Making of Kawaii Mania, Folge 1: Harajuku

Gerne erinnere ich mich dieser Tage an die total 2019-mäßigen Probleme, die ich im letzten Sommer hatte: Ich konnte einfach keine anständigen Bilder für mein damals im Entstehen begriffenes Buch Kawaii Mania bekommen. Unanständige hätten es auch getan, aber selbst das war schwierig. Offizielle Pressevertreter relevanter Unternehmen konfrontierten mich mit langwierigen Verfahren, komplizierten Antragsformularen, furchteinflößenden Knebelverträgen oder der guten, alten kalten Schulter. Also löste ich das Problem auf total 2019-mäßige Weise: Ich verließ das Haus, stürzte mich ins soziale Gewimmel und knipste selbst. Gleich am ersten Tag ging mir dabei die Kamera kaputt, also machte ich es wie normale Menschen: Ich nahm das Mobiltelefon. Viele der Fotos kamen tatsächlich ins Buch. Etliche nicht. Eine kleine Auswahl der letzteren möchte ich in dieser Serie teilen.

Heute geht es erst mal ins Teenager- und Touristenviertel Harajuku, dort selbstverständlich in die Takeshita Dori.

Was es dort gibt, weiß man ja.

Ich hatte es in erster Linie auf die Purikura-Fotokabinen abgesehen, in denen sich ursprünglich Geschäftsleute Fotoaufkleber für ihre Visitenkarten erstellen lassen sollten. Es stellte sich aber heraus, dass darin viel lieber junge Frauen Fotoaufkleber für ihr Amüsement erstellen lassen. Man erahnt es inzwischen schon an der Aufmachung der Kabinen.

Dabei ist für die Älteren auch was dabei:

Noch ein Fotokabinenfoto? Na gut, wollen wir mal ein Auge zudrücken.

Gerne hätte ich einen dieser Lastwagen mit Reklame für die neuesten Produkte der Musikindustrie fotografiert, wie sie insbesondere durch Harajuku und Shibuya gurken. Allerdings immer, wenn ein guter kam, bekam ich nervöse Finger, und ich konnte nur noch das Nummernschild identifizieren. Ein besserer als dieser ist mir nicht vor der Linse stehengeblieben (und der ist leider vergleichsweise schlicht):

Den Appetit auf einen Hamburger im Kawaii Monster Café hat mir diese relative Fehlleistung nicht verdorben.

Zum Runterspülen gab’s auch was (das vollständige Getränk ist im Buch abgebildet).

Weitere Getränke hingen von der Decke.

Bei der Show zur Mahlzeit blieb ich lieber im Hintergrund, bevor man mich noch zum Freiwilligen-aus-dem-Publikum erklärte.

Den Nachtisch nahm ich im Rotationskuchencafé Maison Able Café Ron Ron ein. Das wurden allerdings so viele Kuchen, dass ich dafür eine neue Folge beginnen werde. Für heute sage ich erst mal tschüs und:

Verliebt in einen Highlander 2: The Quickening

Filme aus den 80ern sind leider nie so herrlich, wie man sie gerne hätte, außer Highlander II: The Quickening. Ich weiß das, weil ich ihn gesehen habe, und zwar gestern Abend zum ersten Mal (bestimmt nicht zum letzten). Bevor jemand was sagt: Ja, der Film kam 1991 heraus. Kulturell sind Jahrzehnte allerdings nicht so trennscharf wie kalendarisch. Highlander II dürfte derweil nicht nur mental, sondern sogar kalendarisch ein 80er-Jahre-Film sein. Wahrscheinlich wurde er 1990 gedreht, dem zehnten Jahr der 80er (nicht dem nullten Jahr der 90er; so etwas gibt es gar nicht). Ich fand ihn gestern beim Scrollen (die Boomer sagen: Zappen), wollte nur vorm Schlafengehen kurz reinschauen, war von der ersten Kamerafahrt an angetan und blieb bis zum Schluss. Eine langweilige Minute erlebte ich währenddessen nicht.

Dass es mit uns so lange gedauert hat, hatte nichts mit empörter Fanpersonenwüterei meinerseits zu tun. Ein bewusster Boykott fand nie statt. Ich hatte seinerzeit lediglich gedacht: Das sieht irgendwie nicht ganz so gut aus, ich gucke es mir vielleicht später an. Und dann sind es halt knapp 30 Jahre geworden. Irgendwas ist immer.

Natürlich hatte man zunächst gar nicht so schrecklich viel gesehen vom Film, bevor man den Film an sich sehen konnte. Wir hatten ja kein YouTube, damals, wir hatten nur Wetten dass…?. Das schaltete man ein, wenn man Ausschnitte brandaktueller Kinofilme sehen wollte. Schauspieler (also Christopher Lambert) setzten sich aufs Sofa und taten oscarreif so, als hätten sie gerade eben mal wieder in einem schwindelverursachenden cineastischen Meisterwerk mitgespielt, auf das sie stolz wie auf keines zuvor waren. Dann kam irgendein Ausschnitt, vermutlich der mit den fliegenden Skateboards, und anschließend versuchte irgendjemand irgendetwas am Geruch zu erkennen und der Beginn des Sportstudios verzögerte sich um eine Stunde oder zwei. Hatten sich der Lambert und der Tommy wieder verquatscht.

Die fliegenden Skateboards wurden schnell zu einem Sinnbild für die Sinnlosigkeit des Films. Rückblickend erschließt sich gar nicht mehr warum. Sind doch cool, die fliegenden Skateboards. Highlander II bietet wahrlich berechtigtere Ansätze zur Kritik, aber wer will schon Erbsen zählen, nach all den Jahren. Zunächst einmal ist es ein verdammt gutaussehender Bengel von einem Film. Bereits beim Anfang in der Oper dachte ich: Ein so schöner Film kann gar nicht so schlecht sein, wie alle sagen. Machen wir uns nichts vor; Optik ist bei Filmen schon die halbe Miete. Und optisch wird hier alles aufgefahren, was es in den 80ern gab: Halb offene Jalousien (oder halb geschlossene; je nachdem, ob man der Halb-offene- oder Halb-geschlossene-Jalousien-Typ ist), lasziv rotierende Ventilatoren, und dahinter jeweils blauweißes Gegenlicht mit ein bisschen Nebel. Man meint, jederzeit könnte Kim Basinger vorbeikommen, sich ‘nen Hut aufsetzen und es wunderbar finden (noch so ein Film, bei dem mir seit Jahrzehnten immer wieder was dazwischenkommt).

Nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen habe, ist meine Liebe noch so stark wie gestern Abend; die Handlung allerdings bekomme ich nicht mehr ganz zusammen. Irgendwas mit Ozonschicht, und Michael Ironside ist böse (Schock!). Connor MacLeod ist zuerst alt und dann jung, weil nur junge Menschen die Welt retten können. Sean Connery hat schnell den Kopf wieder rangemacht und ist auch dabei. Immer wenn er auftritt, gibt es Dudelsackmusik, obwohl er im Film doch einen Ägypter spielt. Kleine Patzer kommen halt selbst in den besten Filmen vor.

Ich bin übrigens der festen Überzeugung, dass Richard Lewis seine Rolle als Richard Lewis in der Sitcom Curb Your Enthusiasm an Christopher Lamberts Verkörperung des alten Connor MacLeod in Highlander II angelehnt hat. Ich habe leider kein Bild des alten Connor MacLeod zur Hand, aber eines von Richard Lewis immer im Portemonnaie:

Ich sollte erwähnen, dass ich höchstwahrscheinlich die sogenannte Renegade-Fassung des Films gesehen habe (mein Content-Anbieter machte dazu keine genauen Angaben), also eine Art Director’s Cut, der die vehementesten Kritikpunkte der ursprünglichen Kinofassung adressiert und relativiert. So werden die Highlander nicht mehr als Außerirdische mit Gedächtnisschwund dargestellt, sondern als Urzeitmenschen mit Gedächtnisschwund.

Neben seinen vielen anderen Qualitäten ist Highlander II auch noch angenehm brutal. Sowas wird heutzutage gar nicht mehr gemacht, zumindest nicht im Wetten-dass-Mainstream. Die Einschätzung, Filme würden immer brutaler, muss auf eine Wahrnehmungsstörung zurückgehen. Vermutlich verwechselt man da was mit Fernsehen. Oder es liegt an diesem neumodischen Dolby-Atmos-Mist. Als wir uns neulich Die Eiskönigin 2 (ohne ‘Quickening‘) im Kino ansahen, musste ich meiner Tochter ungefähr zehn Minuten lang die Ohren zuhalten, bis sie sich einigermaßen an den unsäglichen Krach gewöhnt hatte. Darüber möchte ich mich nicht beschweren; mache ich gerne für meine Tochter. Ich möchte mich allerdings darüber beschweren, dass mir keiner die Ohren zugehalten hat.

