Nun ist der GröFaZ da, der Größte Film aller Zeiten seit dem letzten Größten Film aller Zeiten (April 2012) und vor dem nächsten Größten Film aller Zeiten (November 2012), und ganz Geekham bewegt nur eine einzige bange Frage: Kann er den hohen Erwartungen gerecht werden? Oder ist The Dark Knight Rises schlussendlich sogar noch besser als Batman & Robin? (Streng genommen zwei Fragen, aber eine Stoßrichtung.)
Mit der abschließenden Beurteilung von The Dark Knight Rises und anderen Filmen, um die vor und bei Veröffentlichung ein derartiger Götzenkult und Eiertanz betrieben wird, sollte man ein paar Monate warten, bis sich die Aufregung gelegt hat. Zu leicht ist es, einem von zwei Rezeptionsmustern zu verfallen. Entweder man lässt sich von den Götzenanbetern und Eiertänzern mitreißen, tätowiert sich ein Batlogo ins Gesicht und haut jedem eine rein, der das ein bisschen übertrieben findet. Oder man nimmt eine beleidigte, bockige Anti-Haltung ein, weil man viel klüger ist als all die Götzenanbeter und Eiertänzer da draußen. Ich tendiere meistens zum letzteren, gerecht ist derweil keins von beiden. Als ich 2008 The Dark Knight sah, war ich der festen Überzeugung, dass der Film megahammerschlecht war und wurde nicht müde, es meiner von mir angeekelten Umwelt mitzuteilen. Inzwischen habe ich dem Film eine zweite Chance gegeben und stelle fest: Er ist gar nicht so schlecht. Heath Ledger ist ganz gut, wie er Robert Downey Jr. spielt, der den Joker spielt. Die Two-Face-Geschichte bricht mir das Herz. Einige der Action-Szenen haben ordentlich Bums. Gary Oldman ist total süß. Die Langweiligkeiten des Films manifestieren sich schon früh (das überflüssige Heckmeck in Hongkong, das öde Kleinklein über verschobene Mafiagelder, kein starker roter Faden in der Geschichte), da kann man sich prima draufstürzen, wenn man nur das Blöde sehen will. Unterm Strich aber dimmen die Schwächen die Strahlkraft des Films nur unwesentlich, und so ist The Dark Knight, wie ich jetzt einsehe, doch eine solide Fortsetzung eines in jeder Hinsicht großartigen Vorgängers. Mein Ersteindruck von The Dark Knight RISES (müssen die Titel sich eigentlich so sehr ähneln?) nach der heutigen 12-Uhr-Kindervorstellung: Eine herrliche Herrenschnulze mit ein paar Anlaufschwierigkeiten und einem runden Ende.
Doch will ich mich noch nicht festlegen. Meinungen ändern sich, bei Menschen wie bei Massen. Wie schnell sich Schwarmwahrnehmung ändert, sieht man bei der Sympathieverschiebung zwischen Die ruhmreichen Rächer und The Dark Knight Rises. Als Die ruhmreichen Rächer vor ein paar Monaten in die Kinos kam, hieß es aller Orten, Batman könne jetzt packen gehen, denn wir haben das Licht gesehen, halleluja. Niemand wolle mehr das muffelige, depressive, prätentiöse Dark-Knight-Milchmädchenpsychologie-Posing, wenn man auch Comic-Filme haben kann, die tatsächlich Spaß machen. Die einzige weitgehend akzeptierte Kritik am Rächer-Film war, dass er so unbeschreiblich und unübertrumpfbar genial wäre, dass nie wieder ein Film, oder überhaupt irgendwas, so schön sein könnte. Superhelden-Filme hätten ausgesorgt, weil mehr superer ginge nicht. Doch davon will jetzt keiner mehr etwas wissen, denn nun heißt es über The Dark Knight Rises: Endlich ein richtig ernsthafter und erwachsener Film, gegen den alle anderen Comic-Verfilmungen aussehen wie Comic-Verfilmungen, und wer will schon Comic-Verfilmungen, die wie Comic-Verfilmungen aussehen?!
In Wirklichkeit hat beides seine Berechtigung, und die Menschen wollen mal dieses, bald jenes. Die ruhmreichen Rächer war sicherlich nicht das letzte Wort in Sachen Superheldenqualitätsunterhaltung, nicht mal das vorerst letzte. Batman Begins, X-Men: Erste Entscheidung und ein oder zwei Iron Man-Filme stehen auf meiner persönlichen Superheldenfilmhitliste nach wie vor drüber. Ich hatte mich nichtsdestotrotz blendend amüsiert und freue mich auf weiteres aus dem Hause Marvel, gerade weil ich noch viel Luft nach oben sehe (kann man Luft sehen?). Vielleicht könnte man in den nächsten Rächer-Film eine Handlung einbauen, und die Action-Szenen ein bisschen über den ganzen Film verteilen anstatt alle in den letzten Akt zu quetschen. Aber auch wenn nicht – guck ich mir trotzdem an. Dass ich mich für bunte Comic-Action entscheide, heißt nicht, dass ich mich gegen dunklen Psycho-Thrill entscheide. Das ist schließlich nicht wie bei Äpfeln und Birnen. Birnen sind einfach köstlich, und Äpfel total langweilig. Die Superhelden-Ansätze von Joss Dings und Christopher Bums hingegen sind schlicht nicht miteinander zu vergleichen, deshalb sind die Deine-Mudder-Grabenkämpfe ihrer Sektierer sinnlos und zermürbend, auch und gerade für Unbeteiligte.
Kommen wir zu erfreulicheren Themen: Joel Schumacher. Mir persönlich gefiel der offen schwule Pop-Batman der Sechziger und Neunziger tendenziell stets besser als das dauerzerknirschte Psychowrack, das seine wahre Natur hinter einer Maske verbirgt. Wir erinnern uns: Schumachers Batman & Robin von 1997 war der Film, in dem Dark-Kight-Rises-Schurke Bane seinen ersten Filmauftritt hatte. Der Film war weniger wohlgelitten als, sagen wir mal, The Dark Knight. Aus nicht auszuhaltender Bat-Vorfreude habe ich mir in den letzten Wochen alle Bat-Kinofilme noch einmal angeschaut und festgestellt, dass Batman & Robin von allen am vorteilhaftesten gealtert ist. Batman hält die Welt in Atem und Batman Begins sind natürlich gar nicht gealtert, es sind zeitlose Klassiker. Die beiden Burton-Filme gefallen mir heute ein wenig besser als früher, im Großen und Ganzen finde ich allerdings meine Jugendmeinung bestätigt: Hübsch, aber doof. Burton konnte schon immer besser mit Bauten als mit Menschen. Ulkig finde ich heute, dass die Burton-Filme ihrerzeit als ‚düstere‘ Batman-Interpretationen galten, auch mir. Das mag auf die Optik zutreffen, die Karnevalscharaktere jedoch und ihre Büttenredendialoge sind allenfalls Millimeter vom Geist der TV-Serie aus den Sechzigern entfernt.
Am unvorteilhaftesten ist ausgerechnet mein damaliger Lieblingsfilm der Burton/Schumacher-Ära gealtert, Batman Forever. Selbstverständlich ist vieles immer noch großartig daran: Die hysterischen Schurken, die Neonfarben, die Bat-Nippel, die Zärtlichkeit (Batman nimmt Robin vor dem Endkampf bei der Hand und haucht, er sei „more than a friend“), und natürlich der beste Bat-Dialog der Bat-Geschichte:
Robin: „Holey rusted metal, Batman!”
Batman: „What? ”
Robin: „The ground, it’s all metal. It’s full of holes. You know, holey.”
Es ist offensichtlich, wohin Schumacher wollte, doch war er noch nicht ganz da. Das Gotham von Batman Forever sieht aus wie eine unentschlossene Mischung aus Manga-Tokio und Dick-Tracy-Set. Sieht man den Film unmittelbar nach dem wunderbar ausgestalteten Batmans Rückkehr, ist das ein faustdicker Schock. Die Handlung und Inszenierung ergötzt sich bereits am Camp, aber man traut sich noch nicht, das Spaßpedal voll durchzutreten und die Hinweise auf Batmans ach so schweheheheres Trauma einfach mal ganz zu unterlassen. Batman Forever muss rückblickend als strategischer Film betrachtet werden. Er sollte uns behutsam auf Batman & Robin vorbereiten.
Leider konnte uns darauf aber nichts vorbereiten. Ich war damals genauso angewidert wie jeder andere. Vor der kolossalen Katastrophe, die Batman & Robin war, waren wir alle gleich.
