Katastrophenbericht mit Bildverweigerung

Gestern war ich in der malerischen Schanghaier Altstadt, in der es noch sehr gut erhaltene Häagen-Dazs- und Pizza-Hut-Filialen aus der Ming-Dynastie gibt, und wollte ganz schnell wieder weg. Am besten so, wie ich gekommen war, nur umgekehrt, mit der U-Bahn-Linie 10 ab Yuyuan. Ich fand es etwas ärgerlich, dass genau in diesem Moment die Fahrkartenautomaten an meinem Eingang kollektiv abgeschaltet wurden. Noch ärgerlicher: Dasselbe Bild am anderen Eingang. Die menschenbesetzten Schalter machten auch zu. Am Zugang zu den Gleisen gab es erregte Diskussionen zwischen Bahnhofspersonal und potentiellen Fahrgästen. Dann verließen die Fahrgäste ungefahren den Bahnhof, und der Zugang zu den Gleisen wurde ganz abgesperrt. Er wurde aber wieder aufgesperrt für die Feuerwehrleute, die jetzt im Laufschritt den Bahnhof stürmten.

Für mehr als „ni hao“ hat es bei mir nie gereicht, also hatte ich keine Chance zu erfahren, was da los war. Nichts schlimmes, hoffte ich, vielleicht nur eine kurze Irritation, ein schnell gelöschter Brand. Beim Bahnhofspersonal war jedenfalls keine Panik auszumachen.

Dass das Warten müßig wäre, konnte ich mir denken. So begab ich mich wieder an die Oberfläche auf der Suche nach Wegweisern, die mich zu Fuß meinem Ziel näher bringen mochten. Ich fand welche, aber ich bin in so was nicht gut und lief exakt im Kreis, kam wieder an der Metrostation Yuyuan an. Inzwischen waren die Eingänge komplett für Zivilisten gesperrt. Da war nicht nur Feuerwehr, sondern auch Polizei, Ambulanz und Fernsehen. Und nahezu die gesamte Bevölkerung Schanghais mit Foto-Handys im Anschlag. Einen verrückten Moment lang dachte ich wirklich, dass da vielleicht gleich ein Prominenter rauskommt, so sorglos wie die Menschen gafften, knipsten und filmten. Aber die Präsenz von Feuerwehr und Ambulanz und das näherkommende Sirenengeheul, das weitere Einsatzkräfte vermuten ließ, sprachen dagegen.

Eine Zivilistin kam schnellen Schrittes aus dem Bahnhof, sie sah unverletzt aber aufgewühlt aus. Ein Reporter knallte ihr das Mikro vor das Gesicht, sie knallte es weg und ging ihres Weges. Gute Frau.

Ich möchte nicht verhehlen, dass es mir selbst im Kamerafinger juckte, dies könnte schließlich ein historisches Ereignis sein. Die Assoziationen von katastrophalem Unfall bis Terroranschlag wollte ich gar nicht haben, aber ich hatte sie doch, und die Prominenten-Theorie verlor mehr und mehr an Boden. Ich mag aber keiner dieser widerlichen Snuff-Pornografen sein, die bei Elend in Verzug immer schön mit dem Handy draufhalten und es hinterher im Internet als ‚Aufklärung‘ verherrlichen. Im Zweifelsfalle soll mir das Wissen reichen, dass ich dabei gewesen bin, am Rande zumindest, in sicherer Entfernung. Aber auch darauf würde ich am liebsten verzichten.

Ich lief nun nach dem Zufallsprinzip in eine Richtung, in der ich irgendwann eine weitere Haltestelle vermutete. Mir entgegen kamen weitere Fahrzeuge mit Sirenen und rennende Privatmenschen, die anscheinend schnell bessere Kameraausrüstung geholt hatten. Die nächste Haltestelle, an die ich kam, war Laoximen. Da Laoximen ebenfalls von der Linie 10 befahren wird, war hier dasselbe Bild: Ein gesperrter Bahnhof und ein Menschentraubenstrauch, zusammengesetzt aus Polizeitraube, Feuerwehrtraube, Sanitätertraube, Reportertraube und mehreren Trauben Schaulustiger.

Mithilfe einer Straßenkarte machte ich die nächste Station ausfindig, die von einer anderen Linie bedient wird. Als ich die fand, gab es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Es war nicht die Station, die ich finden zu müssen meinte, an meinem Verhältnis zur Kartografie hatte sich also nichts geändert. Die gute: Es war die Station in der Nähe meines Hotels. Ich war zu Fuß „nach Hause“ gelaufen.

Im Fernsehen wurde über das Ereignis berichtet, aber meine Sprachkenntnisse hatten sich auf dem langen Marsch nicht gebessert. Es waren Fahrgäste zu sehen, die Feuerwehrleuten durch einen U-Bahn-Tunnel folgten. Ein junger Mann lag auf der Sitzbank eines stehenden Zuges und hatte offenbar Schmerzen, aber keine sichtbaren Verletzungen. Das Geschehen war eine große Nachricht, aber die Fernsehkommentatoren diskutierten sehr gefasst darüber.

Im Internet wusste es von allen sprachlich infrage kommenden Medien ausgerechnet die Bildzeitung als erste: U-Bahn-Kollision mit 40 Verletzten, keiner davon schwer. Die Bildzeitung klagte an, dass im chinesischen Internet schon blutige Bilder kursierten. Da war wohl jemand beleidigt, weil er keine abbekommen hatte.

Ich erlaubte mir ein vorsichtiges Aufatmen. Das war zwar schlimm, und ich hoffte, dass es den 40 bald wieder gut ginge, aber meine ursprünglichen Befürchtungen waren in deutlich schlimmere Richtungen gegangen.

Heute Morgen hat sich die Zahl der Verletzten auf über 200 erhöht, nicht alle ganz so leicht wie zuerst gedacht, aber offenbar dennoch keiner bedenklich schwer. Nach einem Signalausfall war ein langsam fahrender Zug auf einen stehenden Zug aufgefahren. Die Bildzeitung ist das einzige Medium, das den Unfall zur „Katastrophe“ und „Horror in der U-Bahn“ hochposaunt.

