Letzte Worte an dieser Stelle

Wahrscheinlich habt ihr es bereits in der Abendausgabe eurer Tageszeitung gelesen: Das Internet hat sich nicht durchgesetzt. Deshalb beende ich meine Webpräsenz inklusive dieses Blogs ‚demnächst‘. Das ist kein ‚demnächst‘ in Anführungszeichen. Die Anführungszeichen sind ironisch gemeint, also hätte ich sie eigentlich in Anführungszeichen setzen müssen. Ganz (oder halbwegs) konkret ziehe ich den Stecker Ende Februar. Dann laufen meine Knebelverträge mit den Internetplatzvermarktern aus. Vielleicht auch schon vorher; man muss ja nicht immer alles auf den letzten Drücker machen. Erhalten bleibe ich auf Facebook und Instagram. Und falls ihr mal was ganz Ausgefallenes tun wollt, guckt ihr bei Bluesky vorbei. Tut ansonsten wirklich niemand. Dort bleibt mein Konto ebenfalls bestehen, aber ich mache da keinen Finger krumm, solange keiner guckt. Nun könnte natürlich jemand erwidern: Solange du da keinen Finger krumm machst, guckt halt auch keiner. Darauf ich dann wieder: Ich habe da ja bereits Finger krumm gemacht, und hat trotzdem keiner geguckt. Mal gucken.

Die Beendigung meiner Web-1.5-Auftritte ist keine Entscheidung aus Gram oder Wut oder Resignation, mir ist nichts über die Leber gelaufen. Das Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen ist nur nicht mehr so, dass man sagen könnte: „Also, das ist aber mal ein gutes Verhältnis!“ War es eigentlich nie. Seit es Autorenwebsites gibt, lästert die Avantgarde, dass Autorenwebsites so was von over wären. Ich bin bewusst gegen den Trend angegangen, weil ich gewohnheitsmäßig immer gegen Trends angehe, vor allem gegen Verkaufstrends. Jetzt möchte ich mal mit den Trends gehen. Ab März mache ich nur noch TikTok. Kleiner Witz, TikTok ist ja schon lange over.

Meine Website ist viel komplizierter, als sie aussieht. Irgendwie habe ich es geschafft, gleich zwei Dienstleister dauerhaft dafür zu bezahlen: einen für die Bereitstellung des Platzes und einen für die Bereitstellung der Gestaltungswerkzeuge. Das war technisch gar nicht so leicht einzurichten; ich bin schon ziemlich stolz darauf, wie geschickt ich mich selbst übers Ohr gehauen habe. Ich würde direkt von ‚Hacking‘ sprechen. Vor allem, weil ich keine klare Vorstellung davon habe, was Hacking eigentlich ist. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich es hinbekommen habe, und ich weiß erst recht nicht, wie sich das wieder auseinanderklamüsern lässt. Also einfach weg mit allem.

Nein, ich möchte keine technische Hilfe, aber ich weiß das Angebot wirklich zu schätzen, vielen Dank. Ich möchte einen sauberen Abschluss und einen euphorischen Neubeginn. Wie ich mich kenne, werde ich doch irgendwie weitermachen. Ich bin ja noch jung, mir steht die ganze Welt offen. Vielleicht nur ein reiner Blog. Vielleicht ästhetisch etwas ansprechender, thematisch geordneter, aber – keine Angst – im Herzen weiterhin genauso chaotisch. Ihr müsst euch auch keine Sorgen machen wegen all des schönen geistigen Eigentums, das sich seit knapp 17 Jahren hier angesammelt hat. Nichts davon wird die digitale Toilette hinuntergespült. Die Rohfassungen aller Beiträge habe ich lokal und wolkig gespeichert, von den Live-Versionen werde ich ‚ein Back-up erstellen‘. Keine Ahnung, wie man aus so einer Back-up-Datei jemals wieder etwas Lesbares macht, doch man soll ja besser schlafen können, wenn man ‚ein Back-up erstellt‘. Sollte ich also jemals den Drang verspüren, eine Coffeetable-Edition der schönsten Kabinettstückchen zusammenzustellen, ist alles noch da. Glaube ich.

Ein wenig vermissen werde ich die Leserpost, die recht regelmäßig über das Kontaktformular meiner Website eingetrudelt ist. Nicht so wäschekörbeweise wie bei den Jugendidolen von The Teens, jedoch genug, um sich ‚gesehen‘ zu fühlen, was den Menschen im Überwachungszeitalter ja ungemein wichtig zu sein scheint. Gefreut haben mich die meisten Zuschriften. Zumindest die von den Leserinnen und Lesern, die den Unterschied zwischen einem Schriftsteller und einem Gratisreiseauskunftsbüro kannten und respektierten. Naseweise Besserwisserei gab es erstaunlicherweise nur einmal (habe ich selbstverständlich nicht drauf reagiert; man soll die Naseweisen nicht füttern). Im Großen und Ganzen scheine ich freundliche und vernünftige Leser und Leserinnen zu haben. Mit manchen entstanden kleine postalische Dialoge. Da gab es solche und solche Überraschungen. Zu solchen gehörte sicherlich die anfangs ganz goldige ältere Dame, die sich darauf freute, nach ihrer Pensionierung endlich komplett in ihr geliebtes Japan rübermachen zu können. Bis sie fröhlich erklärte, dass sie an Japan vor allem schätzte, dass es dort nicht so viele Ausländer wie in Deutschland gäbe. Der Volksmund weiß zwar, dass es keine zweite Chance gibt, einen ersten Eindruck zu machen. Allerdings lassen sich erste Eindrücke durchaus ohne große Schwierigkeiten revidieren.

Also, herzlichen Dank bis hierhin und tschüss erst mal. Wenn was ist – erreichbar bleibe ich über die eingangs erwähnten Kanäle. Dort halte ich euch auch über Reboots, Relaunches, Reimaginierungen anderer Webpräsenzen auf dem Laufenden. „Aber Andreas, wir nutzen diese Kanäle nicht, was sollen wir bloß tun?!“ Ja, nun, für alles kann ich auch keine Lösung anbieten.

Rollbahn-Freud und Rollbahn-Leid im Jahr der Schlange

Neben meiner jährlichen Lektürenretrospektive (siehe zuvor) ist auch die jahresendliche Auszählung meiner vollgeschriebenen Rollbahn-Notizbücher eine alte Angewohnheit, die ich normalerweise als Facebook-exklusiven Premium-Content öffentlich mache, aber nun hybrid ebendort und hier im Blog anbieten möchte. Wer Rollbahn nicht kennt: Es handelt sich um eine Schreibwarenproduktreihe aus dem japanischen Hause Delfonics. Diese Notizbücher mit den immergleichen deutschen Sinnsprüchen auf dem Einband verwende ich seit Jahren ausschließlich.

Wie Hemingway einst Moleskine, könnte man sagen, wenn das nicht falsch wäre. Falsch nicht wegen der Anmaßung, sondern wegen der Faktenlage. Hemingway hat mitnichten Moleskine-Notizbücher benutzt. Picasso auch nicht. Van Gogh auch nicht. Bruce Chatwin auch nicht, obwohl aus einem seiner Romane der Name gestohlen wurde. Die Firma und das Produkt existieren erst seit 1997, da war günstigerweise auch die letzte der unfreiwilligen und ungefragten Moleskine-Werbefiguren schon tot. Moleskine-Notizbücher sind unautorisierte Remakes der namenlosen Modelle, die die Genannten für ihre Meisterwerknotizen bevorzugten. Plagiate, könnte man ebenso sagen. Mache ich aber nicht, wegen der Anwaltskosten. Die ganze hässliche Geschichte werde ich in meinem nächsten Enthüllungsbuch aufdecken, das im Herbst dieses Jahres erscheint. Es ist höchste Zeit, schon mal an Weihnachten zu denken.

Ich bilde mir gerne ein, dass ich Rollbahn bereits bei meinem ersten Japan-Besuch 1999 gefunden hatte, oder es mich. Doch eine Recherche vor ein paar Jahren ergab, dass es Rollbahn damals noch gar nicht gegeben hat (Moleskine schon, allerdings eben erst seit zwei Jahren). Die Erinnerung, sie ist ein unzuverlässiges kleines Miststück. Miststück ist vielleicht ein bisschen zu hart. Es ist durchaus möglich, dass ich mich an die Recherche falsch erinnere, sie liegt mittlerweile schließlich ebenfalls in etwas vernebelter Vergangenheit. Ich könnte rasch neu recherchieren, aber wen interessiert das schon so genau. Ich bin mir sehr sicher, dass die vierstellige Jahreszahl der Rollbahn-Premiere mit einer 2 beginnt. Ebenso hänge ich mich wohl kaum zu weit aus dem Fenster, wenn ich mutmaße, dass die zweite Ziffer eine 0 ist. Und jetzt den Atem angehalten: Ich wage zu behaupten, dass an dritter Stelle eine weitere 0 kommt. Sicherlich, wir sind bereits im dritten Jahrzehnt des nicht mehr ganz so jungen Jahrhunderts (derweil noch immer recht jungen Jahrtausends), doch im zweiten waren Rollbahn und ich längst ein eingeschworenes Team; so weit daneben kann meine Erinnerung gar nicht liegen. Da lebte ich schon zunächst mit einem halben, später mit beiden ganzen Beinen in diesem schönen Land, das natürlich auch nicht nur schöne Seiten hat. Tatsächlich habe ich gerade meiner langjährigen Tageszeitung das Abonnement gekündigt, weil sie es nicht mehr verstand, mit dem gebotenen Ernst und nötigen Sachverstand über die unschönen Seiten zu berichten. Stattdessen ein Artikel nach dem anderen darüber, dass man sich über diese hippen neuen Anti-Impf-und-Ausländer-Naziparteien, die hier nun auch endlich messbaren Zuspruch finden, keine allzu großen Sorgen machen müsse. Oder – besonders gerne um entsprechende Gedenktage herum – darüber, was für arme Opfer der Umstände die japanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg gewesen waren. Man möchte fragen: Aber sieht man nicht im Rest der Welt, was passiert, wenn man sich um Nazis nicht früh genug Sorgen macht? Wieder einmal? Und japanische Soldaten waren doch im Zweiten Weltkrieg nicht NUR Opfer, meine ich mal an anderer Stelle gelesen zu haben?

Doch eh wir uns irreversibel in der wirklichen Welt mit ihren echten, freiheits- und lebensbedrohlichen Problemen verheddern, schnell zurück in die Traumwelt, in der wir alle so tun, als hätte käuflicher, massenproduzierter Tand irgendeinen echten Wert. Also:

Im letzten Jahr von mir vollgeschriebene Rollbahns: Fünf.

Normal. Hatte schon mehr, hatte schon weniger. Vorletztes Jahr hatte ich genauso viele. Erneut hatte sich meine Tochter im letzten Jahr erweichen lassen, hin und wieder meine Rollbahns für ihre Skizzen mitzubenutzen, wie sie es im Vorschulalter gewohnheitsmäßig und mit echter Begeisterung getan hatte, obwohl sie heute ihr eigenes Profimaterial bevorzugt. Hier die beiden Protagonisten aus der Neo-Noir-Filmserie Zootopia (dt.: Zoomania), reimaginiert als Menschen:

Trotz der mittelmäßigen Quantität war das letzte Jahr ein außergewöhnliches Rollbahn-Jahr, leider nicht nur im Guten. Es begann mit Überfluss: Zum vorletzten Weihnachtsfest hatte ich, wie es üblich ist, bereits die ersten Rollbahns fürs nächste (also das letzte) Jahr geschenkt bekommen. Weitere kamen im Januar, als die traditionelle Neujahrswundertüte des Herstellers ins Haus flatterte. Wir lassen uns stets vormerken, aber die Beutel sind so beliebt, dass das Los über die entscheidet, die dafür letztendlich Geld ausgeben dürfen. Wir haben recht häufig Glück. Da waren dann ebenfalls ein paar Rollbahns dabei. Das war ein Segen und ein Fluch. Einerseits schön, einen Vorrat zu haben. Andererseits führte das dazu, dass ich mir das gesamte Jahr über kein einziges selbst kaufen musste. Und ich stöbere doch so gerne durch die Farben, Motive und saisonalen wie regionalen Sondereditionen. Deshalb wies ich meine Familie an, in diesem (also im letzten) Jahr mir keine Rollbahns zu schenken und auch die Vorbestellung der Wundertüte zu unterlassen, die eh meist mehr unnütze als nützliche Dinge enthält.