Hinterher bat ich meine Tochter, mir kurz die Handlung des Films zusammenzufassen, weil ich sprachlich nicht immer ganz mitgekommen bin. Sie sagte: „Elsa hat die Haare offen und reitet ein cooles Pferd.“ Und so sollten wir auch Highlander II rezipieren: Connor hat die Haare offen und fliegt ein cooles Skateboard. Mir langt das.


(Serviceteil: Ich habe diesen Film über die Streaming-Plattform Tubi gesehen, über die ich eines Tages beinahe zufällig gestolpert war. Seitdem hat sie mein Leben sehr bereichert. Ich kann gar nicht glauben, dass Tubi nicht bekannter ist, als es ist. Falls sich jemand fragt, wo all die chinesischen Kung-Fu-Filme der 70er, italienischen Endzeit-Barbarenfilme der 80er und amerikanischen Horrorvideopremieren der 90er hin sind: Sie sind auf Tubi, oft in erstaunlicher So-und-so-viel-K-Restaurierungsqualität. Netflix ist das reinste Ödland dagegen. Und was kostet der Spaß, möchten Sie wissen? Null Mark und null Pfennig! Hin und wieder kommt Reklame, aber nicht allzu oft. Während Highlander II sah ich nur zwei Spots (Wick Medinait und irgendwas mit Obama). Gegebenenfalls muss man zum Empfang etwas an der eigenen Standortbestimmung rütteln. Aber wenn ich das schaffe, schafft das jeder.)

Wundertüten gibt es immer wieder

Letztes Jahr (gucken Sie hier) spazierte ich am dritten von eigentlich nur zwei Verkaufstagen in die internationale Kinokuniya-Buchhandlung in Shinjuku und hatte noch freie Auswahl zwischen mehreren Variationen der beliebten Neujahrswundertüten, in denen japanische Händler traditionsgemäß zum Jahresauftakt Überraschungssonderangebote zu Schleuderpreisen raushauen. Mein Anfängerglück nicht als solches erkennend, meinte ich, die Gerüchte um die Begehrtheit dieser Tüten seien stark übertrieben.

Also ahnte ich nichts Böses, als ich in diesem Jahr am Nachmittag des Erstverkaufstages mit betonter Lässigkeit ins Geschäft schlenderte. Diesmal wollte ich mehr als eine Tüte. Zwar habe ich von den Büchern aus der von vor einem Jahr bislang nur eines gelesen, aber darauf kommt es ja nun wirklich nicht an. Leider wird nur ein Beutel pro Nase ausgegeben. Deshalb hatte ich meiner Frau 2020 Yen zugesteckt und sie instruiert, sich ganz normal zu verhalten. Im Nullkommanichts würden wir den Laden mit zwei sogenannten Lucky Bags verlassen haben, und niemand müsse je erfahren, dass beide für mich bestimmt sind.

Doch, Schockschwerenot, auf dem Wundertütentisch standen nur noch die Ausverkauft-Schilder. Auf Anfrage versicherte man uns, dass es am nächsten Tag eine weitere Chance gäbe, wir uns allerdings gefälligst recht früh, also vor Ladenöffnung, vor dem Haupteingang im Erdgeschoss einfinden sollten, so uns die Sache wichtig wäre. Abkürzungen über andere Zugänge seien nicht erlaubt.

Wir fügten uns. Als wir um zehn vor zehn ankamen, warteten bereits ungefähr 20 andere auf ihr Glück.

Zuerst war alles sehr zivilisiert, wir Büchermenschen sind schließlich sanft und großmütig. Wir gönnen allen alles. Als sich aber nach dem Einlass die Fahrstuhltür schloss und einige Ansteher untransportiert zurückblieben, machte sich eine gewisse Unruhe breit. Auch bei mir, denn ich war ein Betroffener. Als ein Ordner den Tipp gab, dass es über die Rolltreppe schneller gehen könnte, rannten wir los. Mein Frau flehte mich an, ohne sie voranzupreschen, sie sorge sich um das Wohl des Kindes in unserer Begleitung. Doch ich zerrte beide mit. Entweder wir teilten den Triumph, oder wir gingen gemeinsam leer aus.

Fünf Stockwerke Möbelhaus rauschten an uns vorbei, was schon ein wenig wehmütig machte. Das war alles mal Buchladen, dachte ich. Die jungen Leute wissen’s gar nicht mehr. Inzwischen ist nur noch das internationale Stockwerk übriggeblieben. Das ist ja auch die Hauptsache. Aber trotzdem.

Schluss mit dem sentimentalen Gewäsch; wir konnten unsere Schnäppchen abgreifen. Ich eine Tüte ‚Literature‘, meine Frau eine Tüte ‚Japanese Literature‘ und meine Tochter eine Tüte ‚Children’s & YA‘. Perfekt durchdacht, ich weiß. „Die ist schwer!“, beklagte sich Hana auf dem Weg zur Kasse. Ich versicherte ihr, dass sie in ungefähr zehn Jahren an den Büchern in ihrer Tüte viel Freude haben würde. Solche Argumente sind Musik in den Ohren Fünfjähriger.

Als wir nach unserer Transaktion das Geschäft verließen, war nur noch ein einziger Beutel am Platz, aus der Kategorie ‚Self-Help‘. Ich hätte die unentschlossene Kundschaft gerne pfiffig aufgefordert: “Please, help yourself!“ Aber ich war zu schüchtern.

Kommen wir nun zur Auswertung.

Die größte Überraschung an der Überraschungstüte für Kinder und Jugendliche ist, dass lediglich ein Kinderbuch dabei ist, und auch das ist eher eins für ältere Vertreter der Gattung als wir eines daheim haben. In erster Linie war die Anschaffung eh für mich gedacht, nicht zuletzt aus Gründen der Marktanalyse.

Anstatt hier über den Lesespaß zu spekulieren, der mich zwischen den Deckeln genau dieser Bücher erwartet, möchte ich gerne etwas Allgemeines loswerden, was mir schon lange unter den Nägeln brennt (Blog-style, quasi): Ich verstehe die Attraktivität der Young-Adult-Kategorie für ihre Zielgruppe nicht. Es geht mir nicht um die Qualität der ihr zugeordneten Werke, da sind immer wieder dolle Dinger drunter, sondern um das Label als solches, also die Kategorisierung ‚Young Adult‘ als Marketing-Werkzeug. Bei mir war das so: Als ich ein Kind war, las ich Kinderbücher. Als ich mich dafür zu alt fühlte, griff ich zu Erwachsenenbüchern. Mit Lust und Genuss, oft heimlich. Eine Kompromisslösung hätte mich nicht interessiert. Hätte mir ein Buchvermarkter angeboten: „Ey, Alter, ich hab hier einen Mega-Lese-Hammer speziell für Kids wie dich: etwas für ‚junge Erwachsene‘, zwinker, zwinker!“, dann hätte ich genau um dieses Buch den größten aller denkbaren Bögen gemacht.

Sicherlich, Young-Adult-Titel gab es schon zu meiner Zeit. Sie hießen Jugendbücher, und ich möchte meine Argumentation keineswegs auf die billige Klage reduzieren, dass heute alles englisch heißt (obwohlistdochwahr). Der wesentliche Unterschied ist, dass Jugendbücher damals nicht von Jugendlichen gekauft wurden, sondern von ratlosen Eltern, Onkeln und Tanten. Jugendliche selbst ließen sich nicht vorschreiben, was für sie geschrieben wurde. Die heutigen Young Adults scheinen da beratungsaffiner zu sein. Doch ich möchte ebenfalls nicht das Klagelied anstimmen, die jungen Erwachsenen von heute seien so anders als die alten Kinder von früher. Ist zwar in der Sache richtig, allerdings kaum ein Grund zur Klage, denn anders muss ja nicht schlechter sein. Will nur sagen: Ich steck da nicht drin.

Ein ähnliches Problem habe ich übrigens mit dem japanischen Konzept der ‚Light Novel‘. Als schwerer Leser habe ich da immer Angst, ich würde nicht satt. Doch wenden wir uns der nächsten Tüte zu:

Jeder hat My Absolute Darling und Normal People schon gelesen und auf seine Jahresbestenliste gepackt, nur ich nicht. Ich freue mich, das bald nachzuholen. Lullaby scheint was Wüstes zu sein. Mal gucken, ob mich irgendwann mal eine wüste Stimmung überkommt. Das legt sich ja etwas mit dem Alter. Ich könnte mir vorstellen, dass ich genau dieses Buch gerne als ‚junger Erwachsener‘ gelesen hätte. Und nicht irgendwas mit Glitzercover und dystopischen Paralleluniversen.

