Dieser Blog hat hitzefrei

Aber sonst geht es gut. Machen Sie sich keine Sorgen, wir sind umgehend wieder für Sie da. Bis dahin machen Sie doch das, was alle coolen Kids im Sommer machen: Bleiben Sie drinnen und schauen Sie Monsterfilme. Zum Beispiel die, die ich gerade besprochen habe:

Gamera – Guardian of the Universe

Gamera – Revenge of Iris

Haben Sie schon gesehen? Dann lesen Sie doch das Buch, das ich auch gelesen habe:

John Irving: In One Person

Update 28. 7.:

Noch mehr von Iris: Mission Iris

Bill Nighy ist der singende Mops der Untoten

Letzte Woche war Betriebsausflug zu Men in Black 3, da bin ich mitgegangen, weil ich schon die Kohlfahrt geschwänzt hatte. Mit dem Film waren für mich keinerlei Ängste oder Wünsche verbunden. Von den Vorgängern hatte ich lediglich in grauer Vorzeit die erste Hälfte des ersten gesehen, bis ich mir sagte: „So ein Unsinn – Außerirdische!“

Ich konnte damit nichts anfangen, damals. Umso mehr wunderte es mich in der Folgezeit, dass ich bei meiner Gemeindearbeit immer wieder (auch nicht mehr ganz so) jungen Menschen begegnete, die Men in Black mit Klauen und Zähnen verteidigten, als ginge es um Ghostbusters. Dabei ging es doch gar nicht um so etwas Erhabenes, sondern bloß um eine Hollywood-Komödie, in der coole Typen mit eigentümlichen Geräten und flotten Sprüchen Monster in New York jagen. Da merkte ich huch: Diesen jüngeren, aber auch nicht ganz so jungen Menschen war Men in Black ihr Ghostbusters. Wäre ich nur etwas später geboren, hätte es mich auch treffen können.

Von dieser Erkenntnis milde gestimmt und geistig verjüngt, besorgte ich mir vor Teil 3 die anderen beiden und „zog mir die Streifen rein“. Diesmal konnte ich „voll abschmunzeln“. Zumindest hier und da. Mir ist es übrigens schleierhaft, warum alle Welt immer den zweiten Teil disst. Wenn überhaupt ist er ein bisschen besser als der erste. Andererseits fand ich das auch bei Iron Man 2 und kein Stück bei Batman Begins 2, also sollte man mir in dieser Angelegenheit nicht trauen.

Der dritte Film reiht sich da schmunzelig gut ein, möglicherweise ist sogar eine weitere leichte Steigerung zu erkennen. Wenn nun MiB-Vollblutnostalgiker maulen, der neue Film sei gar nicht so lustig wie früher, dann liegt das möglicherweise daran, dass man sich als 30er oder Schlimmerer nicht mehr über die Sachen vor Lachen wegschmeißt, bei denen einen als Twen oder gar Teen das Brüllen ankam. Das ist nicht die Schuld des Films, das ist nicht die Schuld des Zuschauers, das ist einfach so. Wenn das nicht so wäre, hätte ich längst die Petition für die Herausgabe der Police Academy Legacy Edition unterschrieben.

Auf meinem langen Weg zum Verständnis von Men in Black fragte ich viele Jünger, was in aller Welt sie denn an dem Quatsch so toll fänden. Ganz oft kam als Antwort: „Der Hund ist so süüüß!“ (gut, ich habe größtenteils JüngerInnen befragt)

Da ist was dran! Frank, der sprechende und singende Mops aus dem Weltall, ist eine der sympathischsten Figuren der Saga. Sein Fehlen in Teil 3 wird häufig kritisiert, und das zu recht. Der Film ist komischer und klüger, als die orthodoxen Hardliner wahrhaben möchten. Aber ohne sprechenden Hund fehlt ihm was.

