Der Schock wird euch noch eiskalt im Nacken sitzen: Ende letzten Jahres habe ich gar nicht meine 10 liebsten Lektüren verkündet. Die Welt hielt bis heute den Atem an. Dabei hatte ich 2024 im Durchschnitt ein recht gutes Lesejahr gehabt, zumindest im Vergleich zu meinem vorangegangenen Annus horribilis. Nur war es nicht derart highlightgeschwängert, dass ich guten Gewissens zehn Titel öffentlich hätte ausstellen mögen. Das sieht dieses Jahr zum Glück wieder anders aus, also hier: Die 10 Bücher, die ich in diesem Jahr mit dem größten Vergnügen gelesen habe. Es handelt sich nicht zwangsläufig um Neuerscheinungen dieses Jahres.
Auf meiner Pressetour durch Österreich (gut, Wien) wollte ich mir vor allem Bücher von österreichischen Autorinnen und Autoren kaufen. Wegen Zeit- und Geldknappheit (wahlheimatkulturbedingt musste ich Reisemitbringsel priorisieren) sind es dann doch nur zwei geworden. Ein ziemlich miserabler Thriller und das hier, das ihr eh schon alle kennt und liebt. Das nächste Mal frage ich jemanden, der sich damit auskennt, nach Geheimtipps. Solche Leute kenne ich ja jetzt gottlob.
Steht stellvertretend für diesen ersten und den zweiten Teil einer Trilogie über die Flucht einer Gruppe von Aliens und Alien-Verstehern vor notorischen Alien-Nichtverstehern (Militärs, Geheimdienste etc.). Der dritte Band ist bestimmt genauso kluge und gute Unterhaltung. Den kaufe ich mir baldmöglichst als richtiges Buch. Die ersten beiden waren Zufallsfunde auf dem digitalen Grabbeltisch. Dafür, und nur dafür, ist er da.
Jedes Mal, wenn ich befürchte, Amélie Nothombs Stil könnte mir irgendwann auf den Zeiger gehen, beweist sie mir, dass ihr Stil weit über reinen Stil hinausgeht.
Ich habe ihn so vermisst, dass ich es gleich zweimal gelesen habe.
Könnte ich dasselbe drüber sagen wie über ‚Psychopompos‘, nur eben mit ‚David Peace‘ anstatt ‚Amélie Nothomb‘. Und ‚er‘ anstatt ‚sie‘, wenn wir es hier peinlich genau nehmen wollen.
Ich bin auch Monate nach dem Lesen noch baff von der Themenbreite, die dieser Roman ganz unverkrampft bearbeitet. Ich möchte gar nicht erst von all den -ismen anfangen, die hier verhandelt werden, denn das schreckt ja doch nur ab. Das Wichtigste: Es ist nicht nur ein -istischer und bisweilen anti-istischer Roman, sondern vor allem ein richtig fesselnder Schmöker.
Martin Cruz Smith hat in seinen letzten Jahren krankheitsbedingt von epischen Ausschweifungen abgesehen und punktgenaue, hochkonzentrierte Kriminalromane ohne Gedöns geschrieben beziehungsweise diktiert. Sie gefallen mir besser als die selbstverständlich ebenfalls sehr guten früheren Bücher mit mehr Gedöns. Mit oder ohne Gedöns wird er fehlen.
Ehrlich gesagt war Cosbys vorletzter Roman, ‚All the Sinners Bleed‘, der erste von ihm, den ich ein kleines bisschen enttäuschend fand. Gottlob hat er sich jetzt wieder voll und ganz berappelt. Ein so hervorragender Thriller, dass er natürlich nicht nur ein Thriller ist.
Es war selbstredend nicht mein erstes Mal. Hatte ich zwecks Recherche nur mal wieder kurz reingucken wollen, musste dann aber einfach drinbleiben. Das Buch hatte mich damals laut Preisschild 6 Mark 80 in einer Frankfurter Buchhandlung gekostet, also wahrscheinlich während eines Perry-Rhodan-Weltcons gekauft. Eine gute Investition.