All the Birds in the Sky habe ich bereits als E-Buch, doch, ach, es hat mir nicht gefallen. Die Geschichte um einen Zeitmaschinentüftler und eine Hexe war süß, so lange sie noch klein waren. Als sie sich jedoch zu erwachsenen Hipster-Kotzbrocken entwickelt hatten, sah ich keine Veranlassung mehr, weiterzulesen.

Außerdem zwei, die nach Historienschmökern aussehen. Da bleibe ich Snob, ich kann mir nicht helfen. Die werden wohl 1A-fabrikneu bleiben.

Weiter, japanisch (auf Englisch):

Asleep von Banana Yoshimoto habe ich jetzt dreifach. Schon auf Englisch gehabt, dann versehentlich noch mal deutsch gekauft, oder umgekehrt. Macht nichts, manche Bücher kann man ja mehrmals lesen. Den Murakami habe ich bereits in einer unvorteilhaften alten Ausgabe, die für den japanischen Englischunterricht gedacht war. Inzwischen vielleicht was wert. Könnte ich sie nur finden. Lese ich gerne noch mal in schönerer Übersetzung und ansprechenderer Aufmachung. Momentan befinde ich mich allerdings in einer Murakami-Pause von unbestimmter Dauer.

Von Kawabata und Soseki habe ich selbstverständlich bereits einige der Greatest Hits gelesen, allerdings kaum so viele, wie ich manchmal behaupte. Das kann ich nun korrigieren.

Sweet Bean Paste sagt mir nichts. Meine Frau meint, das gäbe es auch als Film. Das muss ja nicht gegen das Buch sprechen.

Von Yasutaka Tsutsui habe ich einige Bücher gelesen, und von The Girl Who Leapt Through Time einige Verfilmung gesehen. Ich habe aber noch nie das Buch The Girl Who Leapt Through Time von Yasutaka Tsutsui gelesen. Da schließt sich ein Kreis. Dann noch ein Buch mit Gedichten, es werden schon nicht alle schlecht sein. Der Neujahrswundertütengewinner 2020: japanische Literatur.

2019 war für mich kein gutes Lesejahr. Vieles begonnen, wenig beendet. Es lag nicht immer an den Büchern, es lag auch manchmal an mir. Dieses Jahr wird besser, das spüre ich. Dieses Jahr sage ich: Bücher sind die neuen Videospiele.

Die McDonald’s-Schläferin und die totgeschlagene Fliege: Zwei Urlaubs-Zen-Momente ohne Abbildungen

Weil wir dem Kinde vor der Bahnfahrt in den Urlaub etwas ganz Besonderes bieten wollten, kehrten wir zum Frühstück in ein McDonald’s-Schnellrestaurant ein. Japan ist zwar ein McDonald’s-Land, aber kein Frühstücksland, so war die Filiale am Bahnhof Meguro am frühen Sonntagmorgen nur mäßig gefüllt. Bei der Platzwahl entschieden wir uns für eine Ecke einer langen Tafel im zweiten von drei großzügig bemessenen Stockwerken. An der Tafelecke schräg gegenüber von unserer saßen zwei Frauen im besten Alter, also ungefähr in meinem. Sie mögen Freundinnen gewesen sein, denn ihr Ton und ihre Haltung sprachen von einer gewissen Vertrautheit miteinander. Eine trug eine schwarze Lederjacke mit vielen kleinen Reißverschlüssen, die andere etwas Altersangemesseneres. Wovon sie sprachen, war nicht zu verstehen, denn sie unterhielten sich in angenehmer japanischer Zimmerlautstärke. Vielleicht versuchten auch sie, wie zuvor ergebnislos wir, den Unterschied zwischen Hotcakes und Pancakes zu erörtern. Der Mann an der Kasse hatte uns auf Anfrage mitgeteilt, dass es einen gäbe. Diese Frage allein schien ihn allerdings bereits derart aufgewühlt zu haben, dass wir das Thema nicht noch vertiefen wollten.

Als die Freundinnen an unserer Tafel ihre Hotcakes oder Pancakes verspeist hatten, beendeten sie ihr Gespräch, blieben aber noch sitzen. Die in der Lederjacke holte ein Handtuch aus ihrer Handtasche hervor, das sie vor sich auf der Tischplatte sorgsam mehrfach faltete. Am Ende des Faltvorgangs prüfte sie die Weichheit der Konstruktion mit dem Finger. Nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis nahm sie ihren Schal vom Hals, faltete ihn in gleicher Manier und legte ihn auf das Tuch. Dann bettete sie ihr Haupt zum Schlafe, und zwar mit einem Gesichtsausdruck, als hätte sie sich das ganze Wochenende auf diesen Moment gefreut. Ihre Begleitung nahm einen Stapel Formulare und eine Handvoll verschiedenfarbiger Stifte aus ihrer Tasche und machte sich in aller Seelenruhe ans Ausfüllen der Papiere.

Meine Frau spürte meine Verzückung und sagte: „Mach bitte kein Foto.“ Außerdem sagte sie: „Wenn du etwas über die japanische Kultur erfahren möchtest, gibt es wirklich keinen besseren Ort als McDonald’s. Hier kommt jeder hin, vom Baby bis zum Opa.“

Da sagte sie was. Genau diesen Eindruck hatte ich bereits bei meinem allerersten Aufenthalt in Japan 1999 gehabt, als ich aufgrund gewisser Unsicherheiten weit mehr Mahlzeiten in solchen Lokalen zu mir nahm, als ich jemals öffentlich zugegeben habe. Es zwanzig Jahre später von einer Einheimischen bestätigt zu bekommen, schließt einen Kreis und eine alte Wunde.

Eine Zugfahrt später hatten wir schon wieder Hunger. Weil wir außerdem einen dringenden Termin im Spaßbad hatten, entschieden wir uns für das erstbeste rustikale Nudelsuppenlokal am Bahnhof Hakone-Yumoto. Bald summte eine Fliege über unserem Tisch, was Frau und Kind zu energischem, anhaltenden Fuchteln veranlasste. Schließlich sprach ich ein Machtwort: „Familie, dieses Gewedel stört mehr als das Tier. Akzeptiert einfach, dass die Fliege hier ist. Sie ist so authentisch wie das Lokal.“ Das überzeugte niemanden, zumindest nicht komplett. Immerhin wurde mir zuliebe ein kleines bisschen weniger gefuchtelt.

Nach einer Weile trat die schon etwas betagte Bedienung wortlos an unseren Tisch, klatschte in die Hände und entfernte sich wieder, weiterhin wortlos, mit der nun toten Fliege. Nach Entsorgung des Leichnams ging das Muttchen zu unserem Nachbartisch und vermeldete: „Ist erledigt.“

Der Nachbartisch hatte sich offenbar beschwert. Ob über die Fliege oder über das Gefuchtel, weiß ich nicht. Ich habe aber meine Vermutung, und meine Frau hat ihre.

Ich bin der Fernsehflorist

Hätte mein Blog zwei Leser, könnte ich mir folgendes Gespräch vorstellen:

Leser 1: „Schon gesehen, Leser 2? Auf Shakira Kurosawa gibt es einen neuen Beitrag.“

Leser 2: „Echt jetzt, Leser 1? Na, meine Neugier hält sich in Grenzen. Ist wahrscheinlich wieder nur so ein apologetisches Geflenne, warum der Typ so selten in seinen Blog schreibt. Hat zu viel zu tun, blabla, schließlich erscheint sein neues Buch Kawaii Mania bald für 19 Euro 95 im Conbook Verlag, blabla, und im Frühjahr kommt schon wieder was, blablabla …“

„Hm, tja, ein bisschen so ist der Beitrag durchaus. Aber gleichzeitig vieles mehr. Eine Geschichte von Liebe und Verrat, von Rache und Drachen, Würfelspielen und Schwertkämpfen, waghalsigen Fluchten und dramatischen Konfrontationen, verloren Söhnen, schönen Prinzessinnen, gefährlichen Piraten und einem Mann mit sechs Fingern.“

„Ach, der Ärmste. Jeweils drei Finger rechts und links? Oder vier und zwei? Oder …“

„Nein, nein. Ich hätte es anders formulieren sollen. Sechs Finger an einer Hand, die andere ganz normal, also fünf.“

„Gibt es in dem Beitrag wirklich einen elffingerigen Mann?“

„Ehrlich gesagt nein.“

„Und die anderen Sachen auch nicht, oder?“

„Nein, da muss die Euphorie mit mir durchgegangen sein.“

„Ich werd’s wohl trotzdem lesen.“

„Gleich nach der Reklameeinblendung geht’s los.“

Zuletzt kam ich nicht mehr recht dazu, diesen Blog zu pflegen, weil ich so viel anderes zu pflegen hatte, und zwar beim Fernsehen. Manuskripte, Präsentationen, fixe Ideen. Ideen anderer Leute, wohlgemerkt. Ginge ich ins Detail, würde ich auf drei Kontinenten verklagt werden. Aber meine beiden Leser haben ein Recht, zumindest grob zu erfahren, was los ist.