Heute allerdings kann man sich mal entspannt zurücklehnen und den Film als das sehen, was er ist: Ein Kind, wie es nur die eigenen Eltern lieben können. Und wer da nicht ein bisschen Mitgefühl hat, hat einfach kein Herz. Gotham ist nun noch etwas eklektischer, sieht aus wie eine Kreuzung aus Manga-Tokio, Dick Tracy, türkischer Sauna, Rollschuhdisco und Christmas Town. Sieht also gut aus. Nichts sagt ‚Zeitdokument‘ deutlicher als ein Stargast-Auftritt von Coolio. Die tatsächliche Anti-Öko-Botschaft von Batman & Robin ist genauso putzig und harmlos wie die eingebildete Anti-Occupy-Botschaft von The Dark Knight Rises. Dass ausnahmslos jeder Satz, der Mr. Freeze in den Mund gelegt wurde, ein Tschingbumm-Kalauer unterster Kajüte ist, ist irgendwo auch eine Leistung, wenngleich eine fragwürdige. Freeze-Darsteller Fips Asmussen äh Arnold Schwarzenegger sagte während der Promo-Phase des Films, die Dialoge hätten Shakespeare-Niveau. Das wirft ein ganz neues Licht auf Shakespeare. Oder das übliche Licht auf Arnie. George Clooney (Die Rückkehr der Killertomaten) ist der beste Batman zwischen Adam West und Christian Bale. Allerdings wusste die Burton/Schumacher-Ära mit der Figur generell nichts anzufangen, deshalb ist das leider egal. Batman spielt in keinem dieser Batman-Filme eine entscheidende Rolle.
Alicia Silverstone … ach, Alicia Silverstone. Clueless – was sonst?! ist nicht zuletzt wegen ihr einer der größten Kino-Meilensteine der Neunziger, also lässt sich überhaupt nichts gegen sie sagen. Dass sie zwischen Bat-Casting und Bat-Dreharbeiten offenbar ein paar Pfund draufgelegt hat, hatten sich die Produzenten des Films bestimmt anders vorgestellt. Doch gerade weil dieses etwas fraulichere Batgirl so herrlich un-hollywood ist, begrüße ich Fräulein Silverstone in der Bat-Family mit offenen Schwingen. Anstatt eines Catwoman-Spin-offs mit Halle Berry unter der Regie von Pitof hätte ich mir ein Batgirl-Spin-off mit Ricki Lake unter der Regie von John Waters gewünscht.
Bane war damals zwar noch nicht durch Nolan-Berührung heiliggesprochen, doch umwehte ihn unter Comic-Lesern schon eine gewisse Aura der Ehrfurcht, hatte er dem Mausemann doch im Comic-Event-Ereignis Knightfall buchstäblich das Rückgrat gebrochen (Originalzitat: „Alfred, ich hab Rücken!“). In Batman & Robin ist Bane eine chemisch aufgeblubberte Flitzpiepe im Show-Wrestling-Dress mit einem IQ unter Hulk-Niveau.
In The Dark Knight Rises ist Bane ein beredter Kraftprotz, der aussieht wie Darth Vader im Swingerclub. Ganz klar ein Punkt für The Dark Knight Rises.
Robin ist in Batman & Robin ein Latex-Knabe aus dem Zirkus, der Batman immer wieder mit seinen angeblichen Weibergeschichten eifersüchtig zu machen versucht, worauf die stutenbissige alte Zicke auch jedes Mal reinfällt. In The Dark Knight Rises ist Robin ein junger Polizist, der bei Batman endlich die Wärme findet, die er im Christlichen Verein junger Männer stets verglich gesucht hatte.
Keine Angst, Spoiler machen nichts, das ist wissenschaftlich erwiesen. Hier ist die Entscheidung schon schwieriger. Doch ich habe einfach eine Schwäche für Männer in Uniform, deshalb geht auch hier der Punkt an The Dark Knight Rises.
Und damit ist es offiziell: The Dark Knight Rises ist besser als Batman & Robin. Puh, das war knapp.
Dass es weitere Batman-Filme geben wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. In den Achtzigern war einmal Bill Murray für die Rolle vorgesehen, sie ging dann allerdings an an Michael Keaton. (Bonus-Fun-Fakt, falls Sie mal Mädchen oder Jungs mit meinem Allgemeinwissen beeindrucken und rumkriegen wollen: Murray sprach auch für die Rolle des Han Solo in Krieg der Sterne vor.) Nun sieht es so aus, als spiele er tatsächlich im nächsten Film mit, allerdings nicht als Batman, wie unser Exklusivschnappschuss von den Kostümproben zu Wes Andersons Batman Begins Again beweist:
Letzte Woche war Betriebsausflug zu Men in Black 3, da bin ich mitgegangen, weil ich schon die Kohlfahrt geschwänzt hatte. Mit dem Film waren für mich keinerlei Ängste oder Wünsche verbunden. Von den Vorgängern hatte ich lediglich in grauer Vorzeit die erste Hälfte des ersten gesehen, bis ich mir sagte: „So ein Unsinn – Außerirdische!“
Ich konnte damit nichts anfangen, damals. Umso mehr wunderte es mich in der Folgezeit, dass ich bei meiner Gemeindearbeit immer wieder (auch nicht mehr ganz so) jungen Menschen begegnete, die Men in Black mit Klauen und Zähnen verteidigten, als ginge es um Ghostbusters. Dabei ging es doch gar nicht um so etwas Erhabenes, sondern bloß um eine Hollywood-Komödie, in der coole Typen mit eigentümlichen Geräten und flotten Sprüchen Monster in New York jagen. Da merkte ich huch: Diesen jüngeren, aber auch nicht ganz so jungen Menschen war Men in Black ihr Ghostbusters. Wäre ich nur etwas später geboren, hätte es mich auch treffen können.
Von dieser Erkenntnis milde gestimmt und geistig verjüngt, besorgte ich mir vor Teil 3 die anderen beiden und „zog mir die Streifen rein“. Diesmal konnte ich „voll abschmunzeln“. Zumindest hier und da. Mir ist es übrigens schleierhaft, warum alle Welt immer den zweiten Teil disst. Wenn überhaupt ist er ein bisschen besser als der erste. Andererseits fand ich das auch bei Iron Man 2 und kein Stück bei Batman Begins 2, also sollte man mir in dieser Angelegenheit nicht trauen.
Der dritte Film reiht sich da schmunzelig gut ein, möglicherweise ist sogar eine weitere leichte Steigerung zu erkennen. Wenn nun MiB-Vollblutnostalgiker maulen, der neue Film sei gar nicht so lustig wie früher, dann liegt das möglicherweise daran, dass man sich als 30er oder Schlimmerer nicht mehr über die Sachen vor Lachen wegschmeißt, bei denen einen als Twen oder gar Teen das Brüllen ankam. Das ist nicht die Schuld des Films, das ist nicht die Schuld des Zuschauers, das ist einfach so. Wenn das nicht so wäre, hätte ich längst die Petition für die Herausgabe der Police Academy Legacy Edition unterschrieben.
Auf meinem langen Weg zum Verständnis von Men in Black fragte ich viele Jünger, was in aller Welt sie denn an dem Quatsch so toll fänden. Ganz oft kam als Antwort: „Der Hund ist so süüüß!“ (gut, ich habe größtenteils JüngerInnen befragt)
Da ist was dran! Frank, der sprechende und singende Mops aus dem Weltall, ist eine der sympathischsten Figuren der Saga. Sein Fehlen in Teil 3 wird häufig kritisiert, und das zu recht. Der Film ist komischer und klüger, als die orthodoxen Hardliner wahrhaben möchten. Aber ohne sprechenden Hund fehlt ihm was.
