Oh. Du. Fröhliche. (2025 X-Mas Roundup pt. 2)

Zurück aus den imaginären 90ern und hinein in die Gegenwart: Der einzige ganz neue Weihnachtsfilm, von dem ich mir in diesem Jahr ein vertretbares Mindestmaß an Unterhaltung versprochen hatte, war Jingle Bell Heist – der große Weihnachtsraub.

Zwei Junge Leute, ein Bube und ein Mädchen, beschließen, gemeinsam einen bösen Kaufhausbesitzer auszurauben, natürlich für einen guten Zweck (Rache am ehemaligen Arbeitgeber des Buben und kostspielige Krebsbehandlung der Mädchen-Mutter). Das funktioniert für den Zuschauer gut, solange er sich noch in den Film hineinfindet. Die beiden Hauptfiguren sind schnucklig, und die Darsteller haben gerade genug Chemie, um die anbahnende Liebesgeschichte plausibel zu machen, ohne übertriebenen Fokus auf sie zu lenken. Die Nebenfiguren sind mit Bedacht gewählt und erfüllen ihre Aufgaben anständig (die Mutter ist für die Rührung zuständig, die Ex-Frau für die Komplikationen, der exzentrische Mitbewohner für die komischen Einwürfe etc.). Der Plot passt zumindest in keine der allzu ausgeleierten Weihnachtsfilmschablonen, versucht aber auch nicht, Weihnachten neu zu erfinden.

Sobald man sich allerdings im Film eingerichtet hat, verfällt er in einen allzu langen dramaturgischen Leerlauf. Die zweite Hälfte ist kaum mehr als eine Aneinanderreihung vorhersehbar erfolgloser Raubversuche. Ansonsten wäre der Film ja viel zu früh vorbei.

Wer alle meine Schriften gelesen, auswendig gelernt und verinnerlicht hat, der weiß, dass ich den Plot für ein überbewertetes Erzählelement halte und insbesondere überraschende Wendungen, die sogenannten ‚Plot-Twists‘, für faulen Zauber, dessen man sich nur bedienen muss, wenn einem sonst nichts einfällt. Manchmal sind diese Twists aber so gut, dass ich fast ein kleines bisschen versucht bin, meine Ablehnung zu überdenken. Jingle Bell Heist bietet im Finale gleich zwei davon. Völlig unerwartet, und doch völlig naheliegend und stimmig. Möglicherweise bin ich sogar ein bisschen in die Luft gesprungen und habe vornehm mit den Fingerspitzen geklatscht. Als ich mich wieder eingekriegt hatte, merkte ich natürlich, dass ich von vornherein Recht gehabt hatte: Diese Wendungen sind faule Tricks, um zu kaschieren, wie wenig den Autoren auf dem Weg dorthin eingefallen ist. Manchmal jedoch funktionieren faule Tricks eben. Besonders an Weihnachten, wenn man gerne mal ein Auge zudrückt.

Bevor wir zum nächsten Film als solchen kommen, muss ich etwas über Michelle Pfeiffer und mich richtigstellen: Wir haben kein Beef. Alles in Ordnung. Never better. Sollte in meinem vorletzten Blogeintrag ein anderer Eindruck entstanden sein, dann täuscht der. Was hätte ich in meinen jungen Jahren darum gegeben, einer der fabelhaften Baker Boys zu sein, notfalls auch der hässlichere. Oder Batman. Pfeiffer hat in den nachfolgenden Jahrzehnten nichts von ihrem Talent und Charme eingebüßt. Leider weiß Hollywood das aber nicht und besetzt in altersgerechten Charakterrollen (die es entgegen anderslautenden Gerüchten durchaus in ausreichender Anzahl gibt) lieber Schauspielerinnen, die schon immer eher durch Charakter als durch Schlitz im Kleid aufgefallen sind. Pfeiffer ist nicht schwächer geworden, nur ihre Rollen sind es. Bestimmt könnte man an dieser Stelle auch etwas über die Ungerechtigkeit sagen, dass Männern um die 70 noch das Skillset zugetraut wird, in Actionfilmen auf den Putz zu hauen, doch grob gleichaltrigen Frauen offenbar nicht. Könnte man sagen, und man würde recht haben. Ich wäre bei einem Taken-Reboot mit Michelle Pfeiffer sofort dabei. Aber erst mal Oh. What. Fun.