Eine andere Filmserie, für die ich eigentlich zu alt bin, ist Underworld. Sie wurde mir wider Verstand und Willen zur Obsession, als ich jüngst für ein Vampirbuchprojekt recherchierte. Aus dem Projekt wurde nichts, aber Kate Beckinsale als blutsaugende Lederwurst ist mir geblieben, schönen Dank auch. Als ich, ein paar Abende nach Men in Black 3, den aktuellsten Underworld-Teil im Heimkino sah, wurde mir bewusst, dass auch diese Reihe einen schwer verzichtbaren Mops hat: den Ober-Vampir Viktoria äh Viktor, gespielt vom gottgleichen Bill Nighy. Beckinsale ist immer noch ein Schnuckel in ihrer Pelle, aber Underworld ist einfach nicht dasselbe ohne Nighy, der im Kleidchen durchs Gemäuer hüpft und flötet: „Tatü-tata – ich bin die fesche Königin äh der mächtige König aller Vampire!“ (aus dem Wunschgedächtnis zitiert)

Ich sehe ein, dass Viktor inzwischen sowas von ununtot gemacht wurde, dass man ihn für Teil 4 nicht plausibel zurückbringen konnte (und Plausibilität wird in den Underworld-Filmen ganz, ganz groß geschrieben). Aber warum fehlt Frank in Men in Black 3? Selbst wenn der Ur-Mops-Darsteller inzwischen im Hundehimmel ist, hätte man die Rolle neu besetzen können. Mops ist Mops, das ist nicht so ein emotionales Thema wie die James-Bond-Nachfolge. Abseits vom Thema: Ich habe mir neulich mal Gedanken gemacht, welche Filmserienhauptfiguren tatsächlich so untrennbar mit ihren Darstellern verbunden sind, dass man sie unter gar keinen Umständen neu besetzen könnte. Gedankenergebnis: Nur ‚Dirty‘ Harry Calahan und John McClane (aus den Stirb langsam-Filmen). Außer Clint Eastwood und Bruce Willis ist eigentlich jeder ersetzbar. Man könnte auch mutmaßen, dass diese Figuren im Wesen so dünn sind, dass sie erst durch ihre Darsteller so etwas wie Persönlichkeit bekommen, nämlich die ihrer Darsteller. Aber das wäre Miesepeterei.

Kommen wir zurück auf den Hund. Anstatt Trübsal zu blasen, erinnern wir uns an die guten Zeiten mit Frank, dem singenden Mops:

Und erinnern wir uns an Viktor, die alte Queen der Verdammten. Hier nicht der köstlichste Auftritt, aber wenn man zu faul ist sich selbst die Hände schmutzig zu machen, muss man nehmen, was andere gestohlen haben:

Ich weiß gar nicht, wer von beiden knuddeliger ist. Ihre Abwesenheit ist auf jeden Fall ein herber Verlust für die jeweilige Serie.

Wo wir schon bei Filmen sind: Es gibt relativ frische Besprechungen meinerseits:

Elephant White

Pakt der Wölfe

Shaolin

Wo wir schon bei Besprechungen sind: Diese Bücher auch noch:

Ernest Cline: Ready Player One

Marie Hermanson: Himmelstal

Wo wir schon mit interaktiven Hypertextlinks um uns schmeißen: Bitte vergessen Sie nicht, rechtzeitig die Zwangszustellung der Bild-„Zeitung“ am 23. 6. abzubestellen.

Endlich sagt mal einer was (ich)

Ich kann nicht länger schweigen, ich bin viel zu lange viel zu höflich in dieser Sache gewesen, drum schreibe ich es heute, mit der letzten Tinte der Woche, auch wenn es mir geldwerte Sympathien verspielen wird:

Ich HASSE Tatsuya Fujiwara!

Ich hasse ihn schauspielerisch, nicht menschlich, das wäre ja albern, menschlich kenne ich ihn gar nicht, bestimmt ein feiner Kerl. Seit Hunger Games äh Battle Royale hat er unbestritten in manchem coolen Film mitgespielt. Die Frage ist nur: Warum? Hätte man nicht einen Schauspieler verpflichten können? Musste es ausgerechnet ein bockiger Brüllaffe mit Igelfrisur sein? Nuancen kennt Fujiwara keine. Jede Verletzung ist ein brüllender, fäustereckender Heulkrampf. Jede Freude ist ein brüllender, bodenrollender, bauchhaltender Lachkrampf.