Hat mich inspiriert, nach weiteren Indianerbüchern Ausschau zu halten. Und das in meinem Alter noch.
Zurück aus den imaginären 90ern und hinein in die Gegenwart: Der einzige ganz neue Weihnachtsfilm, von dem ich mir in diesem Jahr ein vertretbares Mindestmaß an Unterhaltung versprochen hatte, war Jingle Bell Heist – der große Weihnachtsraub.
Zwei Junge Leute, ein Bube und ein Mädchen, beschließen, gemeinsam einen bösen Kaufhausbesitzer auszurauben, natürlich für einen guten Zweck (Rache am ehemaligen Arbeitgeber des Buben und kostspielige Krebsbehandlung der Mädchen-Mutter). Das funktioniert für den Zuschauer gut, solange er sich noch in den Film hineinfindet. Die beiden Hauptfiguren sind schnucklig, und die Darsteller haben gerade genug Chemie, um die anbahnende Liebesgeschichte plausibel zu machen, ohne übertriebenen Fokus auf sie zu lenken. Die Nebenfiguren sind mit Bedacht gewählt und erfüllen ihre Aufgaben anständig (die Mutter ist für die Rührung zuständig, die Ex-Frau für die Komplikationen, der exzentrische Mitbewohner für die komischen Einwürfe etc.). Der Plot passt zumindest in keine der allzu ausgeleierten Weihnachtsfilmschablonen, versucht aber auch nicht, Weihnachten neu zu erfinden.
Sobald man sich allerdings im Film eingerichtet hat, verfällt er in einen allzu langen dramaturgischen Leerlauf. Die zweite Hälfte ist kaum mehr als eine Aneinanderreihung vorhersehbar erfolgloser Raubversuche. Ansonsten wäre der Film ja viel zu früh vorbei.
Wer alle meine Schriften gelesen, auswendig gelernt und verinnerlicht hat, der weiß, dass ich den Plot für ein überbewertetes Erzählelement halte und insbesondere überraschende Wendungen, die sogenannten ‚Plot-Twists‘, für faulen Zauber, dessen man sich nur bedienen muss, wenn einem sonst nichts einfällt. Manchmal sind diese Twists aber so gut, dass ich fast ein kleines bisschen versucht bin, meine Ablehnung zu überdenken. Jingle Bell Heist bietet im Finale gleich zwei davon. Völlig unerwartet, und doch völlig naheliegend und stimmig. Möglicherweise bin ich sogar ein bisschen in die Luft gesprungen und habe vornehm mit den Fingerspitzen geklatscht. Als ich mich wieder eingekriegt hatte, merkte ich natürlich, dass ich von vornherein Recht gehabt hatte: Diese Wendungen sind faule Tricks, um zu kaschieren, wie wenig den Autoren auf dem Weg dorthin eingefallen ist. Manchmal jedoch funktionieren faule Tricks eben. Besonders an Weihnachten, wenn man gerne mal ein Auge zudrückt.
Bevor wir zum nächsten Film als solchen kommen, muss ich etwas über Michelle Pfeiffer und mich richtigstellen: Wir haben kein Beef. Alles in Ordnung. Never better. Sollte in meinem vorletzten Blogeintrag ein anderer Eindruck entstanden sein, dann täuscht der. Was hätte ich in meinen jungen Jahren darum gegeben, einer der fabelhaften Baker Boys zu sein, notfalls auch der hässlichere. Oder Batman. Pfeiffer hat in den nachfolgenden Jahrzehnten nichts von ihrem Talent und Charme eingebüßt. Leider weiß Hollywood das aber nicht und besetzt in altersgerechten Charakterrollen (die es entgegen anderslautenden Gerüchten durchaus in ausreichender Anzahl gibt) lieber Schauspielerinnen, die schon immer eher durch Charakter als durch Schlitz im Kleid aufgefallen sind. Pfeiffer ist nicht schwächer geworden, nur ihre Rollen sind es. Bestimmt könnte man an dieser Stelle auch etwas über die Ungerechtigkeit sagen, dass Männern um die 70 noch das Skillset zugetraut wird, in Actionfilmen auf den Putz zu hauen, doch grob gleichaltrigen Frauen offenbar nicht. Könnte man sagen, und man würde recht haben. Ich wäre bei einem Taken-Reboot mit Michelle Pfeiffer sofort dabei. Aber erst mal Oh. What. Fun.