Es geht um eine weihnachtsgestresste Familienmutter (Pfeiffer), die einfach ausreißt, nachdem der Rest der Familie einen Kevin abzieht und sie versehentlich allein zu Hause lässt, als die Bagage zu einer Veranstaltung aufbricht.

Glücklicherweise passiert das relativ spät im Film, der vor Einsetzen des Plots wirklich gut ist. Nicht originell, aber gut. Wir haben diese Komödien über dysfunktionale Familienfeiern schon oft gesehen, doch es kommt ja nicht darauf an, was man erzählt, sondern wie man es erzählt. OWF ist lustig, solange die ganze hervorragende Besetzung beieinander ist. Warum sollte man die auseinanderreißen wollen? Neben Pfeiffer sind Chloë Grace Moretz, Jason Schwartzman und Denis Leary mit von der Partie. Und die, die ich namentlich nicht kenne, machen ihre Sache ebenfalls sehr gut. Die obligatorische Rivalen-Bilderbuchfamilie von gegenüber wird von Joan Chen angeführt. Noch so eine Jugendfantasie, die weiß, was sie tut.

Dieser Film, von dem ich aus unserer diesjährigen Auswahl am wenigsten erwartet hatte, gefiel mir eine ganze Weile am besten. Warum hatte der so schlechte Kritiken bekommen? Sollte es etwa stimmen, was alle sagen? Dass Kritiker eh einen an der Waffel haben? Wie gut, dass ich damit rechtzeitig aufgehört habe, sonst hätte ich jetzt womöglich auch einen an der Waffel.

Leider zerfasert OWF in ein nur punktuell komisches Tohuwabohu, nachdem Mutti zu ihrem Roadtrip aufgebrochen ist. Für die vorgetäuschte feministische Botschaft taugt die Rolle nicht, da sie zu komödiantisch überzeichnet ist. Manche Filme schaffen den Spagat zwischen Komik und Drama; dieser schafft ihn nicht. Die dramatischen Momente wirken unaufrichtig, sind nichts als Downer mit erhobenem Zeigefinger. Im weiteren Verlauf gibt es Einsprengsel von handzahmer Medienkritik und einen halbherzigen Versuch, aus dem Ganzen so etwas wie eine weibliche Weihnachtsversion von Ein Ticket für zwei zu machen (übrigens auch nicht mehr so lustig wie vor knapp 40 Jahren, um mal wieder einen vom Stapel zu lassen). Man wünscht sich, die Verantwortlichen hätten den Film zu Ende gemacht, den sie angefangen hatten.

Falls irgendwer es bis dahin verpasst haben sollte: Im Abspann kommt dann noch der allerletzte Beweis, dass dieser Film nicht weiß, was er will. Dort wird eine Szene von eingangs wiederholt, in der die erwachsenen Kinder von Joan Chens rivalisierender Bilderbuchfamilie ein Weihnachtslied in einer ganz schrecklichen Soul-Gejaule-Version zerstören. Beim ersten Mal war das ein gelungener Lacher, in der Wiederholung soll es plötzlich echte Weihnachtsstimmung verströmen. So geht das nicht.

Aber was weiß denn ich. Vielleicht bin ich nur ein Kritiker, der einen an der Waffel hat. Jetzt auf jeden Fall (mit Augen zu und Hand am Ohr): „Fro-ho-ho-ho-heee Weijeijeijeihnaaa – HAAA – ch … tennn (uh) (yea).“

(Wie immer gilt: Falls wir über die Feiertage noch mehr X-Mas-Premium-Content schaffen, wird die kritische Einordnung nachgereicht. Nächstes Jahr ist ja vermutlich auch wieder Weihnachten.)