Bisweilen ist das, womit ich beim Fernsehen arbeiten muss, so undankbar, dass ich es lieber schnell in eigenen Worten neu schreibe, als die mir zugetragenen Formulierungen zu entlausen. Irgendwann will man ja auch mal fertig werden. An besonders guten oder besonders bedenklichen Tagen stolziere ich dann durchs Arbeitszimmer, als wäre ich der oberste Showrunner von Hollywood, quasi alleinverantwortlich für die Qualität all der Qualitätsproduktionen, die die Ehre haben, vor ihrer tatsächlichen Produktion über meinen Schreibtisch wandern zu dürfen. Was würden die bloß ohne mich machen? Wie haben die das bloß vorher hinbekommen?

In Wahrheit bin ich natürlich nicht der Showrunner von Hollywood. Bevor ich die Wahrheit verrate, kann ich vielleicht doch mal ein kleines Betriebsgeheimnis ausplaudern. In jedem Buch übers Drehbuchschreiben, das sein Geld wert ist, steht der Hinweis, dass Drehbücher nicht gut geschrieben sein müssen. Diesen Satz sollte man dreimal unterstreichen, denn es ist der wichtigste in diesen Büchern. Steht er nicht drin, oder sollte gar das Gegenteil behauptet werden: Buch sofort wegschmeißen, weil nicht praxistauglich. Als Fernsehautor muss man nicht für fünf Pfennig schreiben können. Für geschliffene Dialoge, spürbare Emotionen und dynamische Action kann man später eine anonyme Schreibkraft wie mich pro Wort bezahlen. Die Entscheider, auf deren Schreibtischen oder Bildschirmen die Drehbücher mit ein wenig Glück landen, würden guten Stil nicht erkennen, wenn er ihnen schnurrend um die nackten Beine strich. Eines aber erkennen die sehr wohl: interessante Figuren, knackige Plots, sinnvolle Weltentwürfe, gute Ideen. Die sehen die kleinste Unstimmigkeit auf hundert Meter Entfernung (oder mehr, ich weiß es nicht genau). Und weil es das ist, was sie interessiert, ist es auch das, was einen erfolgreichen Fernsehautor ausmacht. Alles andere kann der vernachlässigen. Keiner weiß genau, wie viele Shakespeare gewesen sind und wer da was gemacht hat, aber eines ist gewiss: Romeo und Julia wurde ein Hit wegen ‚Junge trifft Mädchen gegen Willen der Elternhäuser‘, nicht wegen „es war die Nachtigall“ (zu Shakespeares Zeiten gab es selbstverständlich noch nicht so viele Sender).

Um das, was ich beim Fernsehen mache, zu veranschaulichen, möchte ich ein Gleichnis aus Lego bauen. Und zwar Emmas und Ethans Café von Lego Friends, einer Produktreihe, mit der Kinder spielerisch an ihre Zukunft als Hipster herangeführt werden. Wir hatten es unserer Tochter Hana zum fünften Geburtstag geschenkt, obwohl es erst ab sechs empfohlen ist. Wie alle Eltern halten wir unser Kind für hochbegabt.

Hana hatte bereits Olivias Bus (Olivia ist die mit der Brille, also die Wissenschaftlerin) aus derselben Reihe, und obwohl beim mehrtägigen Zusammenbau mitunter die Nerven blank lagen (Genies neigen zur Ungeduld), bekundete sie Interesse daran, tiefer ins Lego-Friends-Universum vorzustoßen. An das Café machten sie und ich uns wieder gemeinsam, es dauerte ungefähr drei Tage. Letztendlich war ich es, der die wesentlichen Komponenten zusammengebaut hatte, während Hana hinterher Aufkleber aufklebte und die Blumen dranmachte.

Und dann stolzierte sie durchs Wohnzimmer, als hätte sie das ganze Café gebaut. Da wurde mir bewusst: Genau so ist das Verhältnis zwischen mir aufgeplusterten jungen Gockel und erfahrenen Fernsehautoren: Die können ein ganzes Lego-Friends-Café mit verschlossenen Augen in fünf Minuten zusammenbauen. Ich hingegen mach hinterher nur die Blumen ran, uriniere vom Balkon (weil ich es kann, irgendwer wird’s schon wegmachen) und brülle in die Nacht: „Wo ist mein verdammter Primetime Emmy?!“

Sobald ich mich wieder beruhigt habe, arbeite ich heimlich weiter an meinem eigenen Lego-Friends-Café. Aber bis das Geld abwirft, werde ich noch an einigen Lego-Friends-Cafés anderer die Blumen dranmachen. Sinnbildlich gesprochen.

Lesebändchen gegen Nazis

Als ich Ende letzten Jahres kurz in Deutschland weilte, um dem dortigen Buchhandel ein segenreiches Q4 zu bescheren, erschrak ich über mich selbst. Und zwar als ich feststellte, dass es mir beim Bücherkauf offenbar ein Kriterium geworden war, ob ein Buch ein Lesebändchen hatte oder nicht. Dabei mokiere ich mich seit Jahren über die Sammellämmer im Filmbereich, denen Inhalte längst egal geworden sind, solange sie nur in limitierten und nummerierten Blechboxen geliefert werden. Bin ich etwa genauso ein oberflächlicher Ausstattungsfetischist geworden?

Nein, Quatsch mit Soße, ich bin nur ein faules Stück. Liege ich erst darnieder und habe eine neue Lektüre begonnen, möchte ich mich nicht mehr damit auseinandersetzen, woher ich das nächste Lesezeichen bekomme. Hätte ich mir auch vorher drüber Gedanken machen können, aber so viel Vorausplanung ist ja nun auch wieder spießig wie Bausparvertrag. Früher nahm ich häufig Flugblätter für Jugendtanzveranstaltungen oder Eintrittskarten für ebensolche zur Hand. Die lagen überall rum, man musste nicht großartig seine Position verändern, um sich ein Exemplar zu angeln. Heute habe ich sowas nicht mehr schnell zur Hand, warum wohl. Eine Zeit lang versuchte ich es mit Postkarten, denn die hat man immer. Das Tanzen und das Briefeschreiben mag man sich abgewöhnen, aber eine gepflegte Postkartenkorrespondenz gehört sich bis ins hohe Alter. Als Lesezeichen sind Postkarten derweil ungeeignet. Sie fallen stets heraus, es liegt in ihrer Natur. Sie begnügen sich nicht mit dem Schicksal, im Dunkeln eingeklemmt zu sein, es zieht sie hinaus in die Welt, zu Empfängern und Empfängerinnen.

Bei Lesebändchen fällt mir immer ein: Ich hatte einmal einen Freund, der stand politisch so weit rechts von mir, dass es einem schon mal unangenehm sein konnte, aber demokratisch noch vertretbar war. Das muss eine Demokratie aushalten können, mag ich mir gedacht haben. Weitergedacht: Was eine Demokratie aushält, muss eine Freundschaft erst recht aushalten, wir sind ja nicht mehr im Kindergarten. Mit diesem Freund (es handelte sich übrigens nicht um Nazi-Jürgen) konnte man, man mag es sich denken, über vieles nicht reden, ohne innerlich zu schäumen (äußerlich schäume ich ungern). Über eines allerdings konnte man sich vortrefflich mit ihm austauschen: über Bücher. Bei allen Unterschieden war uns gemein, dass wir es befremdlich fanden, wie viele Menschen ausschließlich das lesen mochten, was ihnen nach der Schnauze geschrieben war. Wie soll man denn je etwas von der Welt erfahren, wenn man immer nur das zu hören bekommt, was man schon weiß?