An dieser Stelle keine Blutbilder aus dem chinesischen Internet, aber ein gut gemeinter Rat:

Statt R.E.M.-Nachruf: Kein R.E.M.-Nachruf, sondern ein Fahndungsaufruf

Der Flug FRA-PVG ist eine gute Gelegenheit, sich mal wieder alle R.E.M.-Platten auf dem portablen Plattenspieler anzuhören.

So sollte mein versöhnlicher R.E.M.-Nachruf beginnen, den ich schon vorvorgestern hochdroben inmitten von Turbulenzen in meinem Notizblock krakelig vorskizziert hatte. Aber ich bin jetzt doch zu aufgewühlt dafür. Nicht, weil die Band, die zuletzt besser war als zuvorletzt und immer besser als ihr Ruf in der blasierten, gehörlosen Schweinepresse, sich aufgelöst hat, sondern weil mein iPod schanghait wurde! Ich benutze diesen schönen Ausdruck aus meiner Seefahrerzeit nur, weil er örtlich gerade so gut passt, wahrscheinlich walteten aber keine kriminellen Kräfte. Entweder im Flugzeug oder im Flughafentaxi liegen gelassen. Ich ringe keineswegs so sehr mit der Fassung, wie es richtige Materialisten in meiner Lage wohl täten, denn ich erinnere mich noch daran, dass Besitz dich besitzt. Aber ein klitzekleines bisschen ringe ich doch. Der iPod darf nicht in falsche Hände geraten. Keiner soll wissen, dass ich heimlich Spice Girls und Kasabian höre. Und woher die Mitschnitte von Maid Deka und Deka Wanko kommen, kann ich zwar erklären, aber nicht gut.

Sollte Sie jemand auf der Nanjing Road (Abb.) ansprechen auf ein unverbindliches Interesse an „watch-dvd-iphone-massage“, sagen Sie bitte sofort verbindlich: „Aber ja! Her mit dem Zeug! Ich zahle jeden Preis!“ (mein Wertvoller Reisetipp des Tages) Fragen Sie gegen, ob dieser Fachhändler auch einen iPod Classic in geschmackvoller japanischer Gothic-Verkleidung mit schwarz-rotem Rosenmuster und farblich passenden Sony-Kopfhörern im Programm hat, dessen Abspiellisten von „… But Alive“ bis „Irgendwas mit Schriftzeichen“ gehen. Das ist meiner! Unscharfe Fotos finden Sie hier und hier. Ich bin bereit einen geringen, von Herzen kommenden Finderlohn zu zahlen. Oder eine DVD oder Massage.

Was mich mehr bewegt als die Frage nach dem Verbleib des Plasteklumpens: Wenn R.E.M. sich getrennt haben, heißt das dann, dass U2 gewonnen haben?! Das darf doch nicht wahr sein!!!

Jubiläum: Der 100. Eintrag! (Wiederholung)

Wider besseren Instinkt las ich die Woche ein Interview mit dem hauptberuflichen Schallplattenindustrieerklärer Tim Brenner, in dem Ohrenschlackernmachendes zu erfahren war. Zum Beispiel, dass die Schallplattenindustrie die digitale Revolution verschlafen habe, und dass das Album als Format überholt wäre, denn es sei überhaupt nur aus technischen Notwendigkeiten heraus entstanden (mehr als eine Dreiviertelstunde ging halt nicht drauf) und keineswegs aus künstlerischer Erwägung. Also weg damit.

Wäre ich eine gezeichnete Ente, würde ich sagen: Seufz. Ich müsste vielleicht weniger oder könnte leiser seufzen, würde diese Unwahrheit nicht seit Jahr und Tag landaus, landein von jedem Plappermaul als Wahrheit verkauft werden. Ich habe zwar das Album als solches hier schon einmal als die relevanteste und schönste aller musikalischen Darreichungsformen gepriesen, aber ich tue es gerne noch einmal, weil erstens das Netz das vergesslichste aller Medien ist, zweitens andere ja auch ständig dasselbe sagen (j’accuse, Tim Brenneur!), und drittens mir unlängst erst wieder bewusst geworden ist, wie recht ich habe.

Es sollte bekannt sein, dass die Gründe, aus denen etwas entsteht, und die Gründe, aus denen es fortbesteht, nicht dieselben sein müssen. Das Album mag seine klassische Länge schnöden Kapazitätsproblemen verdanken. Dass es sich aber über Jahrzehnte bewährt hat, liegt daran, dass diese Länge durch einen glücklichen Zufall genau die richtige war und ist. Mit einem Album hat man was in der Hand, und das nicht nur im buchstäblichen Sinne, sondern vor allem im übertragenen. Mit einem Download-Album hat man musikalisch ebenso viel in der Hand wie mit einer Polyvinylchloridplatte. Klein-klein aus dem Analog/Digital-Grabenkrieg soll an dieser Stelle keine Rolle spielen, Musik ist Musik. Rund 10 Songs, mit denen man sich beschäftigen kann und muss. Das tut man auch, und zwar intensiv und gerne, denn 10+X neue Songs eines geschätzten Künstlers auf einmal zu bekommen ist ein Ereignis, für das man mal kurz mit Twittern aufhört. Anders verhält es sich mit einzeln veröffentlichten Songs. Da hört man mal rein und macht nach der Hälfte aus, wenn es nicht auf Anhieb als Meisterwerk erkennbar ist (was machen noch mal die Smashing Pumpkins heute?). Ähnlich bei Darreichungsformen des anderen Extrems. Wer hört sich schon CD-Boxen so intensiv an, wie sie es möglicherweise verdient hätten? Ich habe einen recht genauen Eindruck des ersten Drittels des letzten Dreier-Albums von Joanna Newsom, aber danach verschwimmt alles, und man weiß nicht, ob es Newsoms oder Neuenkirchens Schuld ist. Ich habe außerdem den vagen Verdacht, dass besagtes ein stärkeres Werk hätte werden können, hätte man mit Mut zum Mülleimer aus den hammermäßigsten Krachern der drei Mini-Alben ein einziges Album von moderater Länge gemacht. Aber das ist nur geraten, für eine fundierte Meinung müsste ich erst mal dazu kommen, mir die zweite und dritte Scheibe genauso aufmerksam anzuhören wie die erste.