Menschen, die ihr ganzes Leben nie aus Wanne-Eickel herausgekommen sind, wissen mitunter nicht, dass Menschen anderer Kulturkreise einen anderen gestischen und mimischen Ausdruck pflegen als Horst Tappert, und bezichtigen deshalb häufig asiatische Schauspieler generell des Überagierens. Diesen Grundsatzfehler begehe ich keineswegs. Ich bezichtige nur Tatsuya Fujiwara des Überagierens. Er ist mit knapp 30 schauspielerisch bereits da, wo Al Pacino und Grandpa Simpson erst mit zunehmender Alterschwerhörigkeit hingekommen sind. Wo soll das noch enden? Fujiwara ist in Japan auch als Bühnenschauspieler ein ominös gefragter Mann. Bislang hat ihm noch niemand gesagt, dass man vor der Kamera nicht jeden Ausdruck hubbleteleskopartig vergrößern muss.

Leider erschließt sich mir auch abgesehen vom Talentmangel nicht, warum Mädchen wie Männer für Moppel-Igel schwärmen. Es gibt viele Backfisch- und Jungspund-Idole, bei denen ich die Schwärmerei zwar nicht praktisch teile, aber theoretisch nachvollziehen kann. Hier jedoch – nichts! Fujiwara hat kein Charisma, ist nicht cool, weder männlich noch lustig. Da ist nur diese irritierende Igelfrisur und das Gebrüll.

Ende der Brandrede.

Wie komme ich jetzt überhaupt drauf? Ach ja, gestern sah ich Incite Mill, den neuen Hideo Nakata. Durchaus pfiffige Unterhaltung im guten, alten Sci-Fi-Splatter-Stil, der Agatha Christie so berühmt gemacht hat. Wermutstropfen vielleicht das unbefriedigende Ende. Und natürlich Brülligel.

Godzilla vs. Hachiko

Seit rund 13 Jahren würde ich nun Tokio als Herzensheimat bezeichnen und war eigentlich der Meinung, das touristische Pflichtprogramm in der Frühphase unserer Beziehung abgeleistet zu haben. Umso erstaunter war ich kürzlich, wie zufällig auf dieses Denkmal zu stoßen, von dem ich nie gehört oder gelesen hatte:

Es befindet sich in der Nähe des Kinos Chanter Cine in Hibiya, wo meine Begleitung und ich gerade in der kichernden Ladies Night Der Gott des Gemetzels gesehen hatten, was zu meiner Überraschung nichts mit Godzilla zu tun hatte, aber trotzdem ganz gut war. Die Statue ist nicht viel größer als die verhuschte Huldigung der Stadtmusikanten, die Bremen für ausreichend hält (eher kleiner). Ich würde in beiden Fällen auf Lebensgröße plädieren, doch kommt es vielleicht gar nicht auf die Größe an, sondern auf die Perspektive. Meine Begleiterin, eine unermüdliche Wahrheitssucherin und Mythenzerstörerin, insistierte, dass ich die Statue so fotografiere, wie sie ist, also in augenhoher Relation zu ihrer Umwelt. Ich hingegen muss darauf bestehen, dass Godzilla so fotografiert werden muss, wie Godzilla fotografiert werden muss. Leider ist mir das rückblickend doch nicht ganz gelungen.

Wieso ist dieses Denkmal in keinem Reiseführer erwähnt, das des treuen Hundes Hachiko aber in jedem? Ich möchte nicht Hündchen gegen Saurier ausspielen (die headline ist nur ein attention grabber, auf gut Deutsch gesagt), aber es wird ja niemand ernsthaft bestreiten wollen, dass Godzilla in der japanischen Folklore einen mindestens ebenbürtigen Stellenwert einnimmt.

(Hachiko eingescannt von einem alten Papierabzug aus meinem Spiegelreflexschnappschussprivatarchiv – es gibt sie noch, die guten Dinge.)

