Tempo unterm Weihnachtsbaum

Dies ist der zweite der beiden Texte, die ich eigentlich verkaufen wollte, aber in saisonaler Stimmung nun doch verschenke, vorerst. Weiterer Hintergrund vorm Beitrag vom 6. Dezember.

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Lerne ich in Japan Einheimische kennen, kommt die Frage garantiert. Erst wird der Mitleidsblick aufgesetzt, dann: „Vermissen Sie denn gar nicht das deutsche Bier?“ Oder die Variation: „Was vermissen Sie denn aus Deutschland am meisten?“ Kommt die Antwort nicht innerhalb von Sekundenbruchteilen, wird nachgeholfen: „Das Bier?“

Selbstverständlich stört mich diese Frage überhaupt nicht, denn zum Thema Bier habe ich ein ausgesprochenes Sendungsbewusstsein, so deutsch bin ich gerne. Also hole ich ein ums andere Mal aus zu meinem Sermon: Iwo, das deutsche Bier sei ja gar nicht so gut, wie die Deutschen es sich einreden. Japan habe die deutlich besseren Industriebiere und die lebendigere Craft-Beer-Szene ohnehin, denn das bekloppte deutsche Reinheitsgebot schütze ja nichts und niemanden vor irgendwas, allenfalls das Brauhandwerk vor jedem Anflug von Braukunst.

Dazu bekomme ich die Laute des Erstaunens und der Zustimmung zu hören, mit denen der höfliche Japaner jedes Gespräch garniert und seinem Gesprächspartner für ein paar Sekunden so verlässlich wie unverbindlich in das warme Gefühl lullt, das gerade Gesagte sei so ziemlich das Interessanteste, was jemals irgendwer irgendwo auf der Welt gesagt habe. Hätte ich wider meine Überzeugung das genaue Gegenteil behauptet – deutsches Bier Weltgenesung, japanisches Bier fermentierte Kuhpisse – hätte die Reaktion genauso geklungen. Widerspruch, Zweifel und Konfrontation gehören nicht zur Standardausstattung des Konversationsinstrumentariums.

Kürzlich lernte ich Nakamura-san kennen, einen Arbeitskollegen meiner Frau, der ein paar Jahre in Deutschland gelebt hat, natürlich in Düsseldorf. Seine Firma hatte ihn einfach so dorthin versetzt, das machen japanische Firmen schon mal. Zuerst war er darüber gar nicht glücklich gewesen, doch als der Marschbefehl zurück nach Tokio kam, hatte er dem Leben in Deutschland durchaus die eine oder andere positive Seite abgewonnen und blickt heute mit ein klein wenig Wehmut auf seine Zeit dort zurück.

Endlich habe ich einen Japaner, dem ich die Frage stellen kann, die mir Japaner ständig stellen! Ich zögere nicht lang: „Nakamura-san, was vermissen Sie aus Deutschland am meisten?“

Er zögert schon gar nicht, seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Tempo!“

Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Was genau meint er bloß? Tempo im Sinne von Geschwindigkeit wohl kaum. Davon gibt es in Japan schließlich deutlich mehr als in Deutschland. Ebenfalls unwahrscheinlich, dass er die Protohipster-Illustrierte von einst meint, von der früher alle behaupteten, sie blöde zu finden, und von der heute alle behaupten, sie früher toll gefunden zu haben. Und die Taschentücher dieser Marke, deren Name synonym für alle Taschentücher des Landes steht, meint er ja wohl erst recht nicht. Deutsche Papiertaschentücher sind ein rotes Tuch für Japaner, manchmal fast buchstäblich. Meine Frau verdankte ihnen das erste Nasenbluten ihres Lebens, im zarten Alter von über 30. Es war ein Schock, für sie war Nasenbluten stets nur der Stoff von Legenden gewesen; etwas, das immer nur den anderen passiert. Die Markenbezeichnung ‚Softie‘ hält sie für einen grausamen Witz.

Die Tücher sind zu hart für die japanische Nase. Japanisches Tuch ist derweil für deutsche Nasen nichtexistent, quasi Antimaterie. Es zerfällt bereits, sobald man ihm nur einen allzu eindeutigen Blick zuwirft. Als meine Frau und ich noch zwischen den Nationen pendelten, hatten wir immer Großpackungen der jeweils eigenheimatlichen Papiertaschentücher im Gepäck.

Ich frage also nach, welche Art von Tempo Nakamura-san meint, oder ob ich ihn falsch verstanden hätte, er womöglich ‚Tempura‘ gesagt habe.

„Nein! Tempo! Die deutschen Taschentücher!“, freut er sich, ganz in sentimentalen Gedanken an verschnupfte Tage in Nordrhein-Westfalen.

Ich schenke ihm aufrichtige Laute des Erstaunens und der Zustimmung. Gleichwohl erzähle ich ihm von meiner Beobachtung der Unvereinbarkeit der deutschen und der japanischen Vorstellung davon, wie ein Papiertaschentuch beschaffen zu sein habe. Er entgegnet, dass es ihm anfangs ähnlich gegangen sei wie meiner Frau, da war viel Wehklagen und Wundheit. Aber er härtete nasal ab und lernte die Strapazierfähigkeit und das Fassungsvermögen des teutonischen Tempo zu schätzen.

Nun wissen wir immerhin, was wir Nakamura-san als obligatorisches Reisemitbringsel kredenzen können, wenn wir von unserer weihnachtlichen Deutschlandreise zurückkommen. Vorausgesetzt neben meinem eigenen Taschentuchvorrat ist noch Platz im Gepäck. Ein Japaner dächte da wohl selbstloser. Doch ich bin ja nur ein Zugereister, und Integration bedeutet nicht Assimilation. Außerdem hört bekanntlich bei Geld, Liebe und funktionstüchtigen Papiertaschentüchern die Selbstlosigkeit auf.

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