Wenn nun einer behauptet, wie das die Woche einer in einem Interview getan hat, das Album sei „keine Kunstform“, dann hat der unrecht. Selbstverständlich ist ein anständiges Album hohe Kunst in Inhalt und Form, denn es handelt sich nicht nur um eine Zweckgemeinschaft einzelner Songs, sondern um ein Gesamtwerk, dessen Summe blabla Einzelteile blabla, Sie wissen schon. Das gilt, Gott bewahre, keineswegs nur für ausgesprochene Konzeptalben. Wobei es auch mal an der Zeit wäre, die ständig unreflektiert nachgeplapperte Pauschalkritik an diesem Genre zu überprüfen, und es nicht immer nur an seinen schlimmsten Beispielen zu messen. Im Grunde ist jedes auf dem üblichen Wege entstandene Studioalbum ein Konzeptalbum, denn Auswahl und Reihenfolge der Songs folgt einem dramaturgischen Konzept. Die Songs stehen nicht nur für sich selbst, sondern auch in Beziehung zueinander, und sie repräsentieren die verantwortlichen Künstler in einer bestimmten Phase ihres Lebens und Schaffens. Deshalb sind Hit-Sammlungen und andere Kompilationen meist so unbefriedigend, es fehlt zum einen das dramaturgische Auf und Ab, vor allem aber das einende je ne sais quoi.

Das bisher beste Album des laufenden Jahres ist bekanntlich Ninth vom vielversprechenden Nachwuchstalent Peter Murphy. Es ist ein Paradebeispiel für ein gelungenes Album, weil es nicht nur voller guter Songs ist, sondern weil man das erst dadurch merkt, dass es ein Album ist. Da gibt es Lieder, die sofort gefallen, etwa die mopsfidelen Velocity Bird oder Memory Go. Dann die, die man im zweiten Durchgang mitnimmt, zum Beispiel die poetisch-spinnerten I Spit Roses oder Seesaw Sway. Diese Songs hätte man womöglich auch bemerkt und für gut befunden, wenn sie für sich irgendwo rumgeflogen wären. Aber dann gibt es auch so etwas wie das brummige Secret Silk Society, das das erste, zweite, dritte … Mal nach typischem Füllmaterial klingt, bis man seinem dunklen Sog erliegt. Als vorletztes Stück kommt es an genau der richtigen Stelle im Gesamtzusammenhang, man wird dem Sog wieder sanft entrissen vom Rausschmeißer Crème de la Crème, den ich zunächst für zu beschaulich gehalten hatte. Als Kontrast zum Vorgänger und als Abschluss des Albums ist er aber ganz wunderbar. Solche Lieder brauchen Zeit zum Gedeihen, und das geht nur, wenn sie in ein Album gepflanzt sind. Als itunes-Hörproben haben sie keine Chancen.

Selbst wenn man langweilig, also aus Sicht der Wirtschaft und des Marketings, an die Sache herangeht, ist das Album als solches unverzichtbar. Auch wenn es sich nicht mehr so gut verkauft wie zu Zeiten, als das Kino noch zwei Groschen gekostet hat, Fußball Männersache war und der Pfannkuchen wie Pfannkuchen schmeckte, so ist es doch als Aufhänger für mediale Öffentlichkeit und weitere musikalische Aktivitäten nicht zu ersetzen. Welches Leitmedium berichtet schon darüber, wenn jemand einen neuen Song ins Internet stellt? Bei einem ganzen Album sieht das anders aus. Gerne weisen Schallplattenindustrieerklärer darauf hin, dass der große Reibach heute auf der Bühne gemacht wird. Das ist schön, da gehört Musik hin. Aber eine Tournee ohne reichlich neues Material (Sie haben es erraten: Album!) hat etwas Trauriges, da verkommt ein Künstler schnell zur eigenen Cover-Band.

In diesem Sinne: Man sieht sich beim Konzert am 23. 10.

Bitchmove in Schanghai

(Bitte nicht lesen, wenn Sie die Erörterung kleinlichster Fragen der deutschen Sprache und Rechtschreibung nicht für hocherotisch halten.)

Vor meinem nächsten Kontrollbesuch in Japan habe ich eine mehrtägige Zwischenlandung in China eingeplant, zur Vorbereitung wollte ich kürzlich Sachliteratur erstehen. Ich ging also auf den Buchladen und tippte ins Suchfeld: „Shanghai“, und hatte im Nullkommanichts genau das, was ich wollte, in großer Auswahl und vielfacher Ausführung, neu und gebraucht. Soweit nicht ungewöhnlich, Internet halt, ich hatte schon davon gehört.

Etwas scheinbar Ungewöhnliches ereignete sich dann aber doch noch wenig später, als ich erneut „Shanghai“ tippte, und zwar in eine Office-Anwendung, beim Verfassen eines launigen Artikels zum Thema (jener später an dieser Stelle, falls er fertig wird und launig bleibt). Das Wort „Shanghai“ wurde stets rot unterkringelt von der zuvorkommenden Software. Ich starrte und stierte, aber konnte den Fehler nicht finden. Sollte die Stadt etwa mit deutschem Schule-Sch geschrieben werden? Das konnte nicht sein, denn die drei deutschsprachigen Reiseführer, die bereits auf dem Weg zu mir waren, und die für mich Mindestvoraussetzung für fünf Übernachtungen sind, hatten es mit anglophilem Shanty-Sh auf dem Umschlag, da war ich mir sicher.

Aber ein Blick in den Duden bestätigt: Schanghai mit Sch ist die empfohlene Schreibweise. Der gedruckte Duden kennt immerhin die Sh-Variante, in der Online-Version hingegen wird sie als eigener Eintrag gar nicht geführt, sondern unter „Schanghai“ mitgelistet und als „englisch“ verunglimpft.