Mir fehlt zu diesem Zeitpunkt die Muße, die ganze Geschichte des treuen Hundes Hachiko wiederzugeben. Bitte lesen Sie sie in meinem Buch, oder sehen Sie den Film mit Richard Gere. Ich meine den Hachiko-Film mit Richard Gere, nicht die Verfilmung meines Buches mit Richard Gere.

Morituri te salutant

Ich habe eine offizielle Bekanntmachung zu verlesen:

Es ist zu kalt!

Es ist zu kalt für die heiße Phase eines anständigen Marathontrainings, zumindest so lange man kein norwegischer Ultra-Marathon-Veteran ist. Und zu viel Schnee ist auch, vor allem in den Schuhen. Ich hatte den Verdacht schon länger, wollte es aber nicht wahrhaben und bin stur weiter gelaufen, genau wie meine Nase. Dann hat die Grippe geschafft, wozu die Vernunft nicht imstande war: Das Angeber-Trainingsprogramm langfristig zu unterbrechen. Es geht mir schon wieder besser, aber ich werde in den nächsten zwei Wochen nicht aufholen können, was ich in den letzten zwei verpasst habe. Ich werde am 26. Februar trotzdem erst mal loslaufen, ist schließlich alles schon organisiert. Ich bin nur etwas kleinlauter in der Benennung meiner Erfolgsaussichten. Mein ursprünglicher Plan war es, den Tokyo Marathon in erster Linie mithilfe eines rigorosen 10-Wochen-Intensivtrainings zu absolvieren. Mein neuer Plan ist, den Tokyo Marathon in erster Linie mit Gottvertrauen und gutem Willen zu schaffen. Denn der Wille ist noch da, ich bin weiterhin hoch motiviert. Aber ich weiß auch, dass Kopf eben nicht alles ist, egal was die Motivationsseminarspinner sagen. Bein ist auch wichtig, und meine Beine haben in den letzten Tagen mehr Zeit auf der Couch als im Park verbracht.

So eine Grippe hat natürlich auch enorme Vorteile. So weiß ich inzwischen wirklich alles über die Entstehung aller Alien-Filme, und ich habe schon die komplette BBC-Krimiserie Luther gesehen, die Sie ab Sonntag sehen werden.

Wenn sie Ihnen nicht auf Anhieb gefällt, gucken Sie gefälligst nächste Woche wieder rein. Solange bis es Ihnen gefällt, hat bei mir auch geklappt. Ich habe am Sonntag frei und kann endlich Vier Fliegen auf grauem Samt schauen, aber Sie haben die erste Staffel Luther als Hausaufgabe. Die zweite ist freiwillig, weil die nur für Zuschauer mit Nerven wie Drahtseile ist. Will sagen: Die erste Staffel hat mir gut gefallen, aber erst bei der zweiten musste ich öfters fast heulen vor Glück. Lag vielleicht auch an den Medikamenten, aber höchstens ein bisschen.

Apropos irgendwas (mir fällt gerade keine Überleitung ein): Sie erinnern sich an Megumi Sakurai? Ich mich an manches leider zu gut. Da Megumi mitunter Poesie in deutscher Sprache schreibt, hatten wir es schon lange locker ins Auge gefasst, ein paar ihrer Gedichte hierzulande in Umlauf zu bringen. Mit ein wenig Hilfe meinerseits und viel Engagement der Herausgeberin Andrea Herrmann ist nun das Gedicht „Mädchen in dem grünen Wald“ in der aktuellen Ausgabe der Lyrik-Zeitschrift Veilchen erschienen, ein weiterer Text folgt in der nächsten Ausgabe. Lesen Sie mal wieder ein Gedicht. Hat mir auch nicht geschadet.

Was uns von Tieren unterscheidet, ist eklig

Seit es Mensch und Tier gibt, stellt sich der Mensch die Frage: Was ist der Unterschied? Meine Antwort wäre, dass der Unterschied darin besteht, dass Tiere sich diese Frage nicht stellen. Aber das ist unwissenschaftlich. Wer weiß schon, welche Fragen einen Nacktmull den lieben langen Tag lang beschäftigen (oder sind die nachtaktiv?).