Es geht um eine weihnachtsgestresste Familienmutter (Pfeiffer), die einfach ausreißt, nachdem der Rest der Familie einen Kevin abzieht und sie versehentlich allein zu Hause lässt, als die Bagage zu einer Veranstaltung aufbricht.
Glücklicherweise passiert das relativ spät im Film, der vor Einsetzen des Plots wirklich gut ist. Nicht originell, aber gut. Wir haben diese Komödien über dysfunktionale Familienfeiern schon oft gesehen, doch es kommt ja nicht darauf an, was man erzählt, sondern wie man es erzählt. OWF ist lustig, solange die ganze hervorragende Besetzung beieinander ist. Warum sollte man die auseinanderreißen wollen? Neben Pfeiffer sind Chloë Grace Moretz, Jason Schwartzman und Denis Leary mit von der Partie. Und die, die ich namentlich nicht kenne, machen ihre Sache ebenfalls sehr gut. Die obligatorische Rivalen-Bilderbuchfamilie von gegenüber wird von Joan Chen angeführt. Noch so eine Jugendfantasie, die weiß, was sie tut.
Dieser Film, von dem ich aus unserer diesjährigen Auswahl am wenigsten erwartet hatte, gefiel mir eine ganze Weile am besten. Warum hatte der so schlechte Kritiken bekommen? Sollte es etwa stimmen, was alle sagen? Dass Kritiker eh einen an der Waffel haben? Wie gut, dass ich damit rechtzeitig aufgehört habe, sonst hätte ich jetzt womöglich auch einen an der Waffel.
Leider zerfasert OWF in ein nur punktuell komisches Tohuwabohu, nachdem Mutti zu ihrem Roadtrip aufgebrochen ist. Für die vorgetäuschte feministische Botschaft taugt die Rolle nicht, da sie zu komödiantisch überzeichnet ist. Manche Filme schaffen den Spagat zwischen Komik und Drama; dieser schafft ihn nicht. Die dramatischen Momente wirken unaufrichtig, sind nichts als Downer mit erhobenem Zeigefinger. Im weiteren Verlauf gibt es Einsprengsel von handzahmer Medienkritik und einen halbherzigen Versuch, aus dem Ganzen so etwas wie eine weibliche Weihnachtsversion von Ein Ticket für zwei zu machen (übrigens auch nicht mehr so lustig wie vor knapp 40 Jahren, um mal wieder einen vom Stapel zu lassen). Man wünscht sich, die Verantwortlichen hätten den Film zu Ende gemacht, den sie angefangen hatten.
Falls irgendwer es bis dahin verpasst haben sollte: Im Abspann kommt dann noch der allerletzte Beweis, dass dieser Film nicht weiß, was er will. Dort wird eine Szene von eingangs wiederholt, in der die erwachsenen Kinder von Joan Chens rivalisierender Bilderbuchfamilie ein Weihnachtslied in einer ganz schrecklichen Soul-Gejaule-Version zerstören. Beim ersten Mal war das ein gelungener Lacher, in der Wiederholung soll es plötzlich echte Weihnachtsstimmung verströmen. So geht das nicht.
Aber was weiß denn ich. Vielleicht bin ich nur ein Kritiker, der einen an der Waffel hat. Jetzt auf jeden Fall (mit Augen zu und Hand am Ohr): „Fro-ho-ho-ho-heee Weijeijeijeihnaaa – HAAA – ch … tennn (uh) (yea).“
(Wie immer gilt: Falls wir über die Feiertage noch mehr X-Mas-Premium-Content schaffen, wird die kritische Einordnung nachgereicht. Nächstes Jahr ist ja vermutlich auch wieder Weihnachten.)