Wissen das die Deutschen? Selbst ich wusste es nicht, und mir wachsen regelmäßig graue Haare (Haare wachsen = reines Wunschdenken), wenn jemand in einem deutschen Text „Tokio“ mit Fantasie-Ypsilon schreibt. Ich nehme solche Sachen sehr genau, ich habe sonst keine Freuden im Leben. Liebend gerne schreibe ich Schanghai gutdeutsch, man muss es mir nur sagen. Und man sollte es so gut wie allen deutschen Reiseliteraturverlagen sagen, denn lediglich ein einziger Reiseführer ist unter der korrekten Schreibweise zu finden (drolligerweise der aus dem Amerikanischen übernommene Wallpaper City Guide). Tippt man „Schanghai“ in den Buchladen, kommt die hilflose Frage: Meinten Sie Shanghai?

Viel Neues über die Muttersprache kann man auch bei Langenscheidts Wahl äh Voting zum Jugendwort des Jahres erfahren. Die meisten nominierten Begriffe sind faule Übernahmen aus dem Englischen, z. B. Bitchmove oder (Epic) Fail. Mir fehlt just der Esprit, diesen Umstand ausführlich zu beklagen, bitte fügen Sie hier Ihr eigenes Lamento über die Überfremdung der deutschen Sprache ein.

Einige deutschdeutsche Ausdrücke sind schon dabei, gar nicht mal alle unschön. An der Authentizität allerdings hege ich – sehr vorsichtige – Zweifel. Es ist ja nun nicht so, dass ich sehr viel direkten Kontakt zu Jugendlichen hätte, aber ganz außen vor fühle ich mich nicht. Als Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel hört man der Jugend schließlich oft genug beim Telefonieren zu. Noch nie habe ich gehört: „Mein Katheterpeter ist voll der Körperklaus, aber trotzdem ziemlich naturschlau, jedenfalls kein Wikiwisser.“ Döner habe ich zum letzten Mal im 20. Jahrhundert gegessen, auch da schon nicht mehr in Gesellschaft ganz blutjunger Menschen. Ob solche heute tatsächlich sagen: „Einmal Karussellfleisch mit scharf!“, weiß ich nicht. Aber ich hoffe es ausdrücklichst!

Einige angeblich brandaktuelle Ausdrücke verwundern doch sehr. Berufsjugendlicher war schon in meiner Jugend das lang etablierte Wort, mit dem mein damaliges Ich so Typen wie mein heutiges Ich beschrieb. Auch die Prolette war keine Unbekannte. Wir echten Jugendlichen fanden damals keineswegs, dass Berufsjugendliche und Proletten rulen, aber jenes Verb benutzten auch wir schon mehr, als für unsere Ausdrucksweise gut war. Rubbeldiekatz hingegen sagten wir bestimmt nicht, das taten nur Berufsjugendliche, die auf Katheterpeter angewiesen waren.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte gibt Shakira Kurosawa eine Wahlempfehlung: Bitte wählen Sie Karussellfleisch, alles andere wäre ein Bitchmove.

Sie können mich mal gernhaben (ich habe Sie ohnehin gern!)

Sie haben bestimmt bemerkt, dass vor kurzem unter den Beiträgen hier überall Knöpfe aufgetaucht sind, die vorher nicht da waren. Trauen Sie sich, drücken Sie ruhig mal drauf, dann passiert irgendwas! Nein, ich habe nicht angefangen zu twittern, zumal ich nach wie vor nicht so ganz genau weiß, was das eigentlich ist. Und auch zukünftig werde ich netzwerktechnisch asozial bleiben. Aber Ihnen, untertänigst verehrte Leserinnen und Leser, möchte ich fürs erste nicht mehr vorschreiben, was Sie zu tun oder zu lassen haben. Deshalb dürfen Sie mich jetzt durchaus weitertwittern, auch wenn mir die Sache nicht ganz geheuer ist. Und Sie können mich mal liken, Sie wissen schon wo.

Ich werde die Sache mit kritischem Auge beobachten. Sollten die Ergebnisse zu beschämend sein, nehme ich den Unsinn wieder runter. Ich hoffe, das geht.

Wo der Computer schon mal an ist: Es gibt wieder mal anderswo Anderes von mir zu lesen. So habe ich unlängst beim Fünf-Bücher-Projekt den Dicken gemacht. Bitte kaufen Sie meine fünf Bücher und alle anderen fünf Bücher, es ist gleich doppelt für einen guten Zweck (Ihr Lesevergnügen und eine wohltätige Organisation).

Auch für einen guten Zweck: Am nächsten Donnerstag, den 28. Juli, liest Christine Bongartz in Bremen aus meiner Gebrauchsanweisung für Japan, musikalisch begleitet von Naoko Marutani. Alle Fakten hier.

Und es gab neues zu besprechen:

Film

Garden of Sinners Film 2: Morderverdacht Teil 1

Gothic & Lolita Psycho

Kite Liberator – Angel of Death

Monga – Gangs of Taipeh

Buch

Stephen Clarke: Gebrauchsanweisung für Paris

Barry Eisler: Paris is a Bitch / The Lost Coast

Don Winslow: Satori

Moleskine, Moleskine – ich kann es nicht mehr hören!

Die Propeller
drehen sich.

Das Flugzeug
gewinnt Höhe.

Weite Reise
macht weise.

Das Reisen
ist Leben.

Das steht, nicht immer in dieser Reihenfolge und inzwischen in geringfügig überarbeitetem Wortlaut, seit 10 Jahren auf den Notizbüchern der Rollbahn-Reihe des japanischen Lifestylebüroartikelherstellers Delfonics. Der beste Geburtstag seit dem von Marshall McLuhan und Washlet. Seit ich diese Notizbücher kenne, kann ich in nichts anderem mehr schreiben. Kann ich schon, kommt aber nur Mist dabei raus. Hier mein erstes und mein aktuelles Rollbahn, zum ersten Mal in einer gemeinsamen Szene:

 

Nicht im Bild: Meine nächsten beiden Rollbahns, die schon, noch eingeschweißt, bereitliegen.

Zum Zehnjährigen ist ein Federmäppchen erschienen, in dem sich die einzigen Schreibwerkzeuge transportieren lassen, mit denen sich Literatur, nein: LITERATUR, schaffen lässt.

Bitte geben Sie Ihre Moleskine-Kladde zum Altpapier und schenken Sie Ihr iPad einem Berber. Außer Rollbahn brauchen Sie nichts. Vertrauen Sie mir.