Tiere haben keine Seele, sagen die einen. Tiere haben keinen Humor, sagen die anderen. Das eine ist keine Basis für eine vernünftige Diskussion, das andere wurde inzwischen widerlegt (durch Forschung, nicht durch Ronny’s Popshow). Die früheren Annahmen, Tiere würden keine Werkzeuge benutzen, könnten nicht treu und nicht homosexuell sein, gelten ebenfalls als überholt.

Ein Mensch sagte mir einmal, der Unterschied zwischen uns und Tieren sei eine gute Handschrift. Ich weiß aber nicht, wie das gemeint ist. Meine Handschrift ist nicht wesentlich besser als die meines Wellensittichs selig. Aber ich bin ein menschliches Wesen!

Einen nachvollziehbaren neuen Ansatz vertritt Dr. Rachel Herz in ihrem neuen Buch That’s Disgusting: Der Unterschied zwischen Mensch und Tier sei der Ekel. Tiere finden nichts eklig. Der Ekel im Menschen hingegen sei angeboren, nicht etwa, wie man meinen könnte, ein gelerntes Zivilisationswehwehchen. Wovor man sich genau ekelt, mag erziehungsabhängig sein, aber gewisse Ekelauslöser, insbesondere bezüglich Verwesung und Fäulnis, seien laut Herz kulturübergreifend zu finden, auch wenn auf Sardinien Käse erst als köstlich gilt, wenn er von Maden verspeist, verdaut und wieder ausgeschieden wurde, und Japaner verschimmelte Sojabohnen futtern wie andere Menschen Popcorn (ich finde beides eklig). Das Buch gefällt mir so gut, dass ich schon jetzt davon schwärme, obwohl ich es noch gar nicht gelesen habe, sondern nur eine ausführliche Besprechung in der, öhöm, New York Times Book Review.

Dr. Herz erzählt nicht nur davon, dass die ordnungsgemäße Benutzung eines Geldautomaten ein höheres Gesundheitsrisiko birgt als das Ablecken eines Klositzes im Cinemaxx (mache ich trotzdem nicht, aber ich werde fortan wohl mehr mit Karte zahlen), sondern sie erzählt selbstverständlich auch von Horrorfilmen. Überrascht hat mich, dass Mädchen laut der Autorin Horrorfilme oft als Mittel zum Zweck benutzen: Wenn ich das brav durchstehe, kann ich hinterher den Typen klarmachen. Ich hielt das für eine sehr männliche Strategie; genau so sind ich und die anderen Typen früher an Dirty Dancing und Pretty Woman herangegangen.

Apropos Woman (puh, endlich den Bogen zu dem Thema gekriegt, auf das ich eigentlich hinaus wollte). Ich liebe Horrorfilme mehr als irgendwelche anderen Filme, aber im fortgeschrittenen Alter hat sich mein Geschmack verlagert vom wilden und gefährlichen Grenzbereichhorror zum sicheren, vorhersehbaren Mainstreamhorror. Überhaupt habe ich erst wieder Spaß am Kino, seit ich akzeptiert habe, dass es sich um Unterhaltung handelt, nicht um Kunst oder Religion. Mein früheres Ich würde meinem heutigen Ich wohl die Freundschaft kündigen, aber was weiß mein früheres Ich schon. Man gebe mir eine neblige Gespenstergeschichte oder einen schlecht ausgeleuchteten Thriller über einen Serienmörder-von-teuflischer-Intelligenz, und ich bin glücklich. Meine Horrorfilme sollen Wohlfühlfilme sein. Extrem-Party-Splatter reizt mich nicht mehr, weil ich nicht mehr so viel trinke. Aufgekratzte Blut- und Sperma-Provokation mit Kunst- oder Anti-Kunst-Attitüde (beides dasselbe, das zweite ist nur verblasener) brauche ich nicht mehr, weil ich schon groß bin.