Erst im Dezember letzten Jahres sollte ich mich wieder zu meinem üblichen Dealer bemühen, um einen Rollbahn-Taschenkalender fürs nächste (also dieses) Jahr zu kaufen, in den ich meine drei oder vier jährlichen Termine eintragen kann. Zuerst dachte ich, ich könnte den Laden bloß nicht auf Anhieb in dem Einkaufszentrum finden, in das er eingelassen war. Das letzte Mal war schließlich schon eine Weile her. Doch nach genauer Sondierung der Lage wurde ein schrecklicher Verdacht zur noch schrecklicheren Gewissheit: Der Laden existierte nicht mehr. Ich durchlief alle Phasen der Wut, Trauer und Betroffenheit und war noch ganz aufgewühlt, als ich zu Hause ankam. Meine Frau fragte, was denn nun stattdessen in den alten Geschäftsräumen wäre, und ich konnte sie nur anherrschen: „Was weiß denn ich?! Irgendwas Unnötiges!“

Nun mangelt es Tokio nicht an Delfonics-Handelsniederlassungen. Nüchtern betrachtet ist das Flaggschiffgeschäft in Shibuya sogar etwas näher an meinem Zuhause als mein ehemals üblicher Laden in Ebisu. Aber wer besucht schon gerne Shibuya? Oder Flaggschiffgeschäfte? Also fuhr ich zum Kalenderkauf ins weitaus weiter entfernte Futako-Tamagawa. Dort fand ich ein Modell nach meinem Geschmack.

Besonders freut mich, dass darauf wie selbstverständlich der Tokyo Tower abgebildet ist. Dabei versucht man seit Jahren, uns den höheren, öderen Skytree als neues Wahrzeichen aufzuschwatzen. So funktioniert das aber nicht. Der echte Tokioter wird immer den Tokyo Tower bevorzugen, diese sympathisch ungelenke Eiffelturm-Kopie in den flugsicheren Signalfarben.

Ich fand in Futako-Tamagawa außerdem eine neue Rollbahn-Notizbuch-Weihnachtsedition nach meinem Geschmack. Ich dachte: Die kaufe ich mir, obwohl kein unmittelbarer Bedarf besteht. Dann hab ich was in der Hand, wenn sich die Bedarfssituation ändert.

Leider bemerkte ich sogleich, dass es nicht nur eine Weihnachtsedition gab, sondern mehrere. Eine geschmackvoller als die andere. Ich konnte mich nicht entscheiden. Panisch rannte ich, ohne eine einzige gekauft zu haben, aus dem überheizten Kaufhaus hinaus in die winterliche Kälte. Daheim hob ich das Rollbahn-Geschenk-Verbot sofort auf, weshalb ich heute erneut für einen Großteil des neuen Jahres vorversorgt bin.

Es folgt ein Gratis-Bonustrack, der eigentlich ein eigener Blog-Eintrag werden sollte, aber ich wollte nicht so schnell hintereinander zwei davon raushauen, ich bin ja kein zappeliger Influencer, und außerdem muss ich mir so nicht extra eine kurze und knackige Überschrift dafür ausdenken.

Habe ich eigentlich gute Vorsätze fürs neue Jahr? Außer beim Wassermelonenspiel eine Doppelwassermelone zu schaffen, bevor meine elfjährige Tochter es schafft, und meinen Triumph gockelhaft auszukosten? (Die Rechtschreibprüfung meint übrigens, das Wort ‚gockelhaft‘ gäbe es nur mit großem G, aber wir sind ja hier nicht auf dem bäuerlichen Gefängnishof.) Nein, ich habe nie gute Vorsätze fürs neue Jahr, ich bin ja nicht blöd. In gewissem Masse unvernünftig wohl, und früher noch eine Spur unvernünftiger. Doch selbst in meinen Flegeljahren war ich bereits vernünftig genug, zu wissen, dass für einschneidende Veränderungen im Lebenswandel der richtige, individuell zu erörternde Zeitpunkt notwendig ist und nicht ein von gesellschaftlichen Gepflogenheiten vorgegebener. Lediglich einmal traf das bei mir rein zufällig mit dem Jahreswechsel zusammen. Das war 2006 auf 2007, als ich Silvester so verbrachte, wie es vorgesehen ist: Allein zu Hause mit einer Flasche Wein, einer angebrochenen Packung Zigaretten und einer Leih-DVD (die Älteren erinnern sich), darauf der aus irgendeinem Grunde deutsche Film zum französischen Roman Elementarteilchen. Mir hat alles an jenem Abend gut gefallen, und dennoch dachte ich mir: Wie wär’s, wenn ich mir nach dieser Packung einfach keine neue mehr kaufe? Und das hab ich dann einfach so gemacht. Ich habe kurz überlegt, ob ich meine letzte Zigarette wegen Lustigkeit wie der Elementarteilchen-Autor Michel Houellebecq rauchen sollte, aber irgendjemand muss das ja auch wieder wegmachen. Houelley hat da bestimmt seine Leute für. Oder in Frankreich wird eh nichts weggemacht, weil Freiheit und Lebenslust.

Habe ich diese Episode nicht schon mal im Blog erzählt? Ja, aber das ist fast auf den Tag genau (ich war selbst bass erstaunt über diese Parallelität) zehn Jahre her. Wenn Sie das noch wissen, stimmt etwas mit Ihnen nicht. (Woran liegt es eigentlich, dass ich im Blog mittlerweile relativ planlos und völlig ungeniert zwischen duzen und siezen alterniere? Es ist wie bei so vielen Männern in meinem Alter: Er hat solche Tage und solche Tage. Zumindest versuche ich meinen Verstand so weit zusammenzuhalten, dass ich innerhalb einzelner Beiträge konsistent bleibe.)

Und falls ich mir nun unter Androhung von Strafe im Unterlassungsfall gute Vorsätze machen MÜSSTE? Dann würde ich mir selbst ab sofort ein paar Worte verbieten, wo leider heutzutage sonst schon niemand niemandem irgendwelche Worte verbietet. Ich möchte zukünftig vor allem auf die Worte ‚überbewertet‘ und ‚unterbewertet‘ verzichten. ‚Überschätzt‘ und ‚unterschätzt‘ gefallen mir melodisch besser, sagen allerdings dasselbe (nämlich gar nichts), also damit ebenfalls weg. Diese Konversationsersticker werden allzu häufig bemüht, um seine Meinungen zu Erzeugnissen der Popkultur, mitunter auch der echten Kultur, kundzutun, ohne seine Meinungen kundzutun.

‚Überbewertet‘ stimmt immer, was dieses Urteil bedeutungslos macht. Welcher Filmklassiker, welcher Kultroman, welches Progrock-Konzept-Live-Doppelalbum wird von seinen lautstärksten Verehrern nicht auf eine völlig realitätsverleugnende Art und Weise verehrt? Ich mache da vor gnadenloser Selbstkritik nicht halt: Ich stehe zu meinen Leidenschaften, hege allerdings den starken Verdacht, dass manche von ihnen läppisch sind.

‚Unterbewertet‘ hingegen stimmt nie, weil diese eigentlich gar nicht so schrecklich missverständliche Vokabel immer, immer, immer falsch verwendet wird (immer!). Nämlich für Werke, die trotz gewisser Qualitäten kein breites Publikum gefunden haben. Dass jedoch für einen Film nur wenige Kinokarten gelöst werden, ist keine Bewertung des Films. Es ist allenfalls eine indirekte Bewertung der Werbestrategie und Marketing-Reichweite.

Das erste Beispiel, dass mir stets zur Unterbewertet-Fehlkategorisierung einfällt, ist der Film Blutmond von 1986, der bestimmt auch in den DACH-Staaten inzwischen wieder auf den öderen Originaltitel Manhunter zurückgetauft wurde, weil englische Titel selbst dann als cooler gelten, wenn sie uncooler sind. Ich mag gar nicht nachsehen, ob ich recht habe. Ist jetzt auch ausnahmsweise nicht das Thema. Das Thema ist: Blutmond wird wahrscheinlich eines Tages das Goldene Dreifach-Ausrufezeichen als „unterbewertetster Film aller Zeiten!!!“ verliehen bekommen. Dabei war er nie unterbewertet, sondern lediglich schlecht besucht. Heutzutage wird er von Hysterikern auf die zuvor beschriebene Art stark überbewertet. Als er erstmals herauskam, wurde er genau richtig bewertet.

Der kritische Konsens lautete damals sinngemäß: „Ein netter Thriller mit ein paar ungewöhnlichen ästhetischen und erzählerischen Konzepten. Besser als viele andere seiner Art, aber nicht so richtig hammeroberaffentittengeil.“ (Entschuldigung, es waren halt die 80er.) Das weiß ich, weil ich zu den wenigen gehörte, die sich den Film seinerzeit im Kino angesehen haben. Und wie bin ich darauf gekommen? Wegen der im Großen und Ganzen wohlwollenden Kritiken.

Durch den Mythos der Unterbewertung von Blutmond sind noch ganz andere Qualitätsmythen über den Film entstanden, die kurz aus der Welt geschafft werden müssen: Nein, er ist nicht besser als der hammeroberaffentittengeile Das Schweigen der Lämmer, der zweite und bekanntere Film mit dem beliebten Kannibalen Hannibal Lecter. Und Brian Cox ist nicht besser in jener Rolle als fünf Jahre später Anthony Hopkins. Diplomatisch könnte man sagen: Die beiden spielen die Figur ganz anders und gleich gut, gemäß den sehr unterschiedlichen Drehbüchern und Tonalitäten der Filme. Realistisch muss man sagen: Hopkins blieb nach Das Schweigen der Lämmer im Gedächtnis, Cox nach Blutmond eher nicht. Weiß man natürlich nur, wenn man von Anfang an dabei war, anstatt den Film retrospektiv mit unzulässigem Insiderwissen aufzuladen.

Blutmond ist ungefähr genauso gut wie Roter Drache (für die spät geborenen Romantasy-Sozialisierten: Red Dragon) von 2002, die handwerklich konservativere Neuverfilmung desselben Romans. Mit seiner 80er-Jahre-Ästhetik, bei der man meint, jederzeit könnte Robert Palmer mit seiner hochhakigen Begleitkapelle um die Ecke stöckeln und ein Lied über unzügelbare Begierden in der Hitze der Nacht anstimmen, bietet der ältere Film modernere Schauwerte. Dafür setzt der neuere auf ältere Tugenden wie Spannung und Dramatik, während Blutmond mitunter in neonkalter Langeweile erstarrt. Möchte man partout die Überbewertet/Unterbewertet-Skala anwenden (ein letztes Mal, zu Dokumentationszwecken), müsste man sagen: Blutmond ist ein bisschen überbewertet, Roter Drache ein bisschen unterbewertet, und so treffen sie sich friedlich in der Mitte. Beide Filme „kann man gucken“ (diese Phrase gewöhnen wir uns 2027 ab) und danach seelisch und intellektuell unerschüttert sein Leben weiterleben.

Ich habe diesen Text übrigens in mein Rollbahn skizziert, während in der Flimmerkiste der Spielfilm Joker: Folie à Deux fröhlich vor sich hin flimmerte. Total unterbewertet.

The Return of Bücherjahresrückblick [blöde Platzhalterüberschrift, vor Veröffentlichung unbedingt ändern!!!]

Der Schock wird euch noch eiskalt im Nacken sitzen: Ende letzten Jahres habe ich gar nicht meine 10 liebsten Lektüren verkündet. Die Welt hielt bis heute den Atem an. Dabei hatte ich 2024 im Durchschnitt ein recht gutes Lesejahr gehabt, zumindest im Vergleich zu meinem vorangegangenen Annus horribilis. Nur war es nicht derart highlightgeschwängert, dass ich guten Gewissens zehn Titel öffentlich hätte ausstellen mögen. Das sieht dieses Jahr zum Glück wieder anders aus, also hier: Die 10 Bücher, die ich in diesem Jahr mit dem größten Vergnügen gelesen habe. Es handelt sich nicht zwangsläufig um Neuerscheinungen dieses Jahres.

Auf meiner Pressetour durch Österreich (gut, Wien) wollte ich mir vor allem Bücher von österreichischen Autorinnen und Autoren kaufen. Wegen Zeit- und Geldknappheit (wahlheimatkulturbedingt musste ich Reisemitbringsel priorisieren) sind es dann doch nur zwei geworden. Ein ziemlich miserabler Thriller und das hier, das ihr eh schon alle kennt und liebt. Das nächste Mal frage ich jemanden, der sich damit auskennt, nach Geheimtipps. Solche Leute kenne ich ja jetzt gottlob.

Steht stellvertretend für diesen ersten und den zweiten Teil einer Trilogie über die Flucht einer Gruppe von Aliens und Alien-Verstehern vor notorischen Alien-Nichtverstehern (Militärs, Geheimdienste etc.). Der dritte Band ist bestimmt genauso kluge und gute Unterhaltung. Den kaufe ich mir baldmöglichst als richtiges Buch. Die ersten beiden waren Zufallsfunde auf dem digitalen Grabbeltisch. Dafür, und nur dafür, ist er da.

Jedes Mal, wenn ich befürchte, Amélie Nothombs Stil könnte mir irgendwann auf den Zeiger gehen, beweist sie mir, dass ihr Stil weit über reinen Stil hinausgeht.

Ich habe ihn so vermisst, dass ich es gleich zweimal gelesen habe.

Könnte ich dasselbe drüber sagen wie über ‚Psychopompos‘, nur eben mit ‚David Peace‘ anstatt ‚Amélie Nothomb‘. Und ‚er‘ anstatt ‚sie‘, wenn wir es hier peinlich genau nehmen wollen.