Aber ich schweife ab, womöglich verführt vom Lesebändchen, diesem lustigen Schweif des geschriebenen und gedruckten Wortes. Dieser Freund jedenfalls sagte einmal, dieses oder jenes Buch (welches genau habe ich vergessen) habe ihm recht gut gefallen, „obwohl“ es auf der Spiegel-Bestseller-Liste stünde und ein Lesebändchen habe. Das fand ich interessant aber unverständlich, also fragte ich nach und bekam heraus, dass für den Freund ‚Spiegel-Bestsellerliste‘ sowie ‚Lesebändchen‘ Codes für ‚Intellektuellenscheiß‘ waren, also die Vorstufe von ‚rot-grün-versifft‘. Das fand ich erstaunlich. Unangesehen dessen, was man vom Mutterblatt halten mag, steht auf der Spiegel-Bestsellerliste ja nur, was sich gut verkauft, und das ist eher selten als oft von großer intellektueller Wucht. Auch das Lesebändchen hielt ich politisch stets für neutral. In der Tendenz vielleicht sogar ein bisschen antiintellektuell, nämlich etwas für Schmuckbücher, die eher verschenkt als gelesen werden.

Ich habe es jüngst mal überprüft, auf den Webseiten der beiden beliebtesten Naziverlage der Deutschen. Tatsächlich: Weit und breit keine Publikation mit Lesebändchen. Mag freilich sein, dass es schlicht nicht ausgewiesen wird. Doch wer sich die Mühe macht, ein Bändchen ins Buch zu kleben, der verschweigt es normalerweise nicht in den Katalogangaben.

(Bevor ich Leserbriefe von aufmerksamen und neugierigen Leserinnen bekomme, denen nicht entgangen ist, dass ich von der besagten Freundschaft in der Vergangenheitsform schreibe: Ja, sie ist nun eine verflossene. Der Ex-Freund bewegte sich schließlich über den Rand meiner Rechtstoleranz hinaus. Doch ehe ich mit ihm deswegen Schluss machen konnte, machte er wegen etwas anderem mit mir Schluss, einer unpolitischen Bagatelle. Letztendlich ist es ja gleich, wer mit wem warum Schluss gemacht hat, solange nur beide mit dem Ergebnis zufrieden sind. Selbst wenn es für uns kein Happy End im klassischen Sinne gab, plädiere ich weiterhin dafür, nicht bloß mit Typen abzuhängen, die alles ganz genauso sehen wie man selbst. Davon wird man blöd.)

Gut ist es, wenn man Sachen, von denen man meint, jemand hätte sie mal gesagt, nicht einfach so aufschreibt und vervielfältigt der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, sondern vorher denjenigen noch mal fragt, ob er das wirklich gesagt hatte, oder ob man sich das nur eingebildet hat, quasi der Wunsch Vater des Gedankens war. Nein, ich habe nicht vor, bei meinem Ex-Freund nachzufragen, ob er das mit dem Lesebändchen und der Spiegel-Bestsellerliste wirklich gesagt hat, dafür sind die Verhältnisse wohl zu zerrüttet. Allerdings hätte ich, als ich Matjes mit Wasabi schrieb, meine Frau ruhig noch mal fragen können, ob sie wirklich jemals gesagt hatte, dass Japaner ihre leeren Milchtüten auswaschen, aufklappen, zum Trocknen an die Leine hängen und schließlich bügeln, bevor sie in den Müll wandern. Hätte sie nie gesagt und entspräche auch nicht der Wahrheit, behauptete sie, als das Buch bereits erschienen war. Aber jemand musste es gesagt haben, ich denke mir doch so etwas nicht aus. Ich wünschte, ich könnte. (Gewaschen und aufgeklappt werden die Milchtüten freilich schon, getrocknet ebenso, wenngleich nicht zwingend an der Wäscheleine. Nur das mit den Bügeln ist wohl nicht ganz so landesüblich, wie ich im Buch den Eindruck vermittelt hatte.)

Heute habe ich gut daran getan, als ich meine Frau fragte: „Es stimmt doch, dass es in Japan keine Lesebändchen gibt?“

„Klar gibt es die. In so gut wie jedem gebundenen Buch. Wieso sollte es die nicht geben?“

„Weiß ich nicht. Hast du mal gesagt.“

„Habe ich ganz bestimmt nicht.“

Vermutlich hat sie recht. Das bringt mich ein bisschen in die Bredouille, denn die Sensationsmeldung „In Japan gibt es keine Lesebändchen! In Japan gibt es keine Lesebändchen! In Japan gibt es keine Lesebändchen!“ sollte eigentlich der hauptsächliche Aufhänger dieses Textes werden.

Dann muss ich mir eben etwas anderes suchen, vielleicht mal den Blick über den Tellerrand werfen, zum Beispiel nach England und Amerika. Da gibt es wirklich keine Lesebändchen, das kann ich anhand der eigenen Bibliothek empirisch nachweisen. Japanische Bücher habe ich nur wenige, schließlich möchte man Bücher möglichst zu Lebzeiten durchbekommen. Englische Bücher hingegen habe ich jede Menge. Nicht mal die geschuberten, farbig illustrierten, auf Büttenpapier gedruckt und mundgebundenen Prachtexemplare, die ich mir in dem elitären britischen Buchklub kaufen musste, dem ich in den Neunzigern mal auf den Leim gegangen war, haben Lesebändchen.

Eine gute Sitte der amerikanischen Buchproduktion hingegen ist es, hinten drin die Type beim Namen zu nennen, in der das Buch gesetzt wurde, inklusive der Begründung, warum das eine gute Type ist. Das hätte ich auch gerne in meinen Büchern, aber ich habe mich noch nicht getraut, danach zu fragen. Im deutschsprachigen Raum ist mir das bisher nur bei Christian Kracht untergekommen, meine ich. Der kann das wahrscheinlich einfach anordnen, sonst sucht er sich ratzfatz einen anderen Verlag. (Ich mag mich gänzlich irren, ich finde aktuell kein Beispiel in meiner Kracht-Bibliothek. Vielleicht spielt mir meine Erinnerung Streiche, weil Kracht einfach der Typ für so was scheint.)

Den Typenhinweis kann man gut oder überflüssig finden, für allzu leidenschaftliche Grabenkämpfe taugt er nicht. Anders ist das bei einer anderen amerikanischen Buchbesonderheit, dem rauen Buchschnitt. Da steht dann in deutschen Amazon-Rezensionen gerne mal: „Achtung, Kundenverarsche!!! Das Buch kam dreimal kaputt an – schade, dass man bei den Rezessionen hier nicht NULL Sterne geben kann!!!!“

Ich fand den rauen Buchschnitt (technische Hintergründe gerne auf Wikipedia) erst doof, dann gut. So geht einem das ja manchmal, wenn man erfahren muss, dass das, was man für einen Makel hielt, in Wirklichkeit eine Zierde ist. Heute zahle ich sogar eine oder zwei Mark mehr, wenn ich eine attraktive Novität grob anstatt fein geschnitten erwerben kann.

Rauschnitt und Lesebändchen in einem einzigen Buch – das wäre das höchste der Gefühle. Lesebändchen gibt es aber in Amerika nicht und rauen Buchschnitt nur dort. Nur ein Grund von vielen, die Globalisierung gut gelaunt voranzutreiben.

Gegendarstellung (oder: Auch das noch!)

Beim neuerlichen Schlendern durch den anglofonen Flügel meiner Bibliothek fand ich doch ein englisches Buch mit Lesebändchen, die britische Hardcover-Ausgabe von John Irvings The Fourth Hand. (Übrigens ein zermürbend unterschätzter Irving. Ein notwendiger, erfrischender Befreiungsschlag, nachdem Irving in den vielen Jahren nach Garp (n. G.) nur noch Garp-Variationen geschrieben hatte, zugegebenermaßen auf oft hohem Niveau, wodurch sich die widerliche Formulierung „ein typischer Irving“ etablierte, Kompliment und Watschen zugleich. Aber das nur am Rande. Gott bewahre, dass wir hier über Inhalte sprechen. Es geht schließlich um Bücher.)

Bricht nun meine ganze Rede zusammen wie ein Kartenhaus, nackt im Wind, der planlos tötet? Weiß ich nicht. Vielleicht gibt es drüben doch manchmal Lesebändchen, und vielleicht schneidet auch so mancher deutsche Nischenverlag seine Liebhaberausgaben rau. Aber in der Tendenz habe ich recht. Ganz falsch liege ich nicht. Wahrscheinlich. Möglich ist es.