14 Jahre sind relativ (wenig)

„Endlich Wochenende /
Jetzt wird nur noch gezockt“

– Friedrich Schiller, Ode „An die Freude“ – Tony D, Jackpot

Sie haben sicherlich aus den Nachrichten davon erfahren, am vorvergangenen Freitag ist das Telespiel Duke Nukem Forever erschienen. Von der ersten Ankündigung bis zum Erstverkaufstag hat es rund 14 Jahre gebraucht, was als ziemlich lang gilt. Mit der Zeit hatte sich in der Gemeinde der Computer- und Videospieler der Glaube durchgesetzt, dass der Untergang oder Fortbestand der westlichen Zivilisation von der Qualität dieses Spieles abhinge, denn viele hatten sentimentale Erinnerungen an den Vorgänger, Duke Nukem 3D. Ich auch. Duke Nukem 3D überzeugte mich 1996 davon, dass Computerspiele doch kein langweiliger Kinderkram sind, sondern ganz schön aufregender Kinderkram.

Vorher hatte ich keinen nennenswerten Kontakt zu Computerspielen. Ich war schon immer liebenswert fortschrittsfeindlich und bin es noch heute. Mein erster Walkman war ein iPod, und auch den habe ich nur widerwillig und gebraucht gekauft. Er wird frühestens ausgetauscht, wenn die Akkuleistung unter drei Minuten fällt (was vermutlich bald der Fall ist, Apple halt). Erst kürzlich bin ich wg. Materialermüdung von einem Schwarz/grau-Mobiltelefon mit Knöpfen auf ein Farbmodell mit berührungssensitivem Bildschirm umgestiegen, mein drittes Handy in 13 Jahren. Ich sehe aber ein, dass es Vorteile hat. Man kann darauf seine fettigen Ohrabdrücke viel besser sehen. Das Faxgerät blieb der Welt nicht lange genug erhalten, als dass wir uns richtig hätten kennenlernen können. Die Faxe, die ich in meinem Leben gefaxt habe, lassen sich vermutlich an den Fingern einer Hand abzählen, und mindestens einen Finger hätte ich noch frei um Haselnussbrotaufstrich zu naschen. Nie habe ich eingesehen, einen Automobilführerschein zu machen. Meinen ersten Heimcomputer kaufte ich mir sauertöpfisch mit Mitte 20, weil meine Nachbarn fanden, dass meine Schreibmaschine zu laut sei, um nachts darauf zu schreiben.

(Mit 20 meint man, inspirierte Schreibarbeiten müssen unbedingt nachts erledigt werden, dabei geht das auch vor 22 Uhr.) Ich hatte mir vorgenommen, mein Computer-Dings lediglich als leisere Schreibmaschine zu verwenden und es keinesfalls mit Spielen zu besudeln. Mein Installateur hatte mir zwar ungefragt und zu meiner großen Freude Sam & Max draufgepackt, aber das ging in Ordnung, fand ich, das war immerhin was zum Nachdenken, adorno-mäßig gerade noch okay.

Vielfach wird meine Technikfeindlichkeit und damit einhergehende Ahnungslosigkeit bei entsprechenden Themen für Koketterie gehalten. Immer wieder bringen mir ganz aufgelöste Menschen kaputte Handys an die Tür und schluchzen: „Es klingelt seit heute Morgen nicht mehr! Ich flehe Sie an – tun Sie etwas!“ Das Missverständnis, dass mich so etwas interessieren könnte oder ich gar eine Lösung wüsste, kam vermutlich dadurch in die Welt, dass ich beruflich einmal ein paar Jahre lang auf die schiefe Bahn geraten war. Dabei habe ich mich in meiner Zeit als technischer Journalist (oder „schreibender Schraubenzieher“, wie die anderen Journalisten sagen, wenn man gerade nicht hinhört) bloß durchgeschummelt, großes Ehrenwort. Es gehört ja auch wirklich nicht viel dazu, Sony-Pressemitteilungen umzuformulieren.

Entschuldigen Sie, wenn ich abschweife. Ich war heute Vormittag bei einer ärztlichen Untersuchung und habe noch Kontrastmittel im Körper, was immer das sein mag.

Jedenfalls ging ich eines Tages im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrtausends einen Freund besuchen, ihn abzuholen, um irgendetwas viel Wichtigeres als das Spielen von Computerspielen zu unternehmen (vermutlich saufen). Mein Freund hatte sich zu meinem Unmut noch nicht mal fertiggemacht, als ich ihn in seinem WG-Zimmer fand. Stattdessen machte er an seinem PC Außerirdische fertig, die die Erde unterjochen wollten. Er spielte Duke Nukem 3D, einen Ego-Shooter (vulg.: Killerspiel) über einen heterosexuellen Kriegshelden mit dummen Sprüchen und dicken Knarren. Mein Freund fragte mich, ob ich auch mal ran wolle. In der Hoffnung, unsere Abreise dadurch zu beschleunigen, willigte ich ein. Wir verließen das Haus an diesem Abend nicht mehr. Als die Lebensgefährtin des Freundes auftauchte, die mich als Kriegsdienstverweigerer und Studenten der Geisteswissenschaften kannte und schätzte, sagte sie triumphierend: „Andreas, sag ihm, was du davon hältst!“

Ich nahm die Hände keinen Moment von der Tastatur und den Blick nicht vom Bildschirm und ächzte: „Ich würde es besser finden, wenn man es mit Joystick spielen könnte!“

Ich bildete mir ein, die Zukunft der Unterhaltung gesehen, nein, erlebt zu haben. Wenn Spiele so wären, dann wären Action-Filme fortan überflüssig, weil man bei diesem Spielprinzip und dieser atemberaubenden Grafikqualität das Gefühl hatte, selbst in einem Action-Film mitzuspielen, was viel aufregender war als bloß zuzuschauen. Die technische Revolution hatte stattgefunden. Das Ende der Fahnenstange war erreicht. (Mir wurde erst später bewusst, dass Spiele niemals Konkurrenz für Unterhaltungsfilme werden können, weil man sich beidem aus völlig unterschiedlichen Gründen zuwendet. So ein Spiel wird man nie zur Entspannung spielen, denn ein Spiel ist alles andere als entspannend.)