Eine andere Filmserie, für die ich eigentlich zu alt bin, ist Underworld. Sie wurde mir wider Verstand und Willen zur Obsession, als ich jüngst für ein Vampirbuchprojekt recherchierte. Aus dem Projekt wurde nichts, aber Kate Beckinsale als blutsaugende Lederwurst ist mir geblieben, schönen Dank auch. Als ich, ein paar Abende nach Men in Black 3, den aktuellsten Underworld-Teil im Heimkino sah, wurde mir bewusst, dass auch diese Reihe einen schwer verzichtbaren Mops hat: den Ober-Vampir Viktoria äh Viktor, gespielt vom gottgleichen Bill Nighy. Beckinsale ist immer noch ein Schnuckel in ihrer Pelle, aber Underworld ist einfach nicht dasselbe ohne Nighy, der im Kleidchen durchs Gemäuer hüpft und flötet: „Tatü-tata – ich bin die fesche Königin äh der mächtige König aller Vampire!“ (aus dem Wunschgedächtnis zitiert)
Ich sehe ein, dass Viktor inzwischen sowas von ununtot gemacht wurde, dass man ihn für Teil 4 nicht plausibel zurückbringen konnte (und Plausibilität wird in den Underworld-Filmen ganz, ganz groß geschrieben). Aber warum fehlt Frank in Men in Black 3? Selbst wenn der Ur-Mops-Darsteller inzwischen im Hundehimmel ist, hätte man die Rolle neu besetzen können. Mops ist Mops, das ist nicht so ein emotionales Thema wie die James-Bond-Nachfolge. Abseits vom Thema: Ich habe mir neulich mal Gedanken gemacht, welche Filmserienhauptfiguren tatsächlich so untrennbar mit ihren Darstellern verbunden sind, dass man sie unter gar keinen Umständen neu besetzen könnte. Gedankenergebnis: Nur ‚Dirty‘ Harry Calahan und John McClane (aus den Stirb langsam-Filmen). Außer Clint Eastwood und Bruce Willis ist eigentlich jeder ersetzbar. Man könnte auch mutmaßen, dass diese Figuren im Wesen so dünn sind, dass sie erst durch ihre Darsteller so etwas wie Persönlichkeit bekommen, nämlich die ihrer Darsteller. Aber das wäre Miesepeterei.
Kommen wir zurück auf den Hund. Anstatt Trübsal zu blasen, erinnern wir uns an die guten Zeiten mit Frank, dem singenden Mops:
Und erinnern wir uns an Viktor, die alte Queen der Verdammten. Hier nicht der köstlichste Auftritt, aber wenn man zu faul ist sich selbst die Hände schmutzig zu machen, muss man nehmen, was andere gestohlen haben:
Ich weiß gar nicht, wer von beiden knuddeliger ist. Ihre Abwesenheit ist auf jeden Fall ein herber Verlust für die jeweilige Serie.
Wo wir schon bei Filmen sind: Es gibt relativ frische Besprechungen meinerseits:
Elephant WhitePakt der WölfeShaolin
Wo wir schon bei Besprechungen sind: Diese Bücher auch noch:
Ernest Cline: Ready Player OneMarie Hermanson: Himmelstal
Wo wir schon mit interaktiven Hypertextlinks um uns schmeißen: Bitte vergessen Sie nicht, rechtzeitig die Zwangszustellung der Bild-„Zeitung“ am 23. 6. abzubestellen.
Endlich kann ich mal von einem welterschütternden Großereignis sagen: Ich war dabei! Nicht als stummer Zeuge vor dem Fernsehapparat, sondern als direkt Beteiligter, zutiefst Betroffener.
Sie haben es ja bestimmt in all den Nachrichtensondersendungen gesehen, die am Dienstag rund um die Uhr das Programm unterbrachen: Das Computerspiel Diablo 3 war endlich erschienen, ging aber nicht! 5/15, der Tag, nach dem nichts mehr so war, wie es einmal war. Die Welt hatte ihre Unschuld verloren. Wenn man den Computerspieleherstellern nicht mehr vertrauen konnte, dann konnte man niemandem mehr vertrauen. Hier war eine neue Qualität des Qualitätsmangels erreicht. Gerade junge Menschen, die bei der Veröffentlichung der ersten beiden Diablo-Spiele noch gar nicht geboren waren, und für die dieser Tag der schönste und wichtigste in ihrem Leben werden sollte, suchten Trost und Halt in der trügerischen Geborgenheit sogenannter Internet-Foren. Dort hinterließen sie der Nachwelt bewegende Dokumente der Trauer: „Rabä-hähähähä – das sag ich Mama!“
Für alle, die Computerspiele noch nicht als die Zehnte Kunst in ihr Herz gelassen haben: Das erste Diablo machte in den Neunzigern mit einem Schlag Fantasy-Rollenspiele cool, indem es alles wegließ, was an Fantasy-Rollenspielen immer langweilig gewesen war. Es reduzierte sie damit auf das liebenswerte Vorurteil, das Außenstehende ohnehin davon hatten: es ging nur um Monster abschlachten und Schätze sammeln. Kein ödes Rumsitzen in „Tavernen“ zwischen „Elben“ und „Gnomen“, um irgendwelchen „Barden“ zu „lauschen“ und „Met“ zu trinken, was immer das sein mag. Kein endloses Blumenpflücken, um Burgfrolleins und Kräuterhexen zu gefallen. Kein Mikromanagement banger Fragen, ob man mit dem neuen halben Talentpunkt lieber seinen Wert in „Kleine Dinge verstecken“ oder „Brennnesselresistenz“ erhöht. Einfach nur alles totklicken, was sich bewegt. Die Handhabung war so intuitiv, dass selbst ich sie als Computerspiele-Angsthase in unter zwei Sekunden komplett verinnerlicht hatte. Wer eine Computermaus bedienen konnte, konnte Diablo spielen, auf Anhieb. Die relative Komplexität kam später, man merkte es kaum, man konnte und wollte dann auch nicht mehr zurück. Diablo hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass ich vom Casual Gamer zum Casual Hardcore Gamer wurde. Im Jahr 2000 kam mit Diablo 2 dasselbe Spiel noch mal raus, nur bunter und ohne Speicherfunktion. Mit anderen Worten eine typische Fortsetzung: Nicht so gut wie das Original, aber besser als gar nichts.
Was war nun geschehen, am Verhängnisvollen Dienstag (VD)? Um Diablo 3 zu spielen, ganz egal ob alleine oder mit anderen, muss man permanent beim Online-Service Battle.net angemeldet sein, aus Gründen der Diebstahlsicherung. Bei Computerspielen bin ich konservativ. Das ist etwas, wobei man gefälligst einsam am Computer verrohen sollte, Freundschaften und helles Kinderlachen gibt es anderswo. Will sagen: Ich gehöre zu der schweigenden Mehrheit, die nicht an Multiplayer-Schnickschnack interessiert ist, deshalb habe ich den Internet-Zwang von vornherein als sinnlos und verdächtig erachtet (gucken die mir in den Computer? sehen die meine Urlaubsbilder?). Als Urheber bin ich prinzipiell ein riesen Fan von DRM und Kopierschutz, aber man kann das auch anders umsetzen. Dass man es so, wie es in diesem Falle umgesetzt wurde, gerade nicht nicht umsetzen kann, wurde am Dienstag eindrucksvoll bewiesen, als alles zusammenbrach und man weltweit nur Fehlercodes statt Erfahrungspunkte sammeln konnte. Wenn das noch mal passiert, sage ich es Mama.
Ich gehöre wohlgemerkt nicht zu den weinerlichen Hysterikern, für die mit den Servern eine Welt zusammenbrach, aber ich respektiere ihren Schmerz die Wehwehchen der kleinen, verzogenen Rotzlöffel. Ganz anders wird mir allerdings, wenn ich höre, dass nicht wenige Menschen für Diablo 3 „extra Urlaub genommen“ hätten. Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln und ausrufen: Memmen! Was ist bloß aus dem guten, alten Krankfeiern geworden?! Ich habe freilich weder noch gemacht, ich habe nur abends Japanisch geschwänzt. Aber selbst das hatte in erster Linie damit zu tun, dass es so doll geregnet hat, und ich hatte keinen Schirm, und ich war gerade erst von einer starken Erkältung genesen, und mein imaginärer Hund hatte meine nicht gemachten Hausaufgaben gefressen. Es handelt sich also um reinen Zufall, dass auch ich schon an Tag 1 versucht habe, ein paar wandelnden Skeletten die Knochen zu brechen. Dass es nicht ging, trug ich mit Humor und Gelassenheit. Es hatte etwas Meditatives, hoch konzentriert auf den Anmeldebildschirm zu schauen und auf eine Anmeldung zu warten, die Godot-ähnlich nie kam.