Ich bin auch Monate nach dem Lesen noch baff von der Themenbreite, die dieser Roman ganz unverkrampft bearbeitet. Ich möchte gar nicht erst von all den -ismen anfangen, die hier verhandelt werden, denn das schreckt ja doch nur ab. Das Wichtigste: Es ist nicht nur ein -istischer und bisweilen anti-istischer Roman, sondern vor allem ein richtig fesselnder Schmöker.

Martin Cruz Smith hat in seinen letzten Jahren krankheitsbedingt von epischen Ausschweifungen abgesehen und punktgenaue, hochkonzentrierte Kriminalromane ohne Gedöns geschrieben beziehungsweise diktiert. Sie gefallen mir besser als die selbstverständlich ebenfalls sehr guten früheren Bücher mit mehr Gedöns. Mit oder ohne Gedöns wird er fehlen.

Ehrlich gesagt war Cosbys vorletzter Roman, ‚All the Sinners Bleed‘, der erste von ihm, den ich ein kleines bisschen enttäuschend fand. Gottlob hat er sich jetzt wieder voll und ganz berappelt. Ein so hervorragender Thriller, dass er natürlich nicht nur ein Thriller ist.

Es war selbstredend nicht mein erstes Mal. Hatte ich zwecks Recherche nur mal wieder kurz reingucken wollen, musste dann aber einfach drinbleiben. Das Buch hatte mich damals laut Preisschild 6 Mark 80 in einer Frankfurter Buchhandlung gekostet, also wahrscheinlich während eines Perry-Rhodan-Weltcons gekauft. Eine gute Investition.

Hat mich inspiriert, nach weiteren Indianerbüchern Ausschau zu halten. Und das in meinem Alter noch.

Oh. Du. Fröhliche. (2025 X-Mas Roundup pt. 2)

Zurück aus den imaginären 90ern und hinein in die Gegenwart: Der einzige ganz neue Weihnachtsfilm, von dem ich mir in diesem Jahr ein vertretbares Mindestmaß an Unterhaltung versprochen hatte, war Jingle Bell Heist – der große Weihnachtsraub.

Zwei Junge Leute, ein Bube und ein Mädchen, beschließen, gemeinsam einen bösen Kaufhausbesitzer auszurauben, natürlich für einen guten Zweck (Rache am ehemaligen Arbeitgeber des Buben und kostspielige Krebsbehandlung der Mädchen-Mutter). Das funktioniert für den Zuschauer gut, solange er sich noch in den Film hineinfindet. Die beiden Hauptfiguren sind schnucklig, und die Darsteller haben gerade genug Chemie, um die anbahnende Liebesgeschichte plausibel zu machen, ohne übertriebenen Fokus auf sie zu lenken. Die Nebenfiguren sind mit Bedacht gewählt und erfüllen ihre Aufgaben anständig (die Mutter ist für die Rührung zuständig, die Ex-Frau für die Komplikationen, der exzentrische Mitbewohner für die komischen Einwürfe etc.). Der Plot passt zumindest in keine der allzu ausgeleierten Weihnachtsfilmschablonen, versucht aber auch nicht, Weihnachten neu zu erfinden.

Sobald man sich allerdings im Film eingerichtet hat, verfällt er in einen allzu langen dramaturgischen Leerlauf. Die zweite Hälfte ist kaum mehr als eine Aneinanderreihung vorhersehbar erfolgloser Raubversuche. Ansonsten wäre der Film ja viel zu früh vorbei.

Wer alle meine Schriften gelesen, auswendig gelernt und verinnerlicht hat, der weiß, dass ich den Plot für ein überbewertetes Erzählelement halte und insbesondere überraschende Wendungen, die sogenannten ‚Plot-Twists‘, für faulen Zauber, dessen man sich nur bedienen muss, wenn einem sonst nichts einfällt. Manchmal sind diese Twists aber so gut, dass ich fast ein kleines bisschen versucht bin, meine Ablehnung zu überdenken. Jingle Bell Heist bietet im Finale gleich zwei davon. Völlig unerwartet, und doch völlig naheliegend und stimmig. Möglicherweise bin ich sogar ein bisschen in die Luft gesprungen und habe vornehm mit den Fingerspitzen geklatscht. Als ich mich wieder eingekriegt hatte, merkte ich natürlich, dass ich von vornherein Recht gehabt hatte: Diese Wendungen sind faule Tricks, um zu kaschieren, wie wenig den Autoren auf dem Weg dorthin eingefallen ist. Manchmal jedoch funktionieren faule Tricks eben. Besonders an Weihnachten, wenn man gerne mal ein Auge zudrückt.

Bevor wir zum nächsten Film als solchen kommen, muss ich etwas über Michelle Pfeiffer und mich richtigstellen: Wir haben kein Beef. Alles in Ordnung. Never better. Sollte in meinem vorletzten Blogeintrag ein anderer Eindruck entstanden sein, dann täuscht der. Was hätte ich in meinen jungen Jahren darum gegeben, einer der fabelhaften Baker Boys zu sein, notfalls auch der hässlichere. Oder Batman. Pfeiffer hat in den nachfolgenden Jahrzehnten nichts von ihrem Talent und Charme eingebüßt. Leider weiß Hollywood das aber nicht und besetzt in altersgerechten Charakterrollen (die es entgegen anderslautenden Gerüchten durchaus in ausreichender Anzahl gibt) lieber Schauspielerinnen, die schon immer eher durch Charakter als durch Schlitz im Kleid aufgefallen sind. Pfeiffer ist nicht schwächer geworden, nur ihre Rollen sind es. Bestimmt könnte man an dieser Stelle auch etwas über die Ungerechtigkeit sagen, dass Männern um die 70 noch das Skillset zugetraut wird, in Actionfilmen auf den Putz zu hauen, doch grob gleichaltrigen Frauen offenbar nicht. Könnte man sagen, und man würde recht haben. Ich wäre bei einem Taken-Reboot mit Michelle Pfeiffer sofort dabei. Aber erst mal Oh. What. Fun.

Es geht um eine weihnachtsgestresste Familienmutter (Pfeiffer), die einfach ausreißt, nachdem der Rest der Familie einen Kevin abzieht und sie versehentlich allein zu Hause lässt, als die Bagage zu einer Veranstaltung aufbricht.

Glücklicherweise passiert das relativ spät im Film, der vor Einsetzen des Plots wirklich gut ist. Nicht originell, aber gut. Wir haben diese Komödien über dysfunktionale Familienfeiern schon oft gesehen, doch es kommt ja nicht darauf an, was man erzählt, sondern wie man es erzählt. OWF ist lustig, solange die ganze hervorragende Besetzung beieinander ist. Warum sollte man die auseinanderreißen wollen? Neben Pfeiffer sind Chloë Grace Moretz, Jason Schwartzman und Denis Leary mit von der Partie. Und die, die ich namentlich nicht kenne, machen ihre Sache ebenfalls sehr gut. Die obligatorische Rivalen-Bilderbuchfamilie von gegenüber wird von Joan Chen angeführt. Noch so eine Jugendfantasie, die weiß, was sie tut.

Dieser Film, von dem ich aus unserer diesjährigen Auswahl am wenigsten erwartet hatte, gefiel mir eine ganze Weile am besten. Warum hatte der so schlechte Kritiken bekommen? Sollte es etwa stimmen, was alle sagen? Dass Kritiker eh einen an der Waffel haben? Wie gut, dass ich damit rechtzeitig aufgehört habe, sonst hätte ich jetzt womöglich auch einen an der Waffel.

Leider zerfasert OWF in ein nur punktuell komisches Tohuwabohu, nachdem Mutti zu ihrem Roadtrip aufgebrochen ist. Für die vorgetäuschte feministische Botschaft taugt die Rolle nicht, da sie zu komödiantisch überzeichnet ist. Manche Filme schaffen den Spagat zwischen Komik und Drama; dieser schafft ihn nicht. Die dramatischen Momente wirken unaufrichtig, sind nichts als Downer mit erhobenem Zeigefinger. Im weiteren Verlauf gibt es Einsprengsel von handzahmer Medienkritik und einen halbherzigen Versuch, aus dem Ganzen so etwas wie eine weibliche Weihnachtsversion von Ein Ticket für zwei zu machen (übrigens auch nicht mehr so lustig wie vor knapp 40 Jahren, um mal wieder einen vom Stapel zu lassen). Man wünscht sich, die Verantwortlichen hätten den Film zu Ende gemacht, den sie angefangen hatten.

Falls irgendwer es bis dahin verpasst haben sollte: Im Abspann kommt dann noch der allerletzte Beweis, dass dieser Film nicht weiß, was er will. Dort wird eine Szene von eingangs wiederholt, in der die erwachsenen Kinder von Joan Chens rivalisierender Bilderbuchfamilie ein Weihnachtslied in einer ganz schrecklichen Soul-Gejaule-Version zerstören. Beim ersten Mal war das ein gelungener Lacher, in der Wiederholung soll es plötzlich echte Weihnachtsstimmung verströmen. So geht das nicht.

Aber was weiß denn ich. Vielleicht bin ich nur ein Kritiker, der einen an der Waffel hat. Jetzt auf jeden Fall (mit Augen zu und Hand am Ohr): „Fro-ho-ho-ho-heee Weijeijeijeihnaaa – HAAA – ch … tennn (uh) (yea).“

(Wie immer gilt: Falls wir über die Feiertage noch mehr X-Mas-Premium-Content schaffen, wird die kritische Einordnung nachgereicht. Nächstes Jahr ist ja vermutlich auch wieder Weihnachten.)

Das große 2025-Compuserve-Weihnachtsspecial, mit Stargast Abraham Benrubi

Frauen! (Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen.) Da habe ich in meinem letzten Blogeintrag lang und breit erklärt, dass meine alljährliche Weihnachtsfilmübersicht dieses Jahr ausfallen muss, weil meine Frau wegen Qualitätsbedenken keine neuen Weihnachtsfilme gucken möchte. Und dann meint sie auf einmal: „Wir sollten bald mal anfangen.“

Dass sie etwas Weihnachtsrelevantes meinte, ging aus dem Kontext hervor, ist schließlich Dezember. „Eigentlich sind wir schon fertig“, antwortete ich etwas verwirrt. „Der Baum muss so. Hana ist jetzt in ihrer zen-haften Weniger-ist-mehr-Phase. Teenager-Faulheit sagt man heute nicht mehr.“

„Nein, ich meine Weihnachtsfilme.“

„Himmel, Arsch und Zwirn!“, brüllte ich sie freundlich an. „Ich mache dir seit Wochen Vorschläge, aber du schmetterst jeden ab!“

„Ich würde gerne den mit Michelle Pfeiffer sehen.“

„Der ohne Michelle Pfeiffer hat bessere Kritiken bekommen.“

„Dann erst mal den.“

This is Christmas fällt nicht so sehr wegen seines starken, einfallsreichen Titels auf, sondern zunächst wegen all dem, was dieser Film nicht zu bieten hat. Es gibt keine Enemies-to-lovers-Geschichte um eine aufgekratzte großstädtische Karriereziege und einen kleinstädtischen, gut gebauten Krämerladenbesitzer (junger Witwer mit ganz tollem Kind). Es gibt keine sexualisierten Weihnachtsmänner für das Prosecco-Publikum, das seine Weihnachtsfilme am liebsten ‚herrlich frech und ein kleines bisschen anders‘ möchte. Es gibt keinen Slapstick um fehlfunktionierende Weihnachtsdekoration für alle, die immer noch über Chevy Chase lachen können.

Das ist schon mal ein Anfang. Es hilft wirklich, dass man offenbar ein paar Minuten länger über die Handlung und die Stimmung nachgedacht hat. Es geht um einen jungen Mann, der eine Gruppe von Zufallsbekanntschaften aus dem öffentlichen Personennahverkehr zu einer Weihnachtsfeier einlädt. Darunter auch die junge Frau, in die er sich verlieben wird (und umgekehrt). Das mag nicht bookerpreisverdächtig klingen, doch die Weihnachtsfilmlatte hängt derzeit so tief, dass diese Story locker drüber springt, und zwar mit Salto. Es hilft ebenfalls, dass dieser Film nicht aussieht wie von Praktikanten kurz vor Feierabend runtergekurbelt, sondern wie von professionellen Filmemachern gestaltet, die ihre Arbeit mit Stolz und Leidenschaft verrichten. London im Winter sieht aus, wie London im Winter aussehen sollte (also wahrscheinlich nicht so, wie es tatsächlich aussieht). Die Besetzung ist hochwertig, obwohl nicht jeder seinem Status entsprechend ausreichend zu tun hat. Welchen Zweck die Rolle Ben Millers hat, für mich nach wie vor der einzige Death in Paradise-Ermittler, hat sich mir beispielsweise nicht erschlossen. Vielleicht hätte man aus dem Stoff und dem umfangreichen Personal lieber einen ambitionierteren Reigen à la Tatsächlich Liebe machen sollen, in dem jeder zu seinem Recht kommt. Hätte aber auch schief gehen können, also vielleicht lieber nicht. Passt, wie es ist.