Frauen! (Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen.) Da habe ich in meinem letzten Blogeintrag lang und breit erklärt, dass meine alljährliche Weihnachtsfilmübersicht dieses Jahr ausfallen muss, weil meine Frau wegen Qualitätsbedenken keine neuen Weihnachtsfilme gucken möchte. Und dann meint sie auf einmal: „Wir sollten bald mal anfangen.“
Dass sie etwas Weihnachtsrelevantes meinte, ging aus dem Kontext hervor, ist schließlich Dezember. „Eigentlich sind wir schon fertig“, antwortete ich etwas verwirrt. „Der Baum muss so. Hana ist jetzt in ihrer zen-haften Weniger-ist-mehr-Phase. Teenager-Faulheit sagt man heute nicht mehr.“
„Nein, ich meine Weihnachtsfilme.“
„Himmel, Arsch und Zwirn!“, brüllte ich sie freundlich an. „Ich mache dir seit Wochen Vorschläge, aber du schmetterst jeden ab!“
„Ich würde gerne den mit Michelle Pfeiffer sehen.“
„Der ohne Michelle Pfeiffer hat bessere Kritiken bekommen.“
„Dann erst mal den.“
This is Christmas fällt nicht so sehr wegen seines starken, einfallsreichen Titels auf, sondern zunächst wegen all dem, was dieser Film nicht zu bieten hat. Es gibt keine Enemies-to-lovers-Geschichte um eine aufgekratzte großstädtische Karriereziege und einen kleinstädtischen, gut gebauten Krämerladenbesitzer (junger Witwer mit ganz tollem Kind). Es gibt keine sexualisierten Weihnachtsmänner für das Prosecco-Publikum, das seine Weihnachtsfilme am liebsten ‚herrlich frech und ein kleines bisschen anders‘ möchte. Es gibt keinen Slapstick um fehlfunktionierende Weihnachtsdekoration für alle, die immer noch über Chevy Chase lachen können.
Das ist schon mal ein Anfang. Es hilft wirklich, dass man offenbar ein paar Minuten länger über die Handlung und die Stimmung nachgedacht hat. Es geht um einen jungen Mann, der eine Gruppe von Zufallsbekanntschaften aus dem öffentlichen Personennahverkehr zu einer Weihnachtsfeier einlädt. Darunter auch die junge Frau, in die er sich verlieben wird (und umgekehrt). Das mag nicht bookerpreisverdächtig klingen, doch die Weihnachtsfilmlatte hängt derzeit so tief, dass diese Story locker drüber springt, und zwar mit Salto. Es hilft ebenfalls, dass dieser Film nicht aussieht wie von Praktikanten kurz vor Feierabend runtergekurbelt, sondern wie von professionellen Filmemachern gestaltet, die ihre Arbeit mit Stolz und Leidenschaft verrichten. London im Winter sieht aus, wie London im Winter aussehen sollte (also wahrscheinlich nicht so, wie es tatsächlich aussieht). Die Besetzung ist hochwertig, obwohl nicht jeder seinem Status entsprechend ausreichend zu tun hat. Welchen Zweck die Rolle Ben Millers hat, für mich nach wie vor der einzige Death in Paradise-Ermittler, hat sich mir beispielsweise nicht erschlossen. Vielleicht hätte man aus dem Stoff und dem umfangreichen Personal lieber einen ambitionierteren Reigen à la Tatsächlich Liebe machen sollen, in dem jeder zu seinem Recht kommt. Hätte aber auch schief gehen können, also vielleicht lieber nicht. Passt, wie es ist.