Auf Duke Nukem Forever, die Fortsetzung, freute ich mich. Aber eines verwirrte mich: Immer wieder las und hörte man unmittelbar vor der Veröffentlichung die Behauptung, man habe 14 Jahre darauf gewartet.

Also, ich nicht. Im betreffenden Zeitraum habe ich unter anderem mein Studium erfolgreich abgebrochen, meinen ersten Erwachsenen-Job angenommen und dreimal gewechselt, mit dem Rauchen aufgehört und mit dem Laufen angefangen, meinen Wohnort von Norden nach Süden gewuchtet, aus langen Haaren und Vollbart das Gegenteil gemacht, rund 30 Fernreisen unternommen, wichtige und weniger wichtige Beziehungen beendet und begonnen, mehrere unveröffentlichte Bücher und ein veröffentlichtes geschrieben, drei oder vier Blogs aufgegeben, unzählige Bücher gelesen und Filme gesehen, mit dem Comiclesen mehrfach aufgehört und wieder angefangen, viele Kochrezepte gelernt, in Konzerthallen gestanden und auf Bierbänken gesessen, zweimal genullt, und sogar ein paar Video- und Computerspiele ohne Duke Nukem gespielt (ging auch). Der Planet drehte sich unermüdlich um die Achse und kreiste um die Sonne, Babys wurden schreiend aus der molligen Dunkelheit in das harsche Licht der Welt gezerrt, Erde kehrte wieder zur Erde zurück, große Kunstwerke wurden geschaffen und vernichtet, Regime wurden gestürzt und errichtet. Mit all dem hatte ich direkt nichts zu tun, aber es kann einen trotzdem ablenken.

Ich habe also nicht viel Zeit damit verbracht, mit Fingernägeln zwischen den Zähnen auf den Kalender zu starren und mich zu fragen, wo denn Duke Nukem Forever bliebe. Will nicht sagen „gar keine“ Zeit, aber doch „kaum“. Wenn man alles zusammenrechnet, vielleicht so eine Stunde. Das war auszuhalten. In einer Stunde über 14 Jahre verteilt übersteigert man nicht seine Erwartungshaltung, weder in Sachen technischer und spielerischer Brillanz, noch in Sachen schrulliger Retrocharme, oder des Ausmaßes der Katastrophe, die viele vorgebliche Anhänger niederträchtig und masochistisch herbeisehnten.

Ein bisschen banges Kalenderstarren und Nägelkauen ließ sich am letzten Samstag nicht vermeiden, weil ich aus Gründen der Knauserigkeit das Spiel im Billigland England bestellt hatte und es nicht feststand, dass es rechtzeitig zum langen Wochenende rübermachen würde. Hat es aber, und ich muss sagen: Die eine Stunde Wartezeit habe ich keine Sekunde bereut. Ich habe gelesen, dass die Grafik des Spiels unter aller Sau ist. Für diese Info möchte ich mich bedanken, denn es wäre mir sonst nicht aufgefallen bei dem ganzen Spaß, den ich mit Duke Nukem Forever habe. Wie die Musik ist, kann ich nicht beurteilen, da Musik in Videospielen nichts verloren hat, weshalb ich sie immer gleich nach Erhalt abstelle. Wenn sie so ist, wie der überdrehte Gitarrenquatsch im Intro, war das die richtige Entscheidung. Das Geknatter meiner Schusswaffen und das Todesquieken meiner Gegner ist genügend Musik in meinen Ohren.

An den Humor hatte ich keine großen Erwartungen. Den Humor von Duke Nukem 3D seinerzeit hatte ich mir als linksdrehender Frauenversteher damit schöngeredet, dass der ja gar nicht sexistisch und gewaltverherrlichend wäre, sondern eine Parodie auf Sexismus und Gewaltverherrlichung. Dass Parodie niemals Anklage, sondern immer nur Schmeichelei und Bekräftigung ist, verdrängte ich damals. Das tue ich nun nicht mehr, bilde ich mir ein. Deshalb kann ich über den Bier-und-Babes-Humor von Duke Nukem heute gar nicht mehr lachen.

Hm, kann ich offenbar doch noch. Duke Nukem Forever ist schon ziemlich lustig. Es sind ja nicht nur die Macho-Sprüche und Fellatio-Witze (obwohl viele von denen auch recht ulkig sind). Es gibt außerdem vereinzelte Anspielungen auf relativ aktuelle Auswüchse der amerikanischen Gegenwartskultur, etwa Seitenhiebe auf den Krieg der Late-Night-Talkshows und den Krieg gegen den Terror sowie blutige Fausthiebe auf einen cholerischen Schauspieler-Lackaffen, der wahrscheinlich Christian Bale ist.

Aber die wenigen Konzessionen an die Gegenwart sind nicht das Entscheidende. Vor allem gilt: Nicht obwohl Duke Nukem Forever mindestens zehn Jahre zu spät erscheint, ist es ein gutes Spiel, sondern weil es mindestens zehn Jahre zu spät erscheint. Ein oder zwei Jahre nach Duke Nukem 3D wäre es nur eine solide Fortsetzung gewesen. Heute ist es eine veritable Zeitreise. In eine Zeit, in der Spiele noch etwas Spielerisches hatten und nicht mit buchhalterischem Mikromanagement-Irrsinn allen Spaß an der Freud verdarben. Man fühlt sich wieder wie Mitte 20, nur nicht so behaart. Sollte es eine weitere Fortsetzung geben, ich warte gerne. Selbst wenn es wieder eine Stunde dauert.

Happy Hunni!

Hey, Kids – ich sag euch, was abgeht! Zieht euch das rein: In diesem Jahr hätte Marshall McLuhan 100. Geburtstag, würde er noch leben! Nein, nicht der Regisseur von Strictly Ballroom, sondern der mit „Das Medium ist die Botschaft“ und der mechanischen Braut und so, heißer Scheiß, krasse Sachen. Der crazy Alte aus dem Movie von Woody Allen, dem Regisseur von Scarlett Johansson.

Der Typ, der schon im Internet war, als Internet noch Fernsehen hieß.

Was soll man über den noch schreiben, es ist doch alles schon geschrieben? Bleibt nur zu sagen: Happy B-day, McLulli, alte Socke!