Achtung, jetzt wird’s mächtig 90er-Jahre-mäßig. In Christmas Bloody Christmas spielt Abraham Benrubi einen militärischen Weihnachtsmannroboter, der kurz vor Weihnachten ein paar Leute abschlachtet. Schöne Bescherung. Warum das Militär Weihnachtsmannroboter herstellt, weiß ich nicht, hab ich halt nicht aufgepasst, ist jetzt eh nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist Abraham Benrubi. Denke ich an die 90er, habe ich sofort sein freundliches Gesicht vor Augen. Der Zwei-Meter-Mann spielte unter anderem in Parker Lewis – der Coole von der Schule und Emergency Room – die Notaufnahme mit. Mehr 90er-Jahre-Ownership geht nicht. Außerdem erinnere ich mich an den Fun-Fact, dass er schon damals eine Internet-Fanseite hatte. Zu jener Zeit ein Kuriosum, das ich sogleich in meiner Bremen-Norder Stadtteilmagazin-Kolumne ‚Die erogene Fußgängerzone‘ erwähnen musste, quasi dem direkten geistigen Vorgänger dieses Blogs. Vermutlich in einer meiner vielen messerscharfen ‚Dieses Internet wird sich eh nicht durchsetzen‘-Polemiken.

Benrubi ist jedenfalls so 90er wie Netscape, nur glücklicherweise nicht so vorbei, denn er ist ja jetzt in Christmas Bloody Christmas (im Folgenden „CBC“ genannt). CBC ist von 2022, doch zuerst dachte ich, er würde in den 90ern spielen, so stark ist Benrubis Voodoo. Der Film beginnt mit nachempfundenen Werbespots im Röhrenfernseherformat (leider nur leidlich witzig). Ich meine, dort spielt er bereits als Familienvater mit, aber ich kann mich irren, und wir werden es nie erfahren, wenn wir nicht schnell die Compuserve-CD aus der Papierhülle mit Plastikfenster nesteln, die Software auf unserem Tower installieren, unser Modem anschmeißen, Netscape aufrufen, auf Yahoo surfen und nach der Abraham-Benrubi-Fanpage suchen.

„So ein Quatsch!“, ruft Abraham Benrubi. „Compuserve verwendete überhaupt kein Netscape, sondern den hauseigenen Mosaic-Browser!“ Daraufhin der Nerd aus der Peripherie des Freundeskreises, der schon damals jeden als unwertes Leben erachtete, der nicht mit Linux arbeitete: „Aber hallo, klar konnte man Compuserve mit Netscape verwenden! Man musste nur das Blah in der Blah mit Blah überschreiben und einmal aus- und wieder anschalten! Warum allerdings sollte man überhaupt so grenzenlos doof sein, Compuserve zu benutzen, wenn man unter Linux auch …“ Und zack, hat er sich eine eingefangen. Manche Dinge ändern sich zum Glück nie.

Die eigentliche Handlung von CBC beginnt in einem grungigen Plattenladen mit leuchtendem Neon-Graffiti an den schwarzen Wänden, wie es das nur in 90er-Jahre-Filmen gab. Vor allem in solchen, in denen sich Mainstream-Hollywood bemühte, jugendliche Subkultur abzubilden. Dann folgt in diesem Film allerdings bald der erste 30-Seconds-to-Mars-Witz (die lästige Vanity-Band wurde zwar in den 90ern gegründet, doch die Witze sind ein relativ junges Phänomen), und das erste Smartphone lässt ebenfalls nicht lange auf sich warten. Die erste Hälfte ist größtenteils Gesabbel in schön fotografiertem Ambiente. Gesabbel ist für mich wie Autoverfolgungsjagden: Sehe ich im echten Leben kritisch, finde ich in Film und Fernsehen aber mitunter ganz amüsant, solange es geschmackvoll gemacht ist. Ich habe schon besseres Gesabbel gehört als das in CBC, glücklicherweise auch schlechteres. Inhaltlich geht es in erster Linie um popkulturelle Phänomene wie Filme und Musik. Der Duktus ist dabei ein wenig zu authentisch geraten. Authentizität und Realismus sind nicht das, wonach Drehbuchautoren streben sollten, wenn sie Dialoge verfassen. Sie sollten lieber gut als authentisch schreiben, man ist ja nicht in der U-Bahn oder beim Bäcker. Dennoch vertreibt das Gesabbel in CBC die Zeit, bis das Abschlachten richtig losgeht, wilder und origineller wird als bei den ersten ein oder zwei Aufwärm-Morden. Im letzten Akt kämpft das Final Girl Seite an Seite mit zwei uniformierten Polizisten, die aussehen wie Nick Cave und ein Bad Seed (vermutlich dieser bärtige Geiger, ich bin da ein bisschen raus). Aber nicht lange, es ist halt ein Slasher-Film. Ein sehr gut aussehender und flott erzählter Slasher-Film. Mit ein bisschen mehr Skriptfeilerei hätte daraus ein echtes Weihnachtswunder werden können. Außerdem erwähnenswert: Riley Dandy. Keine Ahnung, wer das ist. Jemand sollte ihr zumindest eine Wikipedia-Seite spendieren, wenn nicht gar eine Netscape-optimierte Fanpage. Wäre CBC aus den 70ern, würde sie heute auf Conventions Seite an Seite mit Sigourney Weaver und Jamie Lee Curtis Devotionalien signieren. Falls sie das nötig hätte.

Da mein gebührenfinanzierter Blog auch einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat: Abraham Benrubi ist ein character actor, aber kein Charakterdarsteller. Diese Vokabeln sind false friends, wie wir im Englischunterricht sagen. Obwohl beide Begriffe mit einer gewissen Bedeutungselastizität gesegnet sind, so meint der deutsche meist doch einen Schauspieler, der auf die besonders schwierigen, charakterlich komplexen Rollen spezialisiert ist. Der englische hingegen meint in seiner gängigsten Verwendungsweise beinahe das Gegenteil, also jemanden, der auf eine bestimmte, oft stereotype Rolle festgelegt ist. Deshalb sind klassische character actors meist die, die man schon tausendmal gesehen hat, ohne ihre Namen zu kennen: Der Typ, der in Mafia-Filmen immer den Mann fürs Grobe spielt. Der Typ, der immer den fetten, korrupten Cop mit dem Herzen aus Gold spielt. Der Typ, der immer den quengeligen Kleinganoven spielt. Gut, Steve Buscemi ist inzwischen auch namentlich einigermaßen bekannt.

Siehe zu diesem Thema auch die Floskel „He’s quite a character“, die eben nicht auf charakterliche Vielschichtigkeit hinweist, sondern auf ein paar wenige, besonders markante Merkmale. Am besten übersetzt mit: „Er ist eine echte Type.“ Wie sagte man im 90er-Jahre-Fernsehen? Wieder was gelernt.

(Falls wir noch mehr Weihnachtsfilme schaffen, melde ich mich wieder.)

Alles, was du jetzt über Netflix wissen musst, und warum Weihnachten dieses Jahr (höchstwahrscheinlich) ausfällt

Vermutlich habt ihr die Netflix-Nachrichten der letzten Tage gebannt verfolgt und habt jetzt viele Fragen. Keine Sorge, ich bin hier, um sie zu beantworten.

Die erste Frage lautet verständlicherweise: Stimmt es, dass der sympathische Entertainment-Monopolist jetzt auch Lebensmittel im Angebot hat? Die Antwort lautet: Ja, aber sie kosten extra. Da ich neulich gesundheitlich etwas angeschlagen war, habe ich sie alle durchprobiert, wegen der ausgewogenen Ernährung.

Die zweite Frage lautet: Und wie schmecken die jetzt? Antwort: Ganz gut, obwohl es nun, einige Tage später, bereits etwas schwierig ist, sich an Einzelheiten zu erinnern. Wie bei einem Netflix-Actionfilm mit irgendeinem Chris.

Als erstes probierte ich die 3-Minuten-Terrine. Ist am längsten her, deshalb am wenigsten im Gedächtnis. Da ich aber das Experiment nicht gleich danach abgebrochen habe, gehe ich davon aus, dass sie recht süffig war. Ich erinnere mich sehr wohl, dass ich ein Foto vor dem Hintergrund der Bedienoberfläche des Netflix-Konkurrenten Hulu geknipst habe (Abb. oben), für ein launiges Jux-Posting in den sozialen Medien. Unter uns kann ich es ja verraten: Das Foto ist gestellt. Ich habe zur Netflix-Suppe sehr wohl Netflix geschaut. Hulu ist voller Filme, die man unbedingt „irgendwann mal“ gucken möchte, nur kommt dieses Irgendwann halt nie. Und wenn doch, dann ist bis dahin garantiert der Film wieder weg, denn nichts streamt ewiglich. Und dann kichern die unverbesserlichen Scheibenhorter gehässig in ihre Fäustchen und sagen: „Hab ich doch gesagt.“ Darauf antworte ich lediglich mit einem sehr erwachsenen Geräusch, mit meiner Zunge zwischen meinen Lippen produziert.

Mazesoba steht drauf, aber es handelt sich eher um hundsgemeines Yakisoba, so etwas wie die japanische Bratwurst im Brötchen. Gehört zu Volksfesten irgendwie dazu, also isst man es, ohne groß einen Gedanken daran zu verschwenden, ob es einem nun Genuss bereitet oder nicht. Hauptsache Bier dabei und Getöse umzu. Und warum auch nicht. Hat natürlich zu Hause ohne Bier und Getöse nicht dieselbe Strahlkraft.

Bei der Appetitlichkeit dieser fotografischen Inszenierung habe ich alter Food-Stylist ein bisschen nachgeholfen, denn das Mayonnaise-Herz ist selbstverständlich mit dem beigefügten Mayonnaise-Aufreißtütchen nicht zu erreichen, sondern nur mit einer separat erhältlichen Mayonnaise-Quetschflasche. Ich habe die Mayonnaise aus dem Tütchen vor dem Verzehr trotzdem noch dazugegeben, denn zu viel Mayonnaise geht ja kaum. Ist wie mit Remoulade, Speck und Parmesan. Ohoho. Das sind ja die drei großen Aufreger-Themen der vorgeblichen deutschen Geschmackselite. Die regt sich nämlich unentwegt und ungefragt darüber auf, dass „die Deutschen“ bei allem zu viel Remoulade, Speck und/oder Parmesan rantäten. Im letzten Jahrhundert hätte noch Maggi in diese Reihe gehört, doch inzwischen ist selbst dem unreflektiertesten Motzer aufgegangen, dass „die Deutschen“ so gut wie gar kein Maggi mehr verwenden. Die unverwechselbaren Fläschchen mit dem hohen Nostalgiefaktor werden nur mehr von Auslandstouristen kofferweise eingekauft, die das für „herrlich deutsch“ halten. Die Deutschen selbst haben inzwischen mehrheitlich eingesehen, dass Maggi tatsächlich so scheußlich ist wie sein Ruf. Warum sie trotzdem weiterhin auf Remoulade, Speck und Parmesan schwören, hat einen guten Grund: schmeckt einfach super.

Mein Netflix-Gastro-Favorit ist vielleicht das Curry aus dem Kochbeutel. Ich habe es natürlich nicht mit Reis zubereitet, denn wer mag schon Reis. Ich habe es zur Pastasauce umfunktioniert. Küchen-Hack der Spitzenklasse: Einfach den Kochbeutel im Nudeltopf mitkochen lassen. Spart Topf, Wasser und Strom.

Voila.

Für die Abendunterhaltung gibt es Wasabeef-Chips, was wohl darauf hindeuten soll, dass sie Wasabi enthalten.

Sie schmecken aber trotzdem. Wasabi ist ein interessantes Gewürz, passt nur leider zu so gut wie nichts. Hier ist die Note jedoch so fein, dass sie nicht weiter stört. Genau wie das Chipsbegleitprogramm vom Streaming-Anbieter.

Darüber hinaus gibt es noch diverse Netflix-Süßigkeiten, die ich mir gespart habe, denn wer mag schon Süßigkeiten, gerade in der Weihnachtszeit.