Die Hintergrundmusik war angenehm einlullend, und wenn sie einem nach ein paar Sekunden doch auf den Sack ging, stellte man sie halt aus. Dann hörte man, dass die Krähe, die da auf einem Felsen sitzt, hin und wieder kräht. Man wurde bald eins mit der virtuellen Natur. Und als man schließlich auf der obersten Astralebene inneren Friedens eingeschwebt war, sagte man sich mit einem sanften, weisen Dalai-Lama-Lächeln: „Scheiß die Wand an, dann spiel ich eben Duke Nukem weiter!“
Ähnlich wie bei Duke Nukem Forever wird von Diablo 3 behauptet, man habe 12 Jahre auf das Spiel gewartet. Ähnlich wie bei Duke Nukem Forever behaupte ich, man hat nicht 12 Jahre auf Diablo 3 gewartet, sondern in der Zeit auch noch andere Sachen gemacht, zum Beispiel Diablo 2 gespielt. Oder hat man bereits am Erstverkaufstag des letzten Spiels die Fingernägel zwischen die Zähne gesteckt und auf Teil 3 gewartet? Wenn das so ist, muss ich hier mal anmerken, dass ich jetzt schon seit drei Tagen auf Diablo 4 warte und es bald nicht mehr aushalte.
Helfen würde, wenn ich solange Diablo 3 spielen könnte. Gestern Abend ging es vorübergehend, heute Mittag wieder nicht mehr. Das gestrige Schnupperspiel bestätigte, dass es zum Glück wieder dasselbe Spiel geworden ist, nur für uns Senioren noch etwas weiter vereinfacht. Bei der Charakterentwicklung kann man jetzt gar nichts mehr selbst machen, die wird einem vorgegeben, wie im richtigen Leben. Ich spiele selbstverständlich eine Dämonenjägerin, weil das so eine Art Ninja ist und ich 12 Jahre alt bin.
So, ich sollte jetzt mal wieder schauen, ob ein Server offen ist. Ich muss Diablo 3 unbedingt heute noch so lange spielen, bis es mir zum Hals raushängt, weil morgen Max Payne 3 erscheint.
Es ist herrlich, 12 Jahre alt zu sein und das Taschengeld eines 42-jährigen zu haben!
Update aus der Zukunft
Hiermit distanziere ich mich von der voreiligen Max Payne 3-Schwärmerei von 2012. Ein menschenverachtendes Schweinespiel für menschenverachtende Schweinespieler, denen der nächste Kopfschutz nicht mehr ist als das nächste Achievement. Nichts von den ersten beiden Spielen verstanden, und Jürgen von der Lippe ist als Max Payne eine totale Fehlbesetzung.
Wie jeder vernünftige Teen und Twen war ich als Teen und Twen einigermaßen London-verrückt. So hatte ich mich angesichts meines kürzlichen dortigen Aufenthalts auf einen Rückfall in die Kindheit gefreut, wollte jedoch diesmal mit der Stadt nicht recht warm werden. Ich habe mich schließlich immer länger nach Chinatown und Uniqlo zurückgezogen. Was in London seit meinem letzten Besuch (im vergangenen Jahrtausend) baulich hinzugekommen ist, ist scheußlich und sinnlos (und ich bin durchaus ein Freund von Wandel und Moderne). Nach der aktuellen Baustellendichte zu urteilen, werden munter weitere scheußliche Sinnlosigkeiten hinzukommen. Die Musicalisierung von jedem Unsinn nimmt immer bedenklichere Züge an (Ghost – The Musical?! Oh, Shrek!). Paris, so sagt man, sei am schönsten im Regen, und da sagt man was. London ist bei Regen leider am allerunausstehlichsten, was angesichts des lokalen Normalwetters ein äußerst unglücklicher Umstand ist. Wo wir schon beim unfairen völlig gerechtfertigten Städtevergleich sind: Ist die Untergrundbahn von Paris charmant-alt, so ist die von London bloß kaputt-alt. Und dass man in der Öffentlichkeit keine Trainingshosen trägt, sollte ja wohl … ach, ich kämpfe gegen Windmühlen.
Aber es war gar nicht alles schlecht. In Notting Hill hat es mir gut gefallen. Dabei war der Hauptgrund meines Ausflugs dorthin von einem niederschmetternden Misserfolg gekrönt (falls Misserfolge überhaupt „krönen“ können).
Eine junge Dame, um deren Gunst ich einmal warb, sagte mir währenddessen, ich erinnere sie an „Hugh Grant in Notting Hill“. Das bestärkte mich in meinem Werben, auch wenn ich nach Überprüfung des Films feststellte, dass Hugh Grant darin ein ziemlicher Schlappschwanz ist. Ich verkürzte einfach „Du erinnerst mich an Hugh Grant in Notting Hill!“ zu „Du erinnerst mich an Hugh Grant!“ und machte es zu meinem Mantra. Noch heute sage ich das jeden Morgen meinem Spiegelbild.
Da mein Werben letztendlich und anhaltend Erfolg hatte, dachte ich mir, ich könne von meinem London-Aufenthalt ein selbstgeknipstes Foto des realen Reisebuchladens in Notting Hill mitbringen, der das Vorbild des fiktiven Reisebuchladens in Notting Hill war; anstatt Blumen oder eines Stoffbären in einem Union-Jack-Hemd.
Aber, ach!
Tapfer aber beschädigt hängt noch das Schild darüber, doch im Innern nur buchlose Leere, an der Scheibe ein Zu-vermieten-Schild und die Ankündigung eines bevorstehenden Hüpfburg-Events.
Ich war nicht der einzige Tourist, der sich für das Geschäft interessierte (gleichwohl der einzige männliche). Die anderen Mädels hatten es faustdick hinter den Ohren. Nach Sekundenbruchteilenttäuschung fotografierten sie einander einfach vor dem Buchgeschäft gleich nebenan, das weiterhin operiert. Zu Hause werden sie ihren schmachtenden, eifersüchtigen Freundinnen erzählen, dass das der Laden von Hugh Grant war, and it was magic. Aber wir alle wissen, dass das nicht wahr ist.
Und der Inhaber des Ladens neben dem Laden wird sich weiterhin sagen: Wenn sich hier jede Hanni und Nanni vor dem Fenster fotografieren lässt, aber keine jemals reinkommt und was kauft, geht es meinem Laden bald wie dem von Hugh Grant und ich mache endlich meine Umschulung zum Hüpfburg-Eventmanager.
Ich kann nicht länger schweigen, ich bin viel zu lange viel zu höflich in dieser Sache gewesen, drum schreibe ich es heute, mit der letzten Tinte der Woche, auch wenn es mir geldwerte Sympathien verspielen wird:
Ich HASSE Tatsuya Fujiwara!
Ich hasse ihn schauspielerisch, nicht menschlich, das wäre ja albern, menschlich kenne ich ihn gar nicht, bestimmt ein feiner Kerl. Seit Hunger Games äh Battle Royale hat er unbestritten in manchem coolen Film mitgespielt. Die Frage ist nur: Warum? Hätte man nicht einen Schauspieler verpflichten können? Musste es ausgerechnet ein bockiger Brüllaffe mit Igelfrisur sein? Nuancen kennt Fujiwara keine. Jede Verletzung ist ein brüllender, fäustereckender Heulkrampf. Jede Freude ist ein brüllender, bodenrollender, bauchhaltender Lachkrampf.
Menschen, die ihr ganzes Leben nie aus Wanne-Eickel herausgekommen sind, wissen mitunter nicht, dass Menschen anderer Kulturkreise einen anderen gestischen und mimischen Ausdruck pflegen als Horst Tappert, und bezichtigen deshalb häufig asiatische Schauspieler generell des Überagierens. Diesen Grundsatzfehler begehe ich keineswegs. Ich bezichtige nur Tatsuya Fujiwara des Überagierens. Er ist mit knapp 30 schauspielerisch bereits da, wo Al Pacino und Grandpa Simpson erst mit zunehmender Alterschwerhörigkeit hingekommen sind. Wo soll das noch enden? Fujiwara ist in Japan auch als Bühnenschauspieler ein ominös gefragter Mann. Bislang hat ihm noch niemand gesagt, dass man vor der Kamera nicht jeden Ausdruck hubbleteleskopartig vergrößern muss.
Leider erschließt sich mir auch abgesehen vom Talentmangel nicht, warum Mädchen wie Männer für Moppel-Igel schwärmen. Es gibt viele Backfisch- und Jungspund-Idole, bei denen ich die Schwärmerei zwar nicht praktisch teile, aber theoretisch nachvollziehen kann. Hier jedoch – nichts! Fujiwara hat kein Charisma, ist nicht cool, weder männlich noch lustig. Da ist nur diese irritierende Igelfrisur und das Gebrüll.
Ende der Brandrede.
Wie komme ich jetzt überhaupt drauf? Ach ja, gestern sah ich Incite Mill, den neuen Hideo Nakata. Durchaus pfiffige Unterhaltung im guten, alten Sci-Fi-Splatter-Stil, der Agatha Christie so berühmt gemacht hat. Wermutstropfen vielleicht das unbefriedigende Ende. Und natürlich Brülligel.