Man komme mir auch nicht bei jedem Brüll-Film mit dem Macker-Argument: „So ist eben die Realität!“ Ich sage: Das kannst du gar nicht beurteilen, Kleiner. Zu behaupten, das ganze Leben sei ein Jack-Ketchum-Roman, ist, als würde man behaupten, das Leben sei wie eine Komplettbox Die Waltons. Das eine ist so verlogen wie das andere, und keine von beiden Weltanschauungen ist gehaltvoller oder tiefgründiger als die andere. Es gibt Leid, Gewalt und Verzweiflung auf der Welt, und es gibt menschliche Wärme, grüne Weiden und flauschige Daunendecken. Menschen, die die Muße haben Filme zu schauen, werden mehr Begegnungen mit Daunendecken haben und erfahren in den wenigsten Fällen mehr Gewalt in ihrem Leben als eine Schulhofschlägerei aus der Ferne.

Meine Abkehr von der dunklen Seite des Horrorfilms hat zur Folge, dass mir Filme wieder Angst machen. Zumindest, bevor ich sie sehe. Ich habe aus erwähnten Gründen nicht mehr das Bedürfnis jeden Film zu schauen, den der Buschfunk gerade als das neue Ultimo in Sachen Blutrünstigkeit und Erniedrigung ausruft, aber manchmal bin ich doch neugierig. Dann steigere ich mich vorab oft in Erwartungshaltungen hinein, die schwerer zu ertragen sind als die Filme selbst. So musste ich bei der französischen Folter-Meditation Martyrs (Ultimo 2008) tatsächlich vorzeitig das Kino verlassen, weil mir ganz schlecht war von der Vorstellung, dass mir schlecht werden könnte. Dabei ging der Film eigentlich bis dahin. Und der Rest des Films ging auch, wie ich beim zweiten, erfolgreichen Versuch feststellte. Es ist ein schöner Film über den Lohn des Leidens, eingepackt in eine reichlich alberne Verschwörungsstory, der mir eine gute Inspiration beim Dauerlauftraining geworden ist. Es ist kein Film, den ich als Valentins- oder Muttertagsgeschenk empfehlen würde, aber mich hat er inhaltlich angesprochen, und meine Ekeltoleranzschwelle hat er nicht überschritten. Richtig eklig ist Ekliges nämlich erst, wenn die Beweggründe eklig sind. Das Eklige in Martyrs aber ist unverzichtbarer Teil der Erzählung und kein ekliger Voyeurismus.

(Trailer nicht für jeden.)

Ähnlich feige herumgeschwänzelt bin ich lange um The Woman (Ultimo 2011). Bekannt wurde der Film durch ein vermutlich inszeniertes Viralvideo, in dem sich am Rande der Premiere ein angeblicher Zuschauer angeblich sehr aufregt:

Die Handlung (Anwalt und Familie halten eine verwilderte Frau im Schuppen gefangen) hatte mich nicht sonderlich angesprochen, aber ich vertraue dem Regisseur Lucky McKee und der Hauptnebendarstellerin Angela Bettis seit ihrer herzergreifenden Splatter-Dramödie May.

Gestern bin ich den seit rund zwei Monaten hier herumliegenden Film endlich angegangen, und es war ein weiteres Martyrs-Erlebnis, nur diesmal ohne Fehlversuch. Lucky McKee selbst bezeichnet The Woman als Horrorfilm, also akzeptiere ich das. Meine Wahrnehmung ging allerdings von Anfang an eher in Richtung einer Steigerung von American Beauty. Viel interessanter als die körperlichen Qualen, die in The Woman durchaus vorkommen (wenn auch weniger prominent und explizit, als es das Raunen auf allen Kanälen impliziert), ist die seelische Verfassung der Anwaltsfamilie. Wenn man den Film mit „Yeah! Eklig!“-Gebrüll besser verkauft, soll es so sein. Yeah-Eklig-Fans müssen sich aber darauf einstellen, etwas zu sehen zu bekommen, was sie vielleicht noch nie zuvor gesehen haben: ein satirisches, oft enervierend stilles, sehr fein beobachtetes und inszeniertes Familiendrama. Freunde von fein beobachteten Familiendramen hingegen sollten sich drauf einstellen, dass hin und wieder ein Gesicht abgebissen wird.