Es lebe die Alte-Herren-Fantasie (und zwar möglichst intensiv)

Ich möchte mir einmal mehr Luft machen, damit es mir hinterher besser geht. Wieder geht es um inflationär wie undurchdacht herausposaunte Formulierungen, die mich schon lange um den Verstand bringen. Und wenn schon nicht um den Verstand, dann doch an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Und wenn selbst das nicht, dann gehen sie mir doch gehörig auf den Senkel. Das kann man so stehen lassen.

Es sind heute nur zwei, damit der Text nicht wieder so lang wird. Ich habe schließlich auch noch etwas anderes zu tun, nur falls sich jemand wundert. Die erste Formulierung ist ein Begriff, der immer dann ins Feld geführt wird, wenn ein Schriftsteller mit grauen Haaren und schrumpeligen Fingern es mal wieder geschafft hat, seinen Lebensumständen ein neues Buch abzutrotzen. Besonders wenn er es wagt, ein bisschen aus dem Hosenlatz heraus zu plaudern, kommt er: der Vorwurf der Alte-Herren-Fantasie.

Dabei fällt mir stets der oft arg ungerechte und uneinsichtige, im Großen und Ganzen aber ganz wunderbare Marcel Reich-Ranicki ein. Nicht weil er viele Jahrzehnte so ein fantasievoller alter Herr gewesen wäre (an Fantasie gerade mangelte es ihm häufig, aber Schwamm drüber, das ist verjährt), sondern wegen Hitler. Konfrontiert mit dem merkwürdigen Lamento, Adolf Hitler würde in der erzählenden Kunst zunehmend „als Mensch“ dargestellt werden, konterte er (sinngemäß): „Als was soll man ihn denn sonst darstellen? Als Elefant?“

Ich möchte mir hier die Ranicki-Methode aneignen und zu den Büchern alter Herren sagen: „Was soll in denen denn sonst drinstehen? Kleine-Mädchen-Fantasien?“

Ich finde es gut, wenn alte Herren noch Fantasien haben, und es würde mich wundern, wenn das Junge-Männer-Fantasien oder Frauen-in-den-besten-Jahren-Fantasien wären. Hat halt jede Demografie ihre eigenen Fantasien. Ist eine weniger wert als die andere? Ist das Ageismus gepaart mit Sexismus? Wem die Fantasien alter Herren zuwider sind, der muss sie nicht lesen (wenn man der passive Typ ist) oder kann ihnen literarisch etwas entgegensetzen (wenn man der aktive Typ ist). Sie jedoch pauschal zu denunzieren ist plump (viel plumper als die besagten Fantasien selbst), unliterarisch, antiintellektuell, diskriminierend. Schlechtmenschen arbeiten so.

Das andere Ding: die Sache mit dem intensiven Leben. Wahrlich nicht zum ersten Mal, gleichwohl unlängst schon wieder, las ich über einen früh verstorbenen Schriftsteller, er habe zumindest „intensiv gelebt“. Gemeint war, dass er gegenüber allerlei Rauscherfahrungen kaum Berührungsängste hatte.

Ich behaupte: Das Leben passiert einfach so, solange man nicht gerade tot oder ungezeugt ist. Unterschiedliche Intensitäten gibt es dabei nicht. Die gibt es allenfalls bei bestimmten Tätigkeiten und Wahrnehmungen; hochrechnen auf das Leben an sich lassen sie sich nicht. In den Zoo gehen ist nicht per se weniger intensiv als zu Hause bleiben und schnackseln. Kommt drauf an, was man daraus macht und wie sehr man sich für Tiere interessiert (bezüglich Zoo). Kaffeetrinken muss kein geringeres Erlebnis sein, als sich LSD auf der Zunge zergehen zu lassen. Die weitgehend nüchtern gewonnenen Eindrücke im Café und auf der Straße davor können langfristig interessanter sein, und die Wahrscheinlichkeit, dass da wirklich gewesen ist, was man glaubt wahrgenommen zu haben, ist ungleich größer.

Besagter Schriftsteller ist am Ende seines kurzen Lebens ertrunken. Ich könnte mich darauf einigen zu sagen, er sei „intensiv gestorben“. Wahrscheinlich intensiver als ein alter Herr, dem man auf der Pflegestation den Stecker rauszieht, weil man seine Fantasien nicht mehr erträgt. Könnte mir allerdings vorstellen, dass beide zuvor ungefähr gleich intensiv gelebt haben. Nur einer eben länger. Glück gehabt.

Mir geht es jedenfalls schon wieder besser, vielen Dank.

Das Glück gibt’s nicht in Wundertüten (nicht der Titel meines kommenden Schlageralbums)

Das Schöne am japanischen Neujahrsfest ist, dass tagelang alles stillsteht und nichts aufhat. Wenn man den Heimaturlaub so koordiniert, dass man direkt von den deutschen Weihnachtsfeiertagen ins japanische Neujahr schlittert, hat man knapp zwei Wochen süßen, zwangsverordneten Nichtstuns. Zeit für Andacht, Schnaps, Lego-Friends-Wohnmobile zusammenbauen, und dann gleich wieder Schnaps.

So richtig stimmt es natürlich auch nicht, dass in Japan dieser Tage gar nichts aufhat. Schließlich müssen die traditionellen Neujahrswundertüten verkauft werden, international bekannt als Lucky Bags. Also Beutel mit Überraschungsqualitätsprodukten zu Schnäppchenpreisen. Ich wollte dieses Jahr unbedingt die von meinem bevorzugten Büromaterialienhändler Smith/Delfonics haben, denn ich hatte von Leuten gehört, die von Leuten gehört hatten, dass diese Lucky Bags sich besonders lohnten. Ganz genau konnte es keiner sagen, denn keiner hatte je eine abbekommen.

Ich auch nicht. An zwei verschiedenen Tagen habe ich es versucht, Pustekuchen. In den Schnickschnackgeschäften Loft und Tokyu Hands versuchte ich mein Glück ebenfalls, dort wurden die Tüten allerdings nur in Abteilungen angeboten, die mich nicht interessierten. Die Wein-Beutel diverser Luxussupermärkte lockten mich, doch ich widerstand. Die Preise waren gut für japanische Verhältnisse, aber im internationalen Vergleich nach wie vor nicht tragbar. Besonders wenn man gerade aus dem Billigweinland Deutschland zurückgekehrt ist.

Heute Morgen hatte es dann doch noch geklappt mit dem Tütenerwerb, in der internationalen Kinokuniya-Buchandlung in Shinjuku. Die hatte ich fast vergessen. Obwohl, wie könnte ich sie jemals vergessen?

(Ich weiß, dass ich gar nicht so heiße. Der Fehler wurde allerdings inzwischen nach einem anonymen Tipp meiner Frau korrigiert.)

Ich hatte am Morgen extra einen kleineren Kaffee als sonst getrunken, um Punkt 10 auf der Rolltreppe zu sein. Ich griff mir gleich vier Tüten: Literature, Japanese Literature, Sci-Fi Fantasy und Mysteries. Kürzer gesagt ließ ich nur zwei Tüten stehen: Self-Help und Love Stories. Bislang ist mir kein gewohnheitsmäßiger Leser von Selbsthilfebüchern untergekommen, der ein überzeugendes Plädoyer für deren Wirksamkeit gewesen wäre. Zum sogenannten Romance-Genre war ich stets um dieselbe Offenheit bemüht, die ich von anderen gegenüber der Kriminalliteratur einfordere. Hat langfristig aber nicht geklappt. Zuletzt las ich einen Romantiktitel an, der selbst im gefürchteten Feuilleton einer amerikanischen Edeltageszeitung lobend besprochen worden war. Im begleitenden Interview mit der sympathischen Autorin hatte diese ein paar durchaus vernünftige Dinge gesagt.

Herrschaftszeiten, mein ganzes Leben habe ich kein Buch so schnell zurückgehen lassen. Wenn das das Sahnehäubchen des Genres war, wollte ich mich mit den Krümeln gar nicht erst befassen. Für mich bitte keine Liebesgeschichten mehr, vielen Dank.

Selbst wenn ich auch die verschmähten Tüten zur Kasse geschleppt hätte, ich hätte sie wieder zurückgelegt. Denn die freundliche Verkäuferin erklärte mir, dass es ihr sehr leidtäte, aber: nur eine Tüte pro Nase.

Ich wurde zweimal puterrot vor Zorn. Zuerst wegen dieser kleinlichen Regel (Es sind doch sechs Kategorien! Sechs Tüten pro Nase würde ich ja noch verstehen!), dann wegen mir selbst. War ich etwa zu einem raffgierigen Black-Cyber-Friday-Geiz-ist-geil-Schnäppchenjäger geworden?