Achtung, jetzt wird’s mächtig 90er-Jahre-mäßig. In Christmas Bloody Christmas spielt Abraham Benrubi einen militärischen Weihnachtsmannroboter, der kurz vor Weihnachten ein paar Leute abschlachtet. Schöne Bescherung. Warum das Militär Weihnachtsmannroboter herstellt, weiß ich nicht, hab ich halt nicht aufgepasst, ist jetzt eh nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist Abraham Benrubi. Denke ich an die 90er, habe ich sofort sein freundliches Gesicht vor Augen. Der Zwei-Meter-Mann spielte unter anderem in Parker Lewis – der Coole von der Schule und Emergency Room – die Notaufnahme mit. Mehr 90er-Jahre-Ownership geht nicht. Außerdem erinnere ich mich an den Fun-Fact, dass er schon damals eine Internet-Fanseite hatte. Zu jener Zeit ein Kuriosum, das ich sogleich in meiner Bremen-Norder Stadtteilmagazin-Kolumne ‚Die erogene Fußgängerzone‘ erwähnen musste, quasi dem direkten geistigen Vorgänger dieses Blogs. Vermutlich in einer meiner vielen messerscharfen ‚Dieses Internet wird sich eh nicht durchsetzen‘-Polemiken.
Benrubi ist jedenfalls so 90er wie Netscape, nur glücklicherweise nicht so vorbei, denn er ist ja jetzt in Christmas Bloody Christmas (im Folgenden „CBC“ genannt). CBC ist von 2022, doch zuerst dachte ich, er würde in den 90ern spielen, so stark ist Benrubis Voodoo. Der Film beginnt mit nachempfundenen Werbespots im Röhrenfernseherformat (leider nur leidlich witzig). Ich meine, dort spielt er bereits als Familienvater mit, aber ich kann mich irren, und wir werden es nie erfahren, wenn wir nicht schnell die Compuserve-CD aus der Papierhülle mit Plastikfenster nesteln, die Software auf unserem Tower installieren, unser Modem anschmeißen, Netscape aufrufen, auf Yahoo surfen und nach der Abraham-Benrubi-Fanpage suchen.
„So ein Quatsch!“, ruft Abraham Benrubi. „Compuserve verwendete überhaupt kein Netscape, sondern den hauseigenen Mosaic-Browser!“ Daraufhin der Nerd aus der Peripherie des Freundeskreises, der schon damals jeden als unwertes Leben erachtete, der nicht mit Linux arbeitete: „Aber hallo, klar konnte man Compuserve mit Netscape verwenden! Man musste nur das Blah in der Blah mit Blah überschreiben und einmal aus- und wieder anschalten! Warum allerdings sollte man überhaupt so grenzenlos doof sein, Compuserve zu benutzen, wenn man unter Linux auch …“ Und zack, hat er sich eine eingefangen. Manche Dinge ändern sich zum Glück nie.