Neulich im Schloss

Sollten Sie es am vergangenen Wochenende nicht ins Schloss Schönebeck zu meinem Vortrag zum Thema Manga und meiner Lesung zum Thema Niedlichkeit geschafft haben, trösten diese seltenen Dokumentaraufnahmen Sie vielleicht ein wenig (oder legen die Bilder den Finger etwa noch tiefer in die Wunde?!).

Entgegen anders lautenden Gerüchten spiele ich auf diesem Foto keineswegs Klavier (vielleicht beim nächsten Mal):

Im Dunkeln ist meine Hello-Kitty-Krawatte noch schlechter als solche (oder überhaupt) zu erkennen, als ohnehin schon.

Man zwang mich auch zum Wiegen auf der schlosseigenen Kitty-Waage:

Gottlob wiege ich nichts mehr, seit ich im Training bin.

Ich bedanke mich bei allen, die gekommen sind, und selbstverständlich ganz besonders bei allen, die an beiden Abenden gekommen sind, obwohl der Eintritt kein Pappenstiel für Taschengeldempfänger war. Ich bin ganz ehrlich noch immer ganz gerührt.

Die Zeitung war netterweise auch da. Im guten alten journalistischen Stille-Post-Spiel können schon mal Zahlen durcheinandergewirbelt und Aussagen grob verallgemeinert werden – das sehe ich nicht eng, merke aber trotzdem an, dass ich jede Schuld von mir weise.

Dafür verbürge ich mich für die Richtigkeit der Angaben in meiner filmischen Altjahresansprache.

Lieber Journalismus, bitte nehmen Sie sofort Ihren Finger aus meiner Wunde, meine Nippel tun schon genug vom Laufen weh!

Mitunter halte ich mich in der Küche auf, dort läuft immer das Radio. In meinem Radio laufen zum Glück nur gute Sendungen, über Bücher, Revolutionen und Neuerscheinungen der Deutsche Grammophon. Aber manchmal vergreifen sich die Moderatoren im Ton, so wurde unlängst ein Sachbuchautor für einen Journalismus gelobt, „der den Finger in die Wunde legt.“

Ich finde daran nichts Lobenswertes. Hat es irgendeiner Wunde je bei der Heilung geholfen, dass ein Finger in sie gelegt wurde? Sicherlich kann man mit dem in die Wunde gelegten Finger auf diese aufmerksam machen. Aber die meisten Wunden sind ja nicht gerade so gut versteckt, dass ohne Sado-Journalisten niemand etwas von ihnen mitbekommen würde. Sollte ein ordentlicher Journalismus nicht lieber einer sein, der bei Anblick einer Wunde ruft: „Ist zufällig ein Arzt anwesend?!“ Ein Journalismus, der Wunden heilt, oder zumindest zur Heilung von Wunden beiträgt. Das wäre ein Journalismus, den ich mir loben würde.

Es gibt nichts Schrecklicheres als die Phrase vom Finger in der Wunde. Außer Krieg und Hungersnot vielleicht. Oder Schimmel auf dem Pesto, oder das gemeinsame Album von Lou Reed und Metallica. Eigentlich gibt es jede Menge Schrecklicheres als die besagte Phrase, wenn man es genau bedenkt, aber ich reagiere in letzter Zeit häufig voreilig und emotional, weil meine Nippel so sensibel sind.

Sie wissen ja, mir ist da neulich wg. Midlife-Crisis ein Malheur passiert, und jetzt muss ich immer viel laufen, und zwar nach Anleitung, sonst wird das nichts. In meiner Anleitung ist eine Merkliste, was man nicht einzupacken vergessen darf, wenn man sich auf den Weg nach bzw. zum Marathon macht. Ein paar der Dinge leuchteten mir sofort ein (Schuhe, Socken, Seife), aber einen Punkt fand ich doch albern: „Pflaster (Brustwarzen)“. Das war mir zu kinky, ich will schließlich Marathon laufen, nicht CSD-Parade. Eins nach dem anderen.

