nicht von zentraler Bedeutung sein. Als halbstarker Rabauke hat man für Happy Ends nichts als Spottlieder übrig und gefällt sich darin, die Dunkelheit zu preisen, als wohne ihr eine größere Wahrheit inne als dem Hellen. Mit dem Sammeln von Lebenserfahrungspunkten allerdings schwinden diese Flausen aus den Köpfen und es kommt die Erkenntnis hinein: Wir schalten den Fernseher ein, um das Licht zu sehen. Eine Figur, die uns über drei Staffeln bei allen gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten ein Freund geworden ist, wollen wir am Schluss nicht als gebrochenen Schwachkopf sehen.

Ich entscheide mich dennoch für diesen zweiten Interpretationsansatz, denn der kann durch die neuen Folgen in Würde widerrufen werden. Wollen wir nicht alles, was geschehen ist, überbewerten. Wir kennen schließlich alle solche Tage: zu wenig geschlafen, zu schlecht gegessen, die Freundin wurde entführt, man selbst des Mordes an einem Kollegen beschuldigt, eine Kugel ins Bein geschossen – da kann es schon mal zu Kurzschlusshandlungen kommen. Ein starker Kaffee, eine Mütze Schlaf, den Verband gewechselt – und Luther ist wieder der Alte. Ich bin guter Hoffnung, dass es so in den neuen Folgen kommt.

Bei der anderen großen Fernsehankündigung dieses Jahres habe ich größere Skepsis.

Als ich zum ersten Mal davon hörte, dass Twin Peaks zurückkommt, wurden sofort Erinnerungen an die Große Enttäuschung von 1999 wach. Drei Tage und drei Nächte lang lief damals der Download von Star Wars – Episode I: The Phantom Menace über den Uni-Server, und als man dann endlich im Freundeskreis einen Computer gefunden hatte, der so was abspielen kann … ach, Sie wissen schon. Heute sind die Internetverbindungen schneller, aber die Menschen nicht kreativer. Selbstverständlich werde ich mir die neuen Twin Peaks-Folgen ansehen, und wenn sie gut geworden sind, werde ich zufrieden lächeln. Aber zu großen Hoffnungen mag ich mich nicht hinreißen lassen. Nach dem indiskutablen Inland Empire, den lieb- und einfallslosen Video-, Musik- und Werbewerken der letzten Jahre und seiner beängstigenden wie enttäuschenden Begeisterung für esoterisches Meditationsgedöns halte ich die Hoffnung auf ein überzeugendes neues Werk von David Lynch für in etwa so berechtigt wie die Hoffnung auf ein überzeugendes neues Werk von Dario Argento.

Ich muss außerdem kleinlaut gestehen, dass das gute alte Twin Peaks in zumindest meinen Augen nicht sonderlich gut gealtert ist. Ich habe damals alles mitgemacht: Private Guck-Partys mit Kirschkuchen und Kaffee organisiert, Quizpreise bei offiziellen Twin-Peaks-Mottopartys in Großraumdiskotheken abgeräumt, und ich hatte das Print-Magazin Wrapped in Plastic noch abonniert, als das letzte Secret Diary of Laura Palmer längst verramscht war. Als ich jedoch zur DVD-Veröffentlichung der Serie vor ein paar Jahren die alte Jugendliebe noch einmal neu entflammen wollte, bin ich auf halbem Wege wieder ausgestiegen. Und das obwohl ich stets der stolzen Außenseitermeinung war, dass die zweite Staffel besser gelungen war als die erste; gerade weil so versponnen. Lynch guckt man ja wohl wegen des Lynchigen, nicht weil man wissen will, wer wen wie wo warum umgebracht hat. Dafür gibt es Vorabendkrimis.

Überhaupt wird es so langsam ein bisschen viel mit diesen Nostalgiefortsetzungen. Den Star Wars-Trailer von neulich erspare ich Ihnen an dieser Stelle, sie kennen ihn bestimmt bereits auswendig. Star Wars kann mir eh gestohlen bleiben, ich möchte mein Krieg der Sterne zurückhaben. Der Trailer gibt da Anlass zur Hoffnung, das will ich nicht bestreiten. Doch auf Trailer ist immer seltener Verlass. Die Älteren erinnern sich bestimmt noch an die für Prometheus und Guardians of the Galaxy. Da stellte sich dann später auch heraus, dass es sich bloß um Filme handelte.

Immerhin sieht der Star Wars-Trailer danach aus, als hätte man komplett neues Material gedreht. Ganz anders als ein gewisser anderer Nostalgiefortsetzungstrailer, der so aussieht, als hätte man die ersten vier Filme nur neu zusammengeschnitten und die beliebtesten Bonmots von anderen Schauspielern einsprechen lassen.

Überhaupt, Nostalgie. Mit ihr ist es wie mit dem Sterben. Genauer: wie mit den fünf Sterbephasen nach Kübler-Ross. Die ersten beiden Phasen habe ich hinter mir: Die des Nicht-Wahrhaben-Wollen („Nostalgisch? Ich doch nicht! So was passiert nur den anderen!“) und die des Zornes („Ich werde nie zu einer dieser bescheuerten Drei-Fragezeichen-Playback-Lesungen gehen!“). Ich bin jetzt in der Phase des Verhandelns (was nicht heißt, dass ich jemals zu einer dieser bescheuerten Drei-Fragezeichen-Playback-Lesungen gehen werde): Nostalgie lasse ich dann zu, wenn sie sich auf Dinge bezieht, zu denen ich eigentlich gar keinen starken biografischen Bezug habe. Quasi Phantomnostalgie, eine Nostalgie der verpassten Gelegenheiten. Großen Spaß habe ich auf meine alten Tage zum Beispiel mit den Filmen der Reihe Mad Mission, die ich in jungen Jahren zwar wahrgenommen, aber zunächst nicht angesehen hatte.

Würde jemand in Hongkong diese Serie mal fortsetzen, rebooten oder reimaginieren, würde ich in Sekunden zur glucksenden kleinen Fanperson. Bis dahin gefallen mir die amerikanischen Remakes mit Vin Diesel und Paul Walker allerdings auch ganz gut.