Apropos Netflix und Weihnachten (ich lüge nicht, wenn ich anmerke, dass dieser superelegante Übergang so nicht geplant war): Gewohnheitsmäßig nutze ich diesen Blog in der Jahresendphase, um meine Meinung über das Weihnachtsfilmangebot der Streaming-Dienste mit der Welt zu teilen. Jedes Jahr starte ich voller Elan und ende mit dem Schwur, es im nächsten Jahr garantiert nicht wieder zu tun. Dieses Jahr muss ich (höchstwahrscheinlich) Wort halten. Der Grund ist recht dramatisch: Meine Frau ist abgesprungen. Nicht aus der Ehe, jedoch, schlimm genug, aus der Weihnachtsfilmguckerei. Sie hat es einfach nicht mehr ausgehalten. Wie Meatloaf einst sang, war sie eben doch nicht bereit, wirklich alles für die Liebe zu tun. Sie schaut lieber gute Filme, sagt sie. Ich bin da pflegeleichter. Das jugendliche „Abfeiern“ von „Trashfilmen“ ist mir zwar mittlerweile zu anstrengend, aber unter den richtigen gesellschaftlichen und getränklichen Voraussetzungen halte ich jeden Film aus. Film ist ja eh nur Berieselung. Im meist langatmigen Mittelteil wordlet man einfach ein bisschen. Wenn ich mehr als nur Berieselung möchte, lese ich halt ein Buch oder spiele ein Videospiel. Bin ich bei der Berieselung ganz auf mich allein gestellt bin, beriesele ich mich allerdings ebenfalls lieber mit guten Filmen. Vielleicht schaffe ich es noch, meine Frau umzustimmen, doch sie gibt sich schon sehr entschlossen, und uns läuft ein wenig die Zeit davon.

Nichtsdestotrotz habe ich mir selbstredend einen Überblick über die diesjährige Weihnachtsfilmauswahl verschafft, und ich muss sagen: Manchmal kann ich meine Frau verstehen. Ich glaube, dass dieses Jahr als ein entscheidendes, als ein Wendepunkt in die Weihnachtsfilmgeschichte eingehen wird, denn es ist weit und breit nichts zu finden, was auch nur annähernd nach professionell gefertigtem Kintopp aussieht. Die Menschen werden sich von ihren Sitzgarnituren erheben, die Fäuste gen Himmel schütteln und skandieren: „Das Maß ist voll! Nur noch viertklassiger Murks ist inakzeptabel! Wir brauchen mindestens zwei erträgliche Weihnachtsfilme pro Saison! Solche mit ein bisschen Budget, ein bisschen Liebe und ein bisschen Handwerkszeug! Nichts gegen Michelle Pfeiffer und Alicia Silverstone, irgendjemand muss ja die Lindsay-Lohan-Lücke füllen, aber wo sind die echten Stars von heute?! Wo ist Toni Collette oder, hier, wie heißt sie noch, die andere – Cate Blanchett?! Wir wollen Aaron Sorkin an der Schreibmaschine und Steven Soderbergh hinter der Flüstertüte anstatt anonymen Hallmark-Brainrot! Und falls das ein wenig zu viel verlangt ist, dann zumindest Carry-On 2: Airport Boogaloo! Wie kann es überhaupt angehen, dass der beste Weihnachtsfilm des letzten Jahres (und der zweiterfolgreichste Netflix-Film aller Zeiten) in diesem Jahr keine Fortsetzung bekommen hat?! KI-Versagen?! Algorithmus kaputt?! Arsch offen?!“

Genau das werden die rufen, Wort für Wort, und sie werden recht haben. Ob sie auch recht bekommen, wissen wir in einem Jahr.

Werkstattbericht mit Vampiren

An Halloween und um Halloween herum habe ich dieses Jahr mal etwas Ungewöhnliches getan: Ich habe mir Horrorfilme angeschaut. Normalerweise gehört mein Oktober ganz den romantischen Komödien, als Protest gegen diesen hirn- und traditionslosen Halloweenismus in Kulturkreisen, in deren Kultur er gar nicht hineingehört. Aber diesmal war mir einfach nach Horror. Weil mir eigentlich fast immer danach ist.

Allerdings habe ich mir nicht irgendwelche Horrorfilme angesehen (nicht dass daran irgendetwas falsch wäre), sondern Vampirfilme. Das liegt daran, dass ich gerade an einem Vampirroman arbeite. Mit ‚gerade‘ meine ich: Seit knapp drei Jahren immer mal wieder, wenn ich ‚zwischen Büchern‘ bin. Das wiederum heißt: Das letzte Buch just fertig, das nächste Projekt bereits abgeschlagen, aber noch nicht vertraglich eingelocht. Mit ‚arbeiten‘ meine ich: Mit kindlichem Übermut im großen Stil Ideen, Szenen und Skizzen raushauen, die ich später, wenn’s ernst wird, immer noch mühsam miteinander verbinden kann, hoffentlich. Momentan habe ich also sehr viel Exposition und recht wenig konkrete Handlung. Ich weiß selbst, dass das ein Missverhältnis ist; ich mache so was ja nicht erst seit gestern. Lasst mir halt den Spaß.

Ich glaube nicht an die Weichei-Regel vieler hasenhaft ängstlicher Kollegen, dass man sein Konsum- und sein Schreibverhalten strikt trennen müsse. Also beispielsweise keine Kriminalromane lesen, wenn man selbst gerade einen schreibt. So viel Selbstvertrauen muss man schon haben, sage ich, dass man Inspiration und Imitation trennen kann. Hören Punk-Musiker etwa nur Klassik und Schlager, wenn sie eine neue Langspielplatte einspielen? Kann ich mir nicht vorstellen, und umgekehrt erst recht nicht. Insbesondere in der von Euphorie geprägten frühen Schaffensphase, wenn die Ideen noch so sprudeln, dass man gar nicht so schnell tippen kann und ein Meisterwerk unvermeidlich scheint, möchte ich ganz in dem Milieu aufgehen, in dem ich arbeite. Auch wenn ich nicht arbeite. Das sieht in der Endphase, wenn mir mein ganzes lahmes Zeug längst zum Hals raushängt, anders aus. Also schnell ein paar Vampirfilme reingezogen, bevor die Katerstimmung einsetzt.

Stephen King und ich haben etwas gemeinsam: Brennen muss Salem war unser zweiter Stephen-King-Roman. Für ihn nach Carrie, für mich nach Christine. Das ist nun schon einige Jahrzehnte her. Ich weiß nicht, ob Steve sich noch ganz genau an alles erinnern kann, was darin vorkommt. Ich ganz bestimmt nicht. Und meine verschwommene Erinnerung ist wahrscheinlich von Tobe Hoopers TV-Verfilmung aus den 1970ern korrumpiert. Bilder wirken ja immer länger nach als Texte. (Das spricht natürlich nicht gegen Texte. Das Flüchtige ist schließlich meist reizvoller als das Beständige.) Ein bisschen würde mich interessieren, ob man diese nach wie vor verdächtig beliebte Fernsehversion wirklich heute noch gucken kann, ohne sich von vorne bis hinten etwas vorzumachen. Wahrscheinlich nicht. Mit der ähnlich beliebten 80er-Jahre-TV-Verfilmung von Es geht es jedenfalls nicht; das habe ich vor ein paar Jahren sehr zu meinem Leidwesen ausprobiert. (Falls nun ein Klugscheißer kommt, der die IMDB auswendig gelernt hat, weil ihm das Leben sonst nichts bietet, und meint, die Es-TV-Verfilmung sei aus den 90ern: Nein, sie wurde erstmals 1990 ausgestrahlt, also im letzten Jahr der 80er, denn Jahrzehnte werden von 1 bis 10 gezählt, nicht von 0 bis 9. Beim Klugscheißen macht mir nämlich so schnell keiner was vor.)

Mit butterweichen Bildern amerikanischer Kleinstadtidylle und rasanten nächtlichen Monsterattacken sieht der neue ’Salem’s Lot – Brennen muss Salem von 2024 aus wie eine richtige Stephen-King-Verfilmung. Weil aber alle Handlungs- und Figurenentwicklung einer effizienten Laufzeit geopfert wurde, fühlt er sich nicht so an. Dafür fühlt er sich an wie eine Hommage ans klassische Vampirkino (Halleluja, die Kruzifixe funktionieren wieder!). Und das ist ein gutes Gefühl. Das Gefühl wird vergehen, und bis Ende des Jahres werde ich den Film bestimmt vergessen haben. Wie schön, dann kann ich ihn mir im nächsten Jahr gleich noch mal angucken.

Sinners (auf ‚Deutsch‘ natürlich: Blood & Sinners) war das große Ding der Unmöglichkeit dieses Kinojahres: Ein recht kostspieliger Film für Erwachsene, der zu keiner Franchise gehörte und auch ausdrücklich nicht zu einer werden sollte, und der trotzdem kräftig die Kassen klingeln ließ. Noch dazu ein Film, den man früher verschämt als ‚ethnisch‘ bezeichnet hätte (womit man meinte, auf viel mehr als eine ‚ethnische‘ Zielgruppe müsse er sich gar nicht erst Hoffnung machen). Er ist das Gegenteil von ’Salem’s Lot – Brennen muss Salem: Es gibt in der ersten Hälfte so viel Handlungs- und Figurenentwicklung, dass es uneinsichtigen Horrorpuristen etwas langweilig werden könnte. Doch wir Erwachsenen freuen uns und fragen: Brauchen wir die Vampire überhaupt noch? Mich hat die reale, historische Welt von Sinners so fasziniert, dass ich auf die ausgedachten Monster hätte verzichten können. Zumal sie hier mit einer altbackenen Holzhammer-Symbolik aufgeladen werden, die dem Film gleich alle Subtilität ausprügelt. Mehr Blues und Breakdance, weniger Beißen, wäre mein Ratschlag. Als überzeugter woker weißer Gutmann in den besten Jahren gestehe ich allerdings ein: Möglicherweise bin ich nicht die allerglücklichste Wahl, um Regisseur Ryan Coogler irgendwelche Ratschläge zu geben, wie er seine Filme zu gestalten habe.

Gleichwohl habe ich so meine Meinungen, und zu denen gehört eine gewisse Enttäuschung darüber, dass all die fein eingeführten Figuren in der zweiten Filmhälfte nicht viel mehr zu tun haben, als auf recht konventionelle Art und Weise Vampire abzumurksen und auch nicht-vampirische Konflikte kurz vor Schluss noch schnell mit dem Schießeisen zu lösen. Aufrichtig beeindruckt war ich von den fliegenden Wechseln zwischen Familiendrama, Action-Horror, Musical, Revuetheater und Western. (Kurz zur Begriffserklärung: Mit ‚Western‘ meine ich Western. Nicht ‚Seifenoper mit Hüten‘, wie es sich zu meinem Verdruss in den letzten Jahren bei vielen eingeschliffen hat.) Doch irgendwie schaffte es die Begeisterung nicht von meinem Kopf in mein Herz. Tief berührt hat mich Sinners so gut wie nie. Vielleicht ein kleines bisschen bei einem der vier Enden (wirklich – zwei oder drei hätten es auch getan). Eher ein Film für die Criterion Collection als einer zum Angucken.

Apropos: Nosferatu – der Untote (2024). Manchmal hegt man gegen einen Film von Anfang an eine geradezu gespenstische Antipathie. Mitunter wird es im Verlauf des Films besser. Doch meistens fragt man sich bloß: Sind wir bald da? Kommt das Bessere gleich? Oder darf ich aufgeben und lieber etwas anderes machen?

So war das bei mir und dem neuen Nosferatu. Vielleicht lag es an der glatten ‚Guck mal, ich habe einen Film mit meinem iPhone gemacht!‘-Ästhetik. Vielleicht an der Konzentration auf manierierte Oberflächenreize. Vielleicht am völligen Mangel an Figurenzeichnung. Vielleicht hatte ich bloß zu viele Megachips gegessen.

Die männliche Hauptrolle spielt Nicholas Hoult, den ich bislang nur als Renfield in Renfield kannte. Und das ist noch so ein Problem mit Nosferatu. Renfield ist womöglich der beste Vampirfilm der letzten Jahre. Also konnte ich während Nosferatu nicht anders, als die ganze Zeit zu denken: Ich würde jetzt viel lieber zum dritten Mal Renfield sehen als diesen musealen Quark. Nach einer halben Stunde ertrug ich die Stimmen in meinem Kopf nicht länger und machte das einfach.

Ursprünglich wollte ich den Blogeintrag an dieser Stelle abrupt abbrechen. Den Film stumm genießen. Allenfalls an der einen oder anderen Stellen spontan und vergnügt „HAHAHA!“ ausrufen (wie heißt das noch mal, habe ich vergessen). Andererseits wollte ich euch unter 1200 Wörtern nicht davonkommen lassen. Ist schließlich Sonntag, da habt ihr eh nichts anderes zu tun. Also so viel zu Renfield: Ungemein lustiges Drehbuch; flotte, aber nicht zu zappelige Inszenierung; ein augenschmeichelndes Farbeschema; und eine Besetzung, wie wir sie am Ende einer anstrengenden Woche verdient haben. Nicolas Cage wurde geboren, um im fortgeschrittenen Alter einen toxischen Grufti zu spielen (eher im Sinne der ursprünglichen, spontisprachlichen Wortbedeutung als im Sinne eines Anhängers der Gothic-Subkultur). Awkwafina ist das größte komödiantische Schauspieltalent seit Steve Martin. Das misst sich eben am sogenannten Steve-Martin-Effekt: Die Fähigkeit, selbst den unerträglichsten Hollywoodmurks zumindest für die Dauer der eigenen Auftritte erträglich zu machen. Renfield hat das nicht nötig, deshalb kann sie hier ausnahmsweise mal eine der etwas ernsteren Rollen spielen. Das kann sie nämlich genauso gut. Und wenn ich diesen Nicholas Hoult so durch die Gegend fliegen sehe, dann bin ich überzeugt, dass aus dem auch noch etwas wird, wenn er mal groß ist. (Mist, das sollte ein Superman-Witz werden, aber ich bekomme gerade rein, dass Hoult gar nicht der neue Superman ist, sondern der neue Lex Luthor. Wer war denn noch mal Superman?)