In letzter Zeit ertappe ich mich häufiger dabei, wie ich mit Vergnügen wieder gedruckte Bücher lese.
Keine Sorge, dies wird nicht der 2.587.325ste Klagegesang über den Verlust von Haptik und Geruch beim Lesen.
Okay, irgendwie doch. Aber nicht ganz so kläglich wie bekannt, hoffe ich. Denn eigentlich bin ich ein vehementer Verfechter des E-Buchs. Ich würde sogar sagen: Ich bin ein Very Early Adopter des E-Readings, man. Obwohl ich sonst auf jede ganz offensichtlich großartige Innovation erst mal typisch deutsch reagiere: Bah, braucht kein Mensch, diesen Mist. Dafür geben die da oben also unsere Steuergelder aus. Der Ehrliche ist der Dumme, sage ich euch.
Dem elektronischen Buch war ich dennoch von Anfang an gewogen. Mal Hand aufs Herz: Ein Buch, das nur gefällt, wenn es riecht und schubbert, ist vermutlich kein allzu gutes Buch. Ein bisschen sollte bei Büchern auch auf inhaltliche, womöglich sogar literarische Qualität geachtet werden. Ich finde es schön, dass das Buch nun aus seinen Deckeln befreit wurde, und wie ein kleines Vögelchen mit manchmal noch unsicherem Flügelschlag (total süß, muss man sich mal vorstellen) von Gerät zu Gerät flattert und piept: „Lies mich! Lies mich! Lies mich auf dem Lesegerät! Lies mich auf dem Telefon! Lies mich auf dem Walkman! Lies mich auf dem Heimcomputer! Lies mich überall! Ja, ich will es! Ich muss mal von vorne bis hinten so richtig durchgelesen werden! Piep-piep!“
Sagte ich: Very Early Adopter des E-Readings, man? Möchte sogar sagen: Pioneer des E-Publishings, dude. In grauer Vorzeit sprach mich mal ein junger österreichischer Selfmade-Powerplayer an, der meinte, dass Handy-Literatur (also Literatur auf dem Handy, nicht Literatur über das Handy) das Nächste Große Ding sei, und er die Technologie für den Vertrieb hätte. Ich glaubte ihm, weil in Japan lief das schon wie verrückt. Da musste ich nur Manga und Sushi und eins und eins zusammenzählen und überließ ihm ein Schubladenmanuskript, das sogleich in vier Teilen als Handy Novel feilgeboten wurde.
Glücklicherweise hatte ich meine Arbeitsstelle nicht im gleichen Moment gekündigt. Der ersten (und letzten) Jahresabrechnung war später zu entnehmen, dass der erste Teil zweimal kostenpflichtig heruntergeladen worden war (einmal von mir), und die anderen gar nicht.
Inzwischen hört man vermehrt von E-Buch-Millionären, also startete ich jüngst einen erneuten Versuch, mit demselben Manuskript, aber unter anderem Namen. Millionär, das wär was. Veröffentlicht wurde überall dort, wo solche E-Buch-Millionäre halt ihre Millionen machen.
Das ganze brachte mir nur (sehr) geringfügig bessere Verkäufe als bei meinem ersten Experiment, aber immerhin schriftlichen Kontakt zu einem anderen selbstverlegenden Autoren, einen aufgeregten Fantasy-Pornografen, der mich in die große Weltverschwörung einweihte: All diese angeblichen erfolgreichen Selfmade-Literaten aus den Spiegel-Online-Artikeln und Buchmesse-Diskussionsrunden kauften ihre Bücher in großen Stückzahlen selbst, um hohe Platzierungen in den Charts der Verkaufsplattformen zu erklimmen, und ließen ihre begeisterten Kundenrezensionen ebendort von Mitverschwörern fälschen beziehungsweise erledigten auch das gleich selbst, und und und das sei voll fiese. Damit hatte der aufgeregte Fantasy-Pornograf natürlich in allen Punkten recht, nur fehlt mir bei diesem Thema angesichts schlimmerer Nachrichten aus aller Welt das Erregungspotenzial.
Jetzt schreibe ich wieder nur übers E-Buch. Dabei sollte es mir doch darum gehen, dass gedruckte Bücher auch ganz gut sind. Am besten wäre allerdings beides; wenn man ähnlich wie bei vielen Blu-rays, DVDs und Vinyl-Schallplatten zum Kauf eines physischen Buchprodukts gleich das metaphysische dazubekäme. Bei Schallplatten beeinflusst das durchaus meine Kaufentscheidung. Ich bin inzwischen trotz langer Befürwortung vom reinen Download abgerückt. Nicht aus Altersstarrsinn (medizinischer Fachbegriff: Nostalgie), sondern aus Altersgedächtnisschwäche. Wenn ich etwas nur als Datei kaufe, vergesse ich es häufig am nächsten Tag und bis in alle Ewigkeit. Schallplatten und CDs hingegen liegen irgendwo rum, irgendwann findet man sie wieder und freut sich über die heiße Mucke. Die Mehrkosten sind für einen zukünftigen E-Buch-Millionär kein Thema. Aber zusätzlich digital möchte ich die Musik trotzdem haben, weil es praktischer ist und genauso klingt. Wer ernsthaft findet, dass das nicht so ist, bildet sich was ein oder setzt beim Musikhören die falschen Prioritäten. Bei Filmen derweil ist mir die digitale Kopie schnurz. Welcher ernsthafte Filmfreund mit einem klitzekleinen Funken Selbstachtung schaut Filme auf den Minimonitoren mobiler Geräte? Früher sagte man dazu Hörspiel. Wenn ich auf einer Filmverpackung ‚inklusive Digital Copy‘ lese, falle ich wieder zurück in meine tiefdeutsche Seele und maule: Hoffentlich zahle ich für diesen Quatsch nicht extra …
Apropos typisch deutsch: Viele hier sind ja der irren Auffassung, es gehöre zu ihren unveräußerlichen Menschenrechten, dass sie mit einem Produkt machen können, was sie wollen, nur weil sie es gekauft haben. Zum Beispiel 10.000 exakte Kopien, falls mal 9.999 kaputtgehen. Und wenn man diesen Menschen sagt, sie sollen nicht albern sein, werden sie bockig. Ich will mitnichten darauf pochen, dass ich als Buchkäufer ein Recht auf alles Mögliche hätte. Freuen würde mich aber ein Entgegenkommen seitens der Verlage in der o.g. Angelegenheit schon. Ich schlackere allerdings mitunter mit den Ohren, welche Rechte ich tatsächlich bereits habe. Vor ein paar Jahren war mir aus einer Laune heraus nach elitärem Bezahlfernsehen. Als das vorne und hinten nicht funktionierte, ließ ich einen Techniker kommen, der ebenfalls ratlos vor der Dose stand und mir mit vor Pathos bebender Stimme auftrug, ich möge mich an meinen Vermieter wenden, denn: „Sie haben ein Recht auf digitales Fernsehen!“ Da wurde mir gleich ganz patriotisch in der Brust. Ich fand es eigentlich schon vergleichsweise ausreichend, in einem Land zu leben, in dem ich ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, Nahrung, Wasser, Wärme und Würde habe. Huch, ich hätte fast Würste statt Würde geschrieben.
Christian Krachts gegenständlich und inhaltlich schönes neues Buch Imperium gibt es nicht digital [korrigiere: gibt es mittlerweile wohl]. Dieses war eines von einigen Büchern, die mich in jüngster Zeit vermehrt zurück zum gedruckten Buch ge- beziehungsweise verführt haben. Das hat nur bedingt mit der hübschen Umschlaggestaltung, dem guten Material und dem geschmackvollen Schriftbild zu tun. Hätte das Buch, zum Beispiel, 1056 Seiten, wie, zum Beispiel, der neue Stephen King, wäre mir das Südsee-Cover, das Lesebändchen und der sonstige Manufactum-Klimbim nach 20 Seiten herzlich schnuppe gewesen, und ich hätte mich umgeschaut, ob nicht irgendwo im Internet eine Sicherheitskopie abliegt (nicht aufregen, rechtmäßig bezahlt hätte ich ja bereits). Das Buch hat allerdings genau 800 Seiten weniger und fällt somit in den Bereich, in dem ein Buch als Buch lesenswerter ist denn als E-Buch. Da Literatur in Deutschland häufig in Pfund gemessen wird, spricht mancher verhalten abfällig über den vermeintlichen Mangel an Umfang dieses Werkes. Ich aber sage: Das ist genau der richtige Umfang! Büchern, die 400 Seiten deutlich überschreiten, sollte man misstrauen, sie sind im Regelfall geschwätzig und unliterarisch. Ausnahmen gibt es, allerdings nur selten (siehe besagten letzten King). Als Faustregel könnte man aufstellen: King digital, Kracht gedruckt. Es würde mich nebenbei sehr wundern, dieses Jahr noch zwei bessere Bücher zu lesen als diese beiden. Ich werde es trotzdem versuchen.