Die eigentliche Handlung von CBC beginnt in einem grungigen Plattenladen mit leuchtendem Neon-Graffiti an den schwarzen Wänden, wie es das nur in 90er-Jahre-Filmen gab. Vor allem in solchen, in denen sich Mainstream-Hollywood bemühte, jugendliche Subkultur abzubilden. Dann folgt in diesem Film allerdings bald der erste 30-Seconds-to-Mars-Witz (die lästige Vanity-Band wurde zwar in den 90ern gegründet, doch die Witze sind ein relativ junges Phänomen), und das erste Smartphone lässt ebenfalls nicht lange auf sich warten. Die erste Hälfte ist größtenteils Gesabbel in schön fotografiertem Ambiente. Gesabbel ist für mich wie Autoverfolgungsjagden: Sehe ich im echten Leben kritisch, finde ich in Film und Fernsehen aber mitunter ganz amüsant, solange es geschmackvoll gemacht ist. Ich habe schon besseres Gesabbel gehört als das in CBC, glücklicherweise auch schlechteres. Inhaltlich geht es in erster Linie um popkulturelle Phänomene wie Filme und Musik. Der Duktus ist dabei ein wenig zu authentisch geraten. Authentizität und Realismus sind nicht das, wonach Drehbuchautoren streben sollten, wenn sie Dialoge verfassen. Sie sollten lieber gut als authentisch schreiben, man ist ja nicht in der U-Bahn oder beim Bäcker. Dennoch vertreibt das Gesabbel in CBC die Zeit, bis das Abschlachten richtig losgeht, wilder und origineller wird als bei den ersten ein oder zwei Aufwärm-Morden. Im letzten Akt kämpft das Final Girl Seite an Seite mit zwei uniformierten Polizisten, die aussehen wie Nick Cave und ein Bad Seed (vermutlich dieser bärtige Geiger, ich bin da ein bisschen raus). Aber nicht lange, es ist halt ein Slasher-Film. Ein sehr gut aussehender und flott erzählter Slasher-Film. Mit ein bisschen mehr Skriptfeilerei hätte daraus ein echtes Weihnachtswunder werden können. Außerdem erwähnenswert: Riley Dandy. Keine Ahnung, wer das ist. Jemand sollte ihr zumindest eine Wikipedia-Seite spendieren, wenn nicht gar eine Netscape-optimierte Fanpage. Wäre CBC aus den 70ern, würde sie heute auf Conventions Seite an Seite mit Sigourney Weaver und Jamie Lee Curtis Devotionalien signieren. Falls sie das nötig hätte.
Da mein gebührenfinanzierter Blog auch einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat: Abraham Benrubi ist ein character actor, aber kein Charakterdarsteller. Diese Vokabeln sind false friends, wie wir im Englischunterricht sagen. Obwohl beide Begriffe mit einer gewissen Bedeutungselastizität gesegnet sind, so meint der deutsche meist doch einen Schauspieler, der auf die besonders schwierigen, charakterlich komplexen Rollen spezialisiert ist. Der englische hingegen meint in seiner gängigsten Verwendungsweise beinahe das Gegenteil, also jemanden, der auf eine bestimmte, oft stereotype Rolle festgelegt ist. Deshalb sind klassische character actors meist die, die man schon tausendmal gesehen hat, ohne ihre Namen zu kennen: Der Typ, der in Mafia-Filmen immer den Mann fürs Grobe spielt. Der Typ, der immer den fetten, korrupten Cop mit dem Herzen aus Gold spielt. Der Typ, der immer den quengeligen Kleinganoven spielt. Gut, Steve Buscemi ist inzwischen auch namentlich einigermaßen bekannt.
Siehe zu diesem Thema auch die Floskel „He’s quite a character“, die eben nicht auf charakterliche Vielschichtigkeit hinweist, sondern auf ein paar wenige, besonders markante Merkmale. Am besten übersetzt mit: „Er ist eine echte Type.“ Wie sagte man im 90er-Jahre-Fernsehen? Wieder was gelernt.
(Falls wir noch mehr Weihnachtsfilme schaffen, melde ich mich wieder.)
Vermutlich habt ihr die Netflix-Nachrichten der letzten Tage gebannt verfolgt und habt jetzt viele Fragen. Keine Sorge, ich bin hier, um sie zu beantworten.
Die erste Frage lautet verständlicherweise: Stimmt es, dass der sympathische Entertainment-Monopolist jetzt auch Lebensmittel im Angebot hat? Die Antwort lautet: Ja, aber sie kosten extra. Da ich neulich gesundheitlich etwas angeschlagen war, habe ich sie alle durchprobiert, wegen der ausgewogenen Ernährung.
Die zweite Frage lautet: Und wie schmecken die jetzt? Antwort: Ganz gut, obwohl es nun, einige Tage später, bereits etwas schwierig ist, sich an Einzelheiten zu erinnern. Wie bei einem Netflix-Actionfilm mit irgendeinem Chris.