Jetzt kommt gleich unsere Karaoke-Show im Fernsehen, da muss ich zum Ende kommen. Apropos Fernsehen: In den später Nuller- und frühen 10er-Jahren war ich ein großer Fan der Serie True Blood. Doch just als ich mit der letzten Staffel beginnen wollte, geschah plötzlich das Leben, und ich musste erst mal andere Dinge priorisieren. Ich beschloss, dass mir True Blood zu wichtig war, um es zwischen Tür, Angel und Wickeltisch zu gucken, also schob ich diese (Spoiler: vermeintlich) letzte Staffel auf unbestimmte Zeit auf. Lediglich die erste Episode sah ich mir ein paarmal an, nur um dann doch immer wieder abzubrechen.

Diese Woche befand ich, dass ich mich nun lange genug ausgeruht habe und bereit bin für den Rest von True Blood. Ich klickte mich direkt zur letzten Staffel, wollte zum Wiederreinkommen ein weiteres Mal deren erste Folge ansehen.

Ich hatte keinerlei Déjà-vu-Erlebnis. Das war mir alles völlig neu. Sollte ich etwa nicht nur eine, sondern zwei Staffeln ausstehen haben? Ich sah in die erste Folge der vorletzten Staffel hinein.

Ich hatte keinerlei Déjà-vu-Erlebnis. Das war mir alles völlig neu.

Es stellte sich heraus: Ich war nicht eine, nicht zwei, sondern sage und schreiben DREI Staffeln hinterher. Ich habe also die nächsten Tage gut zu tun. Und zwischendurch werde ich immer mal wieder mein Notizbuch oder mein Notebook herausholen, um auszuprobieren, wie man es noch besser hinbekommt.

Und das, liebe Kinder, soll meine Schreiblektion für heute sein: Orientiert euch bei euren Kreativvorhaben nicht an dem ganzen minderwertigen Das-krieg-ich-auch-noch-hin-Schlonz da draußen, sondern legt euch mit euren hochverehrten Vorbildern an. Ihr werdet zwar kläglich versagen, doch wahre Kunst kann nur durch Scheitern auf höchstem Niveau entstehen. (Ist wahrscheinlich Quatsch, klingt aber klug.)

Generation Freddy, Teil 3: Das Letzte

Nach den Achtungserfolgen von Teil 1 und Teil 2 nun der dritte, überraschend lineare Teil meiner ansonsten non-linearen Nightmare-on-Elm-Street-Retrospektive.

Jetzt bitte alle die Freddy-Vision-Brillen aufsetzen, denn es ist Zeit für Freddy’s Finale – Nightmare on Elm Street 6.

Nightmare 6 war tatsächlich der letzte Teil der Serie, aber irgendwie auch nicht so richtig. Es ist ein 3D-Film, aber nicht ganz. Er spielt in einer postapokalyptischen nahen Zukunft (von uns aus gesehen eine postapokalyptische nahe Vergangenheit), in der es keine Teenager mehr gibt, weil Freddy Krueger sie alle abgemurkst hat. Aber irgendwie gibt es doch noch welche. Das Worldbuilding hat es nicht so mit der Eindeutigkeit. Es gibt Gastauftritte von Leuten, die mal berühmt waren (Roseanne Barr, Tom Arnold, Johnny Depp), und Alice Cooper. Johnny Depp spielt hier eine andere Rolle als im ersten Nightmare. Der Film nimmt es also mit der Kontinuität ebenfalls nicht allzu genau.

Bei aller konzeptioneller Lieblosigkeit gibt es doch ein paar inspirierte Szenen, und zwar vor allem im vergnüglichen zweiten Akt, wo Filme traditionell eher durchhängen (kann Nightmare 6 denn gar nichts richtig machen?). Die Kopfexplosion durch nervige Tafelkratzgeräusche und das Videospielduell gegen Freddy, bei dem angeblich mutwillig ein Nintendo-Copyright verletzt wurde, haben genau die richtige Mischung aus Horror und Humor, die der Serie zum Markenzeichen wurde. Freddy-Darsteller Robert Englund hat man auch schon mal unmotivierter gesehen. Obwohl ich manchmal hätte schwören können, dass er hier von Ed O’Neill gedoubelt wurde.

Letztendlich kann man sagen: Eine halbe Stunde trostlose Langeweile, eine halbe Stunde flotte Unterhaltung. Und dann kommt die Freddy-Vision.

Nightmare 6 wurde als 3D-Film beworben, tatsächlich ist allerdings nur eine kurze Passage im Showdown wirklich in 3D. Das ist vielleicht gut so. Von Metalstorm über Tutti Frutti bis zur beängstigend langen 3D-Idiotie der Nuller- und 10er-Jahre war die dritte Dimension noch nie eine, die bei Bewegtbildwerken irgendetwas besser gemacht hätte. Nightmare 6 ist da keine Ausnahme.

Wenn die Charaktere im Film nach einer äußerst windigen Erklärung ihre 3D-Brillen aufsetzen, sollte das Kinopublikum das ebenfalls tun. Der Film wird dann zu einer schluderig gemachten Geisterbahnfahrt durch Freddys Bewusstsein. Leider werden die guten, dramatischen Charaktermomente dabei stets unterbrochen, weil wieder irgendwas in die Kamera fliegen muss. Wegen besagter guter Momente kommt mir Nightmare 6 heute immerhin nicht mehr wie der Totalausfall vor, an den ich mich zu erinnern glaubte. Ein würdiger Abschluss sieht trotzdem anders aus.

Bevor es weitergeht, reden wir ausnahmsweise mal Klartext: Ich bekomme NICHTS dafür, dass ich das hier mache. Außer Liebe. Aber für Liebe kann man sich bekanntlich nicht mal Lakritzschnecken kaufen. Und es kommt noch bunter: Ich habe bei dieser Retrospektive sogar draufgezahlt. Und zwar 330 Yen Leihgebühr für Nightmare 6. Die anderen bislang besprochenen Filme gab es alle im regulären Hulu-Programm, für das ich eh schon bezahle, um ständig über die neuesten Castingshow-Ergebnisse informiert zu sein. Nightmare 6 war von diesem Schein-Gratisprogramm ausgenommen. Der nächste Film, New Nightmare, gar nicht erst im Angebot. Könnte ich mir anderswo kostenpflichtig leihen, aber irgendwann ist es auch mal gut mit meiner Bereitschaft, immer nur zu geben und zu geben und zu geben und nichts zurückzubekommen (außer Liebe). Sicher, ich könnte auch meine eigene DVD suchen, die bestimmt in irgendeinem Einsteckordner steckt (oder bewahrt ihr die ganzen Umverpackungen auf?). Hätte ich damals bei der Bestückung der Ordner irgendeine Ordnung walten lassen, wäre das in Betracht zu ziehen. Habe ich aber nicht, als ich meine Nightmare-DVDs für immer verlor, irgendwo zwischen Citizen Kane und Josie and the Pussycats.

Um Zeit zu gewinnen, beschloss ich, etwas Tolldreistes zu wagen: Mir das Nightmare-Remake von 2010 anzusehen. Man muss wohl nicht extra erwähnen, dass das nicht Teil meines ursprünglichen Plans war. Nun rationalisierte ich, dass es zwei gute Gründe gäbe, diesem Werk doch noch eine Chance zu geben. Zum einen wird es ja nun wirklich von allen gehasst, also stehen die Chancen gut, dass ich ihm etwas abgewinnen kann. Denn ich habe schließlich nichts im Leben außer meinen kindisch-konträren Meinungen. Zweitens sah ich es zum ersten und bislang einzigen Mal in einem sehr angespannten Lebensabschnitt, in dem ich rückblickend manchem Film Unrecht getan hatte. Ich arbeitete in einem bürgerlichen Beruf, der mir einiges abverlangte (vor allem Zeit, die sich sinnvoller hätte nutzen lassen), und an einigen Tagen besuchte ich danach noch die Abendschule für den Fremdsprachenunterricht. An solchen Tagen war es Tradition, bei meiner späten Heimkehr eine Flasche Wein und den neuesten Umschlag der Versandvideothek zu öffnen, und mich gefälligst gut unterhalten zu lassen. Oft konnte ich die Augen nicht bis zum Schluss des Films offen halten, was ich dem Film ankreidete, und nicht etwa den ausbeuterischen Gesellschaftsverhältnissen oder dem Weine. Als ich so eines Nachts das Nightmare-Remake ansah (oder eben nicht ansah), erinnerte ich mich an meinen eigenen Großvater, als wir einmal spät nachts im großelterlichen Wohnzimmer nach der Ziehung der Lottozahlen und der Sportschau Godzilla gesehen hatten. Wenn solche Filme im Fernsehen liefen, musste ich als kleiner Bub bei meinen Großeltern übernachten, weil ich sie zu Hause nicht sehen durfte. Mein Großvater verschlief den Großteil des Films, wachte aber gelegentlich kurz auf, grummelte: „Was ist denn das für ein Quatsch?“, und schlief dann gleich wieder ein. Haargenau so habe ich beim ersten Mal A Nightmare on Elm Street von 2010 erlebt, nur dass ich jetzt selbst der Opa war.

Bonusgrund für einen Neuversuch: Ich habe theoretisch gar nichts gegen Remakes. Bloß praktisch. Prinzipiell finde ich es legitim, klassische Stoffe zu aktualisieren, neu zu interpretieren, aus anderen Perspektiven zu betrachten, dabei unterschiedliche Schwerpunkte zu setzen. Ist beim Theater gang und gäbe. Da wird zwar auch nicht jede Neuinszenierung von Publikum und Kritik mit der gleichen Wärme empfangen, aber wenigstens fehlt der Chor bärtiger Muttersöhnchen in Heavy-Metal-T-Shirts, die jedes Mal reflexartig lamentieren: „Uäh, nicht noch ein Macbeth-Remake!“

Einen Haken hat die Sache selbstverständlich: Film-Remakes werden nie aus den richtigen Gründen gemacht. Film-Remakes werden gemacht, weil sich die Verantwortlichen denken: Hat schon mal Kasse gemacht, macht bestimmt wieder Kasse. Und man muss sich im Vorfeld nicht so viele von diesen lästigen kreativen Gedanken machen wie bei Originalstoffen.

Vielleicht ist es beim Nightmare-Remake ja anders.

Nach einer 20-minütigen Lektion in erbärmlichster cineastischer Ideen-, Lust- und Leidenschaftslosigkeit zitierte ich wieder meinen Großvater, schaltete den Fernseher aus und begann wie von Sinnen meine DVD von New Nightmare zu suchen. Ich fand sie in keinem meiner Einsteckordner, also vermutete ich, sie könnte noch Teil eines der wenigen Boxsets sein, die ich intakt gelassen und nicht zerrupft habe, aus Gründen der Platzersparnis und als Protest gegen den kapitalistischen Sammelfetischismus. Ich schaute in allen klassischen DVD-Box-Geheimverstecken nach. Im obersten Regal im Kinderzimmer, in den Einbauschränken und Muji-Schubladengarnituren des Master Bedrooms, in der Fernsehkommode ebendort und der im Wohnzimmer, im Sicherungskasten im Flur. Ich machte ein paar erfreuliche Überraschungsfunde, doch hinsichtlich Nightmare überall Fehlanzeige.

Ein Wendepunkt in meinem Verhältnis zu materiellem Besitz war selbstverständlich mein Umzug nach Japan gewesen. Nicht jeder kleine Trash konnte damals mit auf die Arche. Dieses Loslassen vom Tand war sehr befreiend. Aber dass ich nicht sentimental genug gewesen sein sollte, meine Nightmare-Box oder zumindest ihren Inhalt einzupacken, kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht dachte ich mir damals: Kaufe ich mir wahrscheinlich eh bald als Blu-ray nach. So weit ist es allerdings nie gekommen, und heute kommt mir dieser unpraktische, unansehnliche Kunststoffschrott nicht mehr ins Haus.

Also bezahle ich eben doch die Leihgebühr – für EUCH!

Freddy’s New Nightmare (im Original weniger volkstümlich Wes Craven’s New Nightmare) ist nur bedingt eine direkte Fortsetzung der vorangegangenen Filme, da hier diverse Schauspieler und Kreativköpfe der Serie sich selbst spielen und die bisherigen Filme zur Fiktion innerhalb der Fiktion erklärt wurden. New Nightmare war ein Meta-Horrorfilm, bevor ‚meta‘ zu einem Augenroll-Wort wurde.