Warum dann nicht Kracht auch gleich digital, wenn E-Bücher so toll vögelchenflatterhaft sind? Weil man nach jahrelanger E-Lektüre feststellt, dass das Lesen am Lesegerät auf Dauer etwas unangenehm Gleichmacherisches hat. Meines simuliert zwar das Buch als Konzept nahezu perfekt, nur ist es sinnlich immer dasselbe Buch. Nun ist jedes Buch eine eigene Welt, da haben die Phrasendrescher ausnahmsweise recht. So zermürbt es zusehends, wenn die Verpackung bei allen gleich ist, denn die gehört zum Weltendesign dazu.
Warum dann nicht gleich nur noch gedruckt, ging schließlich früher auch? Das ist auch doof. Dass etwas früher ging, bedeutet ja nicht, dass es heute nicht besser gehen darf. Kein Lesegerät schlägt die Haptik eines kompakten Buches, aber jedes Lesegerät schlägt die Haptik eines Backsteins. Darüber hinaus ist Abwechslung eine schöne Sache. Nach vielem Gedruckten freue ich mich jedes Mal, wenn ich als Leser den Reader wieder zur Hand nehmen darf, mitunter sogar für spindeldürre Lektüren.
Ich teile übrigens nicht die häufig gehörte Kompromissauffassung, das E-Buch-Format sei schön und gut für flüchtige Trendlektüre, aber Lebensbücher müssten auf jeden Fall gedruckt und schwer im Regal ächzen. Würde direkt sagen: Eher im Gegenteil. Meine E-Bücher habe ich so gut wie immer komplett bei mir, quasi nah am Herzen, sie werden garantiert auch jede Lebensraumverschiebung mitmachen. Meinen Druckbüchern kann ich diese Garantie nicht ausstellen.
Zur Causa Kracht fällt mir außerdem ein, falls ich mal kurz über mich selbst sprechen darf: In meinem eigenen Buch Gebrauchsanweisung für Japan habe ich neulich auf Seite 145f. zu meiner Empörung diese Textstelle gefunden:
Nie würde ich auf die Idee kommen, eine Postkarte mit folgendem Wortlaut zu verfassen: „Hallo Mami, bei den Schlitzaugen gefällt es mir wie immer gut, liebe Grüße aus Yokohama.“
Herr Diez, übernehmen Sie! Lassen Sie das nicht so stehen! Bitte reißen Sie das markierte Wort sofort aus dem Zusammenhang (es ging um Langnase und andere Schmähwörter) und schreiben Sie einen entlarvenden Gedankengutartikel für ein auflagenstarkes ‚Nachrichten‘-Magazin. Ich könnte noch ein paar verkaufte Einheiten gebrauchen zur Finanzierung meines Bibliothekanbaus.
Und zur Causa Causa fällt mir ein, dass das ein ganz schreckliches Modewort ist, für dessen Verwendung ich mich in aller Form entschuldige. Wann ging das eigentlich los, dass alles Causa sein muss? Kachelmann?
Ist auch egal, zurück zum Thema: E-Bücher sind gut, P-Bücher sind gut, alles ist gut. In umsichtiger Dosierung. Mein einziges größeres Problem mit dieser ganzen E-Buch-Geschichte sind meine kulturpessimistischen Bedenken, dass kommende Lesegenerationen nicht mehr zwischen richtigen (also von kompetenten Fachkräften sorgfältig ausgewählten, betreuten, redigierten und gestalteten) Büchern und selbstverlegten Egotrips werden unterscheiden können. Viele haben schon jetzt Schwierigkeiten damit. Leider sind 99,9% der sogenannten Indie-Autoren (Euphemismus für unverlegte Egotripper) geistige Geschwister einer drolligen Nebenfigur aus dem Film Schmeiß die Mama aus dem Zug. Es ist mehr als 20 Jahre her, dass ich den gesehen habe, ich bin also alles andere als zitierfest. Es gibt da jedenfalls einen Herrn in einem Creative-Writing-Kurs, der ganz stolz ist auf sein Epos 200 Frauen, die ich gerne schweinigeln würde. Wie gesagt: Ist etwas her. Vielleicht sind es mehr oder weniger Frauen, vielleicht ist der Titel im Detail ein wenig anders. Aber die Kernaussage stimmt. Heute bleibt derlei leider nicht hinter den Mauern der Erwachsenenbildung gefangen, sondern wird direkt ins Netz geschweinigelt.
Verlage sind nicht Feinde der Autoren, sondern Freunde der Leser. Es kann selbstredend gut sein, dass hin und wieder ein Autor eines tatsächlich brillanten Werkes nicht mal den kleinsten seriösen Kleinstverlag von einer Veröffentlichung überzeugen kann. Dann ist es ein potentieller Gewinn für die Welt, dass es Selfpublishing gibt. Leider wird die Welt aber von diesem einen brillanten Werk gar nichts mitbekommen, denn sie ertrinkt in abertausenden Schweinigel-Titeln. Möglich, dass sich dieses Missverhältnis beizeiten selbst reguliert. Sehr zuversichtlich bin ich jedoch nicht; Qualität setzt sich äußerst selten durch.
Oh je, jetzt ende ich mit gesenktem Blick und geschürzter Unterlippe, dabei sollte es um erfreuliche Dinge gehen. Lesen wir zur Zerstreuung ein wenig Trivialliteratur, zwei gelungene Exemplare der Gattung habe ich unlängst besprochen (als E-Bücher, gibt’s aber auch so):
Neil Cross: Luther – die DrohungJeffery Deaver: Carte Blanche
Zu nachtschlafender Zeit steht man auf, isst eine Banane und eine Brötchensüßigkeit, die aus dem Goody Bag des International Friendship Run übrig geblieben ist, begibt sich zum Austragungsort und macht sich Sorgen.
Vor Ort bewundert man die traditionellen japanischen Marathon-Gewänder.
Hat man seinen Startblock zeitig erreicht, kann man noch lange genug blöd in der Kälte rumstehen, um sich endlich mal das neue Leonard-Cohen-Album in der gebotenen Ruhe und Konzentration anzuhören und sich so dermaßen zu hydrieren, dass man spätestens nach 10 Kilometern die erste zeitstehlende Pinkelpause wird einlegen müssen.
Fällt der Startschuss, wird nicht etwa losgerannt. Zumindest nicht, wenn man im vorletzten von 11 Blöcken startet. Im Stop-and-Go-Schneckentempo zuppelt man zunächst zum eigentlichen Start zwischen den städtischen Regierungsgebäuden Shinjukus, während die Uhr bereits unbarmherzig läuft und man all die minutiöse Kilometer/Zeit-Planung, die man sich extra auf einen Spickzettel geschrieben hat, über den Haufen werfen kann.
Auf dem Weg würdigt man gefälligst alle Sehenswürdigkeiten, z. B. den alten Fernsehturm Tokyo Tower, das bis vor kurzem höchste Bauwerk der Stadt (ca. bei Laufkilometer 12).
Auf der Prachtmeile Ginza (knapp nach halb) und überhaupt überall freut man sich darüber, dass man nicht alleine ist. Dass am Rande junge Damen mit Hasenaufsteckohren ihre Händchen zum High Five über die Absperrungen recken, und dass Jung und Alt immer ein „Ganbare!“ und „Faito!“ (japanisch aus dem Englischen: Kämpfe!) auf den Lippen haben. Gerne hört man auch, wenn überholende Läufer einen nett anlügen: „You’re looking good!“
Meine Urskepsis gegenüber sportlicher Betätigung hängt vor allem mit meinem Misstrauen gegen alles Rudelhafte und Gruppenmiefige zusammen. Deshalb ist mir das Laufen angenehm, das kann man alleine mit seinen Gedanken und seiner Musik machen. Pipifax um die 20 Kilometer werde ich auch weiterhin alleine laufen, aber ich muss zugeben: Marathon geht wahrscheinlich nicht ohne warme Worte und Hasenohren.