Ich behielt lediglich die Sci-Fi-Fantasy-Tüte, weil ich in diesen Gattungen am meisten Hilfe benötige. Ich habe schon versucht, mir selbst zu helfen, jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Vielleicht aus altersbedingter Rührseligkeit würde ich gerne mal wieder diese Genres meiner Kindheit lesen, allerdings finde ich da nüscht. Zumindest in der Science-Fiction; in der Fantasy hat mir zuletzt doch einiges gefallen. Lian Hearn, V. E. Schwab, Fonda Lee. Ich weiß gar nicht, ob überhaupt noch Männer Fantasy schreiben. Wäre mir auch egal.

Nun sagt sich der gewiefte Japan-Kenner: „Wie kann das denn angehen, dass der Laden seine Kunden mit einer Tüte durch die Straßen laufen lässt, an der dick und fett ein Schild hängt, auf dem steht, was drin ist? Wo doch sonst sogar einzelne Bücher gleich an der Kasse mit einem neutralen Umschlag verkleidet werden.“

Raffinierter Trick: Die flinken Finger des Personals drehen das Schild einfach um:

Im Beutel war ein weiterer Beutel:

Sowie diese Bücher:

Leider fehlte mir heute Mittag die Zeit, alle Bücher zu lesen, deshalb hier nur kurz meine Erwartungen, Ängste und Hoffnungen:

Artemis von Andy Weir: Gutes drüber gehört, weiß nicht mehr genau was. Von der Verfilmung eines anderen Buches desselben Autors, Der Marsianer, ist mir positiv in Erinnerung geblieben, dass darin derselbe Ikea-Teddy vorkommt, den meine Tochter doppelt hat. Wenn Hollywood weder Kosten noch Mühen scheut, dann ist das Ergebnis reine Magie.

A Knight of the Seven Kingdoms von George R.R. Martin. Sympathischer Typ, dieser Martin, mit seinem Hut, seinem Bauch und seiner lässigen Einstellung zu Abgabeterminen. Mit A Game of Thrones bin ich allerdings nie warm geworden, in keinem Medium. Vor knapp drei Jahren nicht und später ebenfalls nicht. Ich habe offiziell aufgegeben.

The Godwhale von TJ Bass. Erster Satz des Klappentextes: Rorqual Maru was a cyborg – part organic whale, part mechanised ship – and part god. So fühlt sich sicherlich jeder mal. Gekauft. Geht ja nun auch nicht mehr anders.

The Three-Body Problem von Cixin Liu. Das habe ich natürlich schon auf Deutsch gelesen, hinterm Mond lebe ich schließlich nicht. Die große Ausnahme bei meinen fruchtlosen Versuchen, mich wieder mit der Science-Fiction anzufreunden. Ich fand es allerdings nicht nur einfach großartig, sondern auf so viele verschiedene Arten großartig, dass ich mich fast ein bisschen sträube, es als Science-Fiction zu bezeichnen. Huch, dass ich mich mal so Science-Fiction-feindlich äußern könnte, hätte ich selbst nicht gedacht.

The Grace of Kings von Ken Liu sagt mir nichts, aber dafür sind Wundertüten ja da. Mir ist nicht entgangen, dass dieser Autor auch der Übersetzer des zuvor genannten Buches ist. Ulkiger Zufall oder ein kompetenter Tütenpacker mit verschmitztem Witz?

Children of Time von Adrian Tchaikowsky. Das Lob von Peter F. Hamilton auf dem Cover lässt mich befürchten, dass es sich hierbei um die Art von Science-Fiction handelt, in der detailliert beschrieben wird, wie genau die Antriebe all der Raumschiffe funktionieren, die da so rumfliegen. Das interessiert mich eher nicht die Bohne. Bei Science-Fiction interessieren mich vor allem gesellschaftspolitische Spekulationen und Schießereien mit Laserpistolen.

Saint Odd von Dean Koontz, dem alten Schweden. Seit es Netflix gibt, habe ich den Film Odd Thomas auf meiner Guckliste, nur leider guckt man nie die Filme von seiner Guckliste. Koontz jedenfalls war mir stets so etwas wie ein minderer Stephen King, was nicht ganz so böse gemeint ist, wie es vielleicht klingt. Manchmal mag man schließlich Corman lieber als Fellini.

Letztendlich bin ich sehr zufrieden mit meiner Wundertüte und finde es auch nicht mehr schlimm, dass ich die anderen drei nicht kaufen durfte. Dadurch hatte ich noch genügend Bares, um im Gemischtwarenladen in die Krankenkasse einzuzahlen, was ich um ein Haar vergessen hätte. Darüber sollte mal jemand ein Selbsthilfebuch schreiben, dass man das nicht immer vergisst. Würde ich aber wahrscheinlich nicht lesen.

Ich kann mir Channing Tatum nicht merken, mache aber nicht den Fehler derer, die sich Harrison Ford nicht merken wollten

Schon seit geraumer Zeit merke ich mir die Namen von Schauspielern nicht mehr. Quatsch, ich meinte gar nicht Namen, ich meinte Gesichter. Namen gehen. Ich habe darüber schon einmal in diesem Blog geschrieben, und zwar im Jahre 2012. Leider habe ich das erst bemerkt, als es schon zu spät war, der Stift zu viele Kladdeseiten vollgeschrieben hatte, um sie einfach herauszureißen und Pappmacheschneemänner daraus zu rollen. Ich werde den älteren Beitrag an dieser Stelle nicht verlinken, damit ich mich unentlarvter wiederholen kann.

Damals war mein Fallbeispiel Megan Fox, eine Schauspielerin, von der ich immer wieder hörte, zu der sich mir aber kein Bild einprägen mochte. Um sie ist es inzwischen stiller geworden, doch das ist kein Grund für selbstgerechte „Siehst du?!“-Häme. „Es war nicht sie, es war ich“, wie man in schlecht übersetzten amerikanischen Filmen sagen würde. Die Nichtmehrteilnahme am Schauspielermerken scheint mir ein typisches Altersphänomen. Ich schaue nach wie vor gerne Filme, mir ist nur zusehends egaler, wer die macht und wer darin mitspielt, solange alle ihre Arbeit gut machen. Die bekommen ja schon Geld dafür, die brauchen nicht auch noch mein Personengedächtnis. Das Geld gönne ich ihnen, selbst wenn es unverhältnismäßige Ausmaße annimmt. Besser die als Waffen- oder Drogenhändler, sage ich mir. Altenpfleger oder Entwicklungshelfer wären noch besser, aber die Welt ist halt nicht perfekt.

Das Abwenden vom Personenkult in Kunst und Unterhaltung ist eine persönliche Konzentration aufs Wesentliche. Man sollte vermeiden, daraus allgemeingültige Schlüsse zu ziehen, etwa zu maulen: „Die Zeit der großen Stars ist vorbei!“

Die ist nicht vorbei, und die wird so schnell nicht vorbeigehen. Wenn einer ‚Filmstar‘ sagt, habe ich immer zuerst Harrison Ford vor Augen. Nicht, weil ich ein besonders ergebener Verehrer wäre. Sehe ich heute seine alten Filme, denke ich: Na ja, einen gewissen Charme hatte er schon, aber nicht gerade säckeweise Talent. Er war allerdings der erste (nicht der letzte) Filmsuperduperweltstar, der zu meinen Lebzeiten zu einem solchen geworden ist. Quasi live vor meinen Augen. Das vergisst man nicht so leicht. Nun gibt es nicht wenige Menschen meines Alters, die, wenn sie an Harrison Ford denken, klagen: „So einer kommt nie wieder! Die Zeit der großen Stars ist vorbei!“

Sie vergessen all die Griesgrame, die in den Achtzigern an Leute wie James Stewart dachten und klagten: „Die Zeit der großen Stars ist vorbei!“ Wahrscheinlich klagten zu James Stewarts Zeiten die Freunde Clark Gables: „Die Zeit der großen Stars ist vorbei!“ Und zu dessen Zeiten klagten die Fans von Errol Flynn: „Die Zeit der großen Stars ist vorbei!“ Und nach der Ära Rudolph Valentinos klagten seine Verehrer: „Die Zeit der großen Stars ist vorbei!“ Und davor mochte sich keiner vorstellen, dass das vulgäre Lichtspiel jemals ähnlich funkelnde Sterne hervorbringen würde wie die romantisch knarzenden Theaterbühnen der Welt.