Beim ersten Sehen dachte ich: Zu wenig Horror und zu viele Szenen mit Menschen, die auf Parkbänken sitzen und weinen. Bei meiner ersten Retrospektive vor schätzungsweise 20 Jahren dachte ich: Stimmt, immer noch zu wenig Horror und zu viel Parkbank-Heulerei. Heute denke ich: Ich verstehe diese Menschen, die da auf den Parkbänken weinen! Der reine Horror!

Bei aller Ablehnung gegen melodramatische Klischeephrasen muss ich sagen: A-ha-ha-hals Va-ha-ha-hater sehe ich den Film heute vielleicht tatsächlich anders. Oder genauer. Oder fühle ihn anders. Oder genauer. Aber Gefühlen sollte man freilich ohne wissenschaftliche Überprüfung nicht trauen. Auch Meinungen und Gefühle von Nicht-Eltern haben weiterhin ihre Gültigkeit.

Nach wie vor finde ich, dass der Film seine satirische Ebene und seine Horrorebene nicht befriedigend zusammenbringt. So mega meta ist er letztendlich doch nicht. Irgendwann ist die Selbstreferenzialität kaum mehr als ein zu vernachlässigendes Gimmick in einer soliden Freddy-Fortsetzung. Immerhin ist es ein besseres Gimmick als Freddy-Vision. Deshalb bin ich froh, dass meine Retrospektive mit diesem schönen Film endet, dessen Längen mir früher deutlich länger vorkamen.

Ich bin ebenfalls froh, dass ich es überhaupt gemacht habe (in 20 Jahren wieder, versprochen, behaupte ich mal so). Selbst wenn ich hier und da ein bisschen gemein gewesen sein sollte (so wird man halt im Alter), hatte ich unterm Strich doch mehr Spaß als Verdruss.

Und ich bin froh, dass es nun erst mal wieder vorbei ist. In den letzten knapp drei Wochen habe ich nicht nur acht themenrelevante Spielfilme und einen Zerquetschten gesehen, sondern auch zwei Nightmare-Dokumentationen mit insgesamt fast 6 Stunden Laufzeit. Jetzt kann ich damit bestimmt beim Großen Preis auftreten. Ich schicke gleich mal meine Bewerbungsunterlagen inklusive vorfrankiertem Rückumschlag ans ZDF.

Generation Freddy (Teil 2 von 3)

Was bisher geschah: Siehe letzte Woche.

Wo waren wir stehen geblieben? Wen kümmert’s, weiter geht es bei meiner non-linearen Nightmare-on-Elm-Street-Retrospektive mit Freddy vs. Jason. Zu meiner eigenen Überraschung, denn den wollte ich eigentlich aussparen. Doch der Algorithmus spülte ihn mir hoch, und das Herz begehrt nun mal, was das Herz begehrt. Da kann der Verstand mitunter nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und kapitulieren.

Freddy vs. Jason ist einer dieser Filme, an dessen Skript sich angeblich jahrelang diverse prominente Horrorautoren versucht haben. Zum Schluss schlackerte der Endverbraucher mit den Ohren, rieb sich die Augen und fragte baff: „Und dann habt ihr das genommen?“ Das Autorengespann Dings und Bums hatte vor Freddy vs. Jason nichts gemacht und wurde hinterher zu Baywatch verdonnert. Eigentlich handelt es sich bei ihrem Debüt nicht, wie man angesichts des Titels meinen könnte, um ein demokratisches Crossover der Nightmare- und Freitag-der-13.-Serien, sondern um eine Fließband-Nightmare-Folge mit ein paar Gastauftritten von Freitagskiller Jason. Angesichts des unüberbrückbaren Niveaugrabens zwischen den Franchises muss man sagen: Zum Glück.

Freddy vs. Jason war seinerzeit eine einzige Enttäuschung. Doch muss ich zugeben, dass mich jede Wiederholung ein wenig milder stimmt. Was mir dieses Mal etwas klarer wurde als bei früheren Versuchen: Das Skript und die Darsteller haben durchaus ihren augenzwinkernden Spaß mit den Horrorstereotypen, die hier breitgetreten werden. Das Ganze erreicht sicherlich nicht die selbstreferenziellen Meta-Ebenen von Scream oder Wes Craven’s New Nightmare, aber es hilft ein wenig. Da mir das vorher nicht aufgefallen ist und ich mir nun bei Tageslicht nicht mehr sicher bin, ob ich das nicht bloß hineininterpretiert habe, muss die provokante Frage erlaubt sein: Ist Freddy vs. Jason etwa zu … subtil?

Zumindest die erste Stunde vergeht dank Regisseur Ronny Yu (The Bride with White Hair, Bride of Chucky, Bride …, nee, das war’s) wie im Flug. Leider nimmt der Film im letzten Akt seinen Titel viel zu ernst und wird zu einer einzigen Monsterkeilerei, in der menschliche Charaktere kaum noch etwas zu tun haben. Wen interessiert das? Vielleicht Fans von amerikanischen Schau-Ringkämpfen. Der Reiz dieses bizarren Phänomens hat sich mir nie erschlossen.

Nightmare on Elm Street 4 (das ist tatsächlich der offizielle deutsche Titel – richtig viel Mühe gegeben) hat mit Freddy vs. Jason gemein, dass hier ein patenter Regisseur die Kohlen aus dem Feuer holt. Und damit hat er alle Hände voll zu tun. Unter den Nightmare-Filmen nimmt dieser eine Sonderstellung ein: Es ist die einzige Hollywood-Autopilot-Standard-Fortsetzung der Serie. Jeder andere Teil ringt dem Konzept irgendetwas Neues ab (der ebenfalls stark standardisierte Freddy vs. Jason läuft hier außer Konkurrenz). Bloß Nightmare 4 macht einfach dasselbe wie Nightmare 3, nur nicht so frisch. Was daran trotzdem gut ist, ist es wegen Regisseur Renny Harlin. Weil er die Serie versteht, das Genre versteht und Film versteht. Noch besser wäre es freilich gewesen, wenn die Drehbuchautoren auch etwas von alledem verstanden hätten. Der Film ist gut inszenierter Quatsch mit Soße.

Jahrelang habe ich mich über Renny Harlin lustig gemacht, weil sein Stil so pompös ist und er auf Fortsetzungen, Vorgeschichten, Spin-offs, Reboots und dergleichen abonniert zu sein scheint. So langsam allerdings werde ich Fan. Das Pompöse steht ihm. In der vierstündigen Nightmare-Dokumentation Never Sleep Again gibt es ein paar anrührende Anekdoten zu hören, wie streng Harlin vor seiner finalen Verpflichtung gerochen haben soll, weil er sich keine Dusche leisten konnte, nachdem er von Riihimäki nach Hollywood rübergemacht hatte, mit nichts als einem finnischen Filmwissenschaftsdiplom in der Tasche. Man muss ihn einfach ins Herz schließen.

Huch, ich merke gerade, ich habe schon lange keine provokante Außenseitermeinung mehr vertreten. Also Renny Harlin: Sein Exorzist-Prequel ist besser als das von Paul Schrader. Und nicht nur so ein bisschen. Es ist genau die bildgewaltige Horrorshow, die der Stoff verdient. Das ist doch keine Arthouse-Mumblecore-Franchise, Menschenskinder.

Was ich mich heute frage: Begann mit Nightmare 4 eigentlich die moderne Unsitte, am Anfang einer Fortsetzung die letzten Überlebenden des Vorgängerfilms auch noch abzumurksen? Ein älteres Beispiel fällt mir nicht ein. Anfang dieses Jahrtausends bedienten sich in schneller Folge Anatomie-, Grudge- und Bourne-Fortsetzungen dieses blöden Tricks (Franka Potente scheint da besonders viel Pech gehabt zu haben), und inzwischen ist es ein Klischee zum Stöhnen und Augenrollen. Finde ich jedes Mal respektlos gegenüber den Figuren, den Intentionen des vorangegangenen Films und der emotionalen Bindung, die das Publikum zu diesen Figuren über die Laufzeit jenes Films hinaus aufgebaut hat.

Nightmare 4 ist ein Film, dem alles egal ist. Warum lebt Freddy wieder? Weil ein Hund namens Jason im Traum Feuer auf sein Grab gepinkelt hat. Was kann man dagegen machen? Ungefähr dasselbe wie im dritten Teil (Spoiler: Hat da bereits nicht geklappt). Die Tode sind allesamt Lachnummern, eine Geschichte im landläufigen Sinne ist nicht auszumachen. Dennoch war es der kommerziell erfolgreichste Film der Serie. Und warum auch nicht? Millionen fliegen irren nicht, wenn sie sagen: Besser Lachnummern als gar keine Nummern.

Bringen wir nach dem vierten schnell den dritten Teil hinter uns. Nightmare III – Freddy Krueger lebt ist der Film, auf den ich mich bei dieser Retrospektive am wenigsten gefreut habe. Ach herrje, kommt jetzt etwa wieder so eine wichtigtuerische, angestrengt-konträre Minderheitenmeinung zur allseits beliebtesten Nightmare-Fortsetzung? Nein, nein. Gut, doch, irgendwie schon. Zunächst ist es ja durchaus ein sehr unterhaltsamer Film, meistens sogar aus den richtigen Gründen (gruseln und lachen an den dafür vorgesehenen Stellen). Deshalb ist einer der Gründe, warum mein Enthusiasmus ein wenig abgeflacht ist, der, dass ich den Film ein bisschen zu oft gesehen habe. Das hat allerdings nicht zuletzt mit Gruppenzwang zu tun. Ich war damals ebenfalls froh, dass Nightmare 3 nach dem unbeliebten (weil missverstandenen) Nightmare 2 eine Kurskorrektur vorgenommen hatte. Während jedoch die anderen Kinder ganz aus dem Häuschen waren, fragte ich mich insgeheim, ob diese Action- und Klamauk-betonte Dark-Fantasy-Richtung wirklich der bestmögliche andere Kurs war. Frage ich mich nach wie vor.

Seinerzeit hatte ich übrigens eine Novellette zum Film gelesen, die sich stark vom tatsächlichen Film unterschied. (Hätte ich das Büchlein noch, hätte ich inzwischen dank eBay bestimmt ausgesorgt. „Story meines Lebens“, wie die Anglophilen sagen.) Das Prosawerk ging noch stärker in eine Fantasy-Richtung, komplett mit Drachen und Schlössern. Vermutlich basierte der Text auf einer früheren, unrealisierbaren Fassung des Drehbuchs. Und vermutlich können wir dankbar sein, dass man damals noch Drachen und Schlösser bauen musste, wenn man Drachen und Schlösser in seinen Filmen haben wollte.

Nightmare 3 ist eine Achterbahnfahrt. Einerseits ist das eine Aussage, die man als Kritikerlob gerne auf das Plakat klatscht. Andererseits ist eine 90-minütige Achterbahnfahrt nicht jedermanns Vorstellung von einem gelungenen Filmabend. Man könnte auch sagen: Nightmare 3 ist wie Forrest Gumps Pralinenschachtel: Manche der Schokohäppchen schmecken gut, andere sind zu süß und klebrig, und an einem Stück will man die Schachtel ganz bestimmt nicht aufessen.

Alles zu versöhnlich? Nun gut, dann eine weitere unbequeme Aufregermeinung (in Bezug auf Nightmare 3, aber auch ganz allgemein): Bitte nie wieder Stop-Motion-Effekte in Filmen, die keine Stop-Motion-Filme sind! Sieht immer wie Knetgummianimation aus dem klassischen Kinderfernsehen aus und ist ungefähr genauso gruselig. Hatte sich in den 80ern längst überlebt, vermutlich schon in den späten 70ern. Was kommt als nächstes? Freddy vs. Augsburger Puppenkiste? (Gut, das würde ich mir anschauen.) In Anlehnung an das traditionelle orientalische Sprichwort, es sei besser, in einem BMW zu weinen, als auf einem Fahrrad zu lachen (Dalai Lama), sage ich: Gebt mir liebe schlechte CGI als gute Stop-Motion. Mir egal, wie viel Liebe und Hobbykellerstunden für ein paar Sekunden Ruckel-Zuckel-Skelett aufgewendet wurden – das Ruckel-Zuckel-Skelett muss rucki-zucki weg. Ray Harryhausen, Ray Harryhausen – ich kann es nicht mehr hören und will es nicht mehr sehen. Zumindest nicht in einem Film, der nach 1973 gemacht wurde.

Wie hieß noch mal der Sänger von Rucki-Zucki?

Bevor ich mich noch aufrege, machen wir lieber Schluss für heute. Ich merke gerade, ich habe fast keines der Ankündigungsthemen vom letzten Mal aufgegriffen. Weil ich so verwegen und unberechenbar bin. Auch beim nächsten (und letzten) Mal, versprochen.

Generation Freddy (Teil 1 von 2. Oder 3. Oder 4, wenn es komplett aus dem Ruder läuft.)