Hat man Glück, jubeln einem nicht nur unbekannte Menschen ganz allgemein zu, sondern auch ganz spezifische Menschen ganz persönlich. Die machen dann womöglich auch ganz persönliche Fotos von einem. Hat man mehr Glück als ich, ist das nicht erst an einer Wegmarke, an der das Laufen schon mehr aussieht wie Gehen, obwohl es sich noch wie Laufen anfühlt.
Kurz vor Kilometer 28 wird das wahrzeichenhafte Kaminarimon-Tor von Schaulustigen und Medienvertretern verstellt.
Dafür kurz danach ein perfekter Blick auf modernere Wahrzeichen: Den neuen Fernsehturm Tokyo Sky Tree, das seit kurzem höchste Bauwerk der Stadt, und das Hauptquartier der Asahi-Brauerei mit der von Philippe Starck entworfenen Super Dry Hall die oben drauf eine leckere goldene Schaumkrone hat, und nicht was Sie denken. Gold stinkt nicht.
In den späten 30er Kilometern geht es so langsam (sehr langsam) über ein zurecht berüchtigtes Auf-und-Ab zur Halbinsel Odaiba, erst vor nicht allzu langer Zeit in der Bucht von Tokio auf Müll errichtet und noch sauberer als der Rest der Stadt.
Man hat dann keine rechte Lust mehr zum Fotografieren, bis das schönste Motiv der Strecke kommt.
Hinter den Kulissen geht man gefühlt noch mal dieselbe Strecke. Man bekommt eine Banane vom Bananenmann, Wasser von der Wasserfrau, Medaille von der Medaillenperson, Handtuch vom Handtuchmenschen, Orange vom Orangenpersonal, Fruchtriegel vom Fruchtriegelbeauftragten und einiges mehr. Man holt sein Gepäck vom Gepäckwagen und stellt entgeistert fest, dass der Umkleideraum nur eine große Halle ist, in der man machen kann, was man möchte, aber hygienisch und privatsphärisch keine Hilfestellung zu erwarten hat. Selbstverständlich hatte ich alle meine Toilettenartikel und meine gesamte Abendgarderobe von Kopf bis Fuß zum Wechseln mitgebracht, denn ein Gentleman trägt keine Sportkleidung, wenn er nicht gerade einer unmittelbaren sportlichen Betätigung nachgeht (auch keine Sportschuhe, liebe Kinder und Berufskinder). Hätte ich schon mal an so einer Veranstaltung teilgenommen, hätte ich wahrscheinlich gewusst, dass da nicht für 36.000 Teilnehmer Duschen zur Verfügung gestellt werden, sondern gar keine.
Es war trotzdem schön, wir mussten die Zugheimfahrt nur ein einziges Mal wegen Übelkeit unterbrechen. Ich hatte schon unterbrechungsreichere Heimfahrten nach weniger umfangreichen Trainingsläufen. Und abends bereits war ich wieder keck genug für eine alberne Pose, indisches Essen und das erste Bier ohne Reue seit Monaten. Nicht, dass es in den vergangenen Monaten kein Bier gegeben hätte, aber jedes war mit Reue gewesen.
Trockene Themen wie Zeiten und Geschwindigkeiten wollen wir mal außen vorlassen, wir sind ja keine Buchhalter. Es genügt die Feststellung, dass ich trotz etlicher Verzögerungen, für die ich so gut wie nichts konnte, nie Gefahr auflief, die (zugegebenermaßen enorm großzügigen) Sperrzeiten zu überschreiten.
Würde ich es noch mal machen? Ja, aber das nächste Mal nur in einem albernen Kostüm. Aber nageln Sie mich darauf nicht fest. Weder auf das eine, noch auf das andere.
Seit es Mensch und Tier gibt, stellt sich der Mensch die Frage: Was ist der Unterschied? Meine Antwort wäre, dass der Unterschied darin besteht, dass Tiere sich diese Frage nicht stellen. Aber das ist unwissenschaftlich. Wer weiß schon, welche Fragen einen Nacktmull den lieben langen Tag lang beschäftigen (oder sind die nachtaktiv?).
Tiere haben keine Seele, sagen die einen. Tiere haben keinen Humor, sagen die anderen. Das eine ist keine Basis für eine vernünftige Diskussion, das andere wurde inzwischen widerlegt (durch Forschung, nicht durch Ronny’s Popshow). Die früheren Annahmen, Tiere würden keine Werkzeuge benutzen, könnten nicht treu und nicht homosexuell sein, gelten ebenfalls als überholt.
Ein Mensch sagte mir einmal, der Unterschied zwischen uns und Tieren sei eine gute Handschrift. Ich weiß aber nicht, wie das gemeint ist. Meine Handschrift ist nicht wesentlich besser als die meines Wellensittichs selig. Aber ich bin ein menschliches Wesen!
Einen nachvollziehbaren neuen Ansatz vertritt Dr. Rachel Herz in ihrem neuen Buch That’s Disgusting: Der Unterschied zwischen Mensch und Tier sei der Ekel. Tiere finden nichts eklig. Der Ekel im Menschen hingegen sei angeboren, nicht etwa, wie man meinen könnte, ein gelerntes Zivilisationswehwehchen. Wovor man sich genau ekelt, mag erziehungsabhängig sein, aber gewisse Ekelauslöser, insbesondere bezüglich Verwesung und Fäulnis, seien laut Herz kulturübergreifend zu finden, auch wenn auf Sardinien Käse erst als köstlich gilt, wenn er von Maden verspeist, verdaut und wieder ausgeschieden wurde, und Japaner verschimmelte Sojabohnen futtern wie andere Menschen Popcorn (ich finde beides eklig). Das Buch gefällt mir so gut, dass ich schon jetzt davon schwärme, obwohl ich es noch gar nicht gelesen habe, sondern nur eine ausführliche Besprechung in der, öhöm, New York Times Book Review.
Dr. Herz erzählt nicht nur davon, dass die ordnungsgemäße Benutzung eines Geldautomaten ein höheres Gesundheitsrisiko birgt als das Ablecken eines Klositzes im Cinemaxx (mache ich trotzdem nicht, aber ich werde fortan wohl mehr mit Karte zahlen), sondern sie erzählt selbstverständlich auch von Horrorfilmen. Überrascht hat mich, dass Mädchen laut der Autorin Horrorfilme oft als Mittel zum Zweck benutzen: Wenn ich das brav durchstehe, kann ich hinterher den Typen klarmachen. Ich hielt das für eine sehr männliche Strategie; genau so sind ich und die anderen Typen früher an Dirty Dancing und Pretty Woman herangegangen.
Apropos Woman (puh, endlich den Bogen zu dem Thema gekriegt, auf das ich eigentlich hinaus wollte). Ich liebe Horrorfilme mehr als irgendwelche anderen Filme, aber im fortgeschrittenen Alter hat sich mein Geschmack verlagert vom wilden und gefährlichen Grenzbereichhorror zum sicheren, vorhersehbaren Mainstreamhorror. Überhaupt habe ich erst wieder Spaß am Kino, seit ich akzeptiert habe, dass es sich um Unterhaltung handelt, nicht um Kunst oder Religion. Mein früheres Ich würde meinem heutigen Ich wohl die Freundschaft kündigen, aber was weiß mein früheres Ich schon. Man gebe mir eine neblige Gespenstergeschichte oder einen schlecht ausgeleuchteten Thriller über einen Serienmörder-von-teuflischer-Intelligenz, und ich bin glücklich. Meine Horrorfilme sollen Wohlfühlfilme sein. Extrem-Party-Splatter reizt mich nicht mehr, weil ich nicht mehr so viel trinke. Aufgekratzte Blut- und Sperma-Provokation mit Kunst- oder Anti-Kunst-Attitüde (beides dasselbe, das zweite ist nur verblasener) brauche ich nicht mehr, weil ich schon groß bin.
Man komme mir auch nicht bei jedem Brüll-Film mit dem Macker-Argument: „So ist eben die Realität!“ Ich sage: Das kannst du gar nicht beurteilen, Kleiner. Zu behaupten, das ganze Leben sei ein Jack-Ketchum-Roman, ist, als würde man behaupten, das Leben sei wie eine Komplettbox Die Waltons. Das eine ist so verlogen wie das andere, und keine von beiden Weltanschauungen ist gehaltvoller oder tiefgründiger als die andere. Es gibt Leid, Gewalt und Verzweiflung auf der Welt, und es gibt menschliche Wärme, grüne Weiden und flauschige Daunendecken. Menschen, die die Muße haben Filme zu schauen, werden mehr Begegnungen mit Daunendecken haben und erfahren in den wenigsten Fällen mehr Gewalt in ihrem Leben als eine Schulhofschlägerei aus der Ferne.