Aber inzwischen weiß ich: Menschen, die Bücher übers Laufen schreiben, wissen oft mehr über das Laufen als Menschen, die Bücher über das Laufen bloß lesen und hinterher leicht süffisant dumme Witzchen darüber machen.

Meine Brustwarzen tun höllisch weh.

Aber ich habe daraus gelernt und renne nicht mehr ohne Pflaster aus dem Haus. Tatsächlich sind meine Nippel in genau diesem Moment überklebt, und ich fühle mich gut dabei. Ein Foto erspare ich Ihnen. Würde ich selbstverständlich nicht ersparen, wenn ich Hello-Kitty-Pflaster hätte, aber die gibt es leider nicht in Erwachsene-Brustwarzen-Größe. Selbstverständlich habe ich danach gesucht, was ist denn das für eine komische Frage?! Für mein Laufprogramm habe ich aber nur dies aus dem HK-Programm gefunden:

Das Bye-Bye Boo Boo Therapeutic Ice Pack (fantastisch: Bye-bye, Boo Boo! Hello, Kitty!) hilft bestimmt auch, wenn einer einem mal wieder einen Finger in die Wunde gelegt hat. Ich bin für einen Journalismus, der das Hello Kitty Bye-Bye Boo Boo Therapeutic Ice Pack auf die Wunde legt!

Diese neuen Besprechungen aus meinem Besprechungslabor legen keinen Finger in die Wunde, sie haben keine Ecken und Kanten, sitzen nicht zwischen Stühlen und sie gehen auch nicht an Grenzen. Sie gehen nur soweit die Nippel tragen:

Film

Haunters

The Man from Nowhere

Paranormal Activity – Tokyo Night

Buch

Laura Joh Rowland: Der Wolkenpavillon

Haruki Murakami: 1Q84 Buch 3

Sie können mich mal gernhaben (ich habe Sie ohnehin gern!)

Sie haben bestimmt bemerkt, dass vor kurzem unter den Beiträgen hier überall Knöpfe aufgetaucht sind, die vorher nicht da waren. Trauen Sie sich, drücken Sie ruhig mal drauf, dann passiert irgendwas! Nein, ich habe nicht angefangen zu twittern, zumal ich nach wie vor nicht so ganz genau weiß, was das eigentlich ist. Und auch zukünftig werde ich netzwerktechnisch asozial bleiben. Aber Ihnen, untertänigst verehrte Leserinnen und Leser, möchte ich fürs erste nicht mehr vorschreiben, was Sie zu tun oder zu lassen haben. Deshalb dürfen Sie mich jetzt durchaus weitertwittern, auch wenn mir die Sache nicht ganz geheuer ist. Und Sie können mich mal liken, Sie wissen schon wo.

Ich werde die Sache mit kritischem Auge beobachten. Sollten die Ergebnisse zu beschämend sein, nehme ich den Unsinn wieder runter. Ich hoffe, das geht.

Wo der Computer schon mal an ist: Es gibt wieder mal anderswo Anderes von mir zu lesen. So habe ich unlängst beim Fünf-Bücher-Projekt den Dicken gemacht. Bitte kaufen Sie meine fünf Bücher und alle anderen fünf Bücher, es ist gleich doppelt für einen guten Zweck (Ihr Lesevergnügen und eine wohltätige Organisation).

Auch für einen guten Zweck: Am nächsten Donnerstag, den 28. Juli, liest Christine Bongartz in Bremen aus meiner Gebrauchsanweisung für Japan, musikalisch begleitet von Naoko Marutani. Alle Fakten hier.

Und es gab neues zu besprechen:

Film

Garden of Sinners Film 2: Morderverdacht Teil 1

Gothic & Lolita Psycho

Kite Liberator – Angel of Death

Monga – Gangs of Taipeh

Buch

Stephen Clarke: Gebrauchsanweisung für Paris

Barry Eisler: Paris is a Bitch / The Lost Coast

Don Winslow: Satori