Als erstes probierte ich die 3-Minuten-Terrine. Ist am längsten her, deshalb am wenigsten im Gedächtnis. Da ich aber das Experiment nicht gleich danach abgebrochen habe, gehe ich davon aus, dass sie recht süffig war. Ich erinnere mich sehr wohl, dass ich ein Foto vor dem Hintergrund der Bedienoberfläche des Netflix-Konkurrenten Hulu geknipst habe (Abb. oben), für ein launiges Jux-Posting in den sozialen Medien. Unter uns kann ich es ja verraten: Das Foto ist gestellt. Ich habe zur Netflix-Suppe sehr wohl Netflix geschaut. Hulu ist voller Filme, die man unbedingt „irgendwann mal“ gucken möchte, nur kommt dieses Irgendwann halt nie. Und wenn doch, dann ist bis dahin garantiert der Film wieder weg, denn nichts streamt ewiglich. Und dann kichern die unverbesserlichen Scheibenhorter gehässig in ihre Fäustchen und sagen: „Hab ich doch gesagt.“ Darauf antworte ich lediglich mit einem sehr erwachsenen Geräusch, mit meiner Zunge zwischen meinen Lippen produziert.
Mazesoba steht drauf, aber es handelt sich eher um hundsgemeines Yakisoba, so etwas wie die japanische Bratwurst im Brötchen. Gehört zu Volksfesten irgendwie dazu, also isst man es, ohne groß einen Gedanken daran zu verschwenden, ob es einem nun Genuss bereitet oder nicht. Hauptsache Bier dabei und Getöse umzu. Und warum auch nicht. Hat natürlich zu Hause ohne Bier und Getöse nicht dieselbe Strahlkraft.
Bei der Appetitlichkeit dieser fotografischen Inszenierung habe ich alter Food-Stylist ein bisschen nachgeholfen, denn das Mayonnaise-Herz ist selbstverständlich mit dem beigefügten Mayonnaise-Aufreißtütchen nicht zu erreichen, sondern nur mit einer separat erhältlichen Mayonnaise-Quetschflasche. Ich habe die Mayonnaise aus dem Tütchen vor dem Verzehr trotzdem noch dazugegeben, denn zu viel Mayonnaise geht ja kaum. Ist wie mit Remoulade, Speck und Parmesan. Ohoho. Das sind ja die drei großen Aufreger-Themen der vorgeblichen deutschen Geschmackselite. Die regt sich nämlich unentwegt und ungefragt darüber auf, dass „die Deutschen“ bei allem zu viel Remoulade, Speck und/oder Parmesan rantäten. Im letzten Jahrhundert hätte noch Maggi in diese Reihe gehört, doch inzwischen ist selbst dem unreflektiertesten Motzer aufgegangen, dass „die Deutschen“ so gut wie gar kein Maggi mehr verwenden. Die unverwechselbaren Fläschchen mit dem hohen Nostalgiefaktor werden nur mehr von Auslandstouristen kofferweise eingekauft, die das für „herrlich deutsch“ halten. Die Deutschen selbst haben inzwischen mehrheitlich eingesehen, dass Maggi tatsächlich so scheußlich ist wie sein Ruf. Warum sie trotzdem weiterhin auf Remoulade, Speck und Parmesan schwören, hat einen guten Grund: schmeckt einfach super.
Mein Netflix-Gastro-Favorit ist vielleicht das Curry aus dem Kochbeutel. Ich habe es natürlich nicht mit Reis zubereitet, denn wer mag schon Reis. Ich habe es zur Pastasauce umfunktioniert. Küchen-Hack der Spitzenklasse: Einfach den Kochbeutel im Nudeltopf mitkochen lassen. Spart Topf, Wasser und Strom.
Voila.
Für die Abendunterhaltung gibt es Wasabeef-Chips, was wohl darauf hindeuten soll, dass sie Wasabi enthalten.
Sie schmecken aber trotzdem. Wasabi ist ein interessantes Gewürz, passt nur leider zu so gut wie nichts. Hier ist die Note jedoch so fein, dass sie nicht weiter stört. Genau wie das Chipsbegleitprogramm vom Streaming-Anbieter.