Kindlen Sie sich einen!

Soeben stelle ich fest, dass mein Buch Gebrauchsanweisung für Japan klammheimlich auch für den Kindle erschienen ist, das beste und nützlichste Gerät der Welt, neben dem Hello-Kitty-Luftbefeuchter.

Und ich möchte jetzt nicht wieder dieses kunstfeindliche und kleinkrämerische Gejammer hören, dass es unfair sei, dass digitale Bücher genauso teuer sind wie gedruckte (okay, in meinem Falle sogar etwas teurer), obwohl man viel weniger in der Hand hat. Ja, wo leben wir denn eigentlich?! Wird Literatur und Lesevergnügen jetzt nach Pfund bemessen?!

Falls ich Sie mit wüsten Beschimpfungen nicht überzeugen kann, kaufen Sie bitte die gedruckte Ausgabe, das stört mich nicht.

Sollten Sie den Kindle zu grau finden, können Sie ihn übrigens mit wenigen Handgriffen individuell verschönern, so wie dieser wunderliche alte Kauz sympathische junge Herr:

Ach, so Sie es nicht bemerkt haben (oder es bemerkt haben und sich nun doch sehr wundern): Ich habe jüngst ohne großes Trara die Partnershops auf dieser und verwandten Seiten geschlossen, weil die Almosensammelei gegen meine Menschenwürde ging. Es ist ja nicht wie bei armen Leuten. Geben Sie aber bitte weiterhin viel Geld aus, irgendwer wird es schon zu schätzen wissen.

Nena, Blümchen, Miyavi, meine Güte wie die Zeit vergeht (oder eben nicht)

Es ist schon eine Weile her, dass ich zum letzten Mal bei einem Konzert war, bei dem vorne Teenager kreischen und Ärmchen in die Luft recken, während hinten der erziehungsberechtigte Fahrdienst wartet und milde lächelt. Über eine Woche ist das schon her. Da war nämlich das Konzert von Miyavi, einem jungen japanischen Gitarrengott, wenn auch kein Songwritergott, der in Japan in erster Linie dafür bekannt ist, dass er im Ausland bekannt ist.

So fürchterlich bekannt scheint er im Ausland auch nicht zu sein, der mittelkleine Münchner Austragungsort war mit etwas gutem Willen gerade mal zu einem Drittel gefüllt. Rein akustisch war davon aber nichts zu merken, der harte Kern machte einen Krach wie ausverkauft und überbucht. Miyavi selbst war auch nicht leise, aber es war doch das Gekreisch der Anerkennung und Wertschätzung, das noch außerhalb der Halle in einigen hundert Metern Entfernung gut zu hören war, und mich nach langem Herumirren aufgrund altersbedingter Orientierungslosigkeit doch noch mit leichter Verspätung zum Konzert finden ließ, das offenbar mit löblicher japanischer Pünktlichkeit begonnen hatte.

Dass man mich hier als zahlenden Konzertbesucher aus freien Stücken und ohne minderjährige Begleitung nicht für voll nahm, machte man mir bereits beim Einlass unmissverständlich klar. Niemand wollte meine Karte sehen. Aber ich bestand erstens auf Kontrolle der Eintrittskarte, zweitens auf Durchsuchung meiner Herrenhandtasche. Auch alte Menschen haben ein Recht auf Schikane! Nur weil wir nicht mehr so glänzendes Haupthaar haben wie Miyavi gehören wir längst nicht aufs gesellschaftliche Abstellgleis!

Billige Spötter könnten anmerken, dass das Konzert nicht nur wegen der hysterischen Stimmung voller als tatsächlich wirkte, sondern dass die Größe von Miyavis Ego ebenfalls nicht wenig Raum einnahm. Dazu sage ich in spöttischem Tonfall: „Was?! Ein Rockstar mit einem gesunden Selbstbewusstsein?! Was fällt dem ein! Der bringt noch die ganze Rockmusik in Verruf!“

Miyavi beherrscht die einstudierte Mischung aus großen Gesten und Tuchfühlung, die ich von einem Rockstar erwarte. Rockmusik ist in erster Linie Unterhaltungs- und Dienstleistungsgewerbe, die Revolution ist spätestens seit Elvis‘ erster Goldenen Schallplatte vorbei (1956, für 1.000.000 mal ‚Don’t Be Cruel‘, heute braucht’s weniger), allerspätestens seit ‚Muss i denn zum Städele hinaus‘ (1960). Nichts ist furchtbarer als sauertöpfische Authentizitätsrocker, die meinen, sie müssen so vor ihr Publikum treten, wie sie sich gerade fühlen, in der Annahme, sie spielten die Musik für sich und nicht für die zahlenden Gäste. Nein, sie müssen sich gefälligst zusammenreißen und ihre Arbeit machen, und zwar mitreißend und gut, sonst gehe ich das nächste Mal zu jemand anders. Ein Anlageberater sagt sich ja hoffentlich auch nicht: „So, heute ist mir eine Laus über die Leber gelaufen, da gebe ich aus Authentizitätsgründen mal eine schlechte Anlageberatung. Rock’n’Roll!“

Miyavi liebt sein Publikum aufrichtig. In dem Sinne, dass er es aufrichtig liebt, Publikum zu haben. So muss das sein, da erwidere ich die Liebe gerne. Natürlich nicht in erster Reihe, sondern hinten mit den Eltern. Also, nicht mit meinen Eltern. Aber ich denke sogleich an sie, denn sie standen auf ganz ähnlichen Plätzen vor vielen Jahren, während ich vorne zu Nena oder Extrabreit voll abmoshte. Drolliges Detail am Rande des Geschehens: Heute werden der ehrenwerte Extrabreit-Sänger Kai Havaii und ich in literarischen Belangen von derselben Agentur vertreten. Das hätte ich mir damals, als kleines Mädchen aus der Vorstadt mit einem Nasenring aus Phosphor, auch nicht träumen lassen.

Ich erinnere mich gerne an die Konzerte von vor 20 Jahren und an das von letzter Woche (an letzteres etwas besser, noch). Andere haben auch schöne Erinnerungen. Mein liebster Youtube-Kommentar zum Miyavi-Konzert:

…. außerdem hab ich seine spucke in den mund bekommen^^….