Denke ich zwei Sekunden länger nach, fällt mir neben Ford noch John Travolta als zweiter Weltstar derselben Ära ein, dessen Werdegang ich nahezu von Anfang an verfolgen durfte. Sein Ruhm ist allerdings mit dem von Harrison Ford nicht ganz vergleichbar. Fords Image scheint völlig immun gegen Flops. Seit Jahrzehnten hat er außerhalb seiner Nostalgie-Franchises keine Rolle von Belang mehr gespielt, trotzdem bleibt die Verehrung breiter Bevölkerungsschichten ungebrochen. Travolta hingegen hat eine rechte Jo-Jo-Reputation zwischen Kult- und Witzfigur. Hat vielleicht auch etwas mit Glaubensfragen zu tun. Zu hoffen wär’s.

Um noch einmal auf Megan Fox zurückzukommen: Meine neue Megan Fox ist Channing Tatum. Also die Personifizierung meines gepflegten Unwissens in Sachen ‚Unterhaltungsindustriepersonal nach Harrison Ford‘. Kommt mir der Name unter, und er kommt mir häufig unter, denke ich: Hey, das ist wie damals bei Megan Fox. Keine Ahnung, wer das genau ist. Zeigte mir jemand Bilder von drei gleichaltrigen Schauspielern, könnte ich Channing Tatum wahrscheinlich nicht identifizieren. Es sei denn, einer der Schauspieler wäre ‚schwarz‘, einer ‚asiatisch‘ und einer so weiß wie der berühmte weiße Fußballspieler Franz Beckenbauer. Dann würde ich per Ausschlussverfahren raten: „Es ist dieser Beckenbauer-Typ!“

Ein anderes gutes, wirklich nicht böse gemeintes Beispiel sind die beiden Chrisse aus den Superheldenfilmen. Einer ist Thor, einer Captain America. Wüsste ich es genauer, würde ich mich damit bei Frank Elstners Wetten dass..? anmelden.

Nach allem, was man so hört, haben die beiden Chrisse Schwierigkeiten, sich außerhalb der Superheldenfilme einen Namen zu machen (oder zwei, jeweils einen). Hier schätze ich, weiterhin nüchtern analytisch und ohne Häme, dass es vielen Menschen ähnlich geht wie mir, selbst jüngeren: Sie können sich die Chrisse einfach nicht merken. Das liegt nicht an ihnen, das liegt an der Natur der Superheldenfilme: Die brauchen schlicht keine wiedererkennbaren Schauspieler. Das wiederum spricht nicht gegen die Qualität der Filme, eher für die Strahlkraft der Figuren. Früher dachte man noch, Superheldenfilme bräuchten zumindest ‚charismatische‘ Schurken, also holte man Gene Hackman, Jack Nicholson oder Willem Dafoe. Inzwischen weiß man, dass es völlig egal ist, ob Schurken ‚charismatisch‘ sind oder nicht, solange sie nur böse sind. So investiert man das Geld lieber in Spezialeffekte und Marketing.

Jetzt haben wir das klitzekleine Problem, dass dieser Text wegen Weihnachten kein richtiges Ende hat. Ich habe nämlich nach langem Überlegen den finalen Absatz komplett gestrichen, denn er enthielt dann doch noch eine unverblümte Pöbelei gegen einen zeitgenössischen Filmarbeiter, dessen Arbeit mir graust und dessen allgemeine Verehrung mir das Gesicht tief in die Handflächen treibt. Vielleicht reiche ich es später nach, aber kurz vor Weihnachten gehört sich so was nicht. Nur so viel sei verraten: Es handelt sich weder um Chiwetel Ejiofor noch um Apichatpong Weerasethakul. Das sind Namen, die man sich merken sollte.

Was denn das denn?

Manche Leute sagen „Was denn?“ statt „Wie bitte?“, eine schreckliche Angewohnheit. Ich darf das so sagen, weil ich selbst einer von denen bin. Ich weiß ganz genau, wie das kam. Als Teenager war ich mal für ungefähr fünf Minuten, die mir zunächst wie eine Ewigkeit vorkamen, einseitig verknallt in eine Teenagerin, die gewohnheitsmäßig „Was denn?“ sagte. Da habe ich es mir auch angewöhnt. Die Liebe ist verpufft, die Marotte ist geblieben. Woher das Mädchen sie hatte, weiß ich nicht. Einmal traf ich es wieder, da war es schon eine sie geworden, also aus dem Mädchen eine Frau. Sie forderte von mir Klärung einer längst verjährten Unklarheit, an die ich mich nicht im Geringsten erinnern konnte. Ich sagte nur: „Was denn?“, und ging schnell weiter.

(Klingt diese Pointe etwa so ausgedacht, wie sie ist? In Wirklichkeit ging ich so schnell nirgendwo hin, wand mich nur ganz schrecklich und winselte: „Ich weiß wirklich nicht, wovon du sprichst!“ Glaubte sie mir natürlich nicht, stimmte aber. Ich bleibe bei meiner Aussage.)

Man muss ja heutzutage aufpassen, was man sagt. Besonders, wenn man mit zwei Deutschlernenden zusammenlebt. Meine Frau ist ebenfalls Was-denn-Sagerin geworden. Die Gründe liegen ähnlich wie bei mir: Es war die Liebe. Unsere Tochter wird dem „Was denn?“ wahrscheinlich mittelfristig auch nicht entkommen, aber erst mal müssen wir ihr das „Hä?“ austreiben. Ich erinnere mich noch daran, ist schließlich nicht allzu lange her, als sie gerade anfing, schwammartig die ersten Worte aufzusaugen. Da ging es mit dem Aufpassenmüssen los. Man konnte ihr hundertmal „Schmetterling“ vorsagen und alles, was zurückkam, waren große Augen. Rutschte einem hingegen nur einmal im Affekt ein „Scheiße“ raus, tanzte sie sofort freudig übers Kunstparkett: „Scheiße, Scheiße, Scheiße! Papa Scheiße!“ Man hoffte, dass das aufhörte, bis die Frau von der Arbeit nach Hause kam.

Jetzt schreibt das Kind auch noch. Am liebsten schreibt es ab. Also muss ich sogar vorsichtig sein, was ich so in seiner Gegenwart schreibe und lese. Heute Morgen schrieb es langsam und genüsslich in großen Buchstaben: F … U … C …

Es wurde dann zum Glück doch wieder nur ‚Fuchs‘. Bei dem Scheiße-Zwischenfall seinerzeit hatte ich mich am meisten über mich selbst erschrocken. Eigentlich bin ich kein Freund derben Jargons außerhalb von Rapmusik. Sozialmedial kursierte vor einiger Zeit eine Studie, nach der Menschen, die lange schlafen und viel fluchen, klüger und schöner seien als alle anderen. Vielleicht waren es auch zwei Studien, eine zum Schlafen, eine zum Fluchen. Die Ergebnisse jedenfalls waren verheerend für frühe Freunde des gepflegten Ausdrucks. Ich dachte: Verflixt und zugenäht, ich bleibe trotzdem doof und hässlich.

Marotten lassen sich nur schwer ablegen. Fehler hingegen kann man korrigieren, so man sie erkennt. Selbst solche, die sich in Jahrzehnten eingeschliffen haben. Bis in meine Dreißiger hinein gehörte ich zu den ungefähr 90 Prozent der Deutschen, denen nicht bewusst ist, dass es einen Unterschied zwischen ‚scheinbar‘ und ‚anscheinend‘ gibt. Besonders peinlich, weil ich mich stets ein wenig als Sprach-Snob gerierte. Gottlob war mein letzter Langzeitvorgesetzter ein noch größerer Sprach-Snob, so wie es Vorgesetzte eben sein sollten. Weil er ein guter Chef war, stieß er mich nicht plump mit der Nase auf meinen Fehler, sondern lenkte mich vornehm zu Reflexion und Einsicht. Es bedurfte nur einiger Dialoge wie diesen:

Ich: „Heute wird scheinbar schönes Wetter.“

Chef: „Heute wird also kein schönes Wetter?“

Ich: „Hä?“

Und irgendwann wurde aus dem „Hä?“ ein „Ach so!“, so wie aus kleinen hungrigen Raupen wunderschöne Schmetterlinge und aus Mädchen Frauen und aus wahllosen Gedanken irgendwelche Blogeinträge werden.

(Ich entschuldige mich in aller Form bei Kylie Minogue und den Beach Boys, dass ich sie aus Gründen der thematischen Stringenz aus diesem Text herauskürzen musste. Es tut mir leid. Sollten mich allerdings Kylie Minogue oder die Beach Boys Jahrzehnte später beim Klassentreffen vorwurfsvoll fragen, was ich denn damals über sie geschrieben aber nicht veröffentlicht hätte, könnte es sein, dass ich mich gar nicht mehr an den Vorgang erinnere.)