Meine Abkehr von der dunklen Seite des Horrorfilms hat zur Folge, dass mir Filme wieder Angst machen. Zumindest, bevor ich sie sehe. Ich habe aus erwähnten Gründen nicht mehr das Bedürfnis jeden Film zu schauen, den der Buschfunk gerade als das neue Ultimo in Sachen Blutrünstigkeit und Erniedrigung ausruft, aber manchmal bin ich doch neugierig. Dann steigere ich mich vorab oft in Erwartungshaltungen hinein, die schwerer zu ertragen sind als die Filme selbst. So musste ich bei der französischen Folter-Meditation Martyrs (Ultimo 2008) tatsächlich vorzeitig das Kino verlassen, weil mir ganz schlecht war von der Vorstellung, dass mir schlecht werden könnte. Dabei ging der Film eigentlich bis dahin. Und der Rest des Films ging auch, wie ich beim zweiten, erfolgreichen Versuch feststellte. Es ist ein schöner Film über den Lohn des Leidens, eingepackt in eine reichlich alberne Verschwörungsstory, der mir eine gute Inspiration beim Dauerlauftraining geworden ist. Es ist kein Film, den ich als Valentins- oder Muttertagsgeschenk empfehlen würde, aber mich hat er inhaltlich angesprochen, und meine Ekeltoleranzschwelle hat er nicht überschritten. Richtig eklig ist Ekliges nämlich erst, wenn die Beweggründe eklig sind. Das Eklige in Martyrs aber ist unverzichtbarer Teil der Erzählung und kein ekliger Voyeurismus.
(Trailer nicht für jeden.)
Ähnlich feige herumgeschwänzelt bin ich lange um The Woman (Ultimo 2011). Bekannt wurde der Film durch ein vermutlich inszeniertes Viralvideo, in dem sich am Rande der Premiere ein angeblicher Zuschauer angeblich sehr aufregt:
Die Handlung (Anwalt und Familie halten eine verwilderte Frau im Schuppen gefangen) hatte mich nicht sonderlich angesprochen, aber ich vertraue dem Regisseur Lucky McKee und der Hauptnebendarstellerin Angela Bettis seit ihrer herzergreifenden Splatter-Dramödie May.
Gestern bin ich den seit rund zwei Monaten hier herumliegenden Film endlich angegangen, und es war ein weiteres Martyrs-Erlebnis, nur diesmal ohne Fehlversuch. Lucky McKee selbst bezeichnet The Woman als Horrorfilm, also akzeptiere ich das. Meine Wahrnehmung ging allerdings von Anfang an eher in Richtung einer Steigerung von American Beauty. Viel interessanter als die körperlichen Qualen, die in The Woman durchaus vorkommen (wenn auch weniger prominent und explizit, als es das Raunen auf allen Kanälen impliziert), ist die seelische Verfassung der Anwaltsfamilie. Wenn man den Film mit „Yeah! Eklig!“-Gebrüll besser verkauft, soll es so sein. Yeah-Eklig-Fans müssen sich aber darauf einstellen, etwas zu sehen zu bekommen, was sie vielleicht noch nie zuvor gesehen haben: ein satirisches, oft enervierend stilles, sehr fein beobachtetes und inszeniertes Familiendrama. Freunde von fein beobachteten Familiendramen hingegen sollten sich drauf einstellen, dass hin und wieder ein Gesicht abgebissen wird.
Huch, war doch nur ein Traum. Ein Traum, der im harschen Licht der Leselampe zerplatzt wie eine Seifenlase an einem Amboss, auf dem ein Dunkelgnom eine Schattenklinge schmiedet, in einem scheußlichen Fantasy-Roman voller misslungener Metaphern.
Ich habe Wetten dass ..? nicht mehr gesehen, seit Frank Elstner das nicht mehr macht. Dass das so ein junger Luftikus mit langen Haaren übernommen hat, kann ich bis heute nicht gutheißen. Wenn es mit dem deutschen Fernsehen so weitergeht, dann haben wir bald amerikanische Verhältnisse, wo jeder zehn oder sogar zwölf Sender empfangen kann und die Kinder Coca-Cola trinken dürfen.
Gestern aber wollte ich mal nicht so sein, es ist schließlich Weihnachten, und mal wieder in die beliebte Samstagabendshow hineinschauen. Leider bin ich nach fünf Minuten erneut eingenickt und dabei wohl an der Fernbedienung aufgeschlagen, aber jetzt weiß ich, wie es wirklich ist: Pierce Brosnan übernimmt Wetten dass ..?! Und Thomas Gottschalk wird der neue Bond, in Doppelmoderation mit Mike Krüger, der auch den Song zum neuen Agenten-Abenteuer GoldNasen einsingen und sich dabei auf der Gitarre begleiten wird.
Ansonsten gibt es zu gucken und zu lesen:
Black Butler 1Tom Rob Smith: Agent 6
Als ich jüngst eine asiatische Metropole nach der anderen mit meiner Anwesenheit langweilte, kaufte ich mir zwischendrin auf einem Flughafen ein Herrenpflegeset, weil der Herr sich ein wenig ungepflegt fühlte. Darin war auch ein erstaunliches Produkt, das nicht der hauptsächliche Kaufgrund war, aber ob erwachender Neugier die Entscheidung positiv beeinflusste: Der L’Oreal men expert Hydra Energetic Eye Roll-On zum Wegmachen von Augenringen. Quasi der Tintenkiller des Business Punks.
Ich bin durchaus für hochspezialisierte Pflegeprodukte. Ab einem gewissen Alter wird auch aus dem spöttischsten Verweigerer ein Metrosexueller, der die Uhr ticken und die Haut bröckeln hört. Aber bei diesem Augenringewegmacher habe ich mir selbst im Spätsommer meines Lebens gedacht: So ein Blödsinn. Sind Augenringe wirklich eine Geißel der Menschheit, oder zumindest der Männlichkeit? Galten sie nicht einmal sogar als Insignien von sehr kurz zurückliegendem Draufgängertum und allgemeiner Teufelskerligkeit? Trug man sie nicht wie Medaillen im Gesicht? Sollte es nicht eher einen Augenringeaufmalstift geben für Streber, die jeden Abend früh zu Bett gehen und dann in der Schule gehänselt werden, von den coolen Augenringe-Kids?
Nein, das wäre ja albern. Ich habe also diesen Augenringewegmachstift ausprobiert, und ich muss sagen: Respekt. Man fühlt sich für eine knappe Sekunde untenrum erfrischt. Denselben Effekt hat man, wenn man den kleinen Finger mit kaltem Wasser benetzt und sich das Zeug unter die Augen reibt. Die kosmetische Wirkung dürfte ebenfalls dieselbe sein: Wenn man ein wenig mit der Lichtdramaturgie spielt, nicht genau hinsieht und fest daran glaubt, könnte man meinen, dass die Augenringe einen Tick zurückgegangen sind.
Verlässlicher gegen Augenringe ist aber die klassische Methode:
(Mit im Bild: Der Strand bei Shimoda, Nebensaison.)
Wo wir gerade bei Männer-Themen sind – dieses Magazin ist für mich freilich Pflichtlektüre seit ein paar Jahren:
Lachen Sie nicht. Obwohl: Mit 37 habe ich auch noch gelacht, da habe ich damit nichts anfangen können. Es ist nämlich für Männer ab 37 1/2:
Japaner nehmen es eben gerne genau, eine ihrer liebenswertesten Eigenschaften. Wie beim Bahnwagon, der in diesem Abschnitt hält: Um 7:30 für Männer okay, um 7:31 kein Problem, aber ab 7:32 nur für Damen.
Diese exakte Angabe ist natürlich einzig und allein darin begründet, dass Fahrplanabfahrtzeiten in Japan verlässliche Angaben und nicht bloß Fantasy-Lektüre sind.
Unlängst machte die Deutsche Bahn stolz ihre Verspätungsstatistik bekannt und gluckste, dass man jetzt schwarz auf weiß habe, dass fast immer fast alle Züge fast pünktlich seien. Um das ansatzweise nachvollziehen zu können, muss man das Kleingedruckte lesen: In Deutschland gilt eine Verspätung von sechs Minuten noch nicht als Verspätung, sondern als auf den Punkt pünktlich. Teilnehmer an Vorstellungsgesprächen auf beiden Seiten des Tisches mögen das anders sehen.
Aber ich will mich nicht wieder aufregen. Das ist nicht gut für meine Haut.