Da zeigt sich, dass junge Menschen gar nicht so verzogen sind, wie vielfach angenommen wird. Auch mit kleinen Dingen kann man ihnen eine Freude machen.

Zwischen meiner eigenen Ärmchen-reck-Phase und dem Miyavi-Konzert war wohl das einzige ähnliche Ereignis, dem ich beiwohnte, ein Blümchen-Konzert in den Neunziger Jahren, das ich mit journalistischem Auftrag besuchte. Ich kam als blasierter Gästelistenschnorrer, ich ging als stolzer und glücklicher Besitzer einer selbst bezahlten ‚Blümchen‘-Wollmütze. Auftritt und Privataudienz hatten mich restlos von Fräulein Blümchens Qualitäten als Mensch und Entertainer überzeugt. Ich hoffe dennoch, dass Blümchen, die heute unter dem Pseudonym Jasmin Wagner schauspielert, mit einem Comeback noch mindestens bis 40 wartet, um es für alle interessanter zu machen. Ich würde jedenfalls kommen, mit meiner Mütze. Ich habe sie noch irgendwo, finde sie aber gerade nicht, weil ich kürzlich aufgeräumt habe. Dies hingegen habe ich natürlich immer griffbereit:

(Warum dort „Für Blohm & Voss“ steht, ist eine lange Geschichte, deren Erzählung auf unbestimmte Zeit verschoben werden muss.)

Eines verbindet Blümchen und Miyavi über die unübersehbare äußerliche Ähnlichkeit hinaus: Es macht Spaß ihnen dabei zuzusehen und zuzuhören, wie sie auf der Bühne das tun, was sie am besten können. Bei Miyavi ist das Gitarrespielen, bei Blümchen habe ich vergessen, aber da war etwas. Miyavi ist ein so exzellenter Gitarrist, dass es nicht weiter stört, dass seine Songs kompositorisch und lyrisch Quatsch sind. Entscheidend ist, wie es hinten rauskommt. Der Ton macht die Musik. Ich würde jederzeit wieder zu einem seiner Konzerte gehen. Ob ich mir je wieder eines seiner Alben besorgen würde, würde ich mir zweimal überlegen, und es dann wahrscheinlich doch tun, wie ich mich kenne.

Eine Mütze habe ich mir diesmal nicht gekauft, aber ein T-Shirt. Freilich trage ich es nur beim Sport, also fast nie. Mein gespanntes Verhältnis zu beschrifteter Bekleidung thematisierte ich bereits in meinem Aufsatz Judas rennt über meine spät erblühte Liebe zum Dauerlauf. Weil zitieren einfacher ist als neu formulieren:

Für obenrum habe ich beschlossen, meine alten Bandshirts aufzutragen. Obwohl das eigentlich hochgradig inkonsequent ist. Ich habe mir im Alltag nicht viele modische Regeln auferlegt, ganz bestimmt nicht. Vielleicht im mittleren zweistelligen Bereich, würde ich sagen, konservativ geschätzt, um mal eine Hausnummer zu nennen. Und bei den meisten lasse ich auch mal Fünfe gerade sein, wenn gerade keiner guckt. Aber bei allem Laissez-faire, zwei Bekleidungsregeln erlauben keinen Interpretationsspielraum und müssen unbedingt in jeder Situation befolgt werden, auch beim Sport und auf dem Sterbebett:

  • 1. Männer über 12 tragen keine kurzen Hosen.
  • 2. Männer über 22 gehen nicht beschriftet aus dem Haus.

Für den Sterbebettfall muss man zwar nicht zwangsläufig aus dem Haus gehen, aber Sie wissen schon, wie es gemeint ist. Wie ein Cowboy bevorzugt in seinen Stiefeln stirbt, möchte ich gerne in langer Hose entschlummern, sobald es an der Zeit ist. Und nach Möglichkeit nicht in einem T-Shirt, auf dem steht: New Model Army 51st State Tour 1987.

(Zitat Ende. Zitiert nach mir selbst, da kann mir keiner was.)

***

Erstaunlich, wie schnell man Kreisch-Konzert-Verhältnisse trotz langer Abstinenz wieder als Normalzustand wahrnimmt. Anfangs dachte ich noch mit leicht distanzierter Elternmeinung: Wenn dieser Miyavi zwischen den Songs auf die Gitarre boxt, kreischen dann alle, weil sie daran wirklich erkennen, welches das nächste Lied ist, oder kreischen die bloß, weil er auf die Gitarre geboxt hat? Aber bald war mir wieder eingefallen, dass das egal ist.

Ein paar Tage später besuchte ich das Münchner Konzert von Anna Calvi, bei dem Anna Calvi erwartungsgemäß die Jüngste war. Es ist nicht bedeutungslos, dass mir das Calvi-Album als große, schwarze Kunststoffschallplatte vorliegt, das von Miyavi als ungreifbarer Download. Das Konzert war gut, die Stimmung auch, dann geschah das Unfassbare: Frau Calvi trank einen Schluck Wasser (direkt aus der Flasche, so sind die jungen wilden Dinger), und irgendwas fehlte. Da fiel es mir ein: Wieso kreischt denn keiner?! Sie hat doch einen Schluck Wasser getrunken! Und da wiederum fiel mir ein: Ach ja, ich bin hier ja der einzige Teenie.

Meiner strikten Ablehnung der Hobbyfilmerei bei Konzerten habe ich gut versteckt in einem überlangen früheren Beitrag Luft gemacht. Weil wir Menschen vom Planeten Erde aber so wunderbar widersprüchliche Naturen sind, habe ich kein Problem damit, hier die Hobbyfilmerei eines anderen zu klauen:

P.S.: Ich wollte es eigentlich geschmeidig in den Text einfließen lassen, aber man wird vergesslich mit dem Alter: Ich danke sehr herzlich der Leserin, die mich auf die Miyavi-Tour überhaupt erst aufmerksam gemacht hat. Sie weiß, wer sie ist, wenn sie noch nicht so vergesslich ist, wie ich es bin. Und ich wünsche weiterhin alles erdenkliche Gute.