Um gleich auf die Überschrift einzugehen und ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern: Unter diesem Titel (‚Generation Freddy‘) habe ich 2009 (ja, ich habe nachgesehen) zum ersten Mal versucht, ein sentimentales Memoir über meine Liebe zum Horrorgenre Verlagen zur Publikation anzubieten, quasi eine punktuelle Autobiografie des Horrorfans als Horrorfan. Meine Agentin fand die Idee nicht schlecht, doch verlagsseitig kam immer nur: „Wir auch nicht, aber Horrorfans lesen leider nicht.“ Ich habe immer mal wieder am Konzept herumgefeilt, die Agentur hat immer mal wieder angeboten, stets ohne Erfolg. Jetzt dient der Titel eben als Überschrift für den großen Abschluss meiner Trilogie der Couch-Retrospektiven der drei großen Horrorfranchises der 1980er: Freitag, der 13., Halloween und nun A Nightmare on Elm Street, oder schlicht Nightmare, wie man damals in Westdeutschland sagte, und was wir uns auch hier wieder angewöhnen wollen, der Text wird eh lang genug.

Etwas unterscheidet Nightmare von Halloween und Freitag, der 13. und somit meine Grundeinstellung bei dieser Retrospektive: Nightmare fand ich tatsächlich gut. Gelinde gesagt. Ich sah den ersten Film kurz nach seiner regulären Laufzeit im Bremer Cinema Ostertor bei einer nachmittäglichen Doppelvorstellung (für nächtliche Doppelvorstellungen war ich zu jung) mit Halloween (damals wie heute unbeeindruckend) und war hin und weg. Vermutlich war es meine Geburtsstunde als Horrorfan. Zuvor war ich lediglich gelegentlicher Gutfinder des einen oder anderen Schauerschinkens im Spätprogramm unserer drei Fernsehsender gewesen.

In Nightmare – mörderische Träume geht es um den untoten Kinderschänder Freddy Krueger, der sich an den Kindern seiner Lynchmörder rächt, indem er sich in deren Träumen manifestiert. Das soll hier als Inhaltsangabe reichen; in den Fortsetzungen geht es halt um dasselbe. Man findet jedes Mal eine neue todsichere Methode, Freddy Krueger diesmal aber wirklich für immer zu verbannen, nur um im nächsten Jahr herauszufinden, dass es so einfach doch nicht gewesen sein konnte. Obwohl das Konzept also im Verlauf der Serie fraglos überstrapaziert wird und mir schon damals bewusst war, dass es sich nicht bei jeder der Fortsetzungen um eine große cineastische Einzelleistung handelte, fand ich stets, dass Nightmare als Serie ein höheres Durchschnittsniveau hielt als all die vielen anderen Horrorserien, die in jener Ära Schachtelkinocenter und Videotheken vollmachten. Selbst die schwächsten Folgen hatten noch genügend bizarre Einfälle und visuelles Flair, um einem das eine oder andere Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern. Und darauf kommt es bei Horrorfilmen doch letztendlich an.

Ich erwarte nicht, dass ich das heute anders sehen werde. Was stimmt mich bloß derartig optimistisch? Noch etwas unterscheidet meine Nightmare-Retrospektive von meinen Halloween- und Freitag-der-13.-Retrospektiven: Die letzte ist gar nicht so lange her. Vielleicht zwanzig Jahre. Ich weiß, dem Jungvolk scheint das viel, reicht die Spanne doch aus, um einen Neugeborenen zu einem vollwertigen Erwachsenen heranwachsen zu sehen, der vielleicht, vermutlich versehentlich, selbst bereits neues Leben gezeugt hat. Zwanzigjährige also so, mit ihrem schreienden Nachwuchs im Arm: Mein lieber Scholli, eine verdammt lange Zeit ist das – ein ganzes Leben! Sicherlich, mit 20 hat man einen anderen Geschmack als damals, als man selbst noch fröhlich unter dem Mobile sabberte. Zwischen dem 55-jährigen und 35-jährigen Ich dürfte es derweil eine größere geschmackliche Schnittmenge geben. Damals legte ich mir jedenfalls eine Box mit allen Nightmare-Filmen auf DVD zu, zog mir einen nach dem anderen rein, wie wir schon damals nicht mehr sagten, und erlebte dabei nur zwei Überraschungen; eine große und eine kleine (zu beiden später mehr). Auf sieben Filme hochgerechnet ist das nicht viel.

Vielleicht habe ich die Box noch, vielleicht auch nicht. Wer weiß im Streaming-Zeitalter schon so genau, wo die ganzen DVDs abgeblieben sind. Zum Glück tauchten jüngst so gut wie alle relevanten Nightmare-Filme im japanischen Hulu-Programm auf, und ich habe sie mir – für euch! – alle noch einmal angeschaut, bevor sie wieder verschwinden.

In der Filmliebhaberei ist kein Platz für buchhalterische Marotten, deshalb fing ich mit Teil 5 an. A Nightmare on Elm Street 5 – das Trauma ist nämlich der, an den ich mich stets am wenigsten erinnere, und auf den ich mich somit stets am meisten freue. Ich erinnere mich sehr wohl daran, dass er mir bei der Erstveröffentlichung gut gefiel, womit ich recht alleine dastand.

Die erste brennende Frage, die der fünfte Nightmare-Film aufwirft: Was machen diese Schauspieler wohl heute so? Sind schließlich ungefähr im selben Alter wie man selbst, also im besten überhaupt. Der erste Gedanke: Wahrscheinlich verkaufen sie ihre Autogramme, ihr Lächeln und ihren Smalltalk bei Mehrzweckhallen-Händeschüttel-Events in Las Vegas und Mannheim gegen Bargeld an Menschen, die sich noch en détail an Nightmare 5 erinnern können. Der zweite Gedanke: Höchstwahrscheinlich verdienen sie mit diesem unwürdigen Prozedere mehr als ich mit meiner redlichen Arbeit und meinem Gratislächeln. Der dritte Gedanke: Herzlichen Glückwunsch – alles richtig gemacht, liebe Altersgenossen!

Wenn ich mich als damaliger Fangoria-Abonnent richtig erinnere, gab es irgendwelche Probleme mit dem Drehbuch. Es ging, meine ich, durch diverse Hände diverser Romanciers, die mit der sogenannten Splatterpunk-Bewegung in Verbindung gebracht wurden, bevor man einen Profi ranließ. Und zwar einen professionellen Session-Musiker (u. a. für Sparks), dessen einzige vorherige Drehbucherfahrung eine Zusammenarbeit mit Hollywoodlegende Alan Smithee war. Die Story macht nicht allzu viel aus ihrer nicht uninteressanten Prämisse, und Protagonisten sind kaum auszumachen. Aber man muss auch bedenken: Freddy verwandelt sich u. a. in einen Comic-Superhelden, eine Plazenta und ein Motorrad. Rhetorische Frage: Wie cool ist das denn? Was mir an Nightmare 5 immer gefiel und nach wie vor gefällt, ist seine forsche Energie. Er taucht nur selten zum Luftholen aus Freddys Alptraumwelt auf. Ein trippiger Spaß, damals wie heute. Sollen die Hater doch eingeschnappt brodeln. Ich hole mir vielleicht auch ein paar Autogramme, wenn ich das nächste Mal in Mannheim bin.

Nach Teil 5 war ich folgerichtig in Stimmung für Teil 2. Nightmare 2 – die Rache sorgte bei meiner letzten Retrospektive vor geschätzten 20 Jahren für die größere der beiden erwähnten Überraschungen: Der Film gefiel mir plötzlich. Als ich ihn jedoch bei der Premiere im großen Saal der Stern-Lichtspiele hinter Horten sah, meinte ich mit dem Rest der Welt: Nicht so glibberig wie der erste, und hat nicht mal dessen Konzept richtig verstanden. Wären wir bereits so eloquent gewesen wie die Menschen des 21. Jahrhunderts, hätten wir gesagt: Meh. Inzwischen denke ich: Glibberig genug, und es sind eher wir, die den Film damals nicht verstanden haben. Es handelt sich um eine Fortsetzung, die das Originalkonzept nicht einfach wiederholen mag, sondern es sinnvoll weiterentwickeln möchte. Hätte einerseits etwas deutlicher herausgearbeitet werden können. Andererseits habe ich eine Schwäche für Filme, die ihr Publikum für voll nehmen und ihm nicht jeden Bissen vorkauen. Und selbst als langjähriger Wellensittichhalter konnte ich über die Mini-Hitchcock-Hommage mit dem explodierenden Sittich herzhaft lachen. Vor 40 Jahren, vor 20 Jahren, und vor zwei Tagen.

Nicht nur bei mir hat mittlerweile eine Neubewertung von Nightmare 2 – die Rache stattgefunden. In Teilen der queeren Gemeinde gilt er als Kultfilm (Kultfilmen ist natürlich stets mit Misstrauen zu begegnen). Das liegt vor allem daran, dass Hauptdarsteller Mark Patton dem Regisseur und vor allem dem Drehbuchautor vorwirft, seine damals noch verschleierte Homosexualität ausgenutzt und den Film zu schwul gemacht zu haben. Es gibt dazu einen von Mark Patton produzierten Dokumentarfilm, der länger ist als der Spielfilm selbst. Er beleuchtet vor allem, welch ein Geschenk an die Menschheit dieser Mark Patton ist, und wie ungerecht es war, dass er die Hauptrolle in einem Hollywood-Blockbuster spielen durfte, und wie dieser Umstand selbstverständlich sein unverzügliches Karriere-Aus bedeutete (kennt man ja, diese Blockbuster: absolutes Karrieregift!). Anfangs vergleicht Patton sich mit Greta Garbo und Brad Pitt, am Ende reiht er sich bei all den historischen Märtyrern ein, die unter lebensgefährlichen Umständen selbstlos für die Rechte sexueller Minderheiten gekämpft haben. Was dazwischen passiert und behauptet wird, ist kaum faktenbasierter.

Nichtsdestotrotz muss ich sagen: Weiß man um die Diskussion, sieht man die Homoerotik in Nightmare 2 in jedem Frame. Genauso sage ich: Wüsste ich von nichts, sähe ich es wahrscheinlich auch heute noch nicht. Wie heißt es bei den Freud-Skeptikern so schön: Manchmal ist eine Bockwurst in einem Brötchen bloß ein Hotdog. Mein stets geschärfter Hetero-Blick sieht im Film allerdings nach wie vor jede Menge gut gebauter Bikini-Mädchen, die sich lasziv aus Swimming Pools an Land hieven. Möglicherweise sieht er sogar mehr davon, als tatsächlich da sind. Ist eben immer eine Frage der Perspektive und widdewidde wie sie mir gefällt.

Trallari trallahey tralla hoppsasa – es ist Zeit für den ersten Film, Nightmare – mörderische Träume. Dieser bescherte mir bei erneuter Durchsicht in meinen 30ern die zweite der beiden besagten Überraschungen. Doch zunächst einmal das wenig Überraschende: Der Film ist so großartig, dass man ihm seine offensichtlichen Schwächen noch im Vollzug verzeiht. Das ist 2025 nicht anders, als es 1984 war. Diese Schwächen wären ein paar alberne Spezialeffekte (ja, liebe Kinder, die waren schon damals albern) und eine Klimax, die fast so antiklimaktisch ist wie die von Suspiria (hat dem auch nicht geschadet). Wie schön, dass alles andere nach wie vor vom Feinsten ist und kein bisschen Patina angesetzt hat: das wohltemperierte Erzähltempo, die selbstbewusst-unaufgeregte Inszenierung, das bestens ausgewählte und aufeinander abgestimmte Ensemble und die Musik, die man fast nicht bemerkt (wie es sich für vernünftige Filmmusik gehört). Und natürlich mindestens zwei Jugendzimmersterbeszenen, die man sein Lebtag nicht vergessen wird.

Die kleine Überraschung von vor 20 Jahren: Ich konnte mich nicht mehr ganz dem Konsens anschließen, Freddy Krueger sei im ersten Film düster und gruselig und würde erst in den Folgefilmen zu einem kalauernden Clown. Er kam mir nun schon im ersten ziemlich clownesk vor (ähnlich wie Tim Burtons Batman-Filme ihrerzeit als recht düster galten und heute von der Fernsehserie aus den 1960ern kaum noch zu unterscheiden sind). Diese Überraschung reproduzierte sich diesmal nicht (zu meiner Überraschung – ha!). Die Kalauerdichte ist in den späteren Filmen durchaus um einiges höher. Vermutlich schärft die nicht-chronologische Herangehensweise meine Wahrnehmung. Wer also über untote Kinderschänder mal so richtig ablachen möchte, ist mit den Fortsetzungen besser beraten.

Aber herrjeh – nicht mehr heute! Guckt denn hier keiner mal auf die Uhr? Es geht ja schon wieder auf die 2.000 Wörter zu, und wir haben erst drei Filme geschafft. Wer soll denn so lange Texte auf diesen flackernden Computermonitoren lesen? Knipsen wir das Modem erst mal aus und legen uns ein bisschen aufs Ohr. Und falls wir wieder aufwachen, geht es hier bald weiter. Mit Kakerlakenmenschen, Feuer pinkelnden Höllenhunden, Johnny Depps Gehirn auf Drogen und den Fat Boys.