Darüber hinaus gibt es noch diverse Netflix-Süßigkeiten, die ich mir gespart habe, denn wer mag schon Süßigkeiten, gerade in der Weihnachtszeit.
Apropos Netflix und Weihnachten (ich lüge nicht, wenn ich anmerke, dass dieser superelegante Übergang so nicht geplant war): Gewohnheitsmäßig nutze ich diesen Blog in der Jahresendphase, um meine Meinung über das Weihnachtsfilmangebot der Streaming-Dienste mit der Welt zu teilen. Jedes Jahr starte ich voller Elan und ende mit dem Schwur, es im nächsten Jahr garantiert nicht wieder zu tun. Dieses Jahr muss ich (höchstwahrscheinlich) Wort halten. Der Grund ist recht dramatisch: Meine Frau ist abgesprungen. Nicht aus der Ehe, jedoch, schlimm genug, aus der Weihnachtsfilmguckerei. Sie hat es einfach nicht mehr ausgehalten. Wie Meatloaf einst sang, war sie eben doch nicht bereit, wirklich alles für die Liebe zu tun. Sie schaut lieber gute Filme, sagt sie. Ich bin da pflegeleichter. Das jugendliche „Abfeiern“ von „Trashfilmen“ ist mir zwar mittlerweile zu anstrengend, aber unter den richtigen gesellschaftlichen und getränklichen Voraussetzungen halte ich jeden Film aus. Film ist ja eh nur Berieselung. Im meist langatmigen Mittelteil wordlet man einfach ein bisschen. Wenn ich mehr als nur Berieselung möchte, lese ich halt ein Buch oder spiele ein Videospiel. Bin ich bei der Berieselung ganz auf mich allein gestellt bin, beriesele ich mich allerdings ebenfalls lieber mit guten Filmen. Vielleicht schaffe ich es noch, meine Frau umzustimmen, doch sie gibt sich schon sehr entschlossen, und uns läuft ein wenig die Zeit davon.
Nichtsdestotrotz habe ich mir selbstredend einen Überblick über die diesjährige Weihnachtsfilmauswahl verschafft, und ich muss sagen: Manchmal kann ich meine Frau verstehen. Ich glaube, dass dieses Jahr als ein entscheidendes, als ein Wendepunkt in die Weihnachtsfilmgeschichte eingehen wird, denn es ist weit und breit nichts zu finden, was auch nur annähernd nach professionell gefertigtem Kintopp aussieht. Die Menschen werden sich von ihren Sitzgarnituren erheben, die Fäuste gen Himmel schütteln und skandieren: „Das Maß ist voll! Nur noch viertklassiger Murks ist inakzeptabel! Wir brauchen mindestens zwei erträgliche Weihnachtsfilme pro Saison! Solche mit ein bisschen Budget, ein bisschen Liebe und ein bisschen Handwerkszeug! Nichts gegen Michelle Pfeiffer und Alicia Silverstone, irgendjemand muss ja die Lindsay-Lohan-Lücke füllen, aber wo sind die echten Stars von heute?! Wo ist Toni Collette oder, hier, wie heißt sie noch, die andere – Cate Blanchett?! Wir wollen Aaron Sorkin an der Schreibmaschine und Steven Soderbergh hinter der Flüstertüte anstatt anonymen Hallmark-Brainrot! Und falls das ein wenig zu viel verlangt ist, dann zumindest Carry-On 2: Airport Boogaloo! Wie kann es überhaupt angehen, dass der beste Weihnachtsfilm des letzten Jahres (und der zweiterfolgreichste Netflix-Film aller Zeiten) in diesem Jahr keine Fortsetzung bekommen hat?! KI-Versagen?! Algorithmus kaputt?! Arsch offen?!“
Genau das werden die rufen, Wort für Wort, und sie werden recht haben. Ob sie auch recht bekommen, wissen wir in einem Jahr.