Hier spricht Doktor Horror!

Im Licht der jüngsten Ereignisse habe ich den Entschluss gefasst, meinen abgelegten Doktortitel bis auf Weiteres wieder zu führen. Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens seit dem Abendbrot.

Ist mir nämlich jetzt erst eingefallen: Ich brauch mir gar keinen Titel zu kaufen, ich hatte mir ja schon mal selbst einen ausgedacht! Bevor ich mit diesem seriösen und einflussreichen Polit-Blog begann, führte ich einen anderen Blog namens Doktor Horror, eine recht monothematische Angelegenheit zu meinem liebsten Steckenpferd, der Horrorunterhaltung, der zweitschönsten Nebensache der Welt nach Waldmeisterbrause. Wegen Burnout und Launenhaftigkeit legte ich den Titel eines Tages ab und löschte den Blog. Mir war auch das alberne Profilbild inzwischen ein wenig peinlich:

Sowas würde ich heute nicht mehr ins Internet stellen. Ich laufe auch nicht mehr so rum, denn ich will mich integrationsfähig zeigen und die Leitkultur nicht gefährden.

Aber meinen völlig aus der Luft gegriffenen Doktortitel, den führe ich jetzt gerne wieder. Denn ich habe gelernt: Berufliche Konsequenzen hin oder her – die breite Masse liebt Scharlatane und Betrüger. Warm werden sie umarmt und bepustet, wo es weh tut. Ins Ohr wird ihnen gesäuselt, dass gar nicht sie die Verbrecher sind, sondern all die anderen, die Intellelle … die Interle … die Inta … diese Oberschlaumeier!, die immer zwanghaft in jedem Verbrechen gleich ein Verbrechen sehen müssen. Ich habe mal durchgezählt: Die breite Masse, das sind ganz schön viele! Millionen! Ich möchte auch von Millionen umarmt, getröstet und verstanden werden, wenn ich mal beim Lügen und Betrügen erwischt werde.

Die Wiederannahme meines Doktortitels ist mit meiner Doktormutter abgesprochen (wir haben uns im Internet kennengelernt).

Bevor Sie mutmaßen: Ja, ich bin auf Droge! Auf einer Droge namens Doktor Horror! Ahahaha!

(Zu viel? Falls Sie sich nun Sorgen machen oder sowas auch haben wollen: Es gibt gar keine Droge namens Doktor Horror, das war nur eine clevere popkulturelle Anspielung, wie wir Blogger sie gerne innerhalb der Blogosphäre machen. Gäbe es diese Droge aber, dürfte nur ich sie nehmen, denn bei Ihnen würde sie zu ähnlich starken Nebenwirkungen führen wie die Droge namens Charlie Sheen. Denken Sie auch an Ihre Kinder.)

Bonus-Feature: Making of Doktor Horror

In einem Koffer auf einem Dachboden in Argentinien wurde noch ein altes, verworfenes Konzept zur Doktor-Horror-Alter-Ego-Visualisierung gefunden:

Da hatte ich mir gedacht: Kann ja keiner erkennen! Hatte ich auch recht gehabt.

Zwei Schweineartikel, die ich zum Glück nicht geschrieben habe (und weitere Schweinereien)

Selbstverständlich habe ich ein iPig gekauft, Sie ja hoffentlich auch.

Es hat einen guten Klang und ist kleidsam für jeden Raum. Seit Wochen will ich meine Freude mit der Welt teilen, doch fehlen mir die Worte. Zwei halbgare Fragmente warteten Internet-Ewigkeiten im Entwurfslimbo, bis ich mir eingestehen musste, dass ich am Schwein gescheitert bin. Unser Verhältnis bleibt ungetrübt, wir werden weiterhin wunderschöne Stunden miteinander verbringen, das kleine Ferkel und ich, aber wir werden sie für uns behalten. So wie diese beiden Artikel, die nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden:

1. verworfener Schweineartikel: 10 Dinge, die man zu seinem iPig sagen kann

Es gibt im Deutschen unglaublich viele Redewendungen und Verbalinjurien um Schweine, Säue und Ferkel, eine lustiger als die andere. Aber wenn man davon wirklich etwas Sinnvolles zu seinem Musikschwein sagen möchte, bleiben mal gerade drei übrig:

  • „Komm raus, du Sau!“ (bei Erhalt der Ware)
  • „Ich glaub, mein Schwein pfeift!“ (bei Bedienungsfehler oder Bobby McFerrin)
  • „Das ist doch Schweinerock!“ (Led Zeppelin u.ä., hab ich aber nicht)

Zugegeben, ich bin schon auf 10 gekommen, aber darunter ist wenig mit direktem Schwein- und Musikbezug, und viel verzweifelt Sinnloses, wie: „Es gibt Schweinelachs!“, oder: „Hic porci cocti ambulant!“ Damit macht man dem Tier nur Angst.

2. verworfener Schweineartikel: Das total süße, schielende Schweinchen (Internet-Kult!) sagt die Oscar-Gewinner voraus

Pustekuchen! Gar nichts hat das Schwein gesagt! Und ich bin in dieser Angelegenheit viel zu leidenschaftslos, um Ihnen hintenrum durchs Schwein eigene Prognosen oder Wünsche unterzujubeln. Das hat das Schwein nicht verdient, und Sie auch nicht. Ich habe keinen Favoriten. Ich werde sogar zum ersten Mal seit Jahren gut gelaunt früh zu Bett gehen anstatt mürrisch aufzubleiben. Nein, es hat nichts damit zu tun, dass der famose offizielle Vorschlag der japanischen Delegation gar nicht erst für den Fremdsprachenoscar nominiert wurde. Oder dass mein Favorit für den Englischoscar, den ich ja gar nicht habe, genau genommen bloß ein Abklatsch eines japanischen Films ist.

Abklatsch ist ja auch nicht mehr schlimm. Kein Schwein muss um sein Amt fürchten, wenn es etwas abklatscht oder abklatschen lässt. Nationaler Skandal ist das nur, wenn es ein minderjähriges Mädchen in einem ausgedachten Roman tut. Wenn es erwachsene Männer in wissenschaftlichen Arbeiten und Lebensläufen tun, zum Beispiel, ist es halb so wild.

Bei diesem hypothetischen Thema fällt mir ein, dass mir vor ein paar Jahren auch einmal das Angebot gemacht wurde, gegen eine Unkostenbeteiligung meinen versäumten Universitätsabschluss nachzumachen ohne etwas zu machen. Für einen geringen Aufpreis und ohne zusätzlichen Arbeitsaufwand meinerseits wäre auch ein Doktor-Upgrade drin gewesen. Ich habe damals davon abgesehen, weil ich dem Sicherheitszertifikat der Website hinsichtlich der Übertragung meiner Kontodaten nicht genügend vertraute, und weil ich fürchtete, es könnte berufliche Konsequenzen haben, wenn die Chose auffliegt. Letzteres war freilich blauäugig.

Hello Kitty darf nicht sterben

Ich wunderte mich einmal sehr, als eine befreundete Autorin für ein Magazin sehr sachlich eine DVD besprach, deren äußerst infantiler Inhalt im Wesentlichen darin bestand, dass die Filmemacher auf möglichst brutale Weise Teddybären vernichteten. Ich kannte die Autorin als eine Liebhaberin und Bewahrerin von Teddybären, daher meine Verwunderung. Sie aber erläuterte mir, dass sie sich mit einer buddhistisch korrekten Geisteshaltung auch in diesem Zusammenhang an den kleinen Rackern erfreuen könne.

Wenn die das kann, dann kann ich auch ein Buch mit dem entsetzlichen Titel Hello Kitty Must Die lesen. Es handelt sich um den Debütroman der Amerikanerin Angela S. Choi, der bald auch auf Deutsch erscheint. Choi erzählt von der jungen Anwältin Fiona, die schwer unter ihrer chinesisch verwurzelten Familie zu leiden hat, und darunter, dass sie, Fiona, kein Jungfernhäutchen hat. Das entdeckt sie, als sie sich am Anfang des Romans mithilfe eines Artikels aus dem Ehehygienefachgeschäft selbst entjungfern möchte. Bestürzt rennt sie zum Chirurgen, um sich ein Häutchen einsetzen zu lassen. Der Arzt entpuppt sich als ein ehemaliger Schulkamerad, der seinerzeit von der Schule flog, weil er gerne Leute anzündete. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

So weit, so pfiffig. Es könnte der Beginn eines wunderbaren Romans sein, wenn nicht alles von Anfang an so ermattend unpfiffig geschrieben wäre. Angela S. Choi wird häufig mit Chuck Palahniuk verglichen, hauptsächlich wohl, weil es so auf dem Buchumschlag steht, und der Mensch plappert gerne nach, was schon mal ein anderer Mensch geplappert hat. Mittlerweile ist ein Palahniuk-Vergleich freilich einer, bei dem man sich nicht sicher sein kann, ob er schmeichelhaft oder gehässig gemeint ist. Aber selbst wenn der Name des putzigen Nullerjahrekultautoren inzwischen einiges an Strahlkraft eingebüßt hat, so muss man Palahniuk doch eines lassen: Er hat eine ganz eigene Stimme. Sie mag einem irgendwann auf den Geist gehen, aber sie ist unverwechselbar, in guten wie in schlechten Zeiten. Choi hingegen schreibt im Duktus generischer Chick Lit (nicht Chuck Lit, höhö, Verzeihung). Ihre Ich-Erzählerin soll eine geistreich-sarkastische Beobachterin sein, ist aber bloß ein geistloser Jammerlappen, der sich aus einem Plattitüdenreservoir von unvorstellbaren Ausmaßen vollsaugt. Später gibt es in der Handlung wohl noch Serienmord und Nachtleben, wie in jedem Debütroman, aber so weit bin ich nicht gekommen. Auf Seite 50 dachte ich mir: Das Kapitel noch, dann wieder ein gutes Buch. Gottlob ging das Kapitel nur bis Seite 52.

Viele Menschen brüsten sich damit, jedes Buch, das sie zu lesen beginnen, auch zu Ende zu bringen. Meistens sind das Menschen, die sich um ihr Geld selbst dann noch Gedanken machen, wenn es schon ausgegeben ist. Dann lautet die irrationale Argumentation: Ich hab das bezahlt, also lese ich es auch. Mir kommt diese doppelte Bestrafung nicht in die Tüte. Das Geld mag verloren sein, aber die Zeit kann ich noch retten.

Mit dem thematischen Kreisen ums Töten und Ausgehen in Kalifornien scheint man eher bei Bret Easton Ellis als bei Chuck Palahniuk. Man muss aber nur einen Blick in den neuen Ellis werfen, um zu verstehen, warum man doch ganz woanders ist. Inzwischen gilt zwar als gesichert, dass es sich bei Imperial Bedrooms nicht um den größten Wurf des Autoren handelt, aber er ist dennoch ein exzellentes Beispiel für das, was dabei herauskommt, wenn ein ernsthafter Schriftsteller hoch konzentriert das tut, was er besonders gut kann. Das ist ein Rhythmus, bei dem man mitmuss, da stimmt jedes Bild, da steckt hinter jedem kleinen Fehler eine große Absicht. Das hätte kein Imitator so schreiben können, auch wenn sich seit 20 Jahren jeder zweite Nachwuchsautor für den neuen Bret Easton Ellis hält.

Angela S. Choi dankt in ihrem Buch u. a. ihrem ‚Creative Writing Coach‘. Ich habe dieser Creative-Writing-Chose nie getraut. Wahrscheinlich wird man dabei gecoacht, so viel wie möglich so wenig kreativ wie möglich zu schreiben, damit man so klingt wie jeder andere, der schonmal ein Buch verkauft hat. Das ist näher bei Kerstin Gier als bei Chuck Palahniuk oder Bret Easton Ellis. Meinetwegen ist das Kerstin Gier mit einer Kettensäge, aber Kettensäge ist in diesem Fall leider auch keine Lösung.

Ach, der Kerstin-Gier-Vergleich tut mir schon wieder leid. Die Gier und ihre Vermarkter führen zumindest niemanden an der Nase herum. Wer einen Gier in die Hand nimmt, tut dies nicht, weil er erwartet, das Buch könnte jede Sekunde für den Preis der Leipziger Buchmesse shortlisted werden. Der amerikanische und der deutsche Verlag von Choi tun aber so, als handele es sich um kapitale LITERATUR.

Es müsste einen geben, der mit dem Zeigefinger hoch in der Luft herumschlägt und mit einem feucht lispelnden Quaken ruft: „Das ist keine Literatur!“ Gibt es aber nicht. Muss man selbst machen.

Jetzt bitte nicht das ewige Chick-Lit-Argument, dass das alles eben nicht für Männer gedacht und gemacht wäre. Man nenne mich hoffnungslos progressiv, aber ich weigere mich zu glauben, dass Frauen schon genetisch das literarische Urteilsvermögen fehlt. Es wird Frauen geben, die sich von der Fließband-Frauenliteratur um Schuhe, Sex, Shopping und Serienmord mehr beleidigt als angesprochen fühlen. Ich bin mir ganz sicher, irgendwo gibt es sie. Mein ewiges Mantra.

Zum kritischen Hello-Kitty-Diskurs hat der Roman übrigens wenig Neues beizutragen. Es wird der alte Hut aus dem Schrank geholt, dass Kitty-chan konteremanzipatorisch sei, weil sie keinen Mund habe und somit keine Parolen rufen könne. Choi fügt dem hinzu, dass man ohne Mund auch anderen Aktivitäten nicht nachgehen kann, aber dies ist ein familienfreundlicher Blog. Ich halte dagegen: In einer Gesellschaft, in der niemals niemand nicht aufhört zu schnattern, ist Kitty ein liebenswert unangepasster Freigeist, eine echte Rebellin. Sie kann sich auch ohne Verbaldurchfall verständlich machen, sie ist eine Meisterin der nonverbalen Kommunikation. Ein Blick von ihr oder auf sie sagt alles. Wie jede echte Rebellin bringt Hello Kitty das Establishment verlässlich zur Verzweiflung. Die gleichgeschalteten Schäfchen der Generation Slipknot kann man kaum besser verstören als mit Kittys radikaler und kompromissloser Niedlichkeit. Die Kleine hat es faustdick hinter den Öhrchen. Lang lebe Hello Kitty.

P.S.: Ja, ich habe schon verstanden, dass die Hello Kitty im Roman nicht nur die japanische Stilikone meint, sondern auch den amerikanischen Slang-Ausdruck für fügsame Mausemädchen asiatischer Herkunft. Hat mir und dem Roman aber nicht geholfen.

Kurz: Kokuhaku

Interessiert sich hier jemand für Tetsuya Nakashima? Ja, ich. Besser und knapper hätte es Japan kaum hinbekommen können, als den neuen Film meines Lieblingsregisseurs (u. a. Kamikaze Girls und Memories of Matsuko) genau eine Woche vor meiner vorläufigen Abreise noch schnell in die Kinos zu bringen. Gerne würde ich mit Kloß im Hals von einem Geschenk sprechen, aber freilich musste ich Eintritt bezahlen.

Kokuhaku (告白) heißt der neueste Streich, international wird wohl Confessions draus, was auch hinkommt. Takako Matsu spielt eine Lehrerin, die zwei ihrer Schüler verdächtigt, für den Tod ihrer Tochter verantwortlich zu sein. Als sie ihrer Klasse mitteilt, dass sie den Schuldienst quittiert, gesteht sie ihnen auch gleich, dass sie ihre Tochter rächen wird und ihr Racheplan bereits im vollen Gange ist. Sie ist nicht die einzige im Raum, die etwas zu gestehen hat. Und nicht die einzige mit mörderischen Plänen. Mehr sollte man nicht verraten, um die vielen überraschenden Wendungen nicht auszuplaudern, und um wirkungsvoll zu kaschieren, dass man rein sprachlich nicht alles verstanden hat.

Viel wird darüber schwadroniert, dass Nakashima mit diesem Film endlich erwachsen würde, als wenn er das nötig hätte. Keine Anime-Sequenzen und Tanzeinlagen, kein Genrewechsel alle fünf Minuten, keine grellen Farben und schnellen Schnitte, dafür Story, Story, Story. Ich aber sage euch: Kokuhaku ist ein waschechter Nakashima, nur anders als die anderen. Und eine Tanzeinlage gibt es wohl. Handlungsstark waren alle bisherigen Filme des Regisseurs. Wer das nicht erkennt, hat vermutlich Schwierigkeiten, sich auf gewisse Geschichten einzulassen. Was Nakashimas Filme überdies eint ist die Tatsache, dass sie alle optisch 1A, aber ebenso alle optisch unterschiedlich sind. Die Geschichte diktiert, wie sie bebildert werden will. Kamikaze Girls mit seinen überzeichneten aber liebenswerten Figuren muss als knallbunter Comic-Film daherkommen. Memories of Matsuko erzählt ein ganzes Leben in nur etwas über zwei Stunden, deshalb muss sich das Genre und damit die Bildsprache ständig ändern, denn das echte Leben hat im Idealfall mehr als nur ein einziges Genre. Melodram, Komödie, Porno, Horror – alles drin. Der Kinderfilm Paco and the Magical Book wäre viel zu traurig, wenn er nicht fröhlich inszeniert wäre. Und Kokuhaku kann nicht anders als dem schweren Schicksal seiner Figuren mit ruhigen Bildern und gemäßigtem Tempo den nötigen Respekt zu zollen. Ruhige Bilder heißt selbstverständlich nicht, dass der Film weniger sorgfältig gestaltet wäre als seine Vorgänger. Waren frühere Nakashimas wie Videoclips, ist der neue wie ein Gemälde. Beides legitime Kunstformen übrigens, die eine ist im Jahre 2010 nicht weniger erwachsen als die andere. Alles in Kokuhaku ist an seinem Platz. Man sollte nicht glauben, dass irgendein Spiegelbild Zufall ist, oder dass irgendein Regentropfen nicht genau dahin fällt, wo der Meister gesagt hat. Ebenfalls typisch: Konstante, eklektizistische Musikbegleitung zwischen J-Pop, Radiohead, Klassik und Avantgarde. Mal musicalmäßig weit vorne, oft so subtil, dass nur anspruchsvolle Ohren sie bewusst wahrnehmen.

Die Geschichte wirft vieles in ihren Topf. HIV! Häusliche Gewalt! Amoklauf! Mobbing! Liebe! Tod! Trauer! Undsoweiter! Die Verknüpfungen sind dabei häufig überraschend, manchmal auch etwas arg konstruiert. Aber einem Kunstwerk Konstruktion vorzuwerfen scheint mir falsch. Kokuhaku ist, bei allen Unterschieden, wie alle Filme des Regisseurs ein in erster Linie emotionales, dann erst intellektuelles Kunstwerk. Soll heißen: Zielt aufs Herz, aber der Kopf muss nicht draußen bleiben. Es ist definitiv unter allen Nakashima-Filmen der, der nach dem ersten Sehen am längsten nachwirkt. Eigentlich ist es zu früh, jetzt schon etwas drüber zu schreiben. Aber so ist das Internet. In erster Linie wollte ich ja auch nur damit angeben, dass ich den Film schon gesehen habe, und Sie nicht. Wahrscheinlich ist davon keiner außer mir selbst beeindruckt. Aber das muss reichen.

Hotltotl Overdrive

Aus gegebenem Anlass zitiere ich mich selbst aus meinem Eintrag von vorgestern (gleich hier hinter):

Ich werde gerne auf den Arm genommen und hinters Licht geführt, um dort aufs Kreuz gelegt zu werden. Da spürt man, dass man lebt.

Es war wieder ein ganz herrliches Gefühl, das sollten Sie auch mal versuchen.

Liebes Frl. Hegemann, bitte machen Sie sich rein gar nichts aus dieser Sache. Lassen Sie die Blogger kläffen, die tun nichts, die freuen sich nur, dass ihnen auch mal jemand zuhört, denn das geht vorbei. In Ihrem Alter habe ich auch vieles abgeschrieben, insbesondere Mathe und Bio. Und bei mir – so wurde mir versichert – ist dabei auch jedes Mal etwas ganz Eigenes, nie zuvor Dagewesenes entstanden.

Ich biete an: Das nächste Buch einfach von mir abschreiben, ich bin da nicht so. Sind doch nur Worte. Besitz besitzt dich.

Hozlplozl Reloaded

Ich wollte immer 17-jähriges literarisches Wunderkind werden, wenn ich mal groß bin. Ich bin immer noch vorsichtig zuversichtlich, obwohl mich blanke Neider inzwischen häufig anzischen, dass es keine 40-jährigen 17-jährigen Wunderkinder gäbe. Aber die werden sich noch wundern. Falls alle Stricke reißen, werde ich an meiner statt mein eigenes ungezeugtes Kind nach Strich und Faden auf viel zu frühen Erfolg trimmen. Das missratene Balg wird sich warm anziehen müssen, am besten schon im Mutterleib. Spätestens mit 8 muss der autobiografische Roman über den Drogenentzug im Schatten der übergroßen Vaterfigur druckfähig vorliegen, sonst verlasse ich die Familie (erzieherische Maßnahme). Mein Kind wird selbstverständlich einen einprägsamen Namen bekommen, zur Förderung von kreativem Hass via Schulhof- und Pressehänselei. Ich dachte an Axolotl, falls es ein Mädchen wird, ansonsten Sabine.

Sabine reimt sich fast auf Helene, und eine bessere Überleitung fällt mir leider nicht ein zu Helene Hegemann und ihren Debütroman, mit dem sie das aktuellste 17-jährige literarische Wunderkind ist. Ich habe mir das Buch sofort gekauft, weil ich das Prinzip des 17-jährigen Wunderkindes für bedingungslos unterstützenswert halte. „Mit 17 schon Bestseller-Autorin!“, ist eine viel beglückendere Meldung als: „Mit 17 schon Betriebswirt!“

Es ist mir kein Bedürfnis eine Buchbesprechung zu schreiben, das ist mir ohne Geld zu anstrengend und zu langweilig. Das Buch ist halt gut, können Sie mir einfach glauben. Vielleicht nicht so gut wie der Trailer, aber welches Buch ist das schon.

Eine richtige Buchbesprechung schreiben Sie sich bitte selbst. Denken Sie dabei daran, dass die Feuilleton-Quote seit dem 1. Januar verbindlich ist, und verwenden Sie mindestens einmal jeden dieser Begriffe:

  • Metaroman
  • Thesenroman
  • Codes
  • Chiffren
  • Kolumnisten-Prosa
  • prekär
  • Prekär ist in Azathoth Roadrage zwar nichts und niemand, aber das Wort muss dennoch in jedem kulturjournalistischen Artikel mindestens einmal unübersehbar untergebracht werden. ‚Prekär‘ ist das neue ‚nachhaltig‘.

    Ich selbst habe erst die ersten 53 Seiten gelesen, aber das sollte reichen, um ein Buch hochzuloben. Die meisten Menschen lesen ihr ganzes Leben keine 53 Seiten. Das mit dem Huhn und das mit den Küken fand ich gut, da wird der Rest nicht schlecht sein. Das Buch scheint angenehm plotlos (ein guter Roman braucht keine Geschichte), die Schreibe unverseucht von jeder Schreibkursdoktrin. Wenn ich mich irre, umso besser. Ich werde gerne auf den Arm genommen und hinters Licht geführt, um dort aufs Kreuz gelegt zu werden. Da spürt man, dass man lebt.

    Mehr am Herzen als das Loben dieses speziellen Buches liegt mir das Loben aller Bücher aller 17-jährigen Wunderkinder, frühere, gegenwärtige und zukünftige, überall in der Welt. Es wird so viel Gemeines über sie gesagt und geschrieben, aber das ist unangebracht. Sicher, es ist ein Kreuz mit den jungen Schreibenden: Wie alle Menschen vor ihnen sind sie der Meinung Sex, Drogen und Weltekel erfunden zu haben. Vor ihnen hat noch nie jemand sowas gemacht, und wenn doch, dann bestimmt nicht richtig, weil es ja noch gar nicht erfunden war. Es ist süßes Privileg der unbeschwerten Jugendzeit, sich für düsterer, abgründiger und durchgenudelter zu halten, als jemals jemand es gewesen ist und man selbst es jemals sein wird. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass bereits im 20. Jahrhundert und früher Drogen genommen wurden, Geschlechtsverkehr ohne primäre Fortpflanzungsabsicht praktiziert und an anderen Menschen verzweifelt wurde, kann jeder jugendliche Autor immer noch zuversichtlich sein, dass seine Gedanken zu diesen Sujets die profundesten sind, die jemals gedacht wurden und deshalb natürlich zu Papier gebracht werden müssen. Gott sei Dank werden sie das auch, denn Sex, Drogen und Weltekel sind vielleicht nicht die einzigen großen Themen der Literatur, aber sie gehören mit Sicherheit dazu. Ich für meinen Teil lese dazu lieber die Gedanken eines 17-jährigen Mädchens als die eines alten Lustgreises (aber freilich ist das nur die Meinung eines alten Lustgreises).

    Für meine und frühere Generationen wurden solche Entdeckerbücher traditionell von jungen Männern geschrieben, heute ist das Frauenarbeit. Kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen. Japan hat Hitomi Kanehara und Konsorten, Frankreich zumindest die Lolita Pille, China darf ich nicht sagen, und in England gab es kürzlich auch so ein Früchtchen, hab ich vergessen. Das gehört alles gelesen, und zwar so früh wie möglich. Die verzweifelt-optimistischen Argumente pro Backfischvampirschmonzetten u. ä. lauten stets, dass die Kinder später bestimmt richtige Bücher lesen, wenn sie erstmal so anfangen, und dass selbst wenn nicht diese Lektüre immer noch besser sei als gar keine. Zu letzterem muss man schlicht sagen: Nö. Affe auf Klo ist ja auch nicht besser als gar kein Bild an der Wand. Und darauf, dass die Mitglieder von Team Edward und Team Jacob ein richtiges Buch in die Hand nehmen, kann man warten, bis(s) man scheckig wird. Wenn sie den einen Lore-Roman durchhaben, lesen sie allenfalls den nächsten. Bei Hexaglotl Overkill hingegen wird ein Schuh draus. Wer in jungen Jahren dies liest, der liest vielleicht später das, wo es hergekommen ist, und entdeckt dabei Werke von (noch) höherem Anspruch und größerer Nachhaltigkeit. Vielleicht stellt sich auch heraus, dass gerade Axlrosl Windmill der große Nachhaltigkeitsklassiker im zukünftigen Lesekanon ist. Aber das kann ich heute noch nicht beurteilen, und Sie können das auch nicht.

    Das Alles-schon-mal-dagewesen-Argument kann man den wüsten neuen Mädchen nicht an den Kopf werfen. Gerade schon Dagewesenes muss immer wieder neu gemacht werden, um interessant und relevant zu bleiben. Unlängst wurde mir von einem Lehrer berichtet, dessen Schüler darüber klagten, dass sie im Unterricht immer nur so alte Schinken zu lesen bekämen. Auslöser des Lamentos war der Nachkriegsroman Herr Lehmann. Solchen Lesern kann man nicht kommen mit Salinger oder den blöden Beatniks, oder was Lehrer und andere alte Menschen sonst so für total jugendgerecht halten. Die Jugend braucht neuen Stoff, auch wenn‘s der alte ist. Die brauchen etwas, was gerade eben erst geschrieben wurde. Deshalb bin ich sehr dafür, dass es auch nächstes Jahr wieder ein 17-jähriges Wunderkind gibt, das sich hinstellt und stolz verkündet: „Sehet her, aus mir kommen Körperflüssigkeiten raus! Und zwar gegen die Gesellschaft! Ob es euch passt oder nicht!“

    Ich würde das Buch jetzt schon vorbestellen.

    Jetzt mal im Ernst: Richard McGraw

    Eigentlich hatte ich mir zur Regel gemacht, diesen Blog ausschließlich für Quatsch zu verwenden. Nicht für so etwas Ernsthaftes wie beispielsweise Produktempfehlungen. Weil ich aber seit neuestem ein Business Punk bin (ich breche Regeln), breche ich diese Regel heute und möchte drei Produkte ans Herz legen, und zwar das erste, zweite und dritte Album von Richard McGraw.

    Einst war ich wie Sie: Jung, zornig, verwirrt, hatte noch nie etwas von Richard McGraw gehört. Bis mir ein Gentleman mit Stil und Geschmack McGraws zweites Album, Song & Void Vol. 1, überreichte. Ich war auf Anhieb angetan von den gottesfürchtigen und fleischeslustigen Folksongs und besorgte mir proaktiv auch das erste Album, Her Sacred Status, My Militant Needs, und da war es endgültig um mich geschehen. Musikalisch noch ein bisschen ökonomischer und lyrisch noch untröstlicher, gefiel mir das Debüt sogar noch ein wenig besser als der kaum zu übertreffende Nachfolger. Eine Einsame-Insel-Platte, falls mal jemand fragt.

    Richard McGraw schreibt Lieder, die einen an der Gurgel auf die Knie zwingen, und dort ist es bekanntlich am Schönsten. Wem jemals irgendwas weh getan hat, der darf sich bei McGraw bedanken, dass er die Wunde wieder aufreißt, weil er seine eigenen niemals schließt, sondern sie gut in Schuss hält, indem er sie regelmäßig und sorgfältig besingt. Gerade habe ich das dritte Album, Burying the Dead, reinbekommen. Auch da sind mit ‚Hurting Heart‘, ‚Balmville Motel‘, ‚Your Lover‘ und ‚Her Town‘ mindestens vier Songs drauf, die kaum auszuhalten sind. Die anderen kann ich momentan noch hören ohne in die Knie zu gehen, aber es dauert bestimmt nicht mehr lange, ich freue mich jetzt schon drauf. Richard McGraw tut auch anderen Liedermachern gut: Billy Joels My Life reduziert er auf die nackige Essenz und zeigt uns, wie schön dieser Song als Skelett ist. Wir wollen dennoch hoffen, dass das mit den Covern nicht überhand nimmt. Mit The Faith ist noch ein Leonard-Cohen-Cover auf dem aktuellen Werk, was schon passt, aber auf einem McGraw-Album nur halbe Höhe sein kann. Oh je, habe ich gerade hintenrum behauptet, dass Billy Joel viel besser ist als Leonard Cohen? Aus der Nummer komme ich ja nie wieder raus. Wie ging noch mal Löschen? Vielleicht sollten wir mal wieder unser Credo ausrufen, hatten wir auch lange nicht mehr: Ist doch nur Internet!

    Und nein, es geht mir nicht um die paar Kröten Provision. Meinetwegen kaufen Sie die heißen Scheiben bei CD Baby und genießen Sie das Rundum-Indie-Gefühl. Ohne CD Baby an unserer Seite wäre der Kampf gegen das Böse um einiges aussichtloser, das sollte man honorieren. Kaufen Sie letztendlich, wo Sie wollen, aber kaufen Sie. Denn sowas wollen wir in Zukunft nicht mehr sehen müssen:

    Lady Gaga und die vorauseilende Binnenmajuskel

    Man weiß gar nicht, womit die bedingungslose AmourFou der Deutschen mit der Binnenmajuskel angefangen hat. War es das Frauen-I („StripperInnen“), das die taz eine verrückte Zeit lang praktizierte? Oder war es der iPod und sein dickes P? Fest steht: Die Binnenmajuskel hat im Gegensatz zu anderen Marotten der Jahrtausendwendezeit jede Rechtschreibkrise überlebt, während rechts und links von ihr die Moden so schnell fielen, wie sie gekommen waren. Kaum ein modern gemeintes Schlagwort wird heute noch mit einem vorgesetzten „e-“ versehen. Auch das kleine Anfangs-i, einen Sommer lang Pflicht bei jeder Produkteinführung, wird heute nur noch von Dings praktiziert. Niemand ersetzt mehr das „a“ im Firmennamen durchs Klammeräffchen oder hängt ein Domänenkürzel hinten an. All das ist vorbei, seit das Internet kaputt ist. Nur die Binnenmajuskel ist nicht totzukriegen. Ganz besonders beliebt ist sie in Deutschland, wo sogar vorsichtshalber Begriffe mit Binnenmajuskel geschrieben werden, deren Wortschöpfer das gar nicht vorgesehen hatte. Jüngstes und häufigstes Opfer: Lady Gaga. Ehe Sie komisch von mir denken: An Lady Gaga interessiert mich einzig und allein, wie man sie schreibt. Man schreibt sie ganz normal, so gaga ist die Dame nämlich gar nicht: vorne jeweils groß, dann durchgehend klein weiter. Wie deine Mudder. Nicht: GaGa. Bitte merken Sie sich das, liebe KollegInnen von der bunten Presse. Die Befolgung der korrekten Schreibweise eines Namens, der aus vier Buchstaben (und nur zwei unterschiedlichen) besteht, sollte auch von Ihnen nicht zu viel verlangt sein. In diesem speziellen Falle sollte es sogar zu Ihren Kernkompetenzen gehören.

    Mercy merci

    Ich möchte mich ganz herzlich für die vielen, größtenteils ungruseligen Geburtstagsglückwünsche bedanken. Auch für den Heiratsantrag, den ich allerdings in dieser Form nicht bearbeiten kann. Es fehlen noch einige Pflichtangaben (z. B. Geschlecht).

    Endlich Halbzeit! (+/- p x Daumen)

    Aus gegebenem Anlass: 40 Lieblingsfilme aus 40 Lieblingsjahren

    1969: Ein Hauch von Zen (Taiwan)
    1970: M*A*S*H (USA)
    1971: Carnal Knowledge – Die Kunst zu lieben (USA)
    1972: Der Pate (USA)
    1973: Der Exorzist (USA)
    1974: Das Kettensägenmassaker (USA)
    1975: Angst über der Stadt (Frankreich, Italien)
    1976: Taxi Driver (USA)
    1977: Suspiria (Italien)
    1978: Zombie (Italien, USA)
    1979: Das Böse (USA)
    1980: Wie ein wilder Stier (USA)
    1981: Arthur – Kein Kind von Traurigkeit (USA)
    1982: Basket Case (USA)
    1983: Zelig (USA)
    1984: Nightmare – Mörderische Träume (USA)
    1985: Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln (USA)
    1986: Blue Velvet (USA)
    1987: Near Dark (USA)
    1988: Hellbound – Hellraiser II (Großbritannien)
    1989: Tetsuo (Japan)
    1990: M.A.R.K. 13 – Hardware (Großbritannien)
    1991: Das Schweigen der Lämmer (USA)
    1992: Lawinen über Tolzbad (Kanada)
    1993: Manhattan Murder Mystery (USA)
    1994: Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis (USA)
    1995: Clueless – Was sonst! (USA)
    1996: Der Hexenclub (USA)
    1997: L.A. Confidential (USA)
    1998: Happiness (USA)
    1999: eXistenZ (Kanada, Großbritannien)
    2000: Cecil B. – Echte Menschen, echter Terror. (Frankreich, USA)
    2001: Donnie Darko (USA)
    2002: Ju-On – The Grudge (Japan)
    2003: Tokyo Godfathers (Japan)
    2004: Kamikaze Girls (Japan)
    2005: Princess Aurora (Südkorea)
    2006: Saw III (USA)
    2007: La antena (Argentinien)
    2008: The Shonen Merikensack (Japan)
    2009: Vengeance (Hongkong, Frankreich)

    Okay, sind 41, klassischer Denkfehler der mathematisch Minderbemittelten. Aber Sie wissen schon, wie es gemeint ist.

    Ja, hätte man in Jahrtausenden gerechnet auch kürzer fassen können, quasi Kettensägenmassaker und Kamikaze Girls, aber heute lassen Sie Opa bitte mal ausreden